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    Erfahrungen mit Gott bezeugen

    Die Antwort von Passanten vor einem Bahnhof einer ostdeutschen Stadt auf die Frage „Sind Sie katholisch oder evangelisch?“ spricht Bände: „Nein, normal!“. Es scheint geradezu ein Merkmal säkularer Kultur zu sein, dass für immer mehr Menschen Gott und Kirche keine Rolle mehr im Leben spielt. Ein Kongress vergangene Woche in Schönstatt unter der Schirmherrschaft des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch suchte nach Perspektiven, wie die katholische Kirche angesichts schwindender Mitgliederzahlen und dem Verschwinden volkskirchlicher Strukturen mit der heutigen säkularen Kultur umgehen soll. Theologen, Philosophen und Soziologen diskutierten außerdem unter dem Kongressthema „Wohin ist Gott?“ auf hohem wissenschaftlichen Niveau, unter welchen Bedingungen der Glaube wieder in der Gesellschaft zur Sprache gebracht werden kann. Zu dem Kongress, der federführend vom Josef-Kentenich-Institut in Vallendar/Schönstatt, der Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt sowie der Katholischen Universität Nordrhein-Westfalen veranstaltet wurde, kamen rund 170 Personen.

    Fordert eine Kultur der Kontemplation: Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch. Foto: Mann

    Die Antwort von Passanten vor einem Bahnhof einer ostdeutschen Stadt auf die Frage „Sind Sie katholisch oder evangelisch?“ spricht Bände: „Nein, normal!“. Es scheint geradezu ein Merkmal säkularer Kultur zu sein, dass für immer mehr Menschen Gott und Kirche keine Rolle mehr im Leben spielt. Ein Kongress vergangene Woche in Schönstatt unter der Schirmherrschaft des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch suchte nach Perspektiven, wie die katholische Kirche angesichts schwindender Mitgliederzahlen und dem Verschwinden volkskirchlicher Strukturen mit der heutigen säkularen Kultur umgehen soll. Theologen, Philosophen und Soziologen diskutierten außerdem unter dem Kongressthema „Wohin ist Gott?“ auf hohem wissenschaftlichen Niveau, unter welchen Bedingungen der Glaube wieder in der Gesellschaft zur Sprache gebracht werden kann. Zu dem Kongress, der federführend vom Josef-Kentenich-Institut in Vallendar/Schönstatt, der Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt sowie der Katholischen Universität Nordrhein-Westfalen veranstaltet wurde, kamen rund 170 Personen.

    Ein zentrales Ergebnis der Tage deutete Organisator Joachim Söder, Professor für Philosophie an der KU NRW bereits in seinem Eröffnungsvortrag an: „Wer Säkularisierung nur als Verschwinden von Religion aus der Öffentlichkeit oder als Rückgang von Glaubenswissen und Glaubenspraxis beschreibt, erfasst nur Oberflächenphänomene, ohne den Vorgang in der Tiefe zu verstehen. Säkular leben heißt, dass die innerweltliche Sinnsuche als legitime und ernst zu nehmende Alternative neben außerweltlichen Sinnoptionen tritt.“ Säkularisierung dürfe nicht einseitig negativ als „Verhängnis“ für die Kirche wahrgenommen werden, sondern stelle vielmehr ein auf Freiheit und Autonomie ausgerichtetes Phänomen dar, das große Chancen für die Verkündigung biete und in seiner Eigenständigkeit gewürdigt werden müsse. Söder lehnte daher die Metapher von der „Verdunstung des Glaubens“ ab. „Der Glaube verdunstet nicht, sondern er wird nicht mehr als Lebensform gewählt, wenn es überzeugendere Alternativen gibt.“ Die Ursachen der Glaubenskrise sieht Söder nicht in einem „Wissensdefizit“, sondern einem Defizit an Erfahrungen mit dem transzendenten Gott.

    Eine christliche, „dezidiert christozentrische“ Erfahrungskultur zu schaffen, sei deshalb eine wichtige Aufgabe der Kirche von heute, sagte Erzbischof Zollitisch. Der Schirmherr forderte in seinem sehr programmatischen Vortrag eine kontemplativere Pastoral. „Wo wird ganz konkret in unseren Gemeinden, das ,hörende Herz‘, von dem Papst Benedikt bei seinem Besuch bei uns gesprochen hat, wirklich in der Breite eingeübt?“ Damit Christen ein ermutigendes Zeugnis von Gott geben könnten, müsse die Kirche alles dafür tun, „dass es für die Menschen unserer Tage Orte und Räume und Zentren gibt, an denen ein erfahrungsträchtiger Glaube greifbar ist und bezeugt wird“. Die Pastoral solle so strukturiert werden, dass Zeit bleibt, „um zu schweigen, um zu beten, um das Evangelium zu hören und eine Sprachkultur zu pflegen und zu fördern, die suchenden, fragenden und trauernden Menschen eine Hilfe ist“. Diese Kultur der Kontemplation müsse in der Liturgie gründen. Neben der Eucharistiefeier, die „Quelle und Höhepunkt“ sei, verfüge die Kirche auch über weitere Formen, „die in die Tiefe führen und zur Erfahrung Gottes werden können“. Es gebe „kleine liturgische Formen“ von der Anbetung, dem Gebet des Rosenkranzes, der Meditation bis hin zum Anzünden von Kerzen, die den Menschen „emotional“ ansprechen und dessen Herz für Gott öffnen könnten.

    Der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet forderte in seinem provokanten Vortrag die Kirche auf, „ihren seit dem 19. Jahrhundert kultivierten Antimodernismus“ zu überwinden zu Gunsten eines Denkens, dass das von modernen Gesellschaften praktizierte Autonomieprinzip sowie die Reflexivität und damit historische Bedingtheit von Gegenwart und Vergangenheit bejaht. Da Gott die Freiheit des Menschen wolle und das Evangelium eine Botschaft der Freiheit darstelle, sei eine „Kirche der Freiheit“ die „angemessene Realisierungsgestalt dieses Glaubens“. Ursache für die Kirchenkrise der Gegenwart sei die fehlende Einsicht „in Teilen der Theologie, in jedem Fall aber in Teilen des derzeitigen Lehramtes“, dass es eine „geschichtsfreie“, „menschgemachte Dogmatik“ und Liturgie unter den Bedingungen des historischen Bewusstseins nicht geben könne. „Eingenommene Positionen“ müssten daher korrigiert und „ekklesiologische Konsequenzen“ gezogen werden, denn „vermutlich nur dann“ könne Kirche wieder den Anschluss an Religionsdiskurse gelingen. Welche Konsequenzen das sein sollten, ließ Striet, dessen Thesen bei einigen Besuchern für Irritationen sorgte, aber offen. Problemfelder wie „die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener oder auch das Pflichtzölibat als Zugangsvoraussetzung für das Priesteramt“ spielten hierbei dabei nur eine untergeordnete Rolle, ließen sich aber leicht auflösen, wenn man „nur geschichtlich dächte und sich nicht auf die Gewissheit einer vermeintlich ureigenen Praxis Jesu, die als diese der historischen Absicherung aber kaum standhält, oder aber gar auf ein ius divinum zurückzöge“. Letzteres sei unter den Bedingungen moderner Reflexivität nicht überzeugend.

    Religion gehört zum Wesen des Menschsein

    Die Erfurter Pastoraltheologin Maria Widl plädierte für einen Wechsel von einem substanziellen zu einem funktionalen Religionsbegriff. Säkulare Kultur beurteile Religion ausschließlich nach ihren Leistungen für Gesellschaft und Mensch. Definitionsmodelle mit einem funktionalen Religionsbegriff, als Beispiel nannte Widl das Modell des Soziologen Franz-Xaver Kaufmann, beschrieben „Religion als Wesen des Menschsein“. Eine Unterscheidung zwischen religiösen und areligiösen Menschen entfalle. „Menschen die keinen Kirchenbezug haben, finden diesen Religionsbegriff toll. Kirchlich gebundene Menschen tun sich bei diesem Begriff nicht so leicht“, sagte Widl. Zugleich wies die Pastoraltheologin auf sogenannte Religionsanaloga hin, die zunehmend die Funktion von Religionen übernehme. Diese sorgten dafür, dass religionslose Menschen kein Bedürfnis nach Religion verspürten. Als Religionsanaloga bezeichnete Widl unter anderem Familie und Liebe, Freiheit und Selbstbestimmung sowie Arbeit und Wissenschaft. Kirche werde nur dann zu einer Volkskirche, wenn es ihr gelinge, die Religionsanaloga im christlichen Geist zu erschließen und in „eine kirchliche Gestalt zu umfassen“. Der Rückzug der Volkskirche deutete Widl als Hinweis darauf, dass Kirche derzeit nicht fähig ist, die Religionsanaloga für sich zu nutzen.

    Der Mainzer Pastoraltheologe Hubertus Brantzen entwickelte in seinem Vortrag eine „Theologie des Lebens“, in der selbst „flüchtige Begegnungen“ und kleine Dinge des Alltags als Gotteszuspruch erschlossen werden. Das gesamte Leben des Menschen sei „Heilsgeschichte mit Gott“. Innerhalb einer „Theologie des Lebens“ würden Selbsterfahrung, Welterfahrung und Gotteserfahrung miteinander verbunden und nicht unabhängig voneinander betrachtet. Jedes Ereignis im Leben könne so zu einer Erfahrung mit Gott werden. Dafür sei es aber notwendig, dass die Menschen aktiv nach dem Gott in ihrem Leben suchten. Als Methode nannte Brantzen das Beispiel der Spurensuche, die in der Schönstatt-Bewegung weit verbreitet ist. Dabei werden in einem Reflexionsprozess konkret nach Spuren Gottes im Leben gesucht.