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    Ein alternativloses System

    Um segensreich wirken zu können, bedarf es einer finanziellen Grundlage – Plädoyer für die Kirchensteuer. Von Monsignore Georg Austen

    Kirche und Geld
    Planen können erleichtert es, Verant-wortung zu übernehmen. Foto: KNA

    Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Gläubigen und nimmt ihren Auftrag in Gottesdienst, Seelsorge, Bildung und Erziehung, Caritas und durch ihr missionarisches Wirken wahr. Zur Erfüllung dieser Aufgaben und um dadurch für den Einzelnen und für die Gesellschaft segensreich wirken zu können, benötigt die Kirche eine finanzielle Grundlage. Die Gläubigen ermöglichen das durch ihre Abgaben in Form der Kirchensteuer, die historisch gewachsen ist und sich als zentrales und zugleich faires Verfahren zur Finanzierung der kirchlichen Aufgaben in Deutschland etabliert hat. Dabei ist besonders zu bedenken, dass die Kirchensteuer keinen Zwang darstellt. Genauso wenig lässt sie sich als Maßstab des Glaubens ansehen. In Deutschland ist die Kirchenmitgliedschaft freiwillig. Übersehen dürfen wir dabei nicht, dass jeder von uns durch die Taufe zunächst einmal Mitglied der Kirche Christi ist. Jeder Mensch muss sich auf seinem Lebensweg mit der Frage nach der eigenen Mitgliedschaft auseinandersetzen und sie individuell für sich beantworten. Diese Frage mit einem „Ja“ zu beantworten bedeutet gleichermaßen eine bewusste und aus dem freien Willen heraus resultierende Entscheidung für eine Mitgliedschaft in der christlichen Glaubens- und Wertegemeinschaft.

    Für uns als Christen ist diese Gemeinschaft von zentraler Bedeutung, nicht nur um unseren Glauben gemeinschaftlich leben zu können, sondern auch um solidarisch in unserer Gesellschaft wirken zu können und uns Anderem, Neuem und Fremden zuzuwenden, so wie Jesus Christus es uns vorgelebt hat. Gemeinschaft heißt immer auch, füreinander da zu sein und sich genseitig zu unterstützen. Papst Franziskus hat jeden Einzelnen von uns dazu aufgerufen, sich in der Nachfolge Christi für Menschen am Rande der Gesellschaft einzusetzen, sei es für Obdachlose, Menschen mit Behinderung, alte Menschen in Not, arme Familien oder ausgegrenzte Minderheiten. Um als Gemeinschaft diesem Auftrag nachzukommen, bedarf es Strukturen und Regeln, wie wir miteinander leben und vor allem, wie wir uns gegenseitig unterstützen wollen. Das System der Kirchensteuer fußt auf dieser Verantwortung. Die Lasten sind auf alle Mitglieder entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit aufgeteilt. Durch die Anbindung an die staatliche Einkommensteuer orientiert sich die Kirchensteuer am Leistungsfähigkeitsprinzip und an einer sozialen Ausgestaltung. Wer in unserer Gesellschaft viel verdient, der trägt den Schwächeren mit. Wer wenig hat, gibt weniger oder ist sogar freigestellt. So haben alle Kirchenmitglieder im gleichen Maße Teil daran, was unsere Kirche und damit unsere Gesellschaft mit anderen für andere leistet.

    Wer sich bewusst für eine Gemeinschaft entscheidet, muss auch einhergehende Regeln akzeptieren, die in dieser Situation sehr ähnlich den in Deutschland üblichen Vereinsstrukturen sind. Mitglied sein in einem Verein, egal ob einem Sportverein, einem Schützenverein oder einer sozialen Einrichtung bedeutet, Verantwortung für sich und für andere zu übernehmen. Diese Verantwortung eines jeden Einzelnen hilft der Gemeinschaft, zuverlässig ihrer Grundaufgabe und Verantwortung nachzukommen. Gerade die kirchlichen Hilfen für Kinder und Jugendliche, Minderheiten, Schwächere, Hilfsbedürftige, Ältere, Kranke und Menschen am Rande der Gesellschaft können durch die Kirchensteuer mitgetragen werden. Darunter finden wir eine Vielzahl unterschiedlicher Beratungsstellen und Förderprojekte, die keine Lobby und keine Fürsprecher besitzen und die daher gesellschaftlich häufig außerhalb der Wahrnehmung liegen. Doch auch sie sind wichtig und dürfen nicht vergessen werden. Nicht zuletzt sind die Einnahmen durch die Kirchensteuer eine regelmäßige und planbare Grundlage für die Kirche, um soziale und auch weltkirchliche Projekte wie auch den Lebens- und Bildungsauftrag zu fördern und so ihrer sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. Denken wir besonders auch an den Bildungsauftrag der Kirche. Eine gute schulische und berufliche Bildung ist die beste Voraussetzung für eine existenzsichernde Zukunft. Zur persönlichen Reife gehört auch immer die religiöse Bildung, die jedem Einzelnen dabei hilft, verantwortlich für sich und andere zu handeln.

    Neben einer finanziellen Grundsicherung benötigt eine Glaubensgemeinschaft lebendige und engagierte Menschen, die selbstbewusst ihren Glauben leben, die sprachfähig über die Inhalte des Glaubens sind und sich engagiert für andere einsetzen. Jede einzelne gute Tat der Kirchen und ihrer Mitglieder zeigt, dass das System der Kirchensteuer derzeit für mich alternativlos ist. Ein wichtiges Argument – das in der gesellschaftlichen Debatte häufig zu kurz kommt – ist, dass das sozial-caritative und das bildungspolitische Engagement der Kirchen weit über ihre eigenen Mitglieder hinausgeht. Vielmehr kommt es der gesamten Gesellschaft zugute.

     

    Hintergrund

    Monsignore Georg Austen ist katholischer Priester, der seit dem Jahr 2008 Generalsekretär des Bonifatiuswerkes der deutschen Katholiken ist. Die Projektförderung des Bonifatiuswerkes in Deutschland ist rein spendenbasiert und unabhängig von Kirchensteuereinnahmen. Als Hilfswerk für den Glauben unterstützt es katholische Christen in Regionen, wo sie in einer extremen Minderheitensituation, in der Diaspora, ihren Glauben leben. pd

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