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    Eine Reise nach Jerusalem

    Zwei Jahre hat der Franzose Vincent Gelot Christen im Orient besucht. Von Jean-Marie Dumont

    Um tausende Kilometer Wegstrecke und viele Erfahrungen reicher: Vincent Gelot am Ziel seiner Reise. Foto: IN

    Paris (DT) Alles begann im Libanon. In Beirut absolvierte Vincent Gelot ein Praktikum bei einer Nichtregierungsorganisation. Auch wenn er katholisch war, kannte er die Orientchristen nicht besonders. Maroniten, Griechisch-Orthodoxen, Syrisch-Katholiken … die Verschiedenheit der Christen, die im Libanon anwesend sind, faszinierte ihn. Er träumte auch von einer großen Reise in der Tradition französischer Reisender wie Nicolas Bouvier oder Nicolas Kessel. Einige Monate vor dem Besuch von Papst Benedikts XVI. im Libanon im September 2012 entschied er sich, eine achtmonatige Reise zu organisieren, um den christlichen Gemeinschaften des Orients im weiteren Sinne – vom Iran bis Kasachstan, von den Vereinigten Arabischen Emiraten bis Äthiopien, von Ägypten bis Armenien, Georgien und Azerbaidjan, vom Afghanistan bis zum Irak – entgegenzufahren. Seine Reise sollte in Wirklichkeit mehr als zwei Jahre dauern.

    Fünf Jahre später arbeitet Vincent Gelot nun für das französische Hilfswerk L?Oeuvre d?Orient, das seit seiner Gründung im Jahre 1856 die christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten unterstützt. Seine Reise hat er in einem herrlichen illustrierten Buch erzählt, das vor einigen Monaten erschienen ist (Chrétiens d?Orient, Périple au coeur d?un monde menacé, Herausgeber Albin Michel, September 2017, 272 Seiten). Am Freitag hat er in Paris einen Vortrag über seine Initiative gehalten. In der Pariser Kirche Notre-Dame des Champs nicht weit entfernt vom berühmten Literatenviertel Saint Germain des Prés und vom Sitz des L?Oeuvre d‘Orient hörten etwa hundert Personen – darunter viele junge Menschen – seinem Bericht zu.

    Bevor er Frankreich und Beirut verließ, hatte Vincent Gelot ein dickes Notizbuch gekauft. Er versteckte es in seinem Renault 4. Als er Zeit mit einer lokalen christlichen Gemeinschaft verbrachte, schlug er seinen Gastgebern vor, einige Sätze hineinzuschreiben, etwas zu zeichnen oder zu malen. „Am Anfang wussten die Leute nicht genau, was sie schreiben konnten“, erklärte er während des Vortrags in Paris. „Aber mit der Zeit, als sie sahen, dass Christen anderer Länder etwas hineingeschrieben hatten, wurde es leichter. Und wenn ich erklärte, dass das Ziel meiner Reise Jerusalem war, waren sie sehr ergriffen und wollten etwas in Bezug auf dieses Ziel schreiben“, so Vincent Gelot. Trotz der oft schwierigen Verhältnisse dieser Reise – das Wetter, die technischen Probleme mit dem Auto, zeitweise Schwierigkeiten mit den Behörden –, blieb das Buch während seiner ganzen Reise unbeschädigt. Im Jemen hatte Vincent wirklich Angst, das Buch zu verlieren. Als er am Flughafen ankam, wurde er verhaftet und verhört. Die Behörden hatten seinen Namen auf einer „schwarzen Liste“ entdeckt. Er stand unter Polizeiaufsicht ohne die Möglichkeit, die Botschaft zu kontaktieren. Zwei Tage später wurde er mit seinem Gepäck und dem wertvollen Buch ausgewiesen. Manchmal hatte er auch Schwierigkeiten mit Personen, die sahen, dass er aus Europa kam, und die von ihm Geld wollten. Die Wetterverhältnisse waren teilweise extrem: Schnee und Kälte im Winter in Zentralasien, Hitze im Irak oder in Ägypten. Aber nichts konnte das Buch beschädigen.

    Vincent Gelot ist ein diskreter Mann. Während der Konferenz sprach er nicht viel über seinen Glauben. Aber alles das, was er erzählt, gibt den Eindruck, dass jemand ihn während dieser Reise besonders unter seinen Schutz genommen hatte. Sein Buch befindet sich derzeit im Pariser Institut für die Arabische Welt (das berühmte kulturelle „Institut du Monde Arabe“ unweit der Kathedrale Notre-Dame von Paris). Es ist eines des 300 Kunstwerke, die im Rahmen einer Ausstellung „Christen des Orients. 2000 Jahre Geschichte“ präsentiert werden. Bis zum 14. Januar ist die Schau in Paris, vom 22. Februar bis zum 12. Juni 2018 im Musée des Beaux-Arts von Tourcoing zu sehen. Zwischen dem 13. Dezember und dem 14. Januar ist es auch möglich, den alten Renault 4 vor dem Institut zu bewundern.

    Was hat der mutige Student aus Nantes in zwei Jahren gesehen und entdeckt? Erstens: eine ungeahnte Vielfalt von Christen, mit ihren eigenen Geschichten, Traditionen und Riten, die der Begriff „Christen des Orients“ umfasst. In einigen der zweiundzwanzig Länder, die er durchquert hat, leben Christen seit den Anfängen des Christentums (Syrien, Ägypten, der Irak, Armenien...). In anderen, besonders in Zentralasien, sind viele erst vor einem Jahrhundert angekommen, als Stalin massive Deportationen erzwang. Zweitens hat er die Verschiedenheit ihrer Lebensbedingungen sehen können. In Kirgisistan oder Afghanistan sind die Christen kleine Minderheiten, in Ägypten, Äthiopien, den Vereinigten Arabischen Emiraten oder dem Iran, sind sie zahlreich. Im Irak lebten zum Zeitpunkt seiner Reise – sie endete im März 2014 in Jerusalem, einige Monate vor der Eroberung des Nordens des Iraks durch Daesh – wesentlich mehr Christen als heute. In Ländern wie dem Libanon und Armenien, sind sie ganz frei. Aber „im Aserbaidschan gibt es nur eine Kirche, in Baku, und in Kirgisistan gibt es nur vier Gemeinden“, erklärte er. Überall wurde er herzlich empfangen. Der Glaube seiner Gastgeber berührte ihn besonders. Gelot half mitunter Personen die er unterwegs traf, und diente zum Beispiel als Fahrer zwischen zwei von einer großen Distanz getrennten Kirchen oder Klöstern.

    Eine Reise von 60 000 Kilometer ist auch eine persönliche und geistliche Erfahrung. „Diese Reise hat mich verändert, das ist sicher“, erklärte er einige Monate nach seiner Rückkehr. „Ich bete nun viel mehr als früher. Gott ist ein Freund, ein Vater geworden. Und ich denke, dass ich meinen Glauben und meine Wurzeln besser kenne“.

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