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    Erfahrung eines Lebens in der Kirche

    Interviewbücher sind Mode geworden. Ein Journalist fragt, ein Prominenter antwortet. So entstehen autobiographische Werke ohne den schriftstellerischen Aufwand, den eine Selbstbiographie – man denke zum Beispiel an Konrad Adenauers „Erinnerungen“ – früher kostete. Manche sind die paar Zentimeter im Bücherregal nicht wert. Daniel Deckers Interviewbuch mit dem Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates Walter Kasper gehört jedoch zu den herausragenden, lesenswerten Beispielen dieser Gattung. Es erübrigt sich, hier die biographischen Stationen von der Kindheit über die Lehrstühle in Münster und Tübingen und das Bischofsamt in Rottenburg bis in die römische Kurie zu verfolgen. Interessanter scheint, einige Punkte aus diesem Theologen- und Bischofsleben herauszugreifen und Kardinal Kasper selbst sprechen zu lassen. Der Rezensent wählt dabei nur aus, ohne zu kommentieren.

    Interviewbücher sind Mode geworden. Ein Journalist fragt, ein Prominenter antwortet. So entstehen autobiographische Werke ohne den schriftstellerischen Aufwand, den eine Selbstbiographie – man denke zum Beispiel an Konrad Adenauers „Erinnerungen“ – früher kostete. Manche sind die paar Zentimeter im Bücherregal nicht wert. Daniel Deckers Interviewbuch mit dem Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates Walter Kasper gehört jedoch zu den herausragenden, lesenswerten Beispielen dieser Gattung. Es erübrigt sich, hier die biographischen Stationen von der Kindheit über die Lehrstühle in Münster und Tübingen und das Bischofsamt in Rottenburg bis in die römische Kurie zu verfolgen. Interessanter scheint, einige Punkte aus diesem Theologen- und Bischofsleben herauszugreifen und Kardinal Kasper selbst sprechen zu lassen. Der Rezensent wählt dabei nur aus, ohne zu kommentieren.

    Humanae vitae verstärkte eine Autoritätskrise

    Zum Zweiten Vatikanischen Konzil: „Nicht alles, was nach dem Konzil kam, kam auch wegen des Konzils. Die Krise deutete sich schon vorher an.“ Und: „Das Konzil als einen Bruch mit der bisherigen Tradition, besonders mit dem I. Vatikanischen Konzil anzusehen, wäre völlig verkehrt und würde der vom Konzil selbst deutlich ausgesprochenen Intention zutiefst widersprechen.“ Zu „Humanae vitae“ von 1968: „Die Enzyklika ,Humanae vitae‘ fiel mitten in eine schon vorhandene Autoritätskrise und hat diese innerkirchlich wesentlich verstärkt.“ Aber: „Die Warnungen des Papstes vor den fatalen Folgen der Trennung der traditionell sogenannten Ehezwecke, der personalen ehelichen Liebe und der ehelichen Fruchtbarkeit haben sich als prophetisch erwiesen.“

    Zur Predigt von Laientheologen in eucharistischen Gottesdiensten: „Es hilft am wenigsten den weniger gewordenen und oft überlasteten Priestern, wenn man das spezifische Profil des Priesters und des Laien verwischt und die Identität des priesterlichen Dienstes beschädigt.“ Zum Gremienwesen: „Man begegnet dort meist immer den gleichen Leuten und diskutiert endlos die gleichen Fragen. Stattdessen sollten wir uns auf die Beine machen und nach außen wirken. Jesus hat nicht gesagt: ,Sitzt zusammen‘ sondern: ,Geht hinaus!‘“

    Zur Entscheidung gegen die Beteiligung der Kirche an der gesetzlichen Schwangerenberatung von 1999: „Mit ihr stand ein zentraler Punkt des deutschen Staatskirchenrechts und damit des deutschen Katholizismus zur Debatte: Dieses ist bei grundsätzlicher Unabhängigkeit von Kirche und Staat auf deren Zusammenwirken angelegt. Nun zeigte sich, dass dieses Zusammenwirken in einer für die Kirche wie für den Staat so fundamentalen Frage wie dem Schutz des menschlichen Lebens nicht mehr möglich war.“

    Zur Neuevangelisation: „Das Aufregende für mich ist, dass viele, auch viele derer, die in der Kirche Verantwortung tragen, den Ernst der Situation noch nicht begriffen haben oder ihn nicht wahrhaben wollen. Papst Paul VI. und Papst Johannes Paul II. haben längst das Stichwort ausgegeben, um das es gehen sollte. Es lautet: Neue Evangelisierung.“

    Besonderes Interesse dürfen Äußerungen Kaspers zu ökumenischen Fragen beanspruchen. Zur Erklärung „Dominus Jesus“ der Glaubenskongregation von 2000: „Die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen wurden als Kirchen ,nicht im eigentlichen Sinn und als kirchliche Gemeinschaften‘ eingestuft. Das hat zu erheblicher Verstimmung und zur Abkühlung der ökumenischen Beziehungen geführt. Sicher hätte man das Gemeinte besser verständlich machen und auch freundlicher sagen können; aber in der Sache wird ein Unterschied bezeichnet, der sinnvollerweise nicht bestritten werden kann. Die reformatorischen Kirchen wollen nicht Kirchen im katholischen Sinn sein.“ Im Zusammenhang mit „Dominus Jesus“ – und mit den „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ von 2007 – zum Begriff der „Subsistentia“ oder der „Verwirklichung“ der Kirche Jesu Christi in der katholischen Kirche in „Lumen Gentium“: „Dieses ,subsistiert‘ sagt zunächst, dass die Kirche Christi in der katholischen Kirche bleibend da ist. Gleichzeitig stellt das ,subsistit‘ eine Art Öffnungsklausel dar; es schließt nämlich ein, dass es auch außerhalb der institutionellen Grenzen der katholischen Kirche Elemente der wahren Kirche gibt, Elemente, durch die Jesus Christus in diesen Gemeinschaften heilswirksam gegenwärtig ist.“

    Zum gemeinsamen – katholisch-evangelischen – Abendmahl: „Die Eucharistie ist ein Sakrament des Glaubens – nicht des individuellen, sondern des gemeinsamen Glaubens der Kirche. Eine allgemeine unterschiedslose Einladung zur Kommunion ist darum nicht möglich, und wo sie ausgesprochen wird, ist sie nicht zu verantworten. Es kann aber Einzelsituationen geben, in denen evangelische Christen persönlich den Eucharistieglauben der katholischen Kirche teilen. Ich konnte als Bischof nie eine pastorale Praxis tadeln, die in solchen Einzelsituationen den Zugang zur Kommunion nicht verweigert.“

    Zu Profilmängeln auf evangelischer Seite: „Gewiss gibt es noch wirkliche Lutheraner, aber ihre Stimme ist schwach geworden. Ich möchte nicht soweit gehen zu sagen, dass der katholischen Kirche der Partner abhanden gekommen ist. Aber es ist nicht zu übersehen, dass der Bekenntnisstand auf evangelischer Seite undeutlicher und vielfältiger geworden ist.“ In diesem Zusammenhang zur „Bekenntnisökumene“: „So schwebte mir immer deutlicher eine Bekenntnisökumene vor, die auf dem gemeinsamen Bekenntnis aufbaut. Wir sollen ehrlich sowohl zu unserem gemeinsamen Bekenntnis zu Jesus Christus wie zu unseren Unterschieden im Glauben stehen; auf der gemeinsamen Grundlage sollen wir einander Zeugnis geben von unserem katholischen, evangelischen oder orthodoxen Glauben.“

    Mitunter möchte der Rezensent doch eine Anmerkung machen, zum Beispiel dann, wenn er als Verfasser eines Standardwerkes zum evangelischen Ordinationsrecht und seiner Wahrnehmung im Ehrenamt von 2002 sozusagen fachlich betroffen ist. Das ist der Fall, wo Kasper auf das Papier „Ordnungsgemäß berufen“ der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) von 2006 eingeht und zu Recht beklagt, „dass in vielen Landeskirchen auch Nichtordinierte (etwa nicht ordinierte Vikare) dem Abendmahl vorstehen können“. Undeutlich bleibt, dass es in einigen evangelischen Landeskirchen ordinierte Amtsträger im unbesoldeten Neben- oder Ehrenamt gibt, die nicht Pfarrer sind, aber volle Ordinationsrechte haben, obwohl sie teilweise die irreführende Amtsbezeichnung „Laienprediger“ tragen. Sie verwalten das Altarsakrament mit derselben Vollmacht wie evangelische Pfarrer, die im Licht des katholischen Weihepriestertums ja auch nur Laienprediger sind.

    Wichtiger ist das Verhältnis Kaspers zu den beiden Päpsten seiner Amtszeit als Kurienkardinal in Rom. Es ist nicht zu übersehen, dass Johannes Paul II. – „er hat der Kirche nach all den unruhigen nachkonziliaren Jahren innere Festigkeit und Ordnung gegeben und den Blick auf die neue Evangelisierung, die Gerechtigkeit und den Frieden in der Welt, die Einheit der Kirche und den Dialog mit den anderen Religionen gelenkt“ – bei Kasper anders erscheint als Benedikt XVI. – „das neue Pontifikat ist von der intellektuellen Persönlichkeit des Papstes geprägt, der weniger durch große Gesten, spektakuläre Aktionen und Initiativen wirken möchte als durch zum Nachdenken einladende Worte und Argumente“ – , dem eher Respekt als Sympathie zu gelten scheint. Man vernimmt den Vorwurf: „Freilich ist es bei diesem Papst leider schwerer als bei seinem Vorgänger, an ihn heranzukommen.“

    Die Kontroverse zwischen Ratzinger und Kasper

    Mit Spannung liest man den kurzen Abschnitt „Universal- und Ortskirche: Ein Disput mit Joseph Ratzinger“. Die „Ratzinger-Kasper-Kontroverse“ entzündete sich an Kaspers Aufsatz „Auf eine neue Art Kirche sein“ von 1999, an seiner darin enthaltenen These, „das Verhältnis von Orts- und Weltkirche“ sei „aus der Balance geraten“ und an seiner Kritik an dem Dokument der Glaubenskongregation unter ihrem damaligen Präfekten Ratzinger „Über einige Aspekte der Kirche als communio“ von 1992, das – in der Perspektive des Kirchenhistorikers heute so richtig wie damals – den Vorrang der Universalkirche vor der Ortskirche herausstellte.

    Wir lesen: „Ich war gerade erst ein gutes halbes Jahr in Rom und kannte noch kaum jemanden. Am 27. Februar 2000 war ich das erste Mal bei einem Symposion, an dem die meisten Kardinäle und Bischöfe der römischen Kurie teilnahmen. Es ging um 35 Jahre Kirchenkonstitution ,Lumen gentium‘. Kardinal Ratzinger hielt einen glänzenden Vortrag über das Mysterium der Kirche. Ein Drittel des Vortrags setzte sich unter ausdrücklicher Namensnennung kritisch mit meiner Position in dem genannten Artikel auseinander. Ich befand mich in einer schwierigen Situation; das war nicht der Empfang in der römischen Kurie, den ich mir gewünscht habe.“

    Kasper fühlt sich in der damaligen Stellungnahme des heutigen Heiligen Vaters missverstanden, sucht aber – unter der Überschrift „Eine Frage der Balance“ – mit Verweis auf seinen Aufsatz „Das Verhältnis von Universalkirche und Ortskirche. Freundschaftliche Auseinandersetzung mit der Kritik von Joseph Kardinal Ratzinger“ von 2000 einzulenken, ohne seine Position grundsätzlich aufzugeben: „Das göttlich-menschliche Mysterium der einen Kirche ,in und aus‘ den vielen Ortskirchen, die ihrerseits ,in und aus‘ der universalen Kirche existieren, war und ist unsere gemeinsame Überzeugung. Die Akzente, die Denkformen und wohl auch manche praktischen Konsequenzen blieben jedoch unterschiedlich.“ Und weiter: „Das Problem ist uns vom Konzil aufgegeben, scheint mir aber noch nicht ausdiskutiert zu sein. Auch ich selber habe seither weiterzudenken versucht und spreche inzwischen lieber von der einen Kirche Jesu Christi und den vielen Einzelkirchen. Dass die Kirche Jesu Christi die ecclesia una ist, ist im Glaubensbekenntnis klar ausgesprochen; es gilt also die Frage zu klären, dass und wie die vielen Einzelkirchen nicht nur ein Teil und eine Provinz der einen Kirche sind, dass in ihnen vielmehr die eine Kirche konkret anwesend ist, so dass sie, wenn sie sich isolieren, in ihrem ureigensten Kirchesein verletzt und verwundet sind.“

    Deckers fügt das Interviewbuch geschickt in einen Rahmen ein: Am 12. September 2006 begegnen sich im Auditorium Maximum der Universität Regensburg drei fast gleichaltrige Männer, die schon 1969 als Theologieprofessoren gemeinsam auf einer Regensburger Berufungsliste standen, bevor alle drei Bischof und Kardinal wurden: Joseph Ratzinger, Walter Kasper und Karl Lehmann. Der Leser gewinnt den Eindruck, dass diese drei für ihre Generation den deutschen Episkopat repräsentieren. Aber ein vierter Generationsgenosse fehlt. Zwar ist das Personenregister unzuverlässig; es fehlen die im Text vorkommenden Philipp Melanchthon und Edith Stein. Aber der im Register ebenfalls nicht genannte Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner kommt tatsächlich nirgendwo vor. Ihm scheint Kardinal Kasper nie begegnet zu sein. Ohne den Kölner Oberhirten bleibt das Bild aber unvollständig. Die drei Kardinäle Ratzinger, Lehmann und Kasper, von denen einer seit 2005 der Heilige Vater ist, verbindet die Herkunft aus der Sekurität des westdeutschen Professorenamtes an staatlichen theologischen Fakultäten. Der Kölner Oberhirte kommt aus der ganz anderen ostdeutschen, in besonderem Maße zum Zeugnis zwingenden Situation im Atheismus kommunistischer Prägung. Erst so würde das Bild des deutschen Episkopats der Generation des Kardinals Kasper vollständig.

    Von Harm Klueting