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    „Entwicklung ist ein anderer Name für Frieden“

    Seit Oktober 2009 steht Peter Kardinal Turkson an der Spitze des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden – „Iustitia et Pax“. Der aus Ghana stammende Kurienkardinal, der seine theologischen Studien unter anderem in den USA und in Rom absolvierte, tritt weltweit entschieden gegen wirtschaftliche und ökologische Ausbeutung gerade auf dem afrikanischen Kontinent ein und fordert unter anderem eine internationale Finanztransaktionssteuer. Bei einem Deutschlandbesuch führte Kardinal Turkson ein Gespräch mit dieser Zeitung.

    Kardinal Peter Turkson. Foto: KNA

    Seit Oktober 2009 steht Peter Kardinal Turkson an der Spitze des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden – „Iustitia et Pax“. Der aus Ghana stammende Kurienkardinal, der seine theologischen Studien unter anderem in den USA und in Rom absolvierte, tritt weltweit entschieden gegen wirtschaftliche und ökologische Ausbeutung gerade auf dem afrikanischen Kontinent ein und fordert unter anderem eine internationale Finanztransaktionssteuer. Bei einem Deutschlandbesuch führte Kardinal Turkson ein Gespräch mit dieser Zeitung.

    Eminenz, welche Bedeutung hatte das Erscheinen der Enzyklika Pacem in terris von Papst Johannes XIII. vor fünfzig Jahren?

    Pacem in Terris (PT) ebnete den Weg für den Einsatz der Katholischen Kirche und verschiedener christlicher Organisationen in den Bereichen Menschenrechte, Gerechtigkeit und Friedensarbeit. Im Jahr des Erscheinens der Enzyklika 1963 gab es weltweit große soziale und politische Spannungen und Verwerfungen. Das Friedensverständnis von Papst Johannes XXIII. war damals revolutionär, weil Frieden in seiner Sicht primär als ein Menschenrecht einzufordern ist und eine Verpflichtung für jede staatliche Macht darstellt. So zeigte der Papst in seiner Enzyklika auf, dass die Natur der menschlichen Person Quelle aller Menschenrechte ist. Mehr noch, die Enzyklika ist ein Aufruf, dem Gemeinwohl zu dienen, und endet mit einer Mahnung, die vier Grundpfeiler des Friedens aufrechtzuerhalten: Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit. Dies entspricht der von Gott geschaffenen Ordnung (PT 1).

    Wie hat sich kirchliche Friedensethik seit damals weiterentwickelt?

    Die von Papst Johannes XXIII. entwickelte Konzeption hat in den folgenden Jahrzehnten Eingang gefunden in die Schriften vieler weltlicher Autoren und ebenso das kirchliche Lehramt beeinflusst. Die Grundlinien der Enzyklika wurden von den späteren Päpsten, von Paul VI. über Johannes Paul II. und Benedikt XVI. bis hin zu Papst Franziskus aufgegriffen. Papst Paul VI. bezeichnete „Entwicklung als einen neuen Namen für Frieden“. Darauf aufbauend wollte Papst Johannes Paul II. Frieden ganzheitlich verstanden wissen in seiner humanen wie geistig-geistlichen Dimension zugleich. Sein Anliegen war, den Friedensauftrag mit der Sorge für eine immer vollkommenere Gerechtigkeit zu verbinden – und zwar im Blick auf alle Menschen. Eine umfassende Gerechtigkeit erfordert den ungehinderten Zugang aller zu den lebensnotwendigen Gütern wie die uneingeschränkte Achtung vor dem Leben. Frieden ist unteilbar: Entweder wird er allen zuteil – oder niemandem. In einem erweiterten Sinne ist Frieden immer auch eine Frucht der Solidarität (Solicitudo rei socialis: SRS 39). Während Papst Johannes Paul II. somit Gerechtigkeit und Solidarität als die bedeutenden Wege zum Frieden ansah, sieht Papst Benedikt XVI. in der Liebe, auch in ihrer caritativen Dimension, die entscheidende Kraft, die den Menschen in seinem Bemühen um Frieden ermutigt (Caritas in veritate: CIV 1). Frieden ist laut Benedikt XVI. ein Geschenk Gottes, für das es auch zu beten gilt. Frieden verdankt sich der Liebe Gottes und gewinnt Gestalt durch konkrete Werke der Gerechtigkeit und Liebe. Frieden ist zugleich die Frucht eines Dialogs zwischen Glaube und Vernunft (CIV 57). Frieden ermöglicht nicht nur die ganzheitliche Entwicklung von Menschen, sondern dient auch der Bewahrung der Schöpfung. Gegenwärtig rückt Papst Franziskus schon seit seinem Amtsantritt die Themen Frieden, Armut und Schöpfung in ihrem Gesamtzusammenhang in den Mittelpunkt seiner Verkündigung.

    Welche Zusammenhänge sehen Sie selbst zwischen Frieden und Entwicklung?

    Wenn Frieden nur eine Negation wäre, nur die Abwesenheit von Krieg und Konflikten, dann wäre er kein Merkmal der schöpferischen Kraft Gottes. Frieden ist eine Gabe und zugleich eine Eigenschaft Gottes – Gott selbst ist Frieden. Die Schöpfung strebt auf den Frieden hin. Auf dem Weg zum Frieden und in der Befolgung des Schöpfungsplans Gottes muss die Gesellschaft anerkennen, dass jeder Mensch nach Gottes Ebenbild geschaffen und damit ihm ähnlich ist. Jede Person ist von Natur aus mit Verstand und der Fähigkeit zur freien Entscheidung begabt – und eben daraus folgt ihre Würde. Diese unveräußerliche Würde des Menschen verbietet es, ihn als Objekt zu behandeln, ihn zu unterdrücken und durch menschenverachtende Ideologien und Machtstrukturen zu manipulieren. Kein Mensch soll in unmenschlichen sozialen, wirtschaftlichen oder auch gesellschaftlichen Verhältnissen leben müssen. Wo immer soziale Ungerechtigkeit und Ungleichheit herrschen, kann es keinen Frieden geben. Auch Mängel in der Regierung, Missachtung der Menschenrechte, Konflikte um Bodenschätze und natürliche Ressourcen, die Ausbeutung der Schöpfung, sind Erscheinungen, die dem Frieden entgegenstehen. Papst Paul VI. betont in Populorum progressio (PP), „der neue Name für Frieden sei Entwicklung“ (PP 87). Ebenso wird in der Enzyklika dargelegt, dass „eine wirklich ganzheitliche Entwicklung die Achtung der Würde des Menschen umfasst und nur in Frieden und Gerechtigkeit verwirklicht werden kann“. Frieden und Entwicklung stehen also immer in einem wechselseitigen Zusammenhang.

    Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden will zur Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise beitragen. Finden sich hierzu in der kirchlichen Soziallehre konkrete Ansätze?

    Verschiedene Aspekte der kirchlichen Sozialdoktrin können für die heutige Wirtschaft von großem Wert sein. Grundsätzlich ist das gesamte wirtschaftliche Leben nach moralischen Prinzipien zu gestalten. Der Mensch muss demzufolge im Mittelpunkt allen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handelns stehen. Alle Institutionen in diesen Bereichen sind danach zu bewerten, inwiefern sie Leben und Würde des Menschen als Person schützen und stärken, Familien unterstützen und dem Gemeinwohl dienen. Zielsetzung des gesamten Wirtschaftslebens muss stets das Gemeinwohl sein. Um dies zu erreichen, bedarf die Marktwirtschaft einer angemessenen Orientierung. Die Annahme, dass die völlig autonom handelnde Marktwirtschaft automatisch auch das für die Allgemeinheit Beste hervorbringt, ist eine leichtfertige und vereinfachte Sichtweise. Dieser Irrtum wurde durch die Finanzkrise im zurückliegenden Jahrzehnt gründlich entlarvt. Eine freie Marktwirtschaft leistet ihren Beitrag zum Gemeinwohl und zur Entwicklung der Menschheit nur dann, wenn sie auf festen, vernünftigen ethischen Prinzipien gegründet ist, die in Regulierungsmaßnahmen und Kontrollinstrumenten ihren Ausdruck finden. Wenn die freie Marktwirtschaft auf den ethischen Grundsätzen der Solidarität und der vorrangigen Option für die Armen fußt, dann haben alle einen Gewinn davon – nicht nur einige Wenige. Beide Seiten – Wirtschaft und Zivilgesellschaft – profitieren davon. Papst Benedikt XVI. betont diesen Punkt besonders durch seine Aussage, dass wirkliche menschliche Beziehungen, geprägt von Freundschaft, Großzügigkeit und wechselseitiger Solidarität, sowohl innerhalb als auch außerhalb von wirtschaftlichen Gefügen leitgebend und hilfreich wirken können. (CIV 36) Der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden tritt daher für die Schaffung einer unabhängigen und kompetenten übernationalen Institution ein, ausgestattet mit der notwendigen gesetzlichen und auch moralischen Autorität, um Missbräuche im Marktgeschehen zu verhindern.

    Wie könnte die kirchliche Soziallehre noch stärker in der Ausbildung junger Priester, aber auch katholischer Laien verankert werden?

    Alle gläubigen Christen sind dazu verpflichtet, die soziale Gerechtigkeit zu fördern und zur Unterstützung der Armen aus eigenen Ressourcen beizutragen. Die kirchliche Soziallehre ist Teil der Glaubensverkündigung und zugleich Zeugnis unseres Glaubens. Das Kompendium der kirchlichen Soziallehre ist eine ausgezeichnete Quelle und Orientierung für die Katechese und Ausbildung in den Priesterseminaren und Ordensgemeinschaften, für die kontinuierliche Weiterbildung der Bischöfe ebenso wie der katholischen Laien. Priester wie Laien sollten durch die Kenntnis der kirchlichen Soziallehre so gewappnet sein, dass sie imstande sind, die menschliche Würde zu verteidigen und selbst in extremen Krisensituationen Mittler der Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe zu sein. Beispielgebend kann hier die Kirche in Afrika sein: Viele ihrer Führer haben in den letzten Jahren an vorderster Front mitgewirkt, wenn es um die schwierige Suche nach Verhandlungslösungen in bewaffneten Konflikten ging.

    Was tut der Päpstliche Rat für Gerechtigkeit und Frieden, um katholische Christen auch in ihrer weltweiten gesellschaftlich-politischen Verantwortung zu stärken?

    Auf Grundlage der Leitlinien der kirchlichen Soziallehre, die im Evangelium gegründet sind, organisiert der Päpstliche Rat zum Beispiel Konferenzen für die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft sowie im Bildungs- und Erziehungswesen. Wir ermutigen dazu, den Glauben im Lichte des Evangeliums und der menschlichen Würde in das alltägliche berufliche Leben zu integrieren und die kirchliche Soziallehre auf den verschiedenen Handlungsfeldern konkret anzuwenden.

    Sie selbst stammen aus einem kulturell und religiös sehr vielfältigen Kontinent. Aufgrund Ihrer persönlichen Erfahrungen: Welche Rolle spielt die Religion, spielt auch der interreligiöse Dialog im Friedensprozess?

    Die Kirche verkündet das Evangelium, um den Dialog Gottes mit den Menschen fortzusetzen. Durch den Dialog mit anderen Religionen trägt die Kirche zum Frieden in der Welt bei. Dieser Dialog gründet auf wechselseitigem Respekt und Wertschätzung, auch für die Anhänger der traditionellen Religionen in Afrika. Der überlieferte Glaube der Afrikaner an Gott als Schöpfer befähigt sie, die vollkommene und endgültige Offenbarung Gottes in Jesus Christus anzunehmen. Jesus, Sohn des Gottes der Frohen Botschaft, befreit die Afrikaner aus der Unterdrückung. An alle Menschen ergeht auch gegenwärtig ein Anruf Gottes, der Antwort erfordert (cf. 1 Tim 2,4): dass die Jünger Christi nicht ruhen mögen, ehe die Frohe Botschaft der Rettung nicht allen Menschen gebracht worden ist. Das bestärkt die Jünger Christi darin, mit anderen Religionen in Dialog zu treten. Aus einem solchen auf Liebe und Respekt gegründeten Dialog wachsen neue soziale Beziehungen. Auch wenn Unterschiede in der Glaubenslehre bestehen bleiben, so stärkt der Dialog doch das allen Menschen Gemeinsame. Der interreligiöse Dialog kann so wesentlich dazu beitragen, neue Beziehungen zu schaffen zwischen Menschen, die unter verschiedenen religiösen, politischen und wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen leben.

    In vielen Ländern wächst der Druck auf Mütter, möglichst rasch nach der Geburt eines Kindes in den Beruf zurückzukehren. Halten Sie es für möglich, dass eine solche stark ökonomisierte Mentalität sich auch auf dem afrikanischen Kontinent zunehmend verbreitet?

    Menschliche Arbeit wird unmittelbar von Menschen erbracht, die als Kinder Gottes geschaffen sind. Wir alle sind dazu aufgerufen, das Schöpfungswerk Gottes fortsetzen, indem wir uns die „Erde untertan machen“, alle gemeinsam mit- und füreinander (Gen 1, 28). Von daher ist Arbeit eine Pflicht: „Wenn irgendjemand nicht arbeiten will, dann lasst ihn nicht essen“ (2 Thess 3, 10). Durch seine Arbeit ehrt und verwirklicht der Mensch, ob Mann oder Frau, die ihm vom Schöpfer verliehenen Gaben und Talente (Laborem Excercens 18). Und der Katholische Katechismus lehrt in Nr. 2433, dass der Zugang zu Erwerbsarbeit und zu allen Berufen für alle offen sein muss ohne ungerechte Diskriminierungen – einerlei ob Mann oder Frau, gesund oder behindert, im Lande geboren oder zugewandert. Frauen haben das volle Recht, aktiv an allen Bereichen des öffentlichen Lebens teilzuhaben. Und dieses Recht muss gesichert werden – wo notwendig in Form einer geeigneten Gesetzgebung. Vor dem Hintergrund sich heute verändernder Bedingungen in Afrika ist die junge Mutter sogar gefordert zu arbeiten Das schließt nicht aus, dass sie ihre Kultur und Tradition hochhält und pflegt, welche in Afrika der Rolle der Familie den Vorrang gibt und Kinder immer willkommen heißt als Geschenke Gottes, die der Liebe und Fürsorge bedürfen. Die engen Verwandtschaftsbande in den afrikanischen Gesellschaften, die überkommenen Systeme zur wechselseitigen Unterstützung ebenso wie der ausgeprägte Sinn für Solidarität und gemeinschaftliches Leben helfen auch heute, dieses Ideal aufrechtzuerhalten.