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    Ein reiches Pontifikat

    Es gibt das Wort vom Glas, das halb voll oder halb leer ist – je nach Betrachtung. Zurückblickend auf das Pontifikat von Benedikt XVI. kann man seinen Rücktritt bedauern – oder sich daran freuen, dass er Papst gewesen ist. Dies scheint jedenfalls der Ansatz der Herausgeber eines Erinnerungsbuches zum 10. Jahrestag seiner Papstwahl zu sein, die zum Umkreis des Regensburger Instituts „Papst Benedikt XVI.“ gehören. Sie haben, wie Erzbischof Georg Gänswein im Geleitwort schreibt, „illustre Persönlichkeiten des kirchlichen und akademischen Lebens“ aufgeboten, um zentrale Themen des Pontifikats zu beleuchten. Denn immer noch wollen die Menschen Benedikt XVI. „sehen, vor allem aber hören“, wie sein Privatsekretär weiß: „In der Verkündigung zeigte er sich als überzeugender Lehrer des pilgernden Volkes Gottes, der aus einem reichen Priester- und Gelehrtenleben in einfachen, verständlichen Worten tiefe Wahrheiten und Einsichten des Glaubens vermittelt“, resümiert Gänswein. In seinem Tun, in seinem ganzen Leben habe Benedikt den Menschen immer das Höchste und Wichtigste bieten wollen, nämlich Gott selber, und sich niemals selber in den Vordergrund geschoben. Darin sei letztlich auch die Motivation für den Rücktritt zu suchen.

    Begleiter und Erbe: Der Name Benedikt XVI. bleibt mit Büchern verwoben. Foto: aus dem besprochenen Band

    Es gibt das Wort vom Glas, das halb voll oder halb leer ist – je nach Betrachtung. Zurückblickend auf das Pontifikat von Benedikt XVI. kann man seinen Rücktritt bedauern – oder sich daran freuen, dass er Papst gewesen ist. Dies scheint jedenfalls der Ansatz der Herausgeber eines Erinnerungsbuches zum 10. Jahrestag seiner Papstwahl zu sein, die zum Umkreis des Regensburger Instituts „Papst Benedikt XVI.“ gehören. Sie haben, wie Erzbischof Georg Gänswein im Geleitwort schreibt, „illustre Persönlichkeiten des kirchlichen und akademischen Lebens“ aufgeboten, um zentrale Themen des Pontifikats zu beleuchten. Denn immer noch wollen die Menschen Benedikt XVI. „sehen, vor allem aber hören“, wie sein Privatsekretär weiß: „In der Verkündigung zeigte er sich als überzeugender Lehrer des pilgernden Volkes Gottes, der aus einem reichen Priester- und Gelehrtenleben in einfachen, verständlichen Worten tiefe Wahrheiten und Einsichten des Glaubens vermittelt“, resümiert Gänswein. In seinem Tun, in seinem ganzen Leben habe Benedikt den Menschen immer das Höchste und Wichtigste bieten wollen, nämlich Gott selber, und sich niemals selber in den Vordergrund geschoben. Darin sei letztlich auch die Motivation für den Rücktritt zu suchen.

    Die Wurzel des Pontifikats sieht der amerikanische Kirchenjournalist George Weigel in der engen Zusammenarbeit und Weggefährtenschaft von Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger, die so vieles gemeinsam hatten: Die Erfahrung des Konzils, das Herkommen aus zwei intakten katholischen Kulturen. Dazu traten quasi in komplementärer Form die Unterschiede: Der Eine ein dynamischer Kämpfer und Öffentlichkeitswerker, der Andere ein universitär ausgerichteter Gelehrter. Der Eine als theologisch belesener Philosoph, der Andere als philosophisch gründlich gebildeter Theologe. Zwei Momente des Zusammenwirkens Beider hebt Weigel hervor, den „Katechismus der Katholischen Kirche“ als nach dem Konzil dringend notwendigen Referenzpunkt für die Vergewisserung im Glauben und das Apostolische Schreiben Dominus Iesus von 2000, das sieben für die Aufgabe der Neuevangelisierung wichtige Wahrheiten ausgesprochen habe (die nicht allen gefielen). So sei im gemeinsamen Tun von Wojtyla und Ratzinger zum einen das Zweite Vatikanische Konzil zu einem erfolgreichen „Abschluss“ gekommen, zum anderen mit der Wiederentdeckung der Kirche als „missionarischem Unternehmen“ der Akzent für das dann folgende Pontifikat gelegt worden. Zur „Spiritualität eines Papstes“ äußern sich Marianne Schlosser und Franz Xaver Heibl und verweisen auf den für Ratzinger typischen Gleichklang von Hirtendienst und martyrologischer Dimension, wie dies der Papst schon in seiner Predigt zum Amtsbeginn habe anklingen lassen: „Weiden heißt lieben, und lieben heißt auch, bereit sein zu leiden.“ Papst Benedikt bekam Gelegenheit, die Wahrheit seines eigenen Wortes in den Jahren seines Papsttums zu erfahren. Dass Benedikt XVI. ein „liturgieaffiner“ Papst war, ist bekannt. Bischof Rudolf Voderholzer erinnert sich daran, dass er 2007, als er begann, die Editionsarbeiten für die Herausgabe der Gesammelten Schriften Ratzingers zu leiten, von diesem den Auftrag bekam, mit der Theologie der Liturgie zu beginnen. Denn „in der Liturgie handelt Gott am Menschen. Er nimmt ihn in sich auf und heiligt ihn, stärkt ihn und befähigt ihn, ihm immer ähnlicher zu werden. Deshalb kann Liturgie nie etwas Gemachtes und am Schreibtisch Kreiertes sein“, interpretiert Voderholzer Benedikt. Aber organisches Wachstum sei möglich, und von daher sei auch die Entscheidung Benedikts, den alten Usus des Römischen Ritus den Gläubigen erneut anzubieten, zu interpretieren. Ebenso wichtig sei dessen Weisung, ein Kreuz auf den Altar zu stellen, um deutlich zu machen, dass das Gebet auf den Herrn hin auszurichten sei: „Damit wird auch bei der Zelebration auf einem sogenannten ,Volksaltar‘ sichtbar gemacht, dass nicht eine ,Gemeinde‘, in sich kreisförmig abgeschlossen, sich selbst feiert und Liturgie zur gruppendynamischen Sitzung degeneriert. Vielmehr ist jede in der Gemeinschaft mit dem Bischof und dem Papst gefeierte Eucharistie Darstellung und Vollzug der universalen Kirche.“

    Kardinal Paul Josef Cordes, der engagierte vatikanische Promotor der Neuen Geistlichen Bewegungen, macht deutlich, dass der als konservativ geltende Papst Benedikt entschieden für den charismatischen Aufbruch eingetreten ist, der die Essenz der in sich durchaus verschiedenen „Movimenti“ ist. Und dies, weil Benedikt sich eben immer – manche seiner Kritiker bezweifeln dies – am letzten Konzil orientiert habe, das nun „in den Neuaufbrüchen sichtbare Früchte“ trage. In einem liebevoll zusammengestellten Beitrag weist der Herold des Schülerkreises von Papst Benedikt, Stephan O. Horn, auf dessen Katechesen zu den Kirchenvätern in den Mittwochsaudienzen hin. Sie vermochten mit „großer Schlichtheit, Klarheit und Schönheit der Sprache“ Porträts zu malen, die das Herz berührten. Die „Frische der ersten Jahrhunderte“ habe der Papst vermitteln wollen.

    Mit einem weiteren Vorurteil gegenüber dem ehemaligen Papst räumt Martin Wolf auf: Der, der sagte, „Die Kirche lebt und sie ist jung“, war auch ein Papst der Jugend. Bewegungen, wie die „Generation Benedikt“, Initiativen wie der Youcat, der zum ersten Mal eine eigene amtliche Glaubensinformation für junge Menschen darstellt, oder die „Nightfever“-Methode, die besonders in Deutschland gute Früchte trägt und mit fast schon selbstverständlichem Elan die Jungen zur Anbetung und zum Lobpreis führt, sind in Benedikts Pontifikat geboren. Auch in der Ökumene hat Joseph Ratzinger Spuren hinterlassen, und zwar gerade durch die Gründlichkeit und Redlichkeit, mit der er sich von Anfang an diesem Thema genähert hat. Wolfgang Thönissen hebt drei Initiativen hervor: „Gegenüber den östlichen Kirchen machte Joseph Ratzinger schon in den siebziger Jahren den Gedanken stark, dass Rom vom Osten nicht mehr an Primatslehre verlangen dürfe, als im ersten Jahrtausend formuliert und gelebt wurde.“ Ratzinger vertrete damit den Gedanken, dass die Ortskirche von Rom die Verantwortung für die gesamte Kirche wahrnehme, aber nicht selber die universale Kirche sei. Im Verhältnis zu den kirchlichen Gemeinschaften der lutherischen Tradition setzte er als Bezugspunkt auf die Confessio Augustana von 1530. Im Dialog mit den Anglikanern forderte er dazu auf, die dort häufig anzutreffende Vermutung zu überwinden, „Tradition meine im katholischen Sinne zunächst nur einen Bestand überkommener Lehren oder Texte, nicht eine bestimmte Weise der Zuordnung zwischen dem lebendigen Wort der Kirche und dem maßgeblichen geschriebenem Wort der Bibel. Tradition muss aber verstanden werden als ,lebendige Stimme‘ der Kirche, welche die Verbindlichkeit gesamtkirchlichen Lehrens zum Ausdruck bringt.“ So könnten zum Beispiel auch liturgische Traditionen, etwas die der anglikanischen Kirche, „Ausdruck der einen lebendigen Tradition der Kirche sein“. Rabbi Netanel Teitelbaum, der Benedikt XVI. in der Synagoge von Köln empfangen hatte, hebt seine große Sensibilität im Umgang mit dem Judentum hervor.

    Aber auch zwei Stimmen der „Tagespost“ kommen in dem Sammelband zu Wort: Stephan Baier nimmt sich der Regensburger Vorlesung des Papstes von 2006 an, die von manchem vorschnell als islamfeindlich gedeutet wurde. Tatsächlich erfuhr man hier aber Grundsätzliches und Grundlegendes zur Haltung der katholischen Kirche gegenüber dem interreligiösen Dialog überhaupt. Denn Benedikt hatte darauf aufmerksam gemacht, dass sich zwischen dem säkularen, Gott-fern gewordenem Westen und den anderen tief religiösen Kulturen der Welt eine wachsende Kluft auftue, wenn man ernsthaft den Ausschluss des Göttlichen aus der Universalität der Vernunft fordere. Benedikt sei immer klar gewesen, dass Juden, Christen und Muslime gemeinsam an den einen Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, glaubten, was einen hinreichenden Spielraum für einen nicht nur oberflächlichen Dialog eröffne. Wenn Muslime und Christen ihren je eigenen Glauben vertieften, sei dies ein Beitrag zur Befriedung des Gemeinwesens. Über die Anstöße Papst Benedikts zur Politik referiert Reinhard Kardinal Marx und stellt das Verbindende zwischen der Ansprache im Deutschen Bundestag und der im Freiburger Konzerthaus heraus, das nur auf den ersten Blick selbstverständlich zu sein scheint: Dass nämlich der Staat Staat und die Kirche Kirche bleiben mögen. Nur dann könne die Kirche dem Staatswesen wirkmächtige Anregungen geben.

    Mit großem Können faltet Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz das Denken Joseph Ratzingers zu dem fundamentalen Thema Glaube und Vernunft aus. Ausgehend von dessen Verteidigung des hellenistischen Einflusses in der jungen Kirche habe dieser deutlich gemacht, dass das Christentum als wesentliches, zusätzliches Element in dem am Kreuz hängenden Gottessohn „den Schmerz, die Hässlichkeit, das Zerstörte“ dem antiken Denken hinzugefügt habe – denn durch das Leiden sind wir erlöst worden. Vincent Twomey erforscht den tiefen Zusammenhang zwischen „Unschuldswahn“, als Unfähigkeit, Schuld zu erkennen und zu bekennen, und dem Relativismus, ein weiteres Kernthema Ratzingers.

    Joachim Kardinal Meisner bezieht seine Lebenserfahrung, vor allem aber seine Erfahrungen mit Joseph Ratzinger ein, wenn er über „Glauben, Hoffnung, Liebe“ spricht. Dass „Jesus von Nazareth“, das dreibändige ultimative Werk von Papst Benedikt, bleiben wird, glauben wir gerne – Robert Vorhalt bringt die Argumente dafür. Nicht das Geringste von ihnen ist, dass Ratzinger es in seinem Buch um die notwendige Ergänzung der historisch-kritischen Exegese um einen genuin theologischen Frage- und Deutehorizont gegangen sei.

    Thomas Söding examiniert „Deus caritas est“, die berühmte erste Enzyklika Papst Benedikts, und darüber hinaus die Frage nach der Einheit der Liebe, denn der „Eros Gottes ist ganz und gar Agape“. Abt Maximilian Heim bekräftigt in seinem Beitrag über den Sendungs-Auftrag der Kirche, dass in Ratzingers theologischem Denken der Übergang von einer konservierenden zu einer missionarischen Haltung nicht nur möglich, sondern unbedingt notwendig ist.

    Auch der Artikel von Kardinal Kurt Koch bringt eine Bestätigung, dass wir nämlich Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. eindeutig als einen durch das letzte Konzil geprägten Theologen betrachten müssen. Vom ihm stammt der Satz: „Was die Kirche des letzten Jahrzehnts verwüstete, war nicht das Konzil, sondern die Verweigerung seiner Annahme.“ Über die Haltung Ratzingers zum Priestertum und zur priesterlichen Identität denkt Gerhard Ludwig Kardinal Müller nach und fordert mit ihm die Geweihten auf, „von sich wegzuweisen und auf den hinzuweisen, den die Kirche verkündet“. Müller erinnert an ein Wort Ratzingers über den Priester: „Nur indem er sich selbst unwichtig werden lässt, kann er wahrhaft wichtig werden, weil er so zum Einfallstor des Herrn wird in diese Welt.“

    Regina Einig ist schließlich der zweite bekannte Name aus der „Tagespost“, der sich an dem Sammelband beteiligt hat. Ihr Thema ist die christliche Familie im Lichte der Theologie von Papst Benedikt, dem mit Familiaris consortio von 1981 ein bis heute grundlegendes Dokument seines Vorgängers zum Thema zur Verfügung stand, dessen Aussagen er weiterentwickeln konnte. Einig stellt angesichts des heute oft anzutreffenden flachen Denkens unbequeme Fragen: Wie vielen Kleinkindern sei gedient, wenn die Kirche Betreuungseinrichtungen für Unter-Dreijährige fördere? Wie groß sei die Zahl derer, die bei der Frage der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten von einer tiefen Sehnsucht nach Beichte und Eucharistie getrieben würden? „Laues Mittelmaß als Klugheit“ sei nicht die Devise der Kirche und nicht das Handlungsmotiv Papst Benedikts gewesen.

    Christian Schaller schließlich, Mitherausgeber des Bandes und stellv. Direktor des Benedikts-Instituts, stellt die Kontinuität zwischen Benedikt und seinem Nachfolger Franziskus heraus, der im Zusammenhang mit den Jesus-Büchern des Papstes warme Worte fand: „Er hat mit diesen Büchern nicht das Lehramt im strengen Sinne ausgeübt und auch keine akademische Abhandlung vorgelegt. Er hat der Kirche und allen Menschen das Wertvollste zum Geschenk gemacht: Seine Kenntnis Jesu, die Frucht unzähliger Jahre des Studiums, der theologischen Auseinandersetzung und des Gebets.“

    Um diesen Schatz zu würdigen, weist dieser gelungene Sammelband nicht nur hochwertige Beiträge auf, sondern unterstreicht das Gemeinte mit kongenial ausgewählten Farbfotografien, die einen lebendigen Eindruck jener Jahre zwischen 2005 und 2013 vermitteln. Dann kommt schon etwas Wehmut auf, aber am Ende überwiegt die Dankbarkeit. Die Botschaft dieses wichtiges Buches ist: Die Zeit Benedikts XVI. hat gerade erst begonnen!

    Hartmut Constien, Franz Xaver Heibl, Christian Schaller (Hrsg.): Benedikt XVI., Diener Gottes und der Menschen. Zum 10. Jahrestag seiner Papstwahl. Schnell & Steiner-Verlag, Regensburg, 2015,

    168 Seiten, ISBN 978-3-7954-3012-2,

    EUR 24,95