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    Eine orthodoxe Insel im Schwarzwald

    Sie gehört zu den Wahrzeichen der mondänen Kurstadt im nördlichen Schwarzwald – die russische Kirche „Verklärung Christi“ in der Lichtentaler Straße. Viele Touristen halten an, um schnell ein Foto des malerischen Kirchleins mit der typischen vergoldeten Kuppel zu schießen. Am 28. Juli feierte die Gemeinde zusammen mit allen anderen russisch-orthodoxen Gläubigen in der Ukraine, Weißrussland und Russland den „Tag der Taufe der Rus“. Er erinnert an den heiligen, apostelgleichen Wladimir von Kiew, Großfürst der sogenannten Kiewer Rus, historisches Vorläuferreich der drei genannten slawischen Länder. Wladimir ließ sich am 28. Juli 988 anlässlich seiner Hochzeit mit der byzantinischen Prinzessin Anna taufen: der Beginn der Christianisierung seines Reiches

    Die Wundertätige Ikone des heiligen Nikolaus von Myra. Foto: Barbara Wenz

    Sie gehört zu den Wahrzeichen der mondänen Kurstadt im nördlichen Schwarzwald – die russische Kirche „Verklärung Christi“ in der Lichtentaler Straße. Viele Touristen halten an, um schnell ein Foto des malerischen Kirchleins mit der typischen vergoldeten Kuppel zu schießen. Am 28. Juli feierte die Gemeinde zusammen mit allen anderen russisch-orthodoxen Gläubigen in der Ukraine, Weißrussland und Russland den „Tag der Taufe der Rus“. Er erinnert an den heiligen, apostelgleichen Wladimir von Kiew, Großfürst der sogenannten Kiewer Rus, historisches Vorläuferreich der drei genannten slawischen Länder. Wladimir ließ sich am 28. Juli 988 anlässlich seiner Hochzeit mit der byzantinischen Prinzessin Anna taufen: der Beginn der Christianisierung seines Reiches

    In der Verklärungskirche wird auch heute wieder die Liturgie gefeiert, die auf den heiligen Johannes Chrysostomus und den heiligen Basilius zurückgeht, und von der einst Wladimirs Botschafter, die einem Gottesdienst in der Hagia Sofia beiwohnten, schwärmten: „Wir wissen nicht, ob wir im Himmel waren oder auf Erden, denn auf Erden gibt es einen solchen Anblick und eine solche Schönheit nicht. Dort verweilt Gott selbst bei den Menschen, und ihre Gottesdienste sind herrlicher als in jedem anderen Land. Wir können eine solche Schönheit nicht vergessen.“

    Ein vielleicht 20-jähriger junger Mann eilt auf die Kirche zu. Noch bevor er sie betritt, erweist er der Ikone, dem Mosaik an der Außenfassade, das Jesus auf dem Berg Tabor zeigt, seine Verehrung durch dreimaliges Bekreuzigen und einen Kniefall. Drinnen hat der Priester zu Beginn des Gottesdienstes den ganzen Raum mit dem Weihrauchfass abgeschritten – mit diesem leichten, feinen und besonders blumig duftenden Weihrauch, wie er typisch ist für einen russisch-orthodoxen Gottesdienst. Über ein Dutzend Gläubige hat sich bereits eingefunden – fast alle Frauen im Alter von 25 bis 50 Jahren, mit langen Röcken und bedecktem Haar. Junge Mütter haben ihre Kinder mitgebracht und sitzen mit ihnen in einer vorübergehend eingerichteten Spielecke, andere Frauen zünden Kerzen an einem der vielen Kerzentische an und verehren die ausgestellten Ikonen, deren Gold- und Silbereinfassungen im Schein der typischen langen, bleistiftdünnen und goldgelben Wachslichter aufglühen.

    Ein Heiligenbild fällt besonders durch seine Prächtigkeit auf: Es ist das silbern strahlende wundertätige Bildnis des heiligen Nikolaus von Myra, hinter dessen Glasscheibe eine Vielzahl von Dankesgaben wie Eheringe und anderer Schmuck, aufgefädelt auf einem Kettchen, bezeugen, dass der heilige Nikolaus geholfen hat.

    Hinter der Ikonostase, der dünnen Wand mit den drei Türen, die den Altar vom Rest des Kirchenraumes abtrennt, beten singend im Wechsel der Priester und sein Chor – es entfaltet sich die göttliche Liturgie mit der Gabenbereitung. Es ist eine einreihige Ikonostase. Links und rechts von der vergoldeten, der „königlichen“ Pforte mit Darstellungen der Verkündigung Mariens und den vier Evangelisten finden sich Ikonen der Gottesmutter und Jesus Christus. Durch diese goldene Schwingtür kommt der Herr, der „König der Könige“, während der Liturgie symbolisch durch das Evangelium, zum anderen in den Gestalten der heiligen Kommunion. Auf den beiden Türen seitlich daneben sieht man die beiden Erzengel Michael und Gabriel. Für die zweite Reihe, welche diese typische Trennwand sonst schmückt, war der Kirchenraum zu klein, deshalb hat man an der oberen Hinterwand, gut sichtbar für die Gläubigen, noch Fresken mit alttestamentarischen Propheten angebracht. Ebenfalls der Raumnot geschuldet befindet sich die Patronatsikone, das bereits erwähnte Mosaik, über dem Portal an der Außenfassade.

    Während des Gottesdienstes füllt sich das Kirchlein mehr und mehr. Schon die Allerkleinsten laufen auf wackeligen Füßchen zur mit Blumen geschmückten Tagesikone, dem heiligen Fürsten Wladimir, um vor ihr das Kreuz zu schlagen – von rechts nach links, um den Sieg Jesu über den Teufel anzuzeigen. Mutter, Vater oder älteres Geschwisterlein heben sie empor, damit sie die Ikone küssen können. Immer wieder und wieder, in unermüdlicher Wiederholung, antwortet der Chor auf das priesterliche Fürbittgebet mit dem intonierten „Gospodi pomiluj!“ – dem Kyrie eleison, dem „Herr erbarme dich“ auf kirchenslawisch.

    Als der Priester mit dem Allerheiligsten durch die königliche Pforte tritt, knien alle Anwesenden zunächst nieder, bevor sie vortreten. Die Kinder zuerst, sie bekommen den mit heißem Wasser verdünnten, gewandelten Wein, bis sie sieben Jahre alt sind. Danach, so die Auffassung der russischen Orthodoxie, hat sich ihr Gewissen gebildet und sie können, sofern sie gebeichtet haben, auf einem Löffel zusammen mit dem Blut auch den Leib Christi empfangen. Ein rotes Tuch wird von den Messdienern jedem Kommunizierenden untergehalten, der Mund danach abgetupft, damit auch nicht ein Partikel vom Allerheiligsten verloren gehe. Um völlig sicher zu sein, dass von dem kostbaren Fleisch und Blut unseres Erlösers, das sie gerade zu sich genommen haben, auch nichts verloren geht, ja ganz verinnerlicht wird, trinken die Gläubigen einen Schluck Tee oder Wasser nach der Kommunion, welches an einem separaten Tisch bereitgestellt ist. Weil der 28. Juli ein Feiertag ist, folgt noch ein gemeinsames Gebet des Priesters mit seiner Gemeinde vor der Ikonostase, während dem alle in Richtung Altar blicken.

    Heute sei es nicht ganz so feierlich gewesen, sagt Vater Spuling mit einem entschuldigenden Achselheben, der Chor sei nicht vollzählig gewesen, die meisten hätten nur am Wochenende Zeit. Einige Gläubige verabschieden sich noch persönlich von ihm, erbitten seinen Segen, küssen seine Hand. Rund 100 Seelen betreue er in seiner Gemeinde, darunter auch Serben und Deutsche. Er führt auch durch die Gemeinschaftsräume und das kleine Kirchenmuseum in der Krypta, die zugleich die Grablege von Prinzessin Maria Maximilianova, gestorben 1914, und der Fürstin Tatjana Gagarina, gestorben 1920, darstellt; beide Frauen waren jahrelang große Förderinnen der Gemeinde, zu der einstmals solche Berühmtheiten wie Sergej Rachmaninow, Fjodor Schaljapin, Olga Tschechowa und andere zählten.

    Von der Vergangenheit führt das Gespräch wieder in die Gegenwart: Ein paar Straßenecken weiter findet sich die kleine Schule, die zur Gemeinde gehört. Mehr als 50 Kinder lernen dort in hellen, freundlichen und modernen Räumen auf freiwilliger Basis Religion, Geschichte, Russisch und russische Literatur, sie musizieren und führen Schauspielstücke auf – eine lebendige Bereicherung des Gemeindelebens.

    Das Treffen zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill sei ein Zeichen guten Willens gewesen, ein gemeinsamer Einsatz für christliche Werte und gegen Christenverfolgung. Doch für eine ökumenische Zusammenarbeit bräuchte es noch weitaus mehr, sagt Vater Spuling ernst. Die beiden wichtigsten Hinderungsgründe dabei sind das „filioque“ – die Orthodoxen glauben, dass der Heilige Geist nur vom Vater und nicht auch vom Sohne ausgehe, und letztlich die Person des Papstes – seine „Unfehlbarkeit“ – selbst. Vater Spulings Miene hellt sich wieder auf, als er die Fotos der letzten Theateraufführung seiner Schule vorzeigt. Wir geben uns zum Abschied ebenso freundschaftlich wie nachdenklich die Hand – hinweg über einen Graben von fast 1 000 Jahren.