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    Eine freche Täuschung des Lesers

    Rom (DT) Bereits das neue Vorwort zur deutschen Ausgabe ist verwirrend: Da beschwert sich Autor Gianluigi Nuzzi seitenlang über die Tatsache, dass sein Hauptinformant, der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele, nach der Enttarnung und Verhaftung in eine Zelle auf Vatikangebiet eingewiesen und dort zwei Monate festgehalten wurde. Normalerweise, so Nuzzi, würden gefasste Täter von den vatikanischen Sicherheitsbehörden nach der Feststellung der Personalien an die italienische Justiz übergeben und in Italien wandere wegen Diebstahls sowieso niemand ins Gefängnis, auch wenn er auf frischer Tat ertappt worden sei. Das mag stimmen. Doch warum wählt Nuzzi diesen Einstieg, um sein „Vatileaks“-Buch, dessen deutsche Fassung in dieser Woche unter dem Titel „Seine Heiligkeit – Die geheimen Dokumente aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.“ auf den Markt kommt, dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren? Hat er ein schlechtes Gewissen, dass die diebische Elster im Umfeld des Papstes, die ihm selber so manches vertrauliche Papier in das gemachte Nest legte, dafür hinter Gitter musste?

    Rom (DT) Bereits das neue Vorwort zur deutschen Ausgabe ist verwirrend: Da beschwert sich Autor Gianluigi Nuzzi seitenlang über die Tatsache, dass sein Hauptinformant, der päpstliche Kammerdiener Paolo Gabriele, nach der Enttarnung und Verhaftung in eine Zelle auf Vatikangebiet eingewiesen und dort zwei Monate festgehalten wurde. Normalerweise, so Nuzzi, würden gefasste Täter von den vatikanischen Sicherheitsbehörden nach der Feststellung der Personalien an die italienische Justiz übergeben und in Italien wandere wegen Diebstahls sowieso niemand ins Gefängnis, auch wenn er auf frischer Tat ertappt worden sei. Das mag stimmen. Doch warum wählt Nuzzi diesen Einstieg, um sein „Vatileaks“-Buch, dessen deutsche Fassung in dieser Woche unter dem Titel „Seine Heiligkeit – Die geheimen Dokumente aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI.“ auf den Markt kommt, dem deutschsprachigen Publikum zu präsentieren? Hat er ein schlechtes Gewissen, dass die diebische Elster im Umfeld des Papstes, die ihm selber so manches vertrauliche Papier in das gemachte Nest legte, dafür hinter Gitter musste?

    Jedenfalls scheint Nuzzi die Schwere und Gefährlichkeit des Vergehens Gabrieles nicht bewusst zu sein. Denn immerhin ist der Papst kein Tourist, dem man im Petersdom mal so eben die Brieftasche klaut, sondern Oberhaupt eines Staats und geistliches Oberhaupt der größten Religionsgemeinschaft der Welt. Den überführten Butler konnte die vatikanische Gerichtsbarkeit nicht – wie manche Taschendiebe oder auffällige Spinner – der italienischen Polizei übergeben. Dieses Vergehen ist im Inneren der römischen Kurie geschehen. Das muss der Vatikan selber aufklären und – anders auch als im Falle des Papstattentäters Ali Agca – durch seine eigenen Organe untersuchen lassen.

    Immerhin: Im deutschen Vorwort nennt Nuzzi den „Leitgedanken meines Buchs“ – und der lautet so: „Die heiligen Hallen Roms und die Kirche sind zwei völlig verschiedene Welten, die vielleicht schon so lange auseinanderdriften, dass sie nicht mehr zusammenzubringen sind.“ Um es gleich zu sagen: Unter den von Nuzzi veröffentlichten 25 (mehr sind es nicht!) Papierstücken aus dem Apostolischen Palast gibt es nicht ein einziges, das diesen „Leitgedanken“ auch nur halbwegs belegen könnte.

    Man darf von dem Buch „Seine Heiligkeit“ also nicht erwarten, nun die Wahrheit über die wichtigsten oder vielleicht die übelsten oder erschütterndsten Vorgänge im Vatikan zu erfahren. Man erfährt sie nicht. Stattdessen liest es sich wie das Psychogramm zweier Menschen: des Autors und seines Hauptinformanten Gabriele. Nuzzi sieht sich in der Erzählung, wie die Dokumentation der geklauten Papiere zustande gekommen ist, gerne in der Rolle des Geheimagenten, der mit Ablenkungsmanövern, Gegenüberwachungen und Treffen an unbekannten Orten ein Netz von Informanten aufbaut und pflegt.

    Und über den Butler Gabriele kann man sich nur wundern. Nuzzi beschreibt ihn im eigentlichen Vorwort zu seinem Buch so: „Der Mann sammelte alle möglichen Dokumente, Rundschreiben, Briefe sowie Kontoauszüge aus dem Vatikan und studierte sie nachts in seinem privaten Arbeitszimmer, neugierigen Blicken entzogen. Nach vielen Fragen, auf die er keine Antworten fand, nach Überraschungen, bitteren Erkenntnissen und Zweifeln, begann er schließlich bewusster auszuwählen, gezielter, planvoller.“ Allein dieser Satz ist eine freche Täuschung des Lesers, wenn man dann sieht, um was für wahllos zusammengeklaubte Dokumente es sich tatsächlich handelt. Und weiter: „Das Unbehagen, das er“ – der Kammerdiener – „empfand, veranlasste ihn mit der Zeit auch zu kritischen Äußerungen. Er schloss sich mit ähnlich denkenden Menschen zusammen, die im Vatikan leben und arbeiten. So entstand eine kleine Gruppe, deren Mitglieder zwar ganz unterschiedliche Funktionen und Ämter in der Kurie innehaben, aber durch denselben Entschluss vereint sind: zu dokumentieren, zu verstehen und Zeugnis abzulegen.“ Nochmals: Auch von „Zeugnis ablegen“ findet sich in dem Buch nicht die geringste Spur. Aber das Zitat belegt zumindest, dass die These von Gabriele als einem Einzeltäter wohl eine Erfindung seines – inzwischen zurückgetretenen – Anwalts war.

    Zu diesem nicht unwichtigen Punkt, wer denn die Hintermänner und Komplizen Gabriele waren und sind, ein weiteres Zitat, entnommen dem ersten Kapitel, wo es um den Informanten mit dem Decknamen „Maria“, also Gabriele, geht. Hier lässt Nuzzi den Butler selber zu Wort kommen: „Im Laufe der Jahre habe ich mich mit Kollegen und Freunden zusammengesetzt, die hier im Vatikan leben oder arbeiten. Wir haben uns mit den Dingen beschäftigt und dann rasch gemerkt, dass uns die gleichen Vorgänge stutzig machten, dass wir die gleiche Kritik übten, aber auch die gleiche Frustration darüber empfanden, den vielen Vergehen, persönlichen Interessen und verschwiegenen Wahrheiten machtlos gegenüberzustehen. Wir sind eine Gruppe von Leuten, die das Unrecht dokumentieren und handeln wollen.“

    Wenn man dieser scheinbar bedeutungsschweren Aussage dann die Dokumente und damit verbundenen Vorgänge gegenüberstellt, die das Buch öffentlich macht, weiß man nicht, ob man lachen oder schimpfen soll. Es ist einfach lächerlich, was Nuzzi dem Leser als Belege für den Nachweis „der Wahrheit“ oder „des Unrechts“ im Vatikan verkauft. Eine Auswahl: Ein Dokument ist ein Schreiben des Apostolischen Nuntius in Berlin zu einer Ausstellung von Uniformen der vatikanischen Gendarmerie und Schweizer Garde in Freiburg. Ein weiteres enthält die knappe Empfehlung des damaligen Staatssekretärs im Büro des Ministerpräsidenten für einen Journalisten R. Dann geht es um 10 000 Euro, die der bekannte italienische Fernsehjournalist Bruno Vespa dem Papst spendet, was er mit der Frage nach einer möglichen Begegnung mit Benedikt XVI. verbindet. Oder der Chef der vatikanischen Gendarmerie, Domenico Giani, macht dem päpstlichen Privatsekretär Vorschläge zur Behandlung von Automobilherstellern, die dem Papst ein Papamobil stiften wollen. Es gibt auch Dokumente, die wichtige Dinge behandeln, etwa die Frage der Immobiliensteuerpflicht der Kirche und die entsprechenden Bestimmungen der Europäischen Union oder die Beurteilung der Weltwirtschaftskrise durch den ehemaligen Präsidenten des vatikanischen Geldinstituts IOR. Aber auch da, wo es um mögliche Skandale geht, etwa die Versetzung des Sekretärs der Verwaltung des Vatikanstaats als Nuntius nach Washington oder Briefe des über eine Intrige gestolperten Chefredakteurs der katholischen Tageszeitung „Avvenire“, zeichnet die wenigen von Nuzzi abgedruckten und kommentierten Papiere nur eines aus: Sie passen nicht zusammen, sie erklären nichts, was „die Wahrheit“ oder „das Unrecht“ im Vatikan sein könnten. Und den oben zitierten Leitgedanken Nuzzis untermauern sie überhaupt nicht.

    Noch ein paar Sätze zu dem Kapitel, das der Autor eigens für den deutschen Markt in sein Machwerk eingeflickt hat: Es trägt den Titel „Pornografie bringt die Kirche in Verlegenheit – Der Weltbild-Skandal“, umfasst sieben Seiten und geht im Wesentlichen auf einen Bericht zurück, den der Untersekretär in der für die Beziehung zu den Staaten zuständigen Abteilung des vatikanischen Staatssekretariats für seine Vorgesetzten über das bischöfliche Verlagshaus mit Sitz in Augsburg verfasst hat. Dieser Bericht muss auch den Papst erreicht haben, denn von Privatsekretär Georg Gänswein ist die handschriftliche Notiz vom 2. November 2011 zu lesen, dass Benedikt XVI. entschieden habe, es müsse sofort gehandelt werden. Sieben Seiten, die absolut nichts Neues sagen.

    Wer das Buch bis zum Ende durchgeblättert hat, muss zu dem Schluss kommen, dass hier ein im Stil der Geheimdienste daherkommender Journalist die Leserschaft für dumm verkaufen und selbst ein ordentliches Sümmchen Geld verdienen wollte. Und über den Kammerdiener Gabriele und seine Mittäter kann man weiterhin nur rätseln: Wie soll es dem Papst helfen, Dokumente zu veröffentlichen, die der Heilige Vater selber schon alle in der Hand gehalten hat? Es sind seltsame Blüten, die das abgekapselte Leben im Raumschiff „Vatikan“ da bei dem einen oder anderen getrieben haben mag.

    Gianluigi Nuzzi: Seine Heiligkeit – Die geheimen Dokumente aus dem Schreibtisch von Papst Benedikt XVI. Piper Verlag, München Zürich 2012, 415 Seiten, EUR 22,99