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    Einladung zum ehrlichen Dialog

    In den vergangenen Jahrzehnten ist das ökumenische Gespräch in den Gemeinden öfter davon gekennzeichnet gewesen, dass kontroverse Punkte – Sakramente, Marienverehrung, Papsttum – „im Interesse eines guten Miteinanders“ gerne ausgeklammert wurden. Dass Ökumene dadurch zu einer zuweilen unwahrhaftigen, in jedem Fall unsachgemäßen Angelegenheit wurde, hat man zu bedauern. Eine Harmonie zu niedrigen Preisen, befördert öfter durch eine Haltung der Glaubensschwäche, die Christen aller Konfessionen bereit machte, sich von wesentlichen Positionen ihres Bekenntnisses zu trennen, ist vielleicht mitverantwortlich dafür gewesen, dass in der jüngeren Generation oft ein Gähnen darüber einsetzt, wenn von Ökumene die Rede ist. Gemeint sind nicht Distanzierte, denen Glaubensunterschiede ohnehin gleichgültig sind, oder jene, die dahinter allenfalls noch überholte Machtpositionen diverser „Kirchenobrigkeiten“ sehen, sondern gerade sehr aktive und entschiedene junge Christen, die ein volles Ja zu ihrem Glauben sagen. Als Seelsorger macht es einen traurig zu hören, dass Ökumene für sie ungefähr so „sexy“ ist wie das Miteinander in einem betulichen Kreis bei Tee und alten Weihnachtsplätzchen.

    Bei Licht besehen passt die Marienverehrung auch zum lutherischen Schriftverständnis. Die Aufnahme zeigt die Einsetzung ... Foto: KNA

    In den vergangenen Jahrzehnten ist das ökumenische Gespräch in den Gemeinden öfter davon gekennzeichnet gewesen, dass kontroverse Punkte – Sakramente, Marienverehrung, Papsttum – „im Interesse eines guten Miteinanders“ gerne ausgeklammert wurden. Dass Ökumene dadurch zu einer zuweilen unwahrhaftigen, in jedem Fall unsachgemäßen Angelegenheit wurde, hat man zu bedauern. Eine Harmonie zu niedrigen Preisen, befördert öfter durch eine Haltung der Glaubensschwäche, die Christen aller Konfessionen bereit machte, sich von wesentlichen Positionen ihres Bekenntnisses zu trennen, ist vielleicht mitverantwortlich dafür gewesen, dass in der jüngeren Generation oft ein Gähnen darüber einsetzt, wenn von Ökumene die Rede ist. Gemeint sind nicht Distanzierte, denen Glaubensunterschiede ohnehin gleichgültig sind, oder jene, die dahinter allenfalls noch überholte Machtpositionen diverser „Kirchenobrigkeiten“ sehen, sondern gerade sehr aktive und entschiedene junge Christen, die ein volles Ja zu ihrem Glauben sagen. Als Seelsorger macht es einen traurig zu hören, dass Ökumene für sie ungefähr so „sexy“ ist wie das Miteinander in einem betulichen Kreis bei Tee und alten Weihnachtsplätzchen.

    Mit dem von Thomas A. Seidel und Ulrich Schacht im Auftrag der Erfurter Evangelischen Bruderschaft St.-Georgs-Orden herausgegebenen, in Kooperation der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig und des katholischen Bonifatius-Verlags Paderborn publizierten Band „Maria. Evangelisch“ lässt sich dagegen im ökumenischen Gespräch etwas anfangen. Es bietet echten Diskussionsstoff. Der im Buch enthaltene Aufsatz von Martin Leiner „Solus Christus – Christus allein. Ein evangelischer Kommentar zur katholischen Marienfrömmigkeit“ lässt katholische Christen zunächst einmal schlucken, weil die Unterschiede, die zwischen der traditionellen evangelischen wie der katholischen Lehre über Maria bestehen, mit einem hohen Maß an Deutlichkeit herausgearbeitet werden. Man wird der von Leiner vertretenen Sichtweise, die unter anderem die Gefahr zu bergen scheint, Fakten der Heilsgeschichte ihre Historizität zu nehmen, katholischerseits beileibe nicht in allem zustimmen können.

    Aber sind klare Worte nicht allemal begrüßenswerter als Verwaschenheit? Nur Klartext verhilft dazu, eine innere Auseinandersetzung in Gang zu bringen, an deren Ende auch eine neue Sicherheit im eigenen Bekenntnis stehen kann – neben einem verstärkten Bemühen, den eigenen Glauben unverkürzt, aber so klar und leuchtend auszusagen, dass Bedenken und Schwierigkeiten auf der anderen (evangelischen) Seite abgebaut werden können. Ökumene scheint in ihren menschlichen Anteilen zu einem nicht unerheblichen Maße gerade darauf zu beruhen: Dass man sein je eigenes Glaubensbekenntnis immer besser kennenlernt und es immer transparenter „begründen“, mindestens darstellen kann.

    Eine ähnliche Wirkung wie Leiners Aufsatz auf katholische Leser entfaltet, übt das „Geleitwort eines katholischen Laien“ aus der Feder von Thibaut de Champris möglicherweise auf protestantische Leser aus. Er spricht mit großer, schonungsloser, analytischer Entschiedenheit über den Kampf gegen die Marienverehrung im französischen Katholizismus der Nachkonzilszeit: „Eine grundlegend falsche, im Nachhinein grotesk erscheinende Interpretation des Konzils hatte einen Großteil des französischen Klerus dazu gebracht, Maria in die Verbannung zu schicken, die Gotteshäuser ausstattungsmäßig zu calvinisieren und die Liturgie brutalstmöglich zu verarmen. Interessanterweise ging das mit der Verbannung des Tabernakels einher. Auch Er, der nach katholischer Überzeugung in der konsekrierten Hostie real gegenwärtige Herr, war nicht mehr zu finden.“

    De Champris berichtet dann weiter, wie in Frankreich gerade dort die Kirche zu neuer Blüte gelangt ist, wo man die Gottesmutter weiter und wieder verehrt. Ihm ist bewusst, wie sehr es – zumal für evangelische Christen – provokant klingen muss, wenn er fragt: „Wird ... nicht Marienlosigkeit früher oder später auch Gottlosigkeit?“ Doch hat sein Resümee zweifellos auch das Potenzial, für manche Protestanten zu einer Einladung zu werden: „In Frankreich hat man auf jeden Fall gesehen, was passiert, wenn man Maria ganz aus dem Blick verliert – aber auch was passieren kann, wenn man sich auf sie, die radikal Gottvertrauende, besinnt.“

    Anregend ist die breitgefächerte Themenpalette des von Seidel und Schacht herausgegebenen Buches, das die Kunst mit einbezieht. Aufmerksam wird man sich gerade auch Alan Poseners Beitrag „Tochter Zion? Maria als jüdische Mutter“ registrieren. Bemerkenswert ist die Aufnahme von Luthers Magnifikat-Kommentar in das Werk, der eine „einst auch im Protestantismus noch selbstverständliche Nähe zur Mutter Jesu, des Gottessohnes“ zeigt.

    In Martin Leiners oben behandeltem Aufsatz liest man sicher als Katholik dankbar die Worte: „Gerade in den Ansprachen von Papst Benedikt XVI. werden die Einzigkeit Jesu Christi als alleinigem Erlöser und die Rolle Marias als uns zu Christus führende Mutter hervorgehoben. Werden in dieser Weise die Einzigkeit Christi und die Gemeinschaft Marias mit Christus immer wieder angesprochen, dann ist der tiefste Einwand, auf dem der evangelische Sonderweg beruht, nämlich das solus Christus, im Prinzip integriert.“ Dennoch zeigt der ganze Band insgesamt, dass in Bezug auf die Gottesmutter manche Unterschiede zwischen Katholisch und Evangelisch nach wie vor nicht zu unterschätzen sind. Neuerlich wird deutlich, wie sehr das Werk der Wiedervereinigung der Christen letztlich nicht menschlich „Selbstgemachtes“ sein kann, sondern bei allem notwendigen ökumenischen Einsatz der Christen Gnadenwirken des Heiligen Geistes sein muss.

    Den Herausgebern ist für ein anregendes Buch herzlich zu danken. Es ist freilich eher für solche geeignet, die theologische Vorkenntnisse, zumindest ein entsprechendes Interesse, verbunden mit einer gefestigten Glaubenshaltung, besitzen, als dass es ein eigentliches Volksbuch wäre. Doch vermag es sicher im multiplikativen Sinne Gutes zu stiften.

    Thomas A. Seidel/Ulrich Schacht, Maria. Evangelisch. Evangelische Verlagsanstalt GmbH: Leipzig 2011. 269 Seiten, ISBN-13: 978-3-374-02884-9, EUR 19,80