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    „Ein Zeichen des Widerspruchs sein“

    Exzellenz, Sie haben einmal gesagt „Die Kirche muss sich an der Wahrheit messen, auch wenn sie weh tut“. Sind Sie in Ihrem ersten Jahr als Erzbischof von Warschau auf vieles gestoßen, was weh getan hat? Was war erfreulich?

    Exzellenz, Sie haben einmal gesagt „Die Kirche muss sich an der Wahrheit messen, auch wenn sie weh tut“. Sind Sie in Ihrem ersten Jahr als Erzbischof von Warschau auf vieles gestoßen, was weh getan hat? Was war erfreulich?

    Im Leben der Kirche und der Menschen gibt es immer gute und schlechte Dinge. Zu den guten zählt sicherlich, dass viele Menschen offen sind für die religiöse Wahrheit. Ebenfalls positiv hervorzuheben ist die hervorragende theologische Ausbildung der Priester in unserer Diözese. Wir haben hier zwei theologische Fakultäten auf hohem intellektuellem Niveau. Als Basis für die Pastoralarbeit ist das optimal. Betonen möchte ich aber auch das Engagement der Laien, die über die Arbeit in den Pfarreien hinaus sehr aktiv sind. Natürlich waren die Vorkommnisse um Erzbischof Wielgus, mit dem ich übrigens regelmäßig Kontakt habe, sehr schmerzvoll. Doch ich denke, mit der Zeit werden die damit verbundenen Wunden und Verletzungen heilen.

    Sind Sie mit der Zahl der Gottesdienstbesucher in der Hauptstadt zufrieden? Sie wird im Vergleich zu anderen polnischen Städten als gering eingestuft.

    Das stimmt. Im Vergleich zu anderen Diözesen Polens, besonders denen im Süd-Osten, ist die Zahl der Gottesdienstbesucher in Warschau mit zwanzig Prozent geringer, doch bei diesen Zahlen darf man nicht vergessen, dass diejenigen, die in Warschau regelmäßig zur Messe gehen, eine sehr tiefe Verwurzelung in die Gemeinden und die Lehre der Kirche haben. Es gibt auch hier Menschen, die mit der Lehre der Kirche nicht in jedem Punkt übereinstimmen, aber es sind nicht so viele wie anderswo. Dazu kommt: Viele Menschen leben und arbeiten während der Woche in Warschau, fahren aber am Wochenende in ihre Heimatstädte. Das beeinflusst die Statistik zusätzlich.

    Zu den schmerzvollen Erfahrungen dürfte sicher auch gehören, dass viele Katholiken am Sonntag von der Messe aus direkt in den Supermarkt gehen. Berührt Sie das? Hat die Kirche in Polen den Sonntag verloren?

    Die Kirche in Polen hat das Sonntagsgebot nicht vergessen! Die Priester und Bischöfe erinnern die Gläubigen stets daran. Es ist schon seltsam: Während der kommunistischen Zeit standen die Leute während der Woche Schlange, um an bestimmte Waren zu kommen, jetzt können sie jeden Tag alles haben und sie verschieben den Einkauf auf den einzigen freien Tag in der Woche, weil sie sonst keine Zeit haben. Mich macht das nicht nur traurig, es regt mich auf! Vor allem, wenn dieses Verhalten als „modern“ bezeichnet wird. Was ist das für ein Argument? Sind die Deutschen nicht „modern“, wenn sie am Sonntag nicht einkaufen?

    Viele Deutsche würden auch gerne am Sonntag einkaufen.

    Es ist aber auch wichtig, an diejenigen zu denken, die hinter der Kasse sitzen, die arbeiten müssen. Über die spricht man nicht so gerne. Und über die Zerstörung des Familienlebens ebenso wenig. Gerade für das Familienleben ist der arbeitsfreie Sonntag unverzichtbar.

    Was sind die wichtigsten anderen modernen Versuchungen für Katholiken in Polen?

    Als Vorsitzender der Bildungskommission innerhalb der polnischen Bischofskonferenz liegt mir sehr das Thema Religionsunterricht am Herzen. In Berlin kann man wählen zwischen Ethik und Religion, in Polen kann man wählen zwischen Ethik, Religion und nichts. Die letztgenannte Option ist eine Versuchung. Viele Eltern wählen sie für ihre Kinder. Ganz pragmatisch, damit sich diese auf andere, scheinbar wichtigere Fächer wie Mathematik konzentrieren können. Doch Mathematik ist nicht alles im Leben! Deshalb gibt es mit der Regierung Gespräche darüber, den Schülern in Zukunft zwei Alternativen anzubieten: Ethik und Religion, wobei der Religionsunterricht auch Katechese-Elemente enthalten soll.

    Und die Regierung macht mit?

    Ich sehe kein Problem.

    Was auf ausländische Beobachter manchmal befremdlich wirkt, ist das Verhältnis zwischen national-konservativen und liberalen Katholiken in Polen. Wo verläuft Ihres Erachtens die Trennlinie zwischen diesen Strömungen? Wo gibt es Berührungspunkte?

    Diese Trennlinie oder Grenze zu bestimmen ist nicht nur für Ausländer, sondern auch für Polen schwierig! Meiner Meinung nach existiert sie in den Pfarreien, auf der Ebene der normalen Gläubigen auch gar nicht. Diese Trennung wird von manchen Medien gemacht, die gerne nach links und rechts kategorisieren. Ein Phänomen des Säkularismus, sozusagen.

    Sind wirklich nur die Medien für diese Trennung verantwortlich? Spielt nicht auch die polnische Geschichte dabei eine Rolle?

    Sicher. Polen hat über 150 Jahre territorial nicht existiert. In dieser Zeit war die Kirche eine nationale Kraft gegen die Aggressoren von außen, die Besetzer. Sie war wichtig für die eigene nationale Identität der Menschen. Auch in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen des vergangenen Jahrhunderts spielte das eine Rolle. Manchmal tauchen Ideen und Geister dieser Epochen wieder auf und werden politisch instrumentalisiert. Doch die Kirche in Polen war nie eine populistische Kraft, nie nationalistisch. Sie war mit dem Volk verbunden.

    Ob Trennungslinie ja oder nein, ob Medien- oder Geschichtsprodukt: Unterschiedlich wirkende kirchliche Strömungen in Polen berufen sich auf das Erbe Johannes Pauls II. Ist das ein Zufall, ein Trick?

    Johannes Paul II. hatte verschiedene Schüler, die untereinander verschieden waren und sind. Das muss man im Blick haben, wenn man bestimmte Diskussionen in der Kirche von heute verstehen will. Als er sich für Europa stark gemacht hat, haben die national-konservativen Kräfte ihn damit entschuldigt, dass er gezwungen gewesen sei, sich dafür einzusetzen. Bei konservativen Tönen von ihm haben die liberalen Katholiken eine Erklärung oder Entschuldigung gesucht. Es ist einfach so: Er war der Meister und seine Schüler sind verschieden. So ist es wahrscheinlich in Deutschland mit Papst Benedikt XVI. auch – unterschiedliche Katholiken folgen ihm auf unterschiedlichen Ebenen.

    Papst Johannes Paul II. hat Sie über Jahrzehnte hinweg gefördert: Was ist Ihnen persönlich von ihm in Erinnerung geblieben?

    Dreißig Jahre lassen sich nicht so leicht zusammenfassen. Am intensivsten war sicherlich die Zeit, in der ich als junger Priester mit ihm als Bischof von Krakau Kontakt hatte. Schon damals – vor der Wahl zum Papst – war er eine große, außergewöhnliche Persönlichkeit. Sein Umgang mit den Priestern war natürlich, ohne Etikette. Normal und doch außergewöhnlich. Man konnte zu ihm kommen, ihm begegnen, wie einer normalen Person. Ich muss zugeben: Es ist nicht leicht, ihm auf diesem Gebiet zu folgen. Das Amt des Erzbischofs schafft immer wieder Unterschiede.

    Eine Eigenschaft, die sie beide verbindet, ist die Standfestigkeit. Diese Eigenschaft wird Ihnen jedenfalls, gerade mit Blick auf die kommunistische Zeit, immer wieder lobend attestiert. Welche Vision haben Sie für die Kirche in Polen und in der Welt? Wie kann sie standhaft sein angesichts vieler neuer Herausforderungen?

    Die Kirche soll modern sein, aber dabei immer die Grundsätze der Lehre festhalten und verteidigen. Das bedeutet auch, wenn es nötig ist, Nein zu sagen gegenüber den Anschauungen der Welt. Nur so kann die Kirche ein Zeichen des Widerspruchs sein.

    Und welche Rolle sollte und kann Polen in Europa spielen? Das katholische Gewissen oder neuer Motor?

    Ich glaube nicht, dass Polen eine spezielle Rolle in Europa spielen sollte. Polen kann, wie andere Länder auch, Europa dienen. Es kann als normales Land mit den anderen Ländern zusammenarbeiten. Es kann etwas geben, gerade auf geistlichem Gebiet, aber es kann – mit Blick auf die europäische Tradition und Geschichte – auch viel empfangen.

    Von Stefan Meetschen