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    Eine Kultur des Zuhörens für Europa

    Berlin (DT) Von Papst Johannes Paul II. stammt der Satz, dass Europa mit beiden Lungenflügeln atmen müsse, dem westlichen und dem östlichen. Seit vor 25 Jahren in Berlin die Mauer fiel, ist das mit neuer Kraft möglich. In Würdigung der Ereignisse von 1989 lud die Deutsche Bischofskonferenz für den 8. und den 9. November zu einer Diskussionsveranstaltung und einem Konzert unter dem Leitwort „Eine Ermutigung zum Atmen mit beiden Lungenflügeln“ nach Berlin ein.

    Auch ein Vierteljahrhundert danach bleibt nur Staunen über die friedliche Revolution von 1989: Ein Lichterpfad quer durc... Foto: KNA

    Berlin (DT) Von Papst Johannes Paul II. stammt der Satz, dass Europa mit beiden Lungenflügeln atmen müsse, dem westlichen und dem östlichen. Seit vor 25 Jahren in Berlin die Mauer fiel, ist das mit neuer Kraft möglich. In Würdigung der Ereignisse von 1989 lud die Deutsche Bischofskonferenz für den 8. und den 9. November zu einer Diskussionsveranstaltung und einem Konzert unter dem Leitwort „Eine Ermutigung zum Atmen mit beiden Lungenflügeln“ nach Berlin ein.

    Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, begann mit einem Dank an die Oppositionellen in der DDR und die anderen Menschen, die vor 25 Jahren auf die Straße gingen. Sie hätten Mut bewiesen, „da sie nicht wussten, ob es nicht doch eine chinesische Lösung geben“ würde: Im Juni 1989 hatte die kommunistische Führung in Peking die Reformbewegung mit Panzern niederwalzen lassen. Kardinal Marx erinnerte daran, dass es vor allem die evangelische Kirche in der DDR war, die Oppositionellen Räume für ihre Aktivitäten bot. Sie rang um die Friedfertigkeit der politischen Umwälzung und übernahm „das mühsame Amt der Moderation“ zwischen Vertretern des Staates und den Aufbegehrenden. Doch an den Montagsdemonstrationen in Leipzig und anderen Protestaktionen überall im Land hätten sich auch Katholiken beteiligt. Ermutigung habe es vom polnischen Papst und von der Solidarnoœæ-Bewegung gegeben, die im Juni 1989 die Parlamentswahlen in Polen gewonnen hatte.

    An dem folgenden Podiumsgespräch über den „Fall der Berliner Mauer und seine Folgen“ beteiligten sich der polnische Botschafter Jerzy Margañski, der emeritierte Erfurter Bischof Joachim Wanke, Tomo Vukcic, Militärbischof in Bosnien-Herzegowina, und der Chef des Bundespräsidialamtes David Gill. Dieser war nach der Wende Vorsitzender des Bürgerkomitees zur Auflösung der Stasi und baute später die Bundesbehörde für die Stasi-Unterlagen mit auf. Gill ist Jahrgang 1966; er wuchs in Sachsen als Sohn des Bischofs der Herrnhuter Brüdergemeinde auf. Dank seiner Sozialisation in der evangelischen Kirche und des Rückhalts, den er in der christlichen Gemeinschaft fand, hatte er die Kraft, sich im Wendeherbst an der Protestbewegung zu beteiligen: So hätten er und andere Christen frühzeitig gelernt, Initiative zu entwickeln und einen eigenen Standpunkt zu vertreten, während solche Fähigkeiten in den Schulen der DDR eher unterdrückt worden seien, berichtete David Gill. Im Sommer 1989 erlebte er als Tourist in Ungarn, wie DDR-Bürger massenhaft über Österreich in die Bundesrepublik flohen. Er hatte sich hingegen entschieden, in der DDR zu bleiben. Mit Freunden überlegte er, welches die angemessene Form des Protestes sei. „Ermutigung aus dem westlichen Ausland war für uns sehr wichtig“, sagte David Gill. Die Kontakte in den Westen hätten außerdem seinen Blick erweitert.

    Joachim Wanke, Jahrgang 1941, erlebte das ähnlich. Der emeritierte Bischof berichtete von den vielfältigen persönlichen Kontakten, die er und seine Glaubensbrüder und -schwestern während der DDR-Zeit zur Deutschen Bischofskonferenz und zu Mitgliedern des Zentralkomitees der deutschen Katholiken pflegten. Mit Christen in der Tschechoslowakei, in Polen und Ungarn hätten sie ebenfalls einen lebhaften Austausch gepflegt. Die Bücher aus dem katholischen St. Benno-Verlag in Leipzig seien in diesen Ländern eifrig gelesen worden. Auch mit evangelischen Christen in der DDR arbeitete Wanke auf vielfältige Weise zusammen. „Die Ökumene hat die Staatsmacht der DDR geängstigt“, resümierte er. Wie vielerorts in der DDR hätten sich auch in Erfurt Ausreisewillige in der Kirche eingefunden, um dort Rückhalt zu finden. Er habe sich für ihre Rechte eingesetzt. Den Schwerpunkt seiner Arbeit habe er „in der Entlarvung eines falschen Menschenbildes gesehen“, sagte Wanke. Auch heute habe die Kirche den Blick auf die Leidtragenden zu richten.

    Botschafter Jerzy Margañski erinnerte an die Kontakte zwischen Dissidenten in Polen und der DDR. Als in Polen zu Beginn der achtziger Jahren die unabhängige Gewerkschaft Solidarnoœæ erstarkte, starteten Oppositionelle in der DDR die Initiative „Lernt Polnisch!“ Damit zeigten sie ihre Solidarität und ihre Bereitschaft, sich Ideen der polnischen Protestbewegung anzueignen. Ein Unterschied zwischen den Oppositionellen beider Länder war nach Margañskis Worten, dass man in der DDR noch an die Reform des Sozialismus glaubte, in Polen jedoch nicht. Seine Landsleute hätten durch den polnischen Papst Ermutigung erfahren, sagte Jerzy Margañski. Als Student in Krakau erlebte er einen Besuch von Johannes Paul II. mit. Eine riesige Zahl von Menschen kam – trotz Bespitzelung durch den Geheimdienst und der Gefahr, dass die in Polen stationierten sowjetischen Soldaten eingreifen könnten.

    Tomo Vukcic, Militärbischof in Bosnien-Herzegowina, erinnerte daran, dass das Ende des Kommunismus nicht nur die Wiedervereinigung Deutschlands ermöglichte. Es hätte auch zum Zerfall Jugoslawiens geführt, eines Staates, „der von der Mehrheit der Bevölkerung nicht gewollt wurde“. Das künftige Europa brauche eine „gelebte ethnische Demokratie“.

    In der zweiten Diskussionsrunde sprachen die Bürgerrechtlerin und Regisseurin Freya Klier, der ehemalige Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Professor Hans-Joachim Meyer, und Professor Myroslav Marynovych von der Griechisch-Katholischen Universität Lemberg über „Das Ende des Kommunismus – Anfang von was?“ Die 1950 in Dresden geborene Freya Klier unternahm in den siebziger Jahren mehrere Reisen nach Polen, um sich mit Künstlern und Oppositionellen auszutauschen. Während in der DDR regimekritische Künstler von vielen ihrer Kollegen gemieden worden seien, habe es in Polen Solidarität und Austausch mit oppositionellen Künstlern gegeben, berichtete Klier. In Polen und auch beim Besuch eines Moskauer Theaterfestivals im Jahr 1985 habe sie Vorboten des Wandels in Osteuropa gespürt. So habe sie erlebt, wie sowjetische Soldaten auf den Moskauer Bühnen nun kritisch dargestellt wurden, während die Propaganda sie uneingeschränkt als Helden präsentiert hatte. Den neuen Blick der Theaterschaffenden auf die sowjetische Armee ermöglichte auch die Öffnungspolitik von Michail Gorbatschow, der im März 1985 an die Macht gekommen war. „Gorbatschow wollte jedoch keinen Systemwechsel, sondern einen Personalwechsel“, konstatierte Freya Klier. Die DDR sei „ein Vasallenstaat“ der Sowjetunion gewesen. Auf ihrem Territorium seien ständig eine halbe Million sowjetischer Soldaten und 10 000 Panzer stationiert gewesen.

    Hans-Joachim Meyer unterstrich, dass eine freiheitliche Ordnung in Europa nur möglich sei, wenn ein guter Kontakt zwischen den Nachbarn besteht. Menschenrechtsverletzungen in anderen Staaten müssten auch uns in Deutschland angehen, „sonst haben wir unsere Freiheit verraten“. Auch Myroslav Marynovych erinnerte an den enormen Einfluss von Johannes Paul II. auf die Oppositionellen in Osteuropa. Als Karol Wojty³a 1978 Papst wurde, saß der Ukrainer Marynovych in einem sowjetischen Lager ein. Ihm und vielen anderen politischen Gefangenen sei klar gewesen, dass dieser polnische Papst das Ende des Kommunismus einläutete.

    1975 hatten die sozialistischen Staaten die Schlussakte von Helsinki unterzeichnet und sich somit zur Wahrung von Grundrechten verpflichtet. Doch als Myroslav Marynovych 1976 eine Gruppe mitbegründete, die diese Menschenrechte einforderte, wurde er wegen „antisowjetischer Agitation und Propaganda“ zu Zwangsarbeit und Verbannung verurteilt. Die Sowjetunion hatte für die Ukrainer eine doppelte Identität, berichtete er: Sie symbolisierte erstens die russische Herrschaft und zweitens das totalitäre System. „Durch unseren Kampf für die Unabhängigkeit der Ukraine sind wir zu einem Teil Europas geworden“, betonte Marynovych. „Wir sind sehr stolz darauf.“ Als sich die Ukraine 1991 unabhängig erklärte, hätte die sowjetische Regierung erwartet, dass das Land binnen eines halben Jahres freiwillig unter die Fittiche Moskaus zurückkehrt. „Wir wissen heute: Die Ukraine kann ohne Russland existieren, aber Russland nicht ohne die Ukraine.“ Der jetzige russische Präsident Vladimir Putin habe die Verbrechen, die in der Sowjetzeit begangen wurden, nie bereut. „Lassen Sie mich Ihnen versichern“, betonte der Professor aus Lemberg: „Der Konflikt um die Ukraine ist kein lokaler Konflikt. Die baltischen Staaten und Polen kommen als Nächstes dran.“

    In der letzten Podiumsdiskussion sprachen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Kardinal Reinhard Marx und Boris Gudziak, Bischof der Ukrainisch-Katholischen Kirche des byzantinischen Ritus, über „Europäische Erfahrungen und Perspektiven 25 Jahre nach dem Mauerfall“ und die „Ecclesia in Europa“.

    Kardinal Reinhard Marx würdigte noch einmal die Strahlkraft der Ereignisse von 1989. „Im Handeln der Demonstranten zeigte sich eine politische Vernunft, die in der Lage war, die politischen Verhältnisse zu überschreiten“, sagte er. „Politische Vernunft braucht prophetische Kraft.“ Das künftige Europa solle „von einer Kultur des Zuhörens, statt der gegenseitigen Schuldzuweisungen“ geprägt sein. Die Werte des künftigen Europa sollten wir gemeinsam weiterentwickeln – statt dass wie im Ostblock eine Macht versucht, ihre Werte anderen unter Zwang überzustülpen. Auch der CDU-Politiker Schäuble brachte sein Staunen über die Ereignisse von 1989 zum Ausdruck. Dass die DDR zusammenbrach „ohne einen Schuss und ohne einen Tropfen Blut: Wenn es in der Politik Wunder gibt – dann das!“ Viele Menschen in Freiburg und Frankfurt am Main hätten angesichts der Wiedervereinigung erwartet, dass sich ihr eigenes Leben nicht verändert. Doch das sei notwendig gewesen.

    Auch die Ereignisse von 2013 / 2014 in der Ukraine seien von vielen so nicht vorausgesehen worden, meine Boris Gudziak. „Niemand hat vor einem Jahr erwartet, dass so viele Menschen demonstrieren würden. Niemand hat erwartet, dass Russland die Krim annektieren würde.“ In der Demokratiebewegung würden Menschen verschiedener Ethnizität und Religion zusammenstehen – Christen, Juden, die muslimischen Krimtataren, Russen und andere. Gudziak berichtete, dass sich die katholische Kirche in der Ukraine seit 1991 verändert habe. Damals gab es nur wenige Priester, die zumeist schon älter waren. Sie hatten in der Sowjetzeit im Untergrund gewirkt. Inzwischen gebe es deutlich mehr katholische Priester in der Ukraine, und ihr Durchschnittsalter sei 30 Jahre. Der Geistliche bat Europa, die Ukraine weiter zu unterstützen. Ihr Problem Nummer eins sei allerdings nicht der russische Präsident Putin, sondern die Korruption im eigenen Land. „Die Euromaidan-Bewegung ist die Hoffnung Europas“, konstatierte Boris Gudziak.