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    „Erwarte keine ökumenischen Gastgeschenke“

    Mounib Younan ist Präsident des Lutherischen Weltbundes. Der Palästinenser wird mit Papst Franziskus am 31. Oktober im schwedischen Lund der Reformation gedenken.

    Ökumenefreundliche Feier: Bischof Mounib Younan unterstreicht, dass 2017 als Christusfest begangen wird. Foto: Maksan

    Mounib Younan ist Präsident des Lutherischen Weltbundes. Der Palästinenser wird mit Papst Franziskus am 31. Oktober im schwedischen Lund der Reformation gedenken.

    Herr Bischof, am 31. Oktober werden Sie den Papst als Präsident des Lutherischen Weltbundes in Lund empfangen. Erwarten Sie ökumenische Gastgeschenke aus Rom?

    Ich werde nicht Gastgeber des Papstes sein. Deshalb erwarte ich auch keine Gastgeschenke. Zum ersten Mal in fünfhundert Jahren werden der Papst und der Lutherische Weltbund nämlich gemeinsame Veranstalter eines solchen Treffens sein und nicht der eine Gast des andern, wie schon häufig zuvor. Wir laden gemeinsam zum Gebet ein. Das ist etwas Neues und zeigt, wie eng unsere Beziehungen geworden sind. Die katholische Seite wird dabei vom Papst repräsentiert und der Weltbund durch mich als den Präsidenten und den Generalsekretär.

    Wessen Idee war dieses Format?

    Es war Ergebnis eines Gesprächsprozesses. Wir haben mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen unter Kardinal Koch diskutiert. Und da kam die Idee der gemeinsamen Veranstaltung auf. Wir sind ja schon länger im Gespräch deswegen. Als ich Papst Benedikt XVI. nach meiner Wahl zum Präsidenten des Weltbundes im Vatikan besuchte und fragte, ob und wie wir der Reformation gemeinsam gedenken würden, war er begeistert und sagte spontan seine Teilnahme an den Feiern zu. Das Treffen in Lund ist sozusagen die Frucht dieser Gespräche und überhaupt der ökumenischen Annäherung der letzten fünfzig Jahre. Es drückt die Versöhnung zwischen uns aus. Es ist ein historischer Moment im Verhältnis von Katholiken und Lutheranern. Es zeigt, dass der Heilige Geist wirkt und uns zueinanderbringt, damit die Welt glaube. Das gemeinsame Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ veranschaulicht im Titel schon den langen Weg, den wir zurückgelegt haben.

    Sie sagen, Sie erwarten vom Papst keine Gastgeschenke, weil er selbst Gastgeber ist. Aber erwarten Sie von der katholischen Kirche nicht dennoch ein theologisches Entgegenkommen?

    Die Gegenwart des Papstes ist schon ein Geschenk. Wie Sie wissen, ist Papst Franziskus oft sehr spontan im besten Sinne. Insofern sind wir für alles offen.

    Ist Papst Franziskus anders als seine Vorgänger in Sachen Ökumene?

    Ich habe drei Päpste kennengelernt. Johannes Paul II., Benedikt XVI. und jetzt Franziskus. Bei aller Unterschiedlichkeit der Persönlichkeit eint sie doch alle eines: Sie wollen den Dialog und die Gemeinschaft mit uns. Papst Benedikt, der große Theologe, wollte ein gemeinsames Gedenken. Papst Franziskus war sofort von der Idee der gemeinsamen Gastgeberschaft überzeugt. Das zeigt eine große ökumenische Kontinuität auf Seiten der Päpste uns Lutheranern gegenüber. Gleichzeitig gibt es Entwicklung. Einer baut auf dem Werk des Anderen auf.

    In Deutschland wird immer wieder von lutherischer Seite betont, dass man bereit zur Interkommunion sei. Die katholische Kirche sieht das anders. Wollen Sie, dass der Papst sich in dieser Frage auf die Lutheraner zubewegt?

    Wir wollen nicht, dass die katholische Kirche sich auf unsere Position zubewegt. Das ist nicht Ziel des Dialogs. Die Idee ist, dass der Heilige Geist uns beide verwandelt und tiefer blicken lässt. In konkreten Fragen jetzt wie der Kirchenlehre oder der vom Abendmahl haben wir natürlich unterschiedliche Ansichten. Ich weiß nicht, wann wir da eine gemeinsame Position finden können. Aber solange wir Christus im anderen sehen, sind wir auf dem richtigen Weg.

    Martin Luther fiel es schwer, im römischen Papst Christus zu erkennen. Er bezeichnete ihn vielmehr als Anti-Christ.

    Die lutherische Kirche ist heute eine andere als zu Luthers Zeiten, so wie auch die katholische Kirche eine andere ist. Beide Kirchen haben sich gewandelt. Wir sind heute ökumenischer als vor fünfhundert Jahren. Auch die Katholiken. Wir wollen gemeinsam Zeugnis für das Evangelium Christi ablegen. Wenn wir das nicht tun, gehen wir gemeinsam unter.

    Aber was ist das Ziel des Dialogs? Die Kircheneinheit?

    Wir starten im Dialog mit dem, was uns verbindet und nicht mit dem, was uns trennt. Die problematischen Themen gibt es. Ich will nicht sagen, dass sie uns trennen, aber wir haben da unterschiedliche Positionen. Keine Frage. Aber wie etwa in der Rechtfertigungsfrage gibt es nicht nur schwarz und weiß, Übereinstimmung oder Dissens, sondern auch gestufte Übereinstimmung, also einen differenzierten Konsens. Wir stimmen beispielsweise darin überein, dass Jesus und nur er unser Erlöser und Rechtfertiger bei Gott ist, aber wie das geschieht, darin haben wir sicher noch Differenzen. Das haben wir 1999 in Augsburg in der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigung festgestellt. Aber nachdem wir schon soweit gekommen sind, glaube ich, können wir auch noch weiter kommen. Es geht nicht um Kompromisse wie in der Politik, sondern um Konsens in der Wahrheit.

    Also ist Kircheneinheit das Ziel?

    Ja. Wir sprechen hier natürlich nicht von Uniformität. Meiner Meinung nach aber ist die Frage der Abendmahlsgemeinschaft entscheidend als Ausdruck unserer Kirchengemeinschaft. Das wäre das Ziel des Dialogs. Natürlich müssten wir dazu die Ämter des anderen anerkennen und die Gültigkeit seiner Eucharistie.

    Wird das in Lund am 31. Oktober geschehen?

    Nein. Natürlich nicht. Aber dieses Treffen wird uns ermutigen, in dieser Richtung weiterzudenken.

    Katholischerseits gilt die Erklärung „Dominus Jesus“ der Glaubenskongregation aus dem Jahre 2000. Sie spricht den Protestanten das Kirchesein im katholischen Sinne ab und spricht stattdessen von kirchlichen Gemeinschaften. Wollen Sie, dass Papst Franziskus dies ändert?

    Wir sind natürlich nicht glücklich über diese Terminologie. Das haben wir dem Vatikan auch deutlich gesagt. Denn für uns Lutheraner ist eine Kirche dann eine Kirche, wenn sie das Evangelium predigt und die Sakramente spendet. Und das tun wir, das tun die Anglikaner und andere aus der Reformation hervorgegangene Kirchen. Wir sehen, dass wir hier mit der katholischen Kirche nicht übereinstimmen. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns. Wir hoffen aber, dass der Vatikan uns als vollwertige Kirche anerkennt und nicht nur als kirchliche Gemeinschaft.

    Wer ist Martin Luther heute für einen Lutheraner?

    Martin Luther ist für uns der Reformator, der die Kirche reformieren wollte. Als solchen respektieren wir ihn. Natürlich kann man die politische Dimension seines Wirkens wie der Umstände, in der die Reformation stattgefunden hat, nicht ausblenden. Sein bleibendes Verdienst ist es aber, die Rechtfertigung allein aus dem Glauben gepredigt zu haben. Seine Gnadentheologie leitet uns bis heute. Aber natürlich folgen und können wir ihm heute in vielen seiner Ansichten nicht folgen. Nehmen Sie seine Sicht auf die Juden, die Moslems oder etwa den Papst.

    Was lehnen Sie ab? Wie er seine Kritik geäußert hat, oder den Inhalt als solchen.

    Sowohl als auch. Viele unserer Mitgliedskirchen haben sich etwa von seinen anti-jüdischen Bemerkungen distanziert. 1984 hat das auch der Weltbund getan. Das zeigt, dass wir ihn als Reformator, der uns die Reformation gebracht hat, respektieren, ihn aber in vielen Punkten auch kritisieren. Das zeigt die Reife unserer Kirche.

    Nun sind 500 Jahre Reformation für Katholiken eigentlich kein Grund zum Feiern. Die westliche Christenheit wurde gespalten. Sie hingegen feiern den Reformator der Kirche und des Glaubens. Wie kann man da gemeinsamen Grund finden?

    Wir Lutheraner feiern fünfhundert Jahre Reformation, die symbolisch mit dem Thesenanschlag 1517 an der Schlosskirche zu Wittenberg begonnen hat. Wir gedenken aber gemeinsam mit den Katholiken. Und das ist möglich. Und zwar aus drei Gründen. Es geht uns um den Dank für den Ökumenismus. Außerdem feiern wir die Ausbreitung des Glaubens an Christus. Schließlich hat sich die christliche Kirche auf die ganze Erde ausgedehnt. Wir Lutheraner hatten daran unseren missionarischen Anteil. Nehmen Sie Namibia. Außerdem begehen wir das Jubiläum, indem wir die ständige Reformationsbedürftigkeit der Kirche betonen. Schließlich ist die Kirche göttlich und menschlich. Wir wollen also auch um des Evangeliums willen wechselseitig um Vergebung dafür bitten, wenn wir einander Leid angetan haben. Aus diesen drei Gründen können auch Katholiken das Jubiläum mit uns begehen.

    Auf katholischer wie evangelischer Seite sprechen sich Kirchenvertreter dafür aus, 2017 als Christusfest zu begehen, damit Katholiken teilnehmen können.

    Ja. Und genau das machen wir. In Lund beginnen wir damit.

    Senden die Lutheraner aber nicht widersprüchliche Signale aus? Einerseits will man gemeinsam Christus bekennen. Andererseits entfernt man sich von der katholischen Kirche in Fragen der Ethik. Die Evangelische Kirche in Berlin und Brandenburg hat jetzt die Trauung homosexueller Paare beschlossen.

    Ich finde, solche Fragen sollten nicht kirchentrennend sein. Die Bewertung der Homosexualität und der kirchliche Umgang damit sind sozialethische Fragen. Sie reichen nicht an das Fundament, das der Glaube an Christus als den Erlöser ist. Beide Kirchen, lutherische und katholische, können also auch künftig anderer Meinung sein in diesen Fragen. Man könnte auch Abtreibung und ähnliches hinzufügen. Selbst innerhalb des Lutherischen Weltbundes kann es hier legitimerweise unterschiedliche Auffassungen geben. Wir haben das im Emmaus-Dialog in Bogota innerhalb unserer Kirche auch diskutiert und festgestellt. Und ich als Präsident des Weltbundes respektiere die Positionen unserer Mitgliedskirchen, selbst dann, wenn ich nicht mit ihnen übereinstimmen sollte.

    Für die katholische Seite ist aber die Frage etwa der kirchlichen Trauung homosexueller Paare eine Frage, die das biblische Menschenbild und die Lehre von der Ehe berührt, und keine Randfrage.

    Ich habe das Schreiben Amoris laetitia des Papstes gelesen. Es kann uns als Kompass in diesen Fragen dienen. Der Papst will jeden einschließen und niemanden ausschließen. Das heißt natürlich nicht, dass er alles akzeptiert und gutheißt. Aber es schaut auf die Würde der Menschen als von Gott geliebter Geschöpfe.

    Das ist unstrittig. Aber wie kann ein gemeinsames Zeugnis möglich sein, wenn die Kirchen in Fragen wie Homosexualität und Abtreibung nicht mit einer Stimme sprechen?

    Es darf einen legitimen Dissens in diesen Fragen geben. Wichtig ist, dass wir Zeugen für Christus und sein Evangelium bleiben. Auch die Apostel stimmten in vielem nicht überein. Aber das hat sie nicht getrennt. Sie fuhren fort, das Evangelium zu verkünden. Das gilt auch für die Ökumene. Gemeinsam in Christus zu sein ist wichtiger als sozialethische Fragen.