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    Endstationen sehen anders aus

    Literarische Variationen zum Thema Tod und Sterben: Thomas Seidel und Ulrich Schacht leisten aktive Besinnungshilfe. Von Urs Buhlmann

    Verkehrstote
    Der plötzliche Tod hat ein heilsames Moment des Schreckens behalten: Was kommt danach? Wer zu spät darüber nachdenkt, ha... Foto: dpa

    Ritter, Tod und Teufel – so heißt der berühmte Kupferstich von Albrecht Dürer aus dem Jahre 1513, der zum Dialog mit den Letzten Dingen einlädt. Die Zeit des ausgehenden Mittelalters gehörte noch der Epoche an, in der Hoch und Nieder in der ständigen Erwartung des Todes lebten und Siechtum und Sterben jedermann vor Augen war, noch nicht „ausgelagert“ in Spitäler und Hospize. Auch Martin Luther – 1513 ist das Jahres des „Turmerlebnisses“, des eigentlichen reformatorischen Durchbruchs – war sich der Notwendigkeit guter Sterbevorbereitung bewusst. Seine Haltung zu Tod und Auferstehung figuriert prominent in einem randvoll gefüllten Sammelband zum Thema Todesfurcht und Lebenslust im Christentum, herausgegeben von der lutherisch geprägten Bruderschaft St. Georgs-Orden.

    Peter Zimmerling vergleicht einst und heute, wenn er konstatiert: „Die Furcht früherer Generationen vor einem unvorbereiteten Tod wurde abgelöst durch die Sehnsucht nach einem plötzlichen friedlichen Einschlafen.“ Die heutige Haltung, den Tod so lange wie möglich zu verdrängen, um ihn dann möglichst schnell und schonend zu erleiden, war Luther und seiner Generation – gleichgültig ob der alten oder der reformierten Kirche zugehörig – völlig fremd. Ars moriendi-Bücher waren weit verbreitet. Luther selber hat 1519 eine Abhandlung „Von der Bereitung zum Sterben“ beigesteuert, getränkt von seiner neuen Sicht. „Weil Jesus Christus (...) am Kreuz die Schuld der Menschen ein für allemal getragen hat, braucht kein Mensch länger – weder im Leben noch im Tod – für seine Sünden zu büßen. Er muss fortan die göttliche Strafe weder im Fegefeuer noch im Jüngsten Gericht fürchten. Dadurch kommt eine ganz neue Wärme in das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Der Glaube verleiht die Gewissheit, im Leben und im Sterben von der Liebe Gottes getragen zu sein“, so der Autor. In den Gemeinden wurden die Lieblingslieder des Verstorbenen notiert, nach Möglichkeit sang oder las man sie ihm dann in der letzten Stunde vor.

    So verwundert nicht, dass die Gesangbücher des 16. und 17. Jahrhundert einen hohen Anteil an Sterbeliedern aufweisen. Sie schwingen sich, wie Zimmerling nachweist, bis hin zu einer mystischen Vereinigung des Sterbenden mit dem leidenden Jesus am Kreuz auf. Insbesondere die Werke von Paul Gerhardt gehören zum kostbarsten, was das Luthertum hinterlassen hat. „Tröster der Menschheit“ wird er hier genannt. Umso trauriger, was Autor Zimmerling, Professor für Praktische Theologie in Leipzig, zu seiner eigenen Kirche zu sagen hat: „In den letzten Jahren ist verschiedentlich die Trostunfähigkeit der evangelischen Kirche beklagt worden. (...) Hingewiesen sei (...) auf eine Tendenz zur Ethisierung oder vordergründigen Politisierung kirchlicher Texte und Stellungnahmen im Bereich der EKD. Sie erwecken mitunter den Eindruck, als ob sich unter dem Modebegriff einer ,öffentlichen Theologie‘ eine ,Oberflächentheologie‘ verbirgt, deren lebensdienliche und trostspendende Kraft allerdings äußerst gering ausgeprägt ist.“

    Gedanklich und sprachlich herausragend ist der Beitrag von Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die danach fragt, ob Sterben ein Gewinn ist. Sie geht die Weltreligionen und ihr Jenseits-Denken durch, das ja häufig nur ein gesteigertes Diesseits darstellt und stellt dagegen die christliche Sicht. Christlichem Denken entspräche unbedingt die Botschaft von der Auferstehung auch des Fleisches. Die Evangelien beginnen folgerichtig mit der Fleischwerdung des Gottessohnes und enden mit dessen leiblichem Tod. Die Autorin wendet sich gegen die heute verbreitete Unschärfe: „Neuerdings ist es modisch geworden, den Unglauben an die fleischliche Auferstehung Jesu als noch größeren Glauben auszugeben.“ Aber: „Der Gott, der wegen der Menschen (...) menschliches Fleisch annahm, hat auch das Fleisch miterlöst.“ Gerl-Falkovitz erklärt: „Der angeborene Fehler unserer Vorstellung ist, dass wir uns Leib ausschließlich an Ort, Zeit und Materie gebunden, ihren empirischen Beschränkungen unterworfen, vorstellen können. Wie Jesus auferstanden aussah, lässt sich nicht vorstellen, aber die Zeugen (und wie viele) haben ihn leibhaft erlebt, und jedes Mal umwerfend.“ So kann das Christentum, gegen ganz anders geformte Überzeugungen, daran festhalten: „Der Mensch wird nicht aufgelöst, er wird getröstet und verwandelt. Statt der endgültigen Löschung verheißt die Schrift Transformation, heilige Wandlung und Erhöhung. Gott ist nicht der Vernichter, sondern der Vollender der Identität.

    Sebastian Kleinschmidt vergleicht das Todes-Thema bei Elias Canetti und Ernst Jünger, die einander entgegengesetzte Positionen vertraten. Beide Autoren umkreisen den Tod in ihrem Werk, beide starben sehr alt. Jüngers Antwort lautet, wörtlich: „Überwindung der Todesfurcht ist Aufgabe des Autors, das Werk muss sie ausstrahlen.“ Canetti sagt dagegen: „Der Tod ist die erste und älteste, ja man wäre versucht zu sagen, die einzige Tatsache. (...) Solange es den Tod gibt, ist jeder Spruch ein Widerspruch zu ihm. Solange es den Tod gibt, ist jedes Licht ein Irrlicht, denn es führt zu ihm. Solange es den Tod gibt, ist nichts Schönes schön, nichts Gutes gut.“ Schon sehr früh sieht Kleinschmied bei Jünger, der im Ersten Weltkrieg dem Tod sehr nah kam, eine metaphysische Haltung wachsen, während Canetti bei seinem Hass auf den Tod – und damit auch auf die Religion, die nur falschen Trost spende – blieb. Für Canetti, der Schreckliches in der Kindheit erlebte, ist der Tod eine schwarze Wand, und dahinter nichts. In Jüngers Werk dagegen machte schon Gerhard Nebel, einer seiner frühesten Deuter, eine „dunkle christliche Unterströmung“ aus, die dann schließlich kurz vor seinem Tod zur Konversion in die katholische Kirche führte. So kann der Dichter schreiben: „Der Tod ist keine Endstation, eher ein Umsteigen: Man lässt den Körper wie einen Koffer zurück, vielleicht sogar als lästiges Gepäck.“ Vielschichtige Ein- und Ansichten in diesem stimmigen Band.

    Thomas A. Seidel/Ulrich Schacht (Hrsg.): Tod, wo ist dein Stachel?

    Todesfurcht und Lebenslust im Christentum. Ev. Verlagsanstalt,

    Leipzig 2017, 279 Seiten,

    ISBN 978-3-374-05003-1, EUR 24,–

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