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    Erforscher der Glaubenswahrheiten

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Einer der größten Lehrmeister der mittelalterlichen Theologie ist der heilige Albertus Magnus. Der Beiname „der Große“ (Magnus), mit dem er in die Geschichte eingegangen ist, weist auf die Weite und Tiefe seiner Gelehrsamkeit hin, die er mit einem heiligmäßigen Leben verband. Doch schon seine Zeitgenossen zögerten nicht, ihm klangvolle Beinamen zu geben; einer seiner Schüler, Ulrich von Straßburg, bezeichnete ihn als das „Staunen erregende Wunder unserer Zeit“.

    Er wurde zu Beginn des dreizehnten Jahrhunderts in Deutschland (in Lauingen an der Donau) geboren und begab sich, als er noch sehr jung war, nach Padua in Italien, dem Sitz einer der berühmtesten Universitäten des Mittelalters. Er widmete sich dem Studium der sogenannten „artes liberales“: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, also der Allgemeinbildung, und zeigte jenes typische Interesse für die Naturwissenschaft, die bald der Lieblingsbereich seiner Spezialisierung werden sollte. Während seines Aufenthalts in Padua besuchte er die Kirche der Dominikaner, denen er sich dann durch das Ablegen der Ordensgelübde anschloss. Die hagiografischen Quellen machen deutlich, dass dieser Entschluss schrittweise in Albert heranreifte. Die intensive Beziehung zu Gott, das Vorbild der Heiligkeit der dominikanischen Brüder, das Hören der Predigten des seligen Jordan von Sachsen, des Nachfolgers von Dominikus in der Leitung des Predigerordens, waren die entscheidenden Faktoren, die ihm dabei halfen, jeden Zweifel zu überwinden und sich auch gegen Widerstand in seiner Familie durchzusetzen. Gott spricht in den Jahren unserer Jugend häufig zu uns und zeigt uns den Plan unseres Lebens. Wie für Albert sind auch für uns alle das persönliche Gebet, das aus dem Wort des Herrn gespeist wird, das Empfangen der Sakramente sowie die geistliche Leitung durch erleuchtete Menschen Hilfen, um die Stimme Gottes zu entdecken und ihr zu folgen. Er empfing den Habit vom seligen Jordan von Sachsen.

    Nach der Priesterweihe beauftragten seine Oberen ihn mit der Lehre in verschiedenen theologischen Studienzentren, die den Klöstern der Dominikaner angegliedert waren. Seine brillanten intellektuellen Fähigkeiten erlaubten ihm, das Studium der Theologie an der berühmtesten Universität seiner Zeit, der Universität von Paris, zu vervollkommnen. Ab dann nahm der heilige Albert seine außergewöhnliche schriftstellerische Tätigkeit auf, die er sein ganzes Leben hindurch fortsetzen sollte.

    Ihm wurden wichtige Aufgaben zugewiesen. 1248 wurde er beauftragt, ein theologisches Studium in Köln zu begründen, einer der wichtigsten großen Städte in Deutschland, in der er wiederholt lebte und die zu seiner Wahlheimat wurde. Aus Paris nahm er einen außergewöhnlichen Schüler mit sich nach Köln: Thomas von Aquin. Alleine der Verdienst, Lehrer des heiligen Thomas gewesen zu sein, wäre schon ausreichend, um tiefe Bewunderung für den heiligen Albert zu empfinden. Zwischen diesen beiden großen Theologen entstand eine Beziehung der Freundschaft und gegenseitiger Wertschätzung, eine menschliche Haltung, die der Entwicklung der Wissenschaft sehr förderlich ist. 1254 wurde Albert zum Provinzial der „Provincia Teutoniae“ der Dominikaner gewählt, die die auf einem großen Gebiet in Mittel- und Nordeuropa verbreiteten Gemeinschaften umfasste. Er zeichnete sich durch den Eifer aus, mit dem er dieses Amt ausübte, die Gemeinschaften besuchte und die Mitbrüder ständig zur Treue gegenüber der Lehre und dem Vorbild des heiligen Dominikus ermahnte.

    Seine Begabung blieb auch dem Papst jener Zeit, Alexander IV., nicht verborgen, der Albert für eine gewisse Weile bei sich in Anagni – wohin sich die Päpste häufig begaben –, in Rom selbst und in Viterbo haben wollte, um sich seiner theologischen Beratung zu bedienen. Derselbe Papst ernannte ihn zum Bischof von Regensburg, einer großen und berühmten Diözese, die sich jedoch in einer schwierigen Phase befand. Von 1260 bis 1262 übte Albert dieses Amt mit unermüdlichem Eifer aus, und es gelang ihm, Frieden und Eintracht in die Stadt zu bringen, Pfarreien und Klöster neu zu organisieren und der karitativen Tätigkeit neue Impulse zu verleihen.

    In den Jahren 1263 bis 1264 predigte Albert – beauftragt von Papst Urban IV. – in Deutschland und in Böhmen, um dann nach Köln zurückzukehren und seinen Auftrag als Dozent, Gelehrter und Autor wieder aufzunehmen. Als Mann des Gebets, der Wissenschaft und der Nächstenliebe, genossen seine Entscheidungen zu verschiedenen Angelegenheiten der Kirche und der Gesellschaft seiner Zeit großes Ansehen: er war vor allem ein Mann der Versöhnung und des Friedens in Köln, wo der Erzbischof in einen harten Konflikt mit den städtischen Einrichtungen geraten war; er engagierte sich im Verlauf des zweiten Konzils von Lyon im Jahr 1274, das Papst Gregor X. einberufen hatte, um nach der Trennung durch das große Schisma von 1054 die Einheit zwischen der lateinischen und der griechischen Kirche zu fördern; er erläuterte das Denken Thomas von Aquins, das Gegenstand von Einwänden und sogar vollkommen unberechtigter Verurteilungen geworden war.

    Er starb 1280 in der Zelle seines Klosters Heilig Kreuz in Köln, und wurde bald von seinen Mitbrüdern verehrt. Die Kirche schlug ihn den Gläubigen zur Verehrung vor: 1622 mit der Seligsprechung und 1931 mit der Heiligsprechung, bei der Papst Pius XI. ihn zum Kirchenlehrer erklärte. Es handelte sich um eine gewiss angemessene Anerkennung für diesen großen Mann Gottes und fleißigen Erforscher nicht nur der Glaubenswahrheiten, sondern vieler anderer Wissensbereiche; in der Tat, wenn man einen Blick auf die Titel seiner zahlreichen Werke wirft, wird einem klar, dass seine Bildung erstaunlich ist und dass seine umfassenden Interessen ihn veranlassten, sich nicht nur, wie andere Zeitgenossen, mit Philosophie und Theologie zu beschäftigen, sondern auch mit allen anderen damals bekannten Disziplinen, von der Physik bis zur Chemie, von der Astronomie bis zur Mineralogie und von der Botanik bis zur Zoologie. Aus diesem Grund ernannte ihn Papst Pius XII. zum Schutzpatron der Naturwissenschaftler, und gerade aufgrund der Weitläufigkeit seiner Interessen und seines Wissens wird er auch als „Doctor universalis“ bezeichnet.

    Gewiss, die von Albert dem Großen angewendeten wissenschaftlichen Methoden sind nicht dieselben, die sich dann in den folgenden Jahrhunderten durchsetzten. Seine Methode bestand einfach in der Beobachtung, Beschreibung und Klassifizierung der untersuchten Erscheinungen, doch auf diese Weise hat er künftigen Arbeiten den Weg gewiesen.

    Er kann uns noch vieles beibringen. Vor allem zeigt der heilige Albert, dass zwischen Glauben und Wissenschaft kein Widerspruch besteht – trotz einiger Missverständnisse, die im Laufe der Geschichte zu verzeichnen waren. Ein Mann des Glaubens und des Gebets wie der heilige Albert kann ruhig das Studium der Naturwissenschaften pflegen und in der Kenntnis des Mikro- und Makrokosmos fortschreiten, indem er die der Materie innewohnenden Gesetze entdeckt, da all dies dazu beiträgt, das Dürsten nach Gott und die Gottesliebe zu mehren. Die Bibel spricht von der Schöpfung als erster Ausdrucksform, durch die Gott – der die höchste Intelligenz, der „Logos“ ist – uns etwas von sich offenbart. Das Buch der Weisheit etwa erklärt, dass die Erscheinungen der Natur, die groß und schön sind, mit den Werken eines Künstlers zu vergleichen sind, durch die wir per Analogie auf den Urheber schließen können (vgl. Weish 13, 5). Mit einem klassischen Vergleich aus dem Mittelalter und der Renaissancezeit kann man die Natur mit einem von Gott geschriebenen Buch vergleichen, das wir entsprechend der verschiedenen Herangehensweisen der Wissenschaften lesen (vgl. Ansprache an die Teilnehmer der Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, 31. Oktober 2008). Wie viele Wissenschaftler haben schließlich nicht in der Nachahmung des heiligen Albert dem Großen ihre Forschung vorangebracht, inspiriert von Staunen und Dankbarkeit angesichts einer Welt, die in ihren Augen als Gelehrte und als Gläubige als das gute Werk eines wissenden und liebevollen Schöpfers erschien und erscheint! Das Studium der Wissenschaften verwandelt sich dann in ein Loblied. Enrico Medi, ein großer Astrophysiker unserer Zeit, dessen Seligsprechungsverfahren eingeleitet wurde, hatte das wohl verstanden und schrieb: „O, ihr geheimnisvollen Galaxien...., ich sehe euch, berechne euch, verstehe euch, studiere und entdecke euch, ich dringe in euch ein und sammle euch. Von euch nehme ich das Licht und mache es zu einer Wissenschaft, die Bewegung und mache sie zu einer Lehre, das Schillern der Farben und mache es zu einem Gedicht; ich nehme euch Sterne in meine Hände, und zitternd in der Einheit meines Daseins erhebe ich euch über euch selbst und bringe euch im Gebet vor den Schöpfer, den ihr Sterne nur durch mich anbeten könnt“ (Werke, Loblied auf die Schöpfung).

    Der heilige Albert der Große ruft uns in Erinnerung, dass zwischen Wissenschaft und Glauben Freundschaft besteht und dass die Wissenschaftler über ihre Berufung zum Studium der Natur einem wirklichen und faszinierenden Weg zur Heiligkeit folgen können.

    Seine außerordentliche geistige Offenheit zeigt sich auch in einem kulturellen Unternehmen, das er mit Erfolg durchführte: die Aufnahme und Erschließung des aristotelischen Denkens. Zur Zeit des heiligen Albert verbreitete sich die Kenntnis zahlreicher Werke – vor allem im Bereich der Ethik und der Metaphysik – dieses großen griechischen Philosophen, der im vierten Jahrhundert vor Christus gelebt hatte. Sie zeigten die Kraft der Vernunft, erklärten verständig und klar den Sinn und die Struktur der Realität, ihre Verständlichkeit, sowie die Bedeutung und den Zweck des menschlichen Handelns. Der heilige Albert der Große hat den Weg für die vollständige Rezeption der aristotelischen Philosophie in der mittelalterlichen Philosophie und Theologie geebnet, eine Rezeption, die dann auf endgültige Weise vom heiligen Thomas ausgearbeitet wurde. Diese Rezeption einer – sagen wir – vorchristlichen heidnischen Philosophie stellte für jene Zeit eine wirkliche kulturelle Revolution dar. Doch viele christliche Denker fürchteten die Philosophie des Aristoteles, die nicht-christliche Philosophie, vor allem weil sie – nach der Vorstellung durch arabische Kommentatoren – so interpretiert worden war, dass sie wenigstens in einigen Punkten als mit dem christlichen Glauben vollständig unvereinbar erschien. Es stellte sich also ein Dilemma: stehen Glaube und Vernunft in einem Gegensatz zueinander oder nicht?

    Hierin besteht einer der großen Verdienste des heiligen Albert: mit wissenschaftlicher Genauigkeit studierte er die Werke des Aristoteles, davon überzeugt, dass alles, was wirklich vernünftig ist, mit dem in der Heiligen Schrift offenbarten Glauben vereinbar ist. Mit anderen Worten: Der heilige Albert der Große hat auf diese Weise zur Herausbildung einer eigenständigen Philosophie beigetragen, die sich von der Theologie unterschied und nur durch die Einheit der Wahrheit mit ihr verbunden war. So ist im dreizehnten Jahrhundert eine klare Unterscheidung zwischen diesen beiden Wissensbereichen entstanden, zwischen der Philosophie und der Theologie, die im Dialog miteinander auf harmonische Weise zur Entdeckung der wirklichen Berufung des Menschen beitragen, der nach Wahrheit und Glück dürstet. Und vor allem die Theologie, die der heilige Albert als „affektive Wissenschaft“ bezeichnete, zeigt dem Menschen seine Berufung zur ewigen Freude, eine Freude, die dem vollkommenen Festhalten an der Wahrheit entspringt.

    Der heilige Albert der Große vermochte die Konzepte auf einfache und verständliche Weise mitzuteilen. Als echter Sohn des heiligen Dominikus predigte er gerne zum Volk Gottes, das sich von seinem Wort und vom Vorbild seines Lebens einnehmen ließ.

    Liebe Brüder und Schwestern, beten wir zum Herrn, dass es in der heiligen Kirche niemals an gelehrten, frommen und klugen Theologen wie dem heiligen Albert dem Großen mangele, und dass Er jedem von uns helfe, sich die „Formel der Heiligkeit“ zu eigen zu machen, die Albert in seinem Leben verfolgte: „Alles, was ich will, für die Ehre Gottes wollen, wie Gott für seine Ehre alles will, was Er will“ – sich also stets nach dem Willen Gottes richten, um alles ausschließlich und immer zu seiner Ehre zu wollen und zu tun.

    Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

    Von Herzen heiße ich alle deutschsprachigen Gäste willkommen, heute besonders die Schulgemeinschaft aus Essen-Werden. Suchen wir wie der heilige Albert der Große Gott in seinem Wort, in der Schönheit der Natur und in der Liebe zu begegnen. Der Herr segne euch auf allen Wegen!