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    Ein historisches Problem

    Würzburg (DT) Die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten hat am Mittwoch in Washington eine umfassende wissenschaftliche Studie über die Ursachen und Zusammenhänge des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch katholische Priester in den Vereinigten Staaten von 1950 bis 2010 vorgestellt. Mit der Untersuchung beauftragt worden war das John Jay College für Strafrecht an City-Universität in New York. Es hatte bereits im Jahr 2004 im Auftrag der Bischöfe den John Jay Report vorgelegt, der Art und Umfang sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten analysierte.

    Abraham, dargestellt im Kölner Dom. Foto: dpa

    Würzburg (DT) Die Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten hat am Mittwoch in Washington eine umfassende wissenschaftliche Studie über die Ursachen und Zusammenhänge des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch katholische Priester in den Vereinigten Staaten von 1950 bis 2010 vorgestellt. Mit der Untersuchung beauftragt worden war das John Jay College für Strafrecht an City-Universität in New York. Es hatte bereits im Jahr 2004 im Auftrag der Bischöfe den John Jay Report vorgelegt, der Art und Umfang sexueller Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den Vereinigten Staaten analysierte.

    Quintessenz der aktuellen Studie ist: Der sexuelle Missbrauch Minderjähriger durch katholische Priester „ist ein historisches Problem“. Die weitaus meisten Fälle ereigneten sich in den sechziger und siebziger Jahren. Siebzig Prozent der Täter waren vor dem Jahr 1970 geweiht worden, viele in den vierziger und fünfziger Jahren in das Priesterseminar eingetreten. Die Studie führt sie unter anderem auf abweichende gesellschaftliche Verhaltensmuster jener Jahre zurück, unterstreicht jedoch, dass das Phänomen verschiedene Ursachen hat. Dazu gehören die gesellschaftlichen Umwälzungen der sechziger und siebziger Jahre sowie die damit einhergehende Verunsicherung und die Identitätsprobleme vieler Priester. Auch Alkohol und Drogen seien im Spiel gewesen. Als ein grundlegendes Problem der Täter weist die Studie deren Unfähigkeit zur sexuellen Abstinenz aus: Achtzig Prozent der Priester, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts psychologische Hilfe wegen Missbrauchs in Anspruch nahmen, waren schon zuvor an der zölibatären Lebensform gescheitert und hatten sexuelle Beziehungen mit Erwachsenen gehabt. Die Autoren schließen daraus, dass die Priesterausbildung zwischen 1930 und 1970 die Kandidaten nicht ausreichend auf die ehelose Lebensform vorbereitete. Die sexuelle Revolution der sechziger und siebziger Jahre habe viele Priester daher mehr oder weniger unvorbereitet getroffen. Ein gesamtgesellschaftliches Defizit habe auch die katholische Kirche betroffen: Das mangelnde Verständnis für den Schaden, der Kindern durch sexuellen Missbrauch zugefügt wird. Gleichzeitig hätten viele Täter von ihrem ausgezeichneten Image profitiert. Viele Priester, die sich an Minderjährigen vergingen, waren in ihren Gemeinden ausgesprochen angesehen. Für die Vorgesetzten sei erschwerend hinzugekommen, dass die Mehrzahl der Täter keine diagnostizierbaren psychologischen Auffälligkeiten aufwiesen. Daher seien die herkömmlichen psychologischen Tests keine Hilfe gewesen, um sie zu identifizieren.

    Als weitere Ursache für die Übergriffe auf Minderjährige innerhalb der Kirche führt die Studie die fehlende Sozialkontrolle bei Begegnungen zwischen Priestern und Kindern durch Dritte an. Priester, die selbst als Kinder missbraucht wurden, wurden der Untersuchung zufolge deutlich öfter übergriffig als solche mit einer unbelasteten Kindheit. Auch seien Kinder aus sozial schwachen Familien deutlich gefährdeter gewesen.

    Von den achtziger Jahren an nahm die Zahl der Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche in den Vereinigten Staaten deutlich ab. Zu dieser Zeit begannen die Bischöfe, sich mit dem Phänomen zu befassen. Die Verfasser der Studie nehmen die katholischen Bischöfe gegen den Vorwurf in Schutz, vertuscht zu haben. Ihnen sei das Ausmaß des Problems nicht bekannt gewesen. „Viele Bischöfe handelten im guten Glauben und wollten Tätern helfen, indem sie sie zur Behandlung schickten“. Zwischen 1985 und 2000 habe sich der Umgang der Bischöfe mit sexuellen Missbrauchsfällen grundlegend geändert. „Die Bischöfe reagierten viel rascher, entschiedener und angemessener“, unterstreichen die Autoren. Das zögerliche Verhalten einiger Hirten hätte in der Öffentlichkeit den Eindruck erweckt, die Kirche als solche kümmere sich nicht um die Opfer Allerdings hätte sich die Berichterstattung in den Medien oft auf die Minderheit der Nachzügler im Episkopat konzentriert. Die Studie verteidigt die Kirche auch gegen den Vorwurf, nicht transparent genug vorzugehen und der Öffentlichkeit keine detaillierte Rechenschaft über das Vorgehen bei Missbrauch abzulegen. „Die meisten Diözesanbischöfe“ hätten das Problem unzweideutig angepackt. Auch andere öffentliche Institutionen wie beispielsweise die Polizei beanspruchten für sich das Recht, strategische Entscheidungen im forum internum zu belassen. Gleichwohl empfiehlt die Studie allen Bischöfen größtmögliche Transparenz in ihrem Vorgehen gegen sexuellen Missbrauch.

    Eine klare Absage erteilen die Verfasser der in den Medien häufig verbreiteten These, es bestünde eine Zusammenhang zwischen dem Zölibat katholischer Priester und sexuellem Missbrauch. Die Studie verweist darauf, dass der Großteil der Übergriffe auf Minderjährige von nicht zölibatär lebenden Männern verübt wird.

    Alle im Bericht angeführten Statistiken über Opfer sexuellen Missbrauchs innerhalb der katholischen Kirche stimmen darin überein, dass die am häufigsten betroffene Gruppe pubertierende männliche Jugendliche gewesen sind. Das hatte Konsequenzen für die Prävention: Die katholische Pfadfindervereinigung „Boys Scouts of America“ etwa schloss Homosexuelle als Gruppenleiter aus und geriet daraufhin ins Visier verschiedener Bürgerrechtsorganisationen.

    Die vom John Jay College veröffentlichten Zahlen weisen einen signifikanten Anstieg missbrauchter Mädchen in der katholischen Kirche seit Mitte der achtziger Jahre aus. Die Studie erinnert in diesem Zusammenhang an die Akzeptanz von Messdienerinnen seit dem Jahr 1983.

    Die Verfasser gehen davon aus, dass es keinen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Homosexualität und sexuellem Missbrauch gibt. Begründet wird dies mit Therapieergebnissen, denen zufolge Priester, die sich vor der Weihe über ihre sexuelle Veranlagung nicht im Klaren gewesen seien, öfter Minderjährige missbraucht hätten als solche, die eindeutig heterosexuell oder homosexuell empfanden. Zwar verweist die Studie auf Daten, denen zufolge Täter, die rückfällig werden, überwiegend homosexuell sind, erinnert aber auch an den Rückgang der Missbrauchszahlen von Mitte der 80er Jahre an. In den letzten zwanzig Jahren des vorigen Jahrhunderts seien deutlich mehr homosexuelle Männer in die Priesterseminare eingetreten als zuvor. Vierzig Prozent der amerikanischen Geistlichen aus Weihejahrgängen der achtziger und neunziger Jahren bestätigten in einer Umfrage, dass es in ihrem Priesterseminar eine homosexuelle Subkultur gegeben habe. Zugleich sei jedoch die Zahl missbrauchter männlicher Jugendlicher gesunken.

    Mit Blick auf die Prävention dürfte die richtige Einschätzung des gesamtgesellschaftlichen Klimas auch in Zukunft die wichtigste Aufgabe für die Kirche bleiben: „Die Welle der sexuellen Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche erreichte ihren Scheitelpunkt zu einer Zeit gesellschaftlicher Umwälzungen. Möglicherweise wirken sich in Zukunft auch andere gesellschaftliche Faktoren auf schädliches Verhalten aus.“

    Die Studie ist online abrufbar unter www.usccb.org/mr/causes-and-context-of-sexual-abuse-of-minors-by-catholic-priests-in-the-united-states-1950-2010.pdf