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    „Eine überzogene Erwartung“

    Der im Vatikan für Ökumenefragen zuständige Kardinal Kurt Koch hat Vorwürfe gegen Benedikt XVI. zurückgewiesen, er habe bei seinem Deutschlandbesuch ökumenische Erwartungen enttäuscht. Im Gespräch mit Johannes Schidelko von der Katholischen Nachrichten-Agentur äußert er sich über die Anliegen des Papstes und dessen Botschaft beim Deutschlandbesuch.

    Kardinal Koch tritt für eine differenzierte Sicht des Reformationsgedenkens ein. Foto: KNA

    Der im Vatikan für Ökumenefragen zuständige Kardinal Kurt Koch hat Vorwürfe gegen Benedikt XVI. zurückgewiesen, er habe bei seinem Deutschlandbesuch ökumenische Erwartungen enttäuscht. Im Gespräch mit Johannes Schidelko von der Katholischen Nachrichten-Agentur äußert er sich über die Anliegen des Papstes und dessen Botschaft beim Deutschlandbesuch.

    Herr Kardinal, wie haben Sie die Deutschlandreise des Papstes erlebt?

    Ich habe sie als eine seiner sehr starken Reisen erlebt. Der Papst hat seine zentrale Botschaft „Wo Gott ist, da ist Zukunft" in verschiedenen Hinsichten und Situationen entfaltet. Damit hat er eine starke Botschaft gebracht.

    Nach den ökumenischen Begegnungen in Erfurt war in den Medien von Enttäuschung die Rede. Was sagen Sie dazu?

    Enttäuschungen hängen immer von den Erwartungen ab. Wenn die Erwartungen realistisch sind, wird es nicht zu Enttäuschungen kommen. Wenn sie so sind, dass man vom Papst als dem obersten Leiter der gesamten Kirche beim Besuch eines Landes erwartet, dass er Fragen entscheidet, die die gesamte Kirche betreffen, so ist das eine überzogene Erwartung. Für den Papst standen die Begegnung mit den evangelischen Christen und das gemeinsame Gebet um die Einheit im Vordergrund.

    Es gab beim Treffen mit der Spitze der Evangelischen Kirche in Deutschland, das hinter verschlossenen Türen stattfand, sehr positive Worte des Papstes über Martin Luther, nicht aber beim anschließenden öffentlichen Wortgottesdienst? Warum?

    Der Papst sagt nicht jedes Mal das Gleiche. Beide Texte sind veröffentlicht und gehören zusammen. Im Gottesdienst wollte er mehr von der Schriftlesung ausgehen als von Luther. Die Äußerungen über Martin Luther gelten natürlich für die Begegnungen insgesamt.

    Als enttäuschend wurde auch bezeichnet, dass der Papst – wie er selbst sagte – kein ökumenisches Gastgeschenk mitbrachte. Kam er mit leeren Händen?

    Es hängt davon ab, was man unter Gastgeschenk versteht. Der Papst hat es als politisches Verhandlungsmandat interpretiert, das er da mitbringen würde. Und das hat er abgelehnt. Neben dem Besuch selbst hat er die deutliche Botschaft gebracht, dass wir dankbar sein dürfen für das, was wir in den vergangenen Jahrzehnten an Einheit geschenkt bekommen haben, und dass wir dies auf keinen Fall verlieren dürfen.

    Mancher hatte sich vom Papst konkrete Äußerungen des Papstes zum Reformationsgedenken 2017 erwartet. Tut sich dort nichts?

    Man muss unterscheiden zwischen dem, was in Deutschland geschieht – und dazu wird sich der Papst wohl kaum äußern – und internationalen Initiativen. Die evangelisch-katholische Dialog-Kommission ist damit befasst, ein Dokument zu erarbeiten. Und der Papst selbst hat in einer Begegnung mit Leitern der evangelischen Kirche in Deutschland gesagt, dass man auf ein gemeinsames Gedenken zugehen will.

    Nach der Begegnung mit den Protestanten äußerte der Papst gegenüber den Orthodoxen die Hoffnung auf eine baldige Eucharistie-Gemeinschaft – eine Äußerung, die sich auch Protestanten erhofft hatten. War das eine „Ohrfeige“, wie deutsche Medien formulierten?

    Das ist ein völliges Missverständnis. Der Papst hat bei der Begegnung mit den Orthodoxen den Wunsch nach einer vollen Kirchengemeinschaft, und daher auch nach einer Eucharistiegemeinschaft, zum Ausdruck gebracht hat. Dieser fundamentale Zusammenhang zwischen Kirchengemeinschaft und Eucharistiegemeinschaft wird von den evangelischen Christen so nicht geteilt.

    Nach den Äußerungen des Papstes zu Luther ist gemutmaßt worden, dies sei eine Rehabilitierung des Reformators.

    Der Papst hat das sehr Positive aufgezeigt, die Leidenschaft der Gottesfrage, von der Luthers ganzer Weg geprägt worden ist. Und der Papst hat daraus geschlossen, dass wir heute dieselbe Leidenschaft brauchen. Damit hat er einen wesentlichen Grundzug des Lebens und Wirkens Luthers positiv gewürdigt. Er hat die Schattenseiten, die es im Leben Luthers ebenfalls gibt, nicht erwähnt. Insofern kann man nicht pauschal von einer Rehabilitierung sprechen.

    Was hat der Papstbesuch in Deutschland insgesamt für die Ökumene gebracht?

    Er hat eindeutig gezeigt, dass der Weg der Ökumene, den die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeschlagen hat, unhintergehbar ist und es keine Alternative dazu gibt. Und dass der Papst bestrebt ist, die Ökumene weiterzuführen und sie vor allem vom Christusbekenntnis her zu vertiefen – auch mit den Kirchen der Reformation. Das war ja der zweite Punkt der Würdigung des Papstes zu Luther, er hat dessen Christozentrik sehr stark hervorgehoben. Allerdings trat in der Diskussion und der Berichterstattung der Dialog mit den Evangelischen ganz in den Vordergrund – und die Begegnung mit den Orthodoxen geriet ins Hintertreffen. Immerhin gibt es 1, 6 Millionen Orthodoxe in Deutschland. Dieser Realität muss man sich in der ökumenischen Diskussion in Deutschland stärker stellen.

    Auch die Begegnung mit dem Judentum ist in der Öffentlichkeit ziemlich untergegangen. Wie war dieses Treffen?

    Der Papst hat in seiner Ansprache sehr starke Worte gebraucht. Er hat nochmals deutlich auf die unlösbare Zusammengehörigkeit von Christentum und Judentum hingewiesen. Er hat betont, dass wir gemeinsam Zeugnis zu geben haben von dem Gott, der sich in der biblischen Botschaft offenbart hat – und zwar in der unlösbaren Einheit von Altem und Neuem Testament.