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    Eine Schere tut sich auf

    Skepsis vor dem Missbrauchs-Gipfel: Der Vatikan zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Von Guido Horst

    Gegen Bischof Gustavo Zanchetta liegen seit Jahren schwere Vorwürfe vor. Der Fall hat die Glaubwürdigkeit des Papstes be... Foto: IN

    Es ist das erste Mal, dass die Spitzen aller Bischofskonferenzen mit Papst und Kurienvertretern zu einem viertägigen Treffen in der Synodenaula des Vatikans zusammenkommen, um über eine zentrale, das Leben der ganzen Kirche berührende Notlage zu beraten. Und wie bei allen „ersten Malen“ muss dem Ereignis auch eine konkrete Gestalt gegeben werden. Die kristallisiert sich allmählich heraus. Nachdem sich Franziskus vergangene Woche mit dem Vorbereitungskomitee der „Mini-Synode“ getroffen hatte, teilte der Vatikan in einer Note mit, dass der Missbrauchs-Gipfel vom 21. bis 24. Februar eine Mischung aus Arbeitstreffen und geistlicher Einkehr werden solle. Es werde Vollversammlungen geben mit den Wortmeldungen der Teilnehmer sowie Sitzungen von verschiedenen Arbeitsgruppen, aber auch Augenblicke des gemeinsamen Gebets, man werde Zeugnisse hören und es solle eine Bußliturgie und einen abschließenden Gottesdienst geben. Der Papst werde bei allen Programmpunkten anwesend sein.

    Zum Vorbereitungskomitee gehören Kardinal Blase Cupich aus Chicago, Kardinal Oswald Gracias aus Bombay und Maltas Erzbischof Charles Scicluna sowie der deutsche Psychologe Hans Zollner SJ als Leiter des päpstlichen Kinderschutzzentrums an der Gregoriana. Auch der Leiter der päpstlichen Kinderschutzkommission, Kardinal Sean Patrick O'Malley, und die Italienerinnen Gabriella Gambino und Linda Ghisoni, Untersekretärinnen des Dikasteriums für Laien, Familie und das Leben, sind in die Vorbereitungsphase eingebunden. Der Missbrauchsgipfel selbst wird dann die Rückkehr eines alten Bekannten erleben: Der ehemalige Vatikansprecher Pater Federico Lombardi, heute Präsident der vatikanischen Stiftung „Joseph Ratzinger – Benedetto XVI.“, wird die Vollversammlungen im Plenum der Synodenaula moderieren.

    Die Aufgabe des Treffens, das Berichterstatter und Medien aus aller Welt in Rom mit höchster Aufmerksamkeit verfolgen werden, hatte der neue Editions-Direktor aller vatikanischen Medien, der italienische Buchautor und Journalist Andrea Tornielli, in seinem ersten Leitartikel im „Osservatore Romano“ Anfang Januar unter das Motto „Konkretheit und Bewusstheit“ gestellt: Das Ziel des Gipfels bestehe „sehr konkret darin, dass sich jeder, der daran teilgenommen hat, bei der Rückkehr in seine Heimat absolut darüber im Klaren ist, was man angesichts dieser Fälle – von Missbrauch – zu tun und nicht zu tun hat. Welches sind die Schritte, um die Opfer zu schützen, im Respekt vor der Wahrheit und der beteiligten Personen, um sicherzustellen, dass nie mehr ein Fall vertuscht wird oder versandet.“ Man stehe nicht mehr am „Punkt Null“, so Tornielli weiter, in den zurückliegenden sechzehn Jahren seien schon bedeutende Schritte unternommen und Normen festgelegt worden, um schnell gegen diejenigen vorzugehen, die sich dieser Vergehen schuldig gemacht hätten.

    Genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister. Anscheinend ist der Vatikan nicht bereit, in den Fällen Klarheit zu schaffen, an denen er selber beteiligt ist. Inzwischen hat der emeritierte – aber immer noch die Amtsgeschäfte führende – Erzbischof von Washington, Donald Wuerl, zugegeben, dass er von den Vorwürfen gegen seinen Vorgänger Theodore McCarrick gewusst und diese nach Rom weitergeleitet habe.

    Zunächst hatte er immer das Gegenteil behauptet. Aber als ihm jetzt die Diözesen Pittsburgh und Washington widersprachen, schrieb Wuerl in einem am 15. Januar unterzeichneten Brief an die Priester der Erzdiözese Washington, dass er 2004 vom „unangemessenen Verhalten“ des damaligen Bischofs von Baltimore, Theodore McCarrick, erfahren habe, was er aber dann vergessen haben soll. Erst jetzt habe er sich daran erinnert. Auch im Fall des argentinischen Bischofs Gustavo Zanchetta, dessen Rücktritt als Ordinarius von Orán Papst Franziskus im August 2017 angenommen, ihm aber dann einen Posten als Assessor in der Vatikanischen Güterverwaltung APSA verschafft hatte, muss sich der Vatikan noch erklären. So hat der frühere Generalvikar von Bischof Zanchetta, Juan Jose Manzano, jetzt der „Washington Post“ zufolge erklärt, dass er 2015 persönlich den Vatikan über digitale Nacktselfies seines Vorgesetzten und dessen unangemessenes Verhalten gegenüber Seminaristen informiert habe. Manzano erläuterte außerdem, dass Papst Franziskus in seiner Zeit als Kardinal in Buenos Aires der Beichtvater von Zanchetta gewesen sei und ihn als seinen geistlichen Sohn behandelt habe. Noch Anfang Januar hatte der kommissarische Vatikansprecher Alessandro Gisotti erklärt, die Anklagen des sexuellen Missbrauchs gegen Zanchetta hätten den Vatikan erst im Oktober vergangenen Jahres erreicht.

    Das ist die Schere, die sich derzeit für den Vatikan auftut: Einerseits erklärt man vollmundig die hehren Ziele des Missbrauchs-Gipfels Ende Februar, andererseits erfahren Bischöfe und Gläubige in aller Welt durch die Medien, dass Rom selber ein Ort war und offensichtlich immer noch ist, wo belastende Dossiers in den Schubladen verschwinden – von den Anklagen des ehemaligen Nuntius Carlo Naria Vigano ganz zu schweigen. Das ist nicht der Weg, wie man verloren gegangene Glaubwürdigkeit zurückgewinnt.

    Bearbeitet von Guido Horst

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