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    „Ein ganzheitliches Konzept“

    Die Enzyklika „Laudato si“ ist bereits vor ihrem Erscheinen mit Etiketten versehen worden als Umwelt- oder Klimaenzyklika. Doch worum geht es Papst Franziskus eigentlich? Darüber führte Regina Einig ein Interview mit Ursula Nothelle-Wildfeuer. Sie lehrt christliche Gesellschaftslehre in Freiburg.

    Ursula Nothelle-Wildfeuer unterstreicht, dass es dem Papst um einen neuen Lebensstil geht. Foto: Archiv

    Die Enzyklika „Laudato si“ ist bereits vor ihrem Erscheinen mit Etiketten versehen worden als Umwelt- oder Klimaenzyklika. Doch worum geht es Papst Franziskus eigentlich? Darüber führte Regina Einig ein Interview mit Ursula Nothelle-Wildfeuer. Sie lehrt christliche Gesellschaftslehre in Freiburg.

    Der Titel der Enzyklika verweist auf den Sonnengesang des heiligen Franziskus. Können wir Christen, wenn wir nicht zur Generation der Blumenkinder gehören, heute unbeschwert in einen Lobgesang auf die Elemente einstimmen? Die wirken auf uns heute doch teilweise recht bedrohlich, wenn man in den Nachrichten erfährt, wie viele Existenzen in jedem Jahr durch Feuer und Wasser vernichtet werden.

    In der Tat ist der Bezug auf den Sonnengesang des heiligen Franziskus, auf den Lobgesang der Elemente ein zentraler Aspekt der Enzyklika. Aber es geht nicht um unbeschwerte, realitätsferne Naivität, die angesichts vieler Katastrophen tatsächlich heute in keiner Weise verantwortbar wäre. Es geht dem Papst in seiner Enzyklika vielmehr darum, die Elemente der Natur wie Wasser, Sonne, Erde, Wind, aber auch Tiere und Pflanzen etcetera wieder als Teil der Schöpfung Gottes ins Bewusstsein zu rücken und unsere umfassende menschliche Verantwortung im Umgang mit ihnen vor Augen zu führen. Wir Menschen stehen immer in der Gefahr, uns als Herr und Schöpfer dieser Erde zu gerieren, die uns als „Materiallager“ und unerschöpfliche Ressource für unsere wachsenden und zum Teil ausbeuterischen Bedürfnisse zur Verfügung steht. Genau angesichts solcher anthropozentrischer Hybris und Überheblichkeit entwirft Papst Franziskus das Bild vom gemeinsamen Haus und der gemeinsamen Sorge um dieses Haus, dessen Atmosphäre geprägt ist von der Anerkenntnis der Schöpfung, von dem Wissen um eine integrale, ganzheitliche Ökologie und der Notwendigkeit eines „neuen Dialog(s) [...] über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten“ (LS 14).

    Worin sehen Sie den wesentlichen Kern der Enzyklika?

    Es geht Papst Franziskus meines Erachtens wesentlich um das Konzept einer ganzheitlichen Ökologie, ausgehend vom Evangelium der Schöpfung. Es greift zu kurz, die Enzyklika als Umwelt- oder Klimaenzyklika zu bezeichnen. Diese Aspekte spielen sicher auch eine wichtige Rolle, aber nur, insofern seine gesamten Überlegungen eingebettet sind in diese Vorstellung eines integralen, ganzheitlichen Ansatzes: „Wir kommen jedoch heute nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde.“ (LS 49) Es geht ihm folglich um ein ganzheitliches Konzept, dass neben der auf die Natur bezogenen Komponente auch die menschliche und soziale Dimension, die Frage nach der Gerechtigkeit, nach Entwicklung und Frieden einbezieht. Es geht um „ganzheitliche Lösungen“, die die „Wechselwirkungen der Natursysteme untereinander und mit den Sozialsystemen“ (LS 139) in den Blick nehmen.

    Darüber hinaus ist hervorzuheben, dass es auch von der formalen Seite her wichtige, neuartige Aspekte gibt: Seiner in ganz anderem Kontext gemachten Aussage, die nationalen Bischofskonferenzen stärken zu wollen, lässt er hier sozusagen Taten folgen: Er zitiert in seinem Text immer wieder Stellungnahmen einzelner Bischofskonferenzen zu Themen, die in den Umkreis der Ökologie gehören (unter anderen verweist er auch auf die Bischöfe Deutschlands). Damit wird klar, dass er hier Ernst macht mit dem im II. Vatikanum so deutlich herausgestellten gemeinsamen Lehramt der Bischöfe. Zudem scheint auch in neuer Weise der Dialog mit Theologen, Philosophen und auch Naturwissenschaftlern geübt zu werden: „Eine Wissenschaft, die angeblich Lösungen für die großen Belange anbietet, müsste notwendigerweise alles aufgreifen, was die Erkenntnis in anderen Wissensbereichen hervorgebracht hat, einschließlich der Philosophie und der Sozialethik.“ (LS 110) Auch damit macht er Ernst, etwa durch den Verweis auf Guardini und Teilhard de Chardin. Für ihn gibt es eine Verpflichtung zur Beteiligung am gesellschaftlichen Diskurs über die großen Herausforderungen der Gegenwart, dabei fordert er aber auch, dass die christlich-gläubige Perspektive in den Dialog eingebracht und gehört wird: „Die Tatsache, dass sie in einer religiösen Sprache erscheinen, mindern in keiner Weise ihren Wert in der öffentlichen Debatte.“ (LS 199)

    „Ein erzieherischer Weg, die Schwachen anzunehmen, die uns umgeben und die uns manchmal lästig oder ungelegen sind, scheint nicht machbar, wenn man nicht einen menschlichen Embryo schützt, selbst wenn seine Geburt Grund für Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten sein sollte, schreibt Papst Franziskus. „Wenn der persönliche und gesellschaftliche Sinn für die Annahme eines neuen Lebens verloren geht, verdorren auch andere, für das gesellschaftliche Leben hilfreiche Formen der Annahme.“ Hat die klare Ablehnung der Abtreibung durch die katholische Kirche auch in den stark säkularisierten Gesellschaften des Westens nach wie vor einen pädagogischen Wert?

    Ich halte es für hoch bedeutsam, in einer Enzyklika, die sich dem Wert der Schöpfung Gottes widmet und das Ziel verfolgt, die umfassende Verantwortung dafür wieder neu ins Bewusstsein zu rufen, auch und sogar vorrangig den unverbrüchlichen Wert des menschlichen Lebens hervorzuheben. Aus diesem Bewusstsein heraus ist die Ablehnung der Abtreibung nicht einfach eine pädagogische Maßnahme, sondern eine unverzichtbare theologische Aussage. Es geht meines Erachtens nicht um einen pädagogischen Auftrag, sondern um ein Zeugnis, dessen existenzielle Bedeutung wir leben und ins Wort bringen müssen. Mit diesem Zeugnis ist die Enzyklika sicher Stachel im Fleisch im Kontext eines abgestumpften gesellschaftlichen Mainstreams.

    Häufig spricht der Heilige Vater im Zusammenhang mit dem Umgang mit der Schöpfung von Erziehung. Wie würden Sie das Verhältnis von Glaube und Erziehung beschreiben, wenn es darum geht, jemandem die Schöpfungsordnung zu vermitteln?

    Der Heilige Vater spricht an verschiedenen Stellen von der Umwelterziehung, hier geht es tatsächlich um ein – auch die ethische Dimension umfassendes – Konzept vor dem skizzierten theologischen Hintergrund. Es geht Papst Franziskus um einen neuen Lebensstil, der aufruht auf dem Verständnis des Kosmos als Schöpfung Gottes und geprägt ist von einem entsprechenden Verantwortungsbewusstsein. Umwelterziehung ist sicherlich nicht etwas ausschließlich Christliches, aber das christliche Verständnis von Schöpfung leistet einen zentralen und unverzichtbaren Beitrag dazu!

    Wird der biblische Auftrag „Wachset und mehret euch“ im 21. Jahrhundert richtig verstanden, wenn die Zwei-Kinder-Familie in Europa als Normalfall gilt und Afrikanern und Asiaten geraten wird, ihre Geburtenrate senken?

    Die Rede von der Zwei-Kind-Familie als Normalfall ist zunächst einmal eine empirische Feststellung und keine normative Aussage. Meines Erachtens steht uns Christen keine allgemeingültige normative Aussage über die Kinderzahl zu, sondern das ist in die Verantwortung der potenziellen Eltern gelegt, die allerdings persönliche und auch gemeinwohlbezogene Aspekte impliziert. Zudem macht der Papst in seiner Enzyklika deutlich, dass der biblische Herrschaftsauftrag das „,hüten‘, schützen, beaufsichtigen, bewahren, erhalten, bewachen (..) meint. Das schließt eine Beziehung verantwortlicher Wechselseitigkeit zwischen dem Menschen und der Natur ein.“ (LS 67) Analog ist der biblische Auftrag des „Wachset und mehret euch“ ebenfalls in den Kontext der Schöpfungsverantwortung zu stellen, was ein komplexeres Anliegen ist als die isolierte Frage nach der Kinderzahl.

    Mit Nachdruck wendet sich der Papst gegen den „fehlgeleiteten Lebensstil“ der westlichen Gesellschaft. Wie die Lilien auf dem Felde leben Christen heute nicht, man sorgt sich um morgen.

    Fehlgeleitet ist der Lebensstil dann, wenn er aus der Grundhaltung gespeist ist, durch die Sorge und das Vertrauen auf die vielfältig vorhandenen Planungs- und Organisationstools, auf unterschiedlichste Absicherungsmechanismen, das Leben vollends im Griff zu haben. Wie die Lilien auf dem Felde leben – das heißt nicht, sich nicht um ein gelingendes Leben zu bemühen, das heißt aber wohl, ein Leben zu führen, dass um die die aktuelle Planbarkeit übersteigende Dimension des Lebens weiß.

    Das persönliche Konsumverhalten in Einklang mit dem Gebot der Nächstenliebe zu bringen fällt Christen im Alltag nicht immer leicht. Auch wenn die Kirche zu Recht ausbeuterische Strukturen kritisiert: Sind drei Euro für die Jeans vom Kik vertretbar, wenn ein System, das solche Preise ermöglicht, der Näherin in Fernost immer noch als das kleinere Übel im Vergleich zur Arbeitslosigkeit erscheint und sie ihr Kind zur Schule schicken will?

    Die drei Euro für die Jeans bei Kik sind auch aus solchen, auf den ersten Blick durchaus humanitären, Gründen nicht vertretbar, denn es müssen Strukturen entwickelt werden, die solche Ausbeutung verhindern, Strukturen, in denen die Näherinnen menschenwürdig arbeiten können und das heißt, auch besser und gerechter bezahlt werden, in denen Kinder nicht arbeiten müssen beziehungsweise wenn, dann unter altersmäßig angemesseneren Bedingungen, um dann auch noch einen Teil ihrer Zeit für die Schule und das Lernen einsetzen zu können. Lösungen im Sinne des kleineren Übels sind nur dann tragbar, wenn gleichzeitig eine zukunftsweisende Perspektive aus der Ausbeutung heraus eröffnet wird – und das ist mit einem solchen Minimalpreis bei Kik nicht möglich.

    Der Heilige Vater führt den Sonntag als geistliche Hilfestellung gegen „leeren Aktionismus“ an. Doch gerade der Sonntag ist oft vollgepackt. Auch praktizierende Katholiken arbeiten heute nach dem sonntäglichen Kirchgang am PC und im Haushalt, wer Kinder und alte Menschen zu betreuen hat, merkt oft keinen großen Unterschied zum Werktag. Wird hier ein unerreichbares Ideal gezeichnet? Oder müssen wir uns energischer zur Sonntagsruhe zwingen?

    Die Benediktinerin Corona Bamberg hat vor Jahrzehnten in einem Artikel, der sich auch der Frage nach dem Sonntag widmete, ausgeführt, dass man am Sonntag alles tun darf, was man sonst auch tut, aber in einer anderen Grundhaltung! Das ist auch das, was der Jesuit Klaus Mertes mit seinem Verweis auf das Sabbatprinzip meint: Der Sabbat wird verstanden als eine dritte Zeit neben Arbeit und Ruhe, die die Freiheit zum Handeln in Humanität und Autonomie und die Freiheit des Menschen gegenüber der Arbeit gewähren will. In dem Kontext stößt man unweigerlich auf den Begriff der Muße. Unsere Welt ist hochkomplex geworden. Es gibt vieles, was tatsächlich auch am Sonntag getan werden muss und dann in Muße auch getan werden kann. Ich verstehe Papst Franziskus mit seiner Kritik am leeren Aktionismus so, dass dieser genau der Intention des Sabbats/Sonntags zuwider läuft. Der Sonntag birgt gerade die Chance und die Aufgabe, sich darüber klar zu werden und auch danach zu leben, dass es ein „Jenseits des Marktes“, jenseits der Produktivität, des zweckgerichteten Handelns gibt, dass es eine Zeit für die existenziellen Fragen des Menschseins und letztlich auch für Gott geben muss. Auch und gerade zu einem solchen Denken und Lebensstil haben Christen Wichtiges zu sagen.

    Dem praktischen Relativismus unserer Zeit setzt der Heilige Vater einen recht verstandenen Sinn der Arbeit entgegen. Er erinnert in diesem Zusammenhang an die Einführung der manuellen Arbeit, die von geistlichem Sinn erfüllt ist, durch die Benediktiner. Sehen Sie einen Mangel an kulturellem Bewusstsein in dem Umstand, dass Handwerksberufe oft schlechter bezahlt werden als akademische und weniger Prestige genießen?

    Meines Erachtens ist unsere Arbeitswelt gerade sehr stark im Umbruch: Die einfache Gegenüberstellung von Handwerksberufen und akademischen Berufen trifft die Realität nicht mehr. Johannes Paul II. ist es gewesen, der die hilfreiche Unterscheidung zwischen der subjektiven und objektiven Dimension der Arbeit eingeführt hat und deutlich gemacht hat, dass erstere die vorrangige ist: Entscheidend ist, dass es Menschen als Personen mit individueller und unverwechselbarer Würde sind, die die Arbeit verrichten, ganz unabhängig von ihrer Qualifizierung und dem Output. Das ist allerdings längst noch nicht im Bewusstsein der Gesellschaft verankert.

    Viele Gläubige erleben den gesellschaftspolitischen Wandel der Zeit mit einem starken Gefühl der Ohnmacht. Die Frage des Heiligen Vaters, welche Erde wir der nächsten Generation hinterlassen, entzieht sich scheinbar ihrem Einflussbereich. Können wir angesichts der Konflikte auf der Welt nur noch beten?

    „Nur noch beten“ scheint ein Verständnis von beten zu implizieren, das ich nicht teilen kann. Beten ist nicht der Notstopfen, der dann zum Einsatz kommt, wenn sonst gar nichts mehr hilft. Vielmehr beschreibt Beten meines Erachtens gerade den Lebensstil, den Papst Franziskus in seiner Enzyklika ins Bewusstsein der Menschen rücken möchte: einen Lebensstil voller Ehrfurcht und Respekt der Schöpfung gegenüber, in dem daraus resultierenden Bewusstsein der Verantwortung vor Gott, den Mitmenschen und Mitgeschöpfen gegenüber. Solches Beten dispensiert nicht vom Mitarbeiten in der Schöpfung Gottes, tritt auch nicht an dessen Stelle, sondern beides geht für die Christen letztlich nur im manchmal durchaus spannungsvollen Miteinander. Welche Erde wir unseren Kindern hinterlassen und übergeben wollen, erfordert dann nicht ein unumstößliches, detailgenaues Konzept für die Ausgestaltung der Erde, sondern einen schonenden, respektvollen Umgang mit der Schöpfung, in dem für alle Menschen und alle Geschöpfe der Geist Gottes an der einen oder anderen Stelle spürbar und erfahrbar wird.