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    „Ein schwaches Europa wäre durch den Islam überfordert“

    Eminenz, Papst Franziskus hat in der vergangenen Woche in einem Interview mit der französischen Zeitung „La Croix“ auf die Frage, ob Europa so viele Flüchtlinge aufnehmen könne, gesagt, dies sei eine richtige und verantwortungsvolle Frage, „denn man kann nicht auf irrationale Weise die Türen sperrangelweit öffnen“.

    Pk zur Generalsynode der VELKD
    Kardinal Kurt Koch, Präsident des vatikanischen Einheitsrats. Foto: dpa

    Eminenz, Papst Franziskus hat in der vergangenen Woche in einem Interview mit der französischen Zeitung „La Croix“ auf die Frage, ob Europa so viele Flüchtlinge aufnehmen könne, gesagt, dies sei eine richtige und verantwortungsvolle Frage, „denn man kann nicht auf irrationale Weise die Türen sperrangelweit öffnen“. Welche Kriterien sollen denn dann angewandt werden – dafür, wer kommen beziehungsweise bleiben darf und wer nicht?

    Die Frage, wie viele und welche Flüchtlinge man aufnehmen kann, stellt sich vor allem in Bezug auf das eigene Land. Für mich – und ich denke auch für Papst Franziskus – besteht die zentrale Herausforderung aber darin, dass wir mehr Solidarität unter den Ländern haben, weil die Frage der Flüchtlinge nur gesamteuropäisch gelöst werden kann. Was die Kriterien betrifft, kann man gewiss sagen, dass in erster Linie jene Menschen Aufnahme finden sollten, die an Leib und Leben bedroht sind. Von ihnen zu unterscheiden sind andere, die nicht wegen einer Notsituation auf der Flucht sind. Dies scheint mir ein elementares Kriterium zur Beurteilung zu sein.

    Für eine differenzierte Sicht der Flüchtlingsproblematik war ja auch schon der Prager Erzbischof und Vorsitzende der Tschechischen Bischofskonferenz, Kardinal Dominik Duka, eingetreten. Vor einem halben Jahr sagte er, dass in dieser „Flüchtlingswelle ohne jede Kontrolle“ sorgfältig geprüft werden müsse, „wer tatsächlich hilfsbedürftig und im Leben bedroht ist oder wer auch eine bestimmte andere Mission erfüllt“.

    Ja, prinzipiell stimme ich zu. Nur ist die Frage, wie das Problem gelöst werden kann, sehr schwierig. Da braucht es viel Vertrauen zu den staatlichen Institutionen, in denen diese Frage geprüft werden muss.

    Sie sprachen vorhin in Ihrer Predigt davon, dass die Kirche am Ende des zweiten und zu Beginn des dritten Jahrtausends erneut zu einer Märtyrerkirche geworden sei, und vor einem halben Jahr haben Sie auf einem Kongress über „Christenverfolgung – heute“ in Schwäbisch Gmünd ebenfalls über die christlichen Märtyrer gesprochen, die es heute weltweit mehr denn je gibt. Damals sagten Sie: „Werden die Schmerzensschreie der heutigen Christen nicht genauso überhört wie in seiner Zeit die Schreie des Propheten Jesaja, der seinen Schmerz mit den bitteren Worten zum Ausdruck gebracht hat: ,Der Gerechte kommt um, doch niemand nimmt sich dies zu Herzen. Die Frommen werden dahingerafft. Aber es kümmert sich niemand darum‘?“ Nun könnte man das ja auch auf die Situation der christlichen Flüchtlinge in den Unterkünften hierzulande beziehen. Was kann, was soll die Kirche in Deutschland angesichts der nicht mehr zu überhörenden Schmerzensschreie tun? Welche konkreten Maßnahmen muss sie ergreifen?

    Zuerst wichtig ist, dass die Kirche diese Schreie hört und das Problem angeht. Bereits die Christenverfolgung in anderen Ländern muss uns mit Sorge und Mit-Leiden erfüllen. Wenn christliche Flüchtlinge, die vielleicht sogar Konvertiten sind, zu uns kommen und dann bei uns drangsaliert werden, dann brauchen sie die wirksame Unterstützung der Christen hierzulande. Denn solche inakzeptablen Verhaltensweisen darf man nicht tolerieren.

    Was halten Sie dann von einer getrennten Unterbringung von Christen und Muslimen in den Unterkünften?

    Im Sinne einer Notmaßnahme, wenn es gar nicht anders geht, wenn beispielsweise Gewalt verhindert werden muss, ist eine getrennte Unterbringung angezeigt. Ansonsten jedoch muss das Ziel darin bestehen, dass die Flüchtlinge integriert werden und dass sie lernen, miteinander zusammenzuleben. Dies können sie jedoch kaum in getrennten Abteilungen. Damit die Integration gelingen kann, legt sich eine gemeinsame Unterbringung nahe. Wenn die Christen hingegen in den Unterkünften bedrängt und verfolgt werden, wird man den Weg der getrennten Unterbringung gehen müssen.

    Sie haben bei Ihren Ausführungen vorhin bei der Diskussion davon gesprochen, dass Ihnen nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums Sorge bereite. Was verstehen Sie genau darunter?

    Papst Franziskus hat davon gesprochen, dass Europa einer Großmutter gleicht, weil sie schwach geworden ist, teilweise auch um ihre humane und christliche Identität nicht mehr genau weiß und deshalb auch der Herausforderung, Vertreter anderer Religionen in der eigenen Kultur zu integrieren, nicht in genügendem Maß gewachsen ist. Denn wir kennen auch in der Geschichte Europas den Einfluss von anderen Religionen, auch des Islam. Ohne den Einfluss der arabischen Philosophie, die zusammen mit dem Islam in Europa wirksam geworden ist, kann man beispielsweise den heiligen Thomas von Aquin nicht verstehen. Das Christentum konnte damals diese Auseinandersetzung wagen, weil es eine starke Identität aufgewiesen hat. Von daher, so glaube ich, besteht die wichtigste Aufgabe des Christentums heute in einer neuen Evangelisierung Europas.