• aktualisiert:

    Europäer, macht es wie die Amerikaner

    Salzburg (DT) Die Identität Europas: Die Antwort auf diese Frage ist der Stoff der Sonntagsreden, mit denen Europaparlamentarier händeringend um Zustimmung zum europäischen Projekt unter ihrem unbelehrbar in nationalstaatlichen Kategorien denkenden Wahlvolk werben. Die Frage danach ist vor allem aber Indiz einer Krisensituation. Denn in ungebrochener Kraft und Saft stehende Kulturen und Gesellschaften fragen nicht nach ihrer Identität. Sie leben sie. Solche Fraglosigkeit ist dem alten Kontinent nicht länger vergönnt. Oder ist das Reflexive, das beständige Infragestellen seiner selbst geradezu ein europäisches Spezifikum. Ist Europa gar da, wo man sich seiner nicht sicher ist?

    Salzburg (DT) Die Identität Europas: Die Antwort auf diese Frage ist der Stoff der Sonntagsreden, mit denen Europaparlamentarier händeringend um Zustimmung zum europäischen Projekt unter ihrem unbelehrbar in nationalstaatlichen Kategorien denkenden Wahlvolk werben. Die Frage danach ist vor allem aber Indiz einer Krisensituation. Denn in ungebrochener Kraft und Saft stehende Kulturen und Gesellschaften fragen nicht nach ihrer Identität. Sie leben sie. Solche Fraglosigkeit ist dem alten Kontinent nicht länger vergönnt. Oder ist das Reflexive, das beständige Infragestellen seiner selbst geradezu ein europäisches Spezifikum. Ist Europa gar da, wo man sich seiner nicht sicher ist?

    Antworten darauf versuchte jetzt die 1. Benediktakademie in Salzburg zu geben. Das Thema „Europäische Identität: Gibt es einen europäischen Sonderweg?“ versammelte vergangene Woche vierzig junge Akademiker aus allen Disziplinen. Veranstalter war das Salzburger „Internationale Forschungszentrum für soziale und ethische Fragen“ zusammen mit der Joseph Ratzinger-Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Dementsprechend stand der Europabegriff im Denken Joseph Ratzingers im Mittelpunkt. Europa wird vom jetzigen Papst wesentlich als kultureller Begriff gedacht. Geografische und politische Konnotationen – EU-Europa – des Begriffs treten dahinter zurück. Man kann den Papst deshalb einen kulturellen Europaskeptiker nennen. Er ist es aber nur deshalb, weil er einen Idealbegriff von Europa hat, der ihm als kritischer Maßstab dient. Dessen Genese zeichnete der Trierer Dogmatiker und wissenschaftlicher Herausgeber von Ratzingers Werk, Rudolf Voder-holzer, nach. Er zitierte Joseph Ratzinger mit den Worten: „Europa ist Europa geworden durch den christlichen Glauben, der das Erbe Israels in sich trägt, aber zugleich das Beste des griechischen und des römischen Geistes in sich aufgenommen hat.“ Das Beste des griechischen Erbes ist die philosophische Rationalität, die nach dem Wesen und der Wahrheit der Dinge fragt. So musste es dem Metaphysiker Ratzinger providentiell erscheinen, dass sich das junge Christentum hellenisierte, indem es das Evangelium in den Begriffen Griechenlands zu denken begann. Anders als die liberale Theologie in der Folge Adolph von Harnacks und Hans Küngs erschien dies aber nicht als Verfälschung der Botschaft von Sinai und Golgotha. Vielmehr kam hier zusammen, was nach Ratzingers Verständnis zueinander gehört und konstitutiv für die europäische Synthese werden sollte: Glaube und Vernunft. Zusammen mit dem rationalisierten Recht Roms und der vor allem im europäischen Westen sich entfaltenden Unterscheidung von Staat und Kirche waren damit die Grundlagen gelegt für die spezifisch europäische Identität.

    Umso schmerzlicher musste es Ratzinger fallen, vom pathologischen Selbsthass Europas zu sprechen. Die gängige Begeisterung für Multikulturalität deutete er als Flucht vor dem Eigenen. Und dies zu einem Zeitpunkt, da sich die in Europa entstandene rationale Kultur und zweckrationale Art der Wissenschaft und der Ökonomie auf dem Globus unaufhaltsam verbreitet. Doch Voderholzer stellte auch Hoffnungszeichen in der Analyse Ratzingers fest. So sei gerade die zunehmende Anerkennung des Böckenförde'schen Paradoxons, wonach die freiheitliche Demokratie von Voraussetzungen lebe, die sie nicht selbst garantieren könne, ein Anzeichen für eine mögliche Tendenzwende.

    Diesen krisendiagnostischen Faden nahm der emeritierte Frankfurter Dogmatiker Siegfried Wiedenhofer auf und spann ihn weiter. Dreierlei ergebe sich für Ratzinger aus der Krise des Europäischen: Europa sei neu zu evangelisieren, das Verhältnis von Staat und Kirche sei zu überdenken. Schließlich geht es auch um den Beitrag, den die Kirche zur politischen Ethik eines immer pluralistischer werdenden Gemeinwesens leisten kann. Für eine Neu-Evangelisierung sei, so Wiedenhofer Ratzingers Denken referierend, die Analyse der europäischen Gegenwart entscheidend, die wesentlich durch die Kultur der Aufklärung bestimmt sei. Diese lehnt Ratzinger – anders als dies etwa neuscholastisches oder traditionalistisches Denken tut – nicht einfach ab. Zu hoch schätzt er Freiheitsrechte und Selbstverantwortung der Vernunft. Doch begegnet er der Aufklärung kritisch, weil bestimmte radikale Formen in ihrem Gefolge die Humanität selbst gefährden. „In dieser Hinsicht gehört zur Neu-Evangelisierung weniger ein neues Aggiornamento, eine neuerliche Modernisierung, sondern die Kunst der Unterscheidung und gegebenenfalls eine überzeugende Kulturkritik“, so Wiedenhofer. Als Modell diene Ratzinger die Begegnung der Kirchenväter mit der antiken Kultur. Hier sei die heidnische Kultur durch den Logos gereinigt, geheilt und zur Vollendung gebracht worden.

    Geleistet werden könne dieser evangelisatorische Beitrag nur von einem erneuerten kirchlichen Subjekt, das seine Katechese auf das Wesentliche – Bekehrung, Reich Gottes, Jesus Christus und ewiges Leben – konzentriere, seine Missionsmüdigkeit überwinde und seine Minderheitensituation kreativ nütze. Christen müssten eine „schöpferische Minderheit“ werden. Kleiner werden heiße dabei nicht selbstgenügsam werden. Denn Offenheit und missionarische Verantwortung für Staat und Gesellschaft blieben bestehen.

    Ihr müsse man indes im Kontext des europäischen Staat-Kirche-Verhältnisses gerecht werden. Und das reiche von strikt laizistischen Modellen bis hin zum Staatskirchentum im protestantischen Norden Europas. Zwischen dem laizistischen Modell und dem staatskirchlichen sieht Ratzinger das amerikanische angesiedelt. Es vereinigt die strikte Trennung von Staat und Kirche(n) einerseits mit einem nicht konfessionell geprägten protestantisch-christlichen Grundkonsens. In diesem Zusammenhang sprach Ratzinger einmal gar von einer „nichtkonfessionellen christlichen Zivilreligion“. Sofern der amerikanische Katholizismus dieses Modell adaptiert habe, zeige er, „dass gerade eine nicht mit dem Staat verschmolzene Kirche die moralischen Grundlagen des Ganzen besser gewährleistet“, so Wiedenhofer Ratzinger zitierend.

    Unterscheidung und Kooperation bedingen sich für Joseph Ratzinger, wo es um die vorpolitischen moralischen Grundlagen des modernen Staates geht. Der Beitrag der Kirche ist dabei nicht im eigentlichen Sinne christlich, sondern Orientierung aus der gemeinsamen praktischen Vernunft, die sich, so Wiedenhofer, an der Wahrheit, am Sein, am Wesen der Dinge orientiert, also Vernunft-Recht im strengen Sine ist. Naturrecht hat man diesen Scharnierbegriff zwischen positivem Recht und göttlichem Gesetzgeber einst genannt, der das Gute hinter allen Gütern sucht und so zum Maßstab des Gemeinwohls werden kann. Wiedenhofer glaubt, dass der Begriff des Naturrechts seine Aufgabe als vernünftige Vermittlung des Guten und Gerechten nicht mehr erfüllen zu können scheint. Zu gegensätzlich seien die Vernunftbegriffe. Der Papst will den Begriff offensichtlich noch nicht verloren geben. Denn in seiner Ansprache in der Londoner Westminster Hall hat er ihn wieder benützt und als Beispiel für eine gelungene Kooperation von Natur- und Positivrecht die Abschaffung der Sklaverei angeführt.

    Dass es mit Begriffen wie Demokratie und Menschenwürde, die in Artikel zwei des Lissabonvertrages als Werte der Europäischen Union angeführt werden, nicht getan ist, machten die jungen Teilnehmer deutlich, die offenbar keine rein pragmatische Generation sein wollen. Denn was, so fragte einer, ist Menschenwürde wert, wenn sie nicht für Ungeborene, Alte und Kranke gleichermaßen gilt? Dringend also wäre der Begriff des von Natur aus Rechten und Guten zu klären, damit aus einer schöpferischen Minderheit keine ratlose wird. Stoff genug also für die 2. Benediktakademie.