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    Eins mit dem Gekreuzigten

    Es gibt literarische Werke, die ihren Gegenstand „erschöpfend“ behandeln: Die einen erschöpfen durch die Langatmigkeit oder auch Ungenauigkeit ihrer Darlegungen den Leser, die anderen schöpfen auf informative, gründliche, aber interessante Weise ihr Sujet gleichsam so vollständig aus, dass es darüber nicht leicht weiteres zu sagen gibt. Ein erschöpfendes Buch im letzteren, zutiefst positiven Sinne hat Prälat Emmeram H. Ritter über die dem Regensburger Bistum entstammende selige Anna Schäffer (1882–1925) geschrieben. Papst Benedikt wird sie am 21. Oktober heiligsprechen.

    Die selige Anna Schäffer mit ihrer Mutter Theresia. Als Anna Schäffer 1925 starb, setzte der Ortspfarrer im Sterbebuch s... Foto: KNA

    Es gibt literarische Werke, die ihren Gegenstand „erschöpfend“ behandeln: Die einen erschöpfen durch die Langatmigkeit oder auch Ungenauigkeit ihrer Darlegungen den Leser, die anderen schöpfen auf informative, gründliche, aber interessante Weise ihr Sujet gleichsam so vollständig aus, dass es darüber nicht leicht weiteres zu sagen gibt. Ein erschöpfendes Buch im letzteren, zutiefst positiven Sinne hat Prälat Emmeram H. Ritter über die dem Regensburger Bistum entstammende selige Anna Schäffer (1882–1925) geschrieben. Papst Benedikt wird sie am 21. Oktober heiligsprechen.

    Das Leben Anna Schäffers ist schnell berichtet. Sie wurde 1882 in Mindelstetten als drittes von acht Kindern einer einfachen, gläubigen Handwerkerfamilie geboren und noch am Tag ihrer Geburt getauft. Mit sehr guten Noten schloss sie die Volksschule ab. Weißen Sonntag 1893 empfing Anna die erste heilige Kommunion. Früh erwachte in ihrem Herzen die Sehnsucht, Ordensschwester zu werden. Um die dazu nötige Mitgift zu verdienen, arbeitete sie in Regensburg bei einer Homöopathin. Später verdingte sie sich in ihrer Heimat in der Landwirtschaft, um die in ihrer Familie nach dem Tod des Vaters eingetretene Not lindern zu helfen. Weitere Tätigkeiten führten sie nach Sandershof und Stammham. Dort ereignete sich 1901 der schreckliche Unfall, der das weitere Leben der Anna Schäffer prägte: Eine Verbrühung im Waschhaus, die die Füße und Unterschenkel der jungen Frau erfasste, machte sie im Grunde für den Rest ihres Lebens zu einem Pflegefall.

    Schon früher war auch durch Vision und Traumgesicht eine mystische Tiefe der echten Frömmigkeit der Anna Schäffer geoffenbart worden. In welcher Weise Anna Schäffer die schwere zweite Hälfte ihres Lebens meisterte, wie sie die Not und das Leid bewältigte, beschreibt Ritter so: „Durch die besondere Begnadigung Gottes hat Anna Schäffer, als Werkzeug des Herrn, durch ihr Leben, Leiden und Sterben sich als Wegweiserin zu Gott und zum ewigen Leben bewährt. Sie hat ihre unsagbaren Schmerzen in der vollkommenen Vereinigung mit dem gekreuzigten Christus durchlitten und zum Ausdruck ihrer totalen willentlichen Hingabe an den Willen Gottes gemacht.“

    Die Quelle ihrer Kraft war hierzu die heilige Eucharistie: „Für sie [Anna Schäffer] bedeutete der Kommunionempfang das Zentralereignis, den Höhe- und Mittelpunkt des Tages, auf den hin alles konzentriert wurde. Immer wieder berichtete sie in ihren Briefen und Aufzeichnungen darüber.“ Pfarrer Karl Rieger von Mindelstetten war ihr ein erleuchteter geistlicher Begleiter und Seelenführer. Die demütige, liebevolle, aus der Kraft Christi gute Wegweisung schenkende Art der Dulderin zog die Menschen an ihr Lager: „So kamen sie – und es kamen von Jahr zu Jahr immer mehr – zu ihrem Krankenbett, brachten ihr kleine Gaben und tauschten dafür weit kostbarere Geschenke ein: klug mahnende, mitleidende, tröstende, beratende und erheiternde Worte. Denn so still Anna auch sonst war, fremdem Leid gegenüber ging ihr Herz und Mund auf.“

    Prälat Ritters Werk ist in vieler Hinsicht vorbildlich: Es ist mit dokumentarischer Genauigkeit, dennoch mit Liebe verfasst und zeichnet sich durch eine glaubensstärkende, glaubenstreue Tendenz aus. Immer ist der Verfasser darauf bedacht, in seinem biografischen Werk Anna Schäffer in den Kontext ihrer kirchlichen und politischen Umwelt hineinzustellen. Ritter schreibt einen gut verständlichen, schnörkellosen Stil. Besonders wichtige Kapitel seiner Darlegung sind natürlich das heroische Tugendleben der Mystikerin, von der gut bezeugt ist, dass sie die Wundmale Christi trug, ihre Spiritualität, ihre „Anteilnahme an den Nöten der Zeit“ und ihr Briefapostolat. Wertvoll sind auch die Ausführungen über die Mutter der Seligen und über Pfarrer Karl Rieger. Man kann das weit ausgreifende Werk Ritters im Großen und Ganzen nur loben und den Verfasser zu seiner akribischen Arbeit beglückwünschen.

    Einige kleine Kritikpunkte seien jedoch gestattet: Hier und da offenbart der geschätzte Verfasser in politischer Hinsicht vielleicht in etwas weitem Umfang seine eigenen Anschauungen, an denen sich Kritik entzünden muss: Der sehr positiven Sicht der Person des Bayernkönigs Ludwig II., die Ritter an den Tag legt, wird man sich nach der Lektüre des biografischen Standardwerks von Franz Herre nicht einschränkungslos anschließen können. Ferner zitiert Ritter die bekannte, von Konrad Adenauer schon 1922 beanstandete Äußerung Kardinal Faulhabers: „Die Revolution [von 1918] war Meineid und Hochverrat und bleibt in der Geschichte erblich belastet und mit dem Kainsmal gezeichnet!“ Daran fügt Ritter als Kommentar an: „Dem ist nichts hinzuzufügen.“ Hier wie auch auf Seite 145, wo Ritter, dem man seinen bayerischen Föderalismus gerne zugesteht (und mit dem man um die Problematik Deutschlands nach 1918 weiß), die Weimarer Republik sehr missverständlich als „unglückseligen Einheitsstaat“ bezeichnet, glaubt man, nicht richtig gelesen zu haben.

    Und ob eine Ausrufung der Monarchie in Bayern 1933 als Gegenmaßnahme gegen Hitler etwas anderes bewirkt hätte als einen blutigen Bürgerkrieg, dürfte doch gewissen Zweifeln unterliegen. Die dringende Bitte an Verfasser und Verlag: Man verzichte doch auf die etwas starke Betonung der Politik und vermeide Unnötiges und Anfechtbares! Ebenso sei noch ein weiterer kleiner Hinweis erlaubt: Das Todesdatum von Anna Schäffers Schwester Kreszentia ist laut Verfasser „nicht zu eruieren“; als Begründung wird genannt, dass „die [Wohn-] Pfarrei in Torgau nicht herauszufinden sei“. Es mag sein, dass pfarramtliche Bücher durch Kriegseinwirkung zerstört wurden, dann lässt sich in der Tat hier nichts machen; ansonsten könnte eine Abfrage aller katholischen, in dem immerhin kleinen Torgau in Frage kommenden Ämter das Gesuchte doch wohl zutagefördern.

    Eine besondere Freude aber ist bei der Lektüre in Emmeram Ritters Werk – um wieder mit dem dominierenden Positiven zu schließen – die Erkenntnis, dass es zwischen Anna Schäffer und der heiligen Theresia von Lisieux bedeutsame Berührungspunkt gibt, was etwa beider letzte Worte angeht. Auch die Anrufung des Heiligsten Antlitzes durch Anna Schäffer könnte geradezu theresianischem Schrifttum entsprungen sein. Anderes ließe sich nennen. Ritter trifft das Wesentliche, wenn er schreibt: „Wir können durchaus annehmen, dass sie durch die Lektüre ,Die Geschichte einer Seele‘ und wahrscheinlich auch aus dem Gebet auf dem Andachtsbildchen [Theresias, das Anna Schäffer geschenkt wurde] etwas von der liebenden Hingabe und Opferbereitschaft dieser zeitgenössischen großen Heiligengestalt gespürt und daraus neuen Mut und Anregung für die eigene Spiritualität geschöpft hat.“ Theresia von Lisieux ist gerade in den letzten Lebensjahren Anna Schäffers, 1923 beziehungsweise 1925, selig- und heiliggesprochen worden.

    Theresia, die Kirchenlehrerin, und Anna Schäffer haben beide gezeigt, wie es möglich ist, in allem Leiden den Glauben an den guten Gott lebendig und leuchtkräftig zu bewahren. Da das Kreuz ungesucht in jedem Menschenleben steht, hat auch Anna Schäffer den Menschen von heute etwas zu sagen. Wer in ihre Lebensgestaltung hineinwächst, der wird in aller menschlichen Armseligkeit immer gottgefälliger leben. So wird Heiligkeit zu einer realen Möglichkeit.

    Emmeram H. Ritter: Anna Schäffer. Eine Selige aus Bayern: Verlag Schnell + Steiner, 2011, Regensburg, 688 Seiten, gebunden ISBN 978-3-7954-2545-6,

    EUR 24.95