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    Eine Rettung

    Nächstenliebe sieben Tage pro Woche ohne Pause: Im Kinderheim Poconas der Josefsschwestern im bolivianischen Sucre. Von Andreas Drouve

    Schwester Verónica
    Schwester Verónica arbeitet seit fünfzehn Jahren in Poconas. Unten: Impressionen aus dem Heim. Foto: Drouve

    Schwester Verónica hat heute früh eingekauft, wie jeden Freitag. Auf zwei Märkten, ohne Zwischenhändler, unterstützt von helfenden Händen. 300 Eier, über 30 Kilo Möhren, 20 Kohlköpfe, einen halben Zentner Tomaten, 20 Pfund Hackfleisch. Dazu Mangold, Spinat, Kürbisse. Die Wochenvorräte für das Heim. Den altersschwachen Land Cruiser für den Transport steuert die Schwester stets selbst. Ein wenig ausruhen müsste sie nun, doch dazu bleibt keine Zeit. Das Kinderheim Poconas, in dem sie seit eineinhalb Jahrzehnten tätig ist, verlangt nach vollem Einsatz. Sieben Tage pro Woche.

    „Hermanas de San José“ steht draußen am Ziegelbau im Viertel Poconas, das außerhalb des historischen Herzens von Sucre liegt, der Hauptstadt Boliviens. Draußen röhren Minibusse vorbei, in der Nähe blüht der Klein- und Kleinsthandel, wie überall im ärmsten Land Südamerikas. „Hermanas de San José“, das sind die Josefsschwestern. Das Mutterhaus hat seinen Sitz in Trier. „Sozial benachteiligten Menschen, besonders Frauen und Kindern, wollen wir Chancen für ihr Leben ermöglichen“, lautet ein Antrieb der apostolisch tätigen Ordensgemeinschaft. Das Mädchenheim in Sucre ist dahingehend vorbildhaft. Hier sind fünf Schwestern tätig, eine Niederländerin, die betagte Oberin Rita, und vier Bolivianerinnen, darunter Schwester Verónica, 46. Sie stammt aus Potosí aus einer gläubigen Familie. Bereits mit neun Jahren wollte sie Nonne werden. „Gott hat mich gerufen, hier fühle ich mich verwirklicht“, sagt sie. Natürlich absorbiere die Arbeit „viel Energie“. Abends falle sie todmüde ins Bett.

    Im Mädchenheim Poconas leben derzeit 89 Kinder, Jugendliche, junge Frauen. Die Altersspanne reicht von wenigen Tagen bis 20 Jahre. Neben Unterbringung und Verpflegung erhalten sie eine erzieherische, schulische und emotionale Betreuung. Seit letztem Jahr läuft zusätzlich ein Musikprojekt mit Flöten-, Gitarren- und Ballettunterricht. Die Öffnung neuer Horizonte gebe mehr Möglichkeiten für die Zukunft, unterstreicht Musiklehrer René Figueroa, 32.

    Gesplittet ist das Heim in die Bereiche Babyhaus (bis zwei Jahre), Kleinkinderhaus (zwei bis vier Jahre) und Internat (ab vier Jahre). Unter den Mädchen gebe es Waisen und Halbwaisen, umreißt Schwester Verónica, aber auch Kinder von Prostituierten und welche, deren Eltern auf der Suche nach einem besseren Leben emigriert sind, nach Chile oder Spanien. Manche bäuerliche Familien seien so arm, dass sie nicht wissen, wie sie den Nachwuchs satt kriegen sollen. „Babys kommen sehr unterernährt her“, so die Schwester. Die Vermittlung läuft über das Jugendamt. Die Schulbesuche erfolgen extern, die Abläufe im Heim sind enorm komplex. Dies allein können die Josefsschwestern nicht stemmen. Zum Personal zählen fünf Erzieherinnen, zwei Pförtnerinnen, zwei Nachhilfelehrerinnen, eine Köchin und drei Küchenhilfen, eine Nachtwächterin im Internat und fünf Krankenschwestern wie Dani Limachi, 31, die Babys bis zu siebenmal täglich mit Milch versorgen. Dazu kommen diverse Stipendiatinnen, „Mädchen vom Land“, so Schwester Verónica, denen das Heim ebenfalls eine Perspektive schafft. Zwei von ihnen kümmern sich um die hauseigene Wäscherei, wo täglich viele Waschmaschinenladungen rotieren. Andere wie Erminia Mendoza, 14, wechseln Windeln im Babybereich. Darüber hinaus fallen den Heranwachsenden und jungen Frauen im Internat unterschiedlichste Gemeinschaftsaufgaben zu. „Fenster putzen mag ich gar nicht, Pflanzen gießen schon“, sagt Vanessa Rodriguez, 18. Seit sie fünf ist, lebt sie im Heim Poconas. Warum? „Meine Mama hat mich hierher gebracht“, erklärt sie ohne Bitternis. Die Mutter komme jedes Wochenende zu Besuch vorbei. Im Heim fühle sie sich gut aufgehoben und könne dort sogar wohnen bleiben, falls sie studiere. „Medizin vielleicht“, sagt sie. Ihr Notenschnitt ist sehr gut. Dass sie im Internat in einem Viererzimmer lebt, stört sie nicht. Natürlich mangele es an Privatsphäre, doch man gewöhne sich daran. Hat sie einen Traum? „Ja, ich will reisen“, sagt sie, „zu all den wichtigen touristischen Orten.“

    Die Wocheneinkäufe von heute haben Schwester Verónica 15 000 Bolivianos gekostet, umgerechnet knapp 200 Euro. Viel Geld für Bolivien. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Zwar übernimmt der Staat die Gehälter des angestellten Personals und gibt gewisse Zuschüsse für die Kinder – doch das reicht hinten und vorne nicht aus. Die Ausgaben reichen von Reparaturen am Haus über Schulmaterial und Medikamente bis zu Waschpulver und Klopapier. Und bei speziellen Operationen stiehlt sich Vater Staat aus der Verantwortung.

    „Düren ist unser großer Unterstützer“, bekräftigt Schwester Verónica. Im Aufenthaltsraum erinnert ein Porträt an Pfarrer Bernhard Gombert (1932–2013), den Initiator der Partnerschaft zwischen der Dürener Pfarrgemeinde Sankt Anna/Sankt Lukas und dem Kinderheim Poconas. Alles begann 1977 mit einem Zufallskontakt über die Josefsschwestern, die das Kinderheim seit Mitte der sechziger Jahre leiten. Nach Anfängen mit Sammlungen von Baby- und Kinderkleidung, die fleißige Hände in Pakete verpackten, geht es heute um Spendengelder.

    Verwaltungsgebühren? Gar keine!

    Kollekten, Privatspenden und ideenreiche Initiativen, bei denen Schüler Benefizläufe starten oder eine Musikband ein Event in einem Kulturzentrum veranstaltet, spülen jedes Jahr einige zehntausend Euro in die Kasse. „Das Geld kommt eins zu eins an. Bei uns gibt es keine Verwaltungsgebühren, und wenn wir hinüberfliegen, bezahlen wir das selbst“, bekräftigt Rudolf Meurer, einer der Motoren des Dürener Förderkreises Poconas.

    Was würde passieren, wenn keine Spendengelder aus Deutschland mehr flössen? „Dann müssten wir schließen“, sagt Schwester Verónica nachdenklich, aber dieses Szenario mag sie sich nicht ausmalen. Helfen, so die Schwester, könne man auch mit der Übernahme einer persönlichen Patenschaft für ein Mädchen, ob mit zehn oder 50 Euro oder mehr im Monat. Dies ließe sich über die Zentrale in Trier regeln, die Spendenquittungen ausstelle.

    Findet Schwester Verónica im Alltag doch einmal Ruhe? Am ehesten sonntags, räumt sie ein, „dann trinken wir Schwestern Tee zusammen, spielen manchmal Karten, lachen.“ Und natürlich jederzeit im Gebet, „wenn ich nur sage: Herr, hier bin ich“. Dann spüre sie die Stille seiner Gegenwart, „das gibt mir die notwendige Energie, um weiterzumachen“.

    Ein letzte Frage: Lässt sich Poconas „ein Paradies für die Mädchen“ nennen? So weit will Schwester Verónica nicht gehen. „Es ist eine Rettung“, sagt sie.

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