• aktualisiert:

    „Ethischer Dammbruch“

    Bonn (DT/KNA) Die katholische Kirche hat das Votum des Deutschen Ethikrates zur Präimplantationsdiagnostik (PID) deutlich kritisiert. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wertete die Stellungnahme am Dienstag in Berlin als Bereicherung der PID-Debatte. Das kontroverse Stimmungsbild im Ethikrat zeige, „dass der Deutsche Bundestag eine offene Diskussion ohne Fraktionszwang führen muss“.

    Bonn (DT/KNA) Die katholische Kirche hat das Votum des Deutschen Ethikrates zur Präimplantationsdiagnostik (PID) deutlich kritisiert. Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) wertete die Stellungnahme am Dienstag in Berlin als Bereicherung der PID-Debatte. Das kontroverse Stimmungsbild im Ethikrat zeige, „dass der Deutsche Bundestag eine offene Diskussion ohne Fraktionszwang führen muss“.

    Die Deutsche Bischofskonferenz erklärte in Bonn, das gespaltene Urteil zu Gentests an Embryonen sei kein Zeichen für einen starken Lebensschutz. Die Selektion von im Reagenzglas erzeugten Embryonen sei vielmehr „ein massiver Verstoß gegen Buchstaben und Geist von Grundgesetz und Embryonenschutzgesetz“, sagte der Augsburger Weihbischof Anton Losinger, der Mitglied des Rates ist. Die Verwerfung eines Embryos aufgrund eines auffälligen Chromosomenbefundes verstoße gegen die Menschenwürde und das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit, so Losinger. Gleichzeitig handele es sich um eine Verletzung des im Grundgesetz festgeschriebenen Verbotes der Benachteiligung wegen einer Behinderung. „Hier wird ein ethischer Dammbruch erzielt, denn der menschliche Embryo ist ein embryonaler Mensch ab dem Augenblick der Verbindung von Ei- und Samenzelle“, betonte Losinger.

    Auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) kritisierte das Votum. ZdK-Präsident Alois Glück erklärte in Bonn, die Abstimmung im Ethikrat zeige „immer deutlicher, wie gefährlich für den konsequenten Lebensschutz alle Aufweichungen und Differenzierungen sind“. Positiv sei zu vermerken, dass in Deutschland so intensiv wie in kaum einem anderen Land Europas um grundlegende ethische Fragestellungen gerungen werde. Das sei vor allem dem Engagement von Christen zuzuschreiben, so Glück. Der ZdK-Präsident wies das Argument zurück, dass eine PID nur in ganz wenigen, extremen Fällen durchgeführt werde. Eine gesetzliche Regelung zugunsten weniger Betroffener bringe „gravierende gesellschaftliche Langzeitfolgen“ mit sich.

    Der Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe, Karl Jüsten, unterstrich, dass die Voten eine deutliche Entwicklung der ethischen Debatte zeigten: „Haben sich 2003 noch fast zwei Drittel des Ethikrates für eine Zulassung der PID ausgesprochen, so ist es heute nur noch die Hälfte der Mitglieder, die zudem wesentlich restriktiver dieses Verfahren erlauben wollen.“

    Zugleich warnte Jüsten davor, dass eine Zulassung der PID zu einer „grundlegenden Veränderung unseres Zusammenlebens“ führen würde. Auch der stellvertretende Vorsitzende des Ethikrates, der Freiburger katholische Theologe Eberhard Schockenhoff, plädierte für ein gesetzliches Verbot. Bei der PID werde der einzelne Embryo „nicht mehr um seiner selbst willen geachtet, sondern einer Selektion unterworfen“, sagte er im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Das widerspreche der Menschenwürde und dem Lebensschutz. Auch eine nur begrenzte Zulassung der Methode für erblich vorbelastete Paare lehnte Schockenhoff ab. Der Wunsch nach einem gesunden Kind sei verständlich; aber das könne der Mutter kein Verfügungsrecht über die Embryonen verleihen. Zudem lasse sich eine Begrenzung der PID auf wenige Fälle nicht durchhalten, wie auch Erfahrungen im Ausland zeigten.

    Die Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) sieht im Votum des Ethikrates positive Vorzeichen für eine Abstimmung über PID im Bundestag. Bemerkenswert sei, dass selbst die dreizehn Befürworter einer begrenzten Zulassung die Durchführung einer PID bei sogenannten spätmanifestierenden Krankheiten gesetzlich verbieten wollten, erklärte die Bundesvorsitzende Claudia Kaminski in Köln. „Damit kann sich der von Peter Hintze (CDU), Ulrike Flach (FDP) und Carola Reimann (SPD) vorgestellte Gesetzentwurf, der diese Möglichkeit zulässt, nicht auf ein unterstützendes Votum des Deutschen Ethikrats berufen.“