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    „Einsicht in die Wahrheit“

    Frankfurt (DT/KNA) Im Streit um eine christliche Judenmission hat der Philosoph Robert Spaemann missionarische Bemühungen der Kirchen gegenüber Juden verteidigt. Es sei eine Frage des Taktes, auf welche Weise Christen gegenüber Juden für ihren Glauben einträten, schreibt Spaemann unter Verweis auf das belastete historische Erbe am Dienstag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Kirche dürfe auch aktiv darum bitten, „dass alle Menschen zu dem kommen, was die Christen für eine Einsicht in die Wahrheit halten“, schreibt der Philosoph: „Wenn die katholische Kirche in ihrer Liturgie für alle Menschen Gott bittet, dann folgt aus der Einzigartigkeit ihres Verhältnisses zu dem ,älteren Bruder‘, dass sie es für die Juden in gesonderter Weise tun muss. Wie Papst Gregor der Große es den Christen verbot, die Juden zu Änderungen ihrer gottesdienstlichen Riten zu drängen, so sollten sich auch die Christen nicht vorschreiben lassen, in welcher Weise sie ihrer Liebe zu den Juden im Gebet Ausdruck geben.“

    Frankfurt (DT/KNA) Im Streit um eine christliche Judenmission hat der Philosoph Robert Spaemann missionarische Bemühungen der Kirchen gegenüber Juden verteidigt. Es sei eine Frage des Taktes, auf welche Weise Christen gegenüber Juden für ihren Glauben einträten, schreibt Spaemann unter Verweis auf das belastete historische Erbe am Dienstag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Die Kirche dürfe auch aktiv darum bitten, „dass alle Menschen zu dem kommen, was die Christen für eine Einsicht in die Wahrheit halten“, schreibt der Philosoph: „Wenn die katholische Kirche in ihrer Liturgie für alle Menschen Gott bittet, dann folgt aus der Einzigartigkeit ihres Verhältnisses zu dem ,älteren Bruder‘, dass sie es für die Juden in gesonderter Weise tun muss. Wie Papst Gregor der Große es den Christen verbot, die Juden zu Änderungen ihrer gottesdienstlichen Riten zu drängen, so sollten sich auch die Christen nicht vorschreiben lassen, in welcher Weise sie ihrer Liebe zu den Juden im Gebet Ausdruck geben.“

    Wenn Jesus die Sünden aller Menschen getragen habe, so Spaemann, dann dürfe man nicht ausgerechnet die Angehörigen seines Volkes davon ausnehmen. In diesem Zusammenhang schlägt Spaemann vor, die von Papst Benedikt XVI. im Jahr 2008 für die außerordentliche Form des römischen Ritus formulierte lateinische Karfreitagsfürbitte auch für die Gottesdienste nach muttersprachlichem Ritus zu übernehmen. Ausdrücklich spricht Spaemann von einer „untadeligen Neufassung“ und erinnert daran, dass das nachkonziliare Stundenbuch in der Vesper des zweiten Mittwochs der Osterwoche darum bete, dass Gott die Juden erleuchte möge, damit sie den „Sinn der Verheißung verstehen, die ihren Vätern gegeben wurde“.

    Im vergangenen Jahr hatte der Papst die Karfreitagsfürbitte für den alten Ritus neu gefasst. Gemäß der Formulierung des Papstes wird darum gebetet, dass die Juden „Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen“.

    Spaemann wandte sich zugleich gegen einseitige Darstellungen der christlich-jüdischen Geschichte. Schon die Päpste des Mittelalters hätten wiederholt ungebührlichen Eifer in der Missionierung der Juden verboten und einen Schutz des jüdischen Bekenntnisses gefordert. Es sei nicht fair, die Kirche für alle Gewalttaten „von Obrigkeiten und Pöbel“ gegen die Juden verantwortlich zu machen. Umgekehrt habe es auch von jüdischer Seite im Römischen Reich und im Mittelalter „hemmungslose Schmähkritik“ gegen die Christen gegeben. Im Alten Rom hätten Juden mit der Staatsmacht kooperiert, um Christen zu beseitigen. Nach dem babylonischen Talmud sei das Bekenntnis zu Jesus als dem Messias ein todeswürdiges Verbrechen gewesen.