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    "Ein kollektives Martyrium"

    Sie haben kürzlich den Stephanus-Preis für verfolgte Christen entgegengenommen, der posthum an den Märtyrer Erzbischof Ignatius Maloyan verliehen wurde. Welche Bedeutung hat die Verleihung für die armenisch-katholische Kirche?

    Dieser Preis ist eine große Auszeichnung für uns. Und das ist auch ein Trost, weil man uns nicht vergessen hat, wie man manchmal gedacht hätte. Ja, wir sehen, dass man uns nicht aufgegeben hat.

    Erzbischof Maloyan wurde seliggesprochen. Es gibt demnach auch eine große Verehrung in Ihrer Kirche, die diesem Zeugen für Christus entgegengebracht wird...

    Im Jahr 2001 ist Erzbischof Ignatius selig gesprochen worden. Das war im Jahr des 1 700-jährigen Jubiläums der Erhebung des Christentums zur armenischen Staatsreligion. In der armenischen Geschichte hat man aber nie eine ruhige Zeit gehabt. Vielleicht ist unsere Heiligenverehrung daher ein wenig anders als im Westen. Die Heiligen sind ein Beispiel für das Volk, denn der Kreuzweg des armenischen Volkes dauert bis heute an. Und speziell Ignatius Maloyan dient als Beispiel durch seine Hingabe und Treue. Viele Heilige haben schon unter uns gelebt; er ist damit einer von Tausenden, die meisten sind nicht bekannt. Nach 1915 konnte jede Familie Märtyrer aufweisen, die an ihrem Glauben und an ihren Gebeten festhielten.

    Erwarten Sie seine Heiligsprechung?

    Er wurde als Märtyrer seliggesprochen, weil feststand, dass er aus Hass gegen den Glauben getötet wurde. Das heißt auch, dass es keines Wunders bedurfte, wie es aber dann für eine Heiligsprechung Voraussetzung ist. In diesem Fall gibt es sogar eine wundersame Heilung in Australien, die der Fürsprache Erzbischof Maloyans zu verdanken ist. Die Armenier beschäftigt aber nicht so sehr, ob eines dieser Vorbilder noch ein Wunder gewirkt hat. Sie werden als Fürsprecher betrachtet zwischen den Menschen und Gott. Und Erzbischof Maloyan ist unter den Armeniern allgemein bekannt. Die armenisch-apostolische Kirche hat ihn und andere unserer Märtyrer mitkanonisiert, als sie alle heiligsprach.

    Bei Erzbischof Maloyan und den 400 Christen unterschiedlicher Konfession, die mit ihm starben, ist es zweifelsfrei historisch belegt, dass sie gezwungen werden sollten, Muslime zu werden. Welche Rolle spielte denn die Glaubensverfolgung generell in dem Völkermordgeschehen aus Ihrer Sicht?

    Es gibt eine eindeutige Definition, die nach der Shoa vom Völkerrechtler Raphael Lemkin formuliert wurde, was den Begriff des Völkermords betrifft: Es geht darum, jeden aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer Gruppe auszulöschen, gleich ob sich diese kulturell, national, ethnisch oder religiös von der Mehrheit unterscheidet. Das trifft alles auch auf die Armenier zu. Man muss den historischen Kontext betrachten. Die Jungtürken wollten die Größe des Osmanischen Reiches wieder herstellen und zu diesem Zweck die Minderheiten entfernen. Die Religion wurde als Vorwand benutzt, um zu töten und dabei die öffentliche Meinung der muslimischen Bevölkerung auf ihrer Seite zu haben. Sie selbst haben dabei keine islamische Position eingenommen.

    Sie haben nach der Preisverleihung gesagt, dass das Martyrium neu begonnen hat. Können Sie sagen, worauf Sie das beziehen?

    Es geschehen wieder Martyrien, in Syrien, durch die Bombardierung, durch Attentate. Natürlich finden wir darunter wenige Fälle, in denen Christen direkt mit Worten bedrängt werden, Christus zu verleugnen. Aber es handelt sich auch um Christenverfolgung, wenn christliche Gebiete bombardiert oder die Menschen von dort vertrieben werden. Das ist ein kollektives Martyrium, in einem unerwarteten Moment alles hinter sich lassen zu müssen.

    Ihre Eltern leben noch in Aleppo. Was gibt denn den Christen, die dort verblieben sind, die Kraft noch dazubleiben?

    Sie hält dort der Glaube, dass der Herr uns nicht verlässt und die Hoffnung, dass sich die Dinge eines Tages zum Besseren wenden werden. Syrien ist schließlich kein Land, das Christen aufgenommen hat, sondern es ist das Land der Christen, das Muslime aufgenommen hat. Es ist ihr Land. Zu Beginn gab es dabei kämpferische Auseinandersetzungen. Aber seit 1 300 Jahren machen wir die Erfahrung des Zusammenlebens.