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    „Ein Vorgeschmack auf den Himmel“

    Altötting (DT) Noch ganz ruhig liegt er da, der Kapellplatz in Altötting, der schon so viele Gebete und Marienlieder gehört hat, so manch himmlische Fügung und zahlreiche Pilger gesehen hat, Dank- wie Bittgänger täglich aufs Neue strahlend willkommen heißt. Ein heißer Samstag ist es, die überhitzte Mittagsstunde mutet hochsommerlich an, der Himmel ist wolkenlos.

    Papst-Benedikt-Denkmal in Altötting enthüllt
    Kurienerzbischof Georg Gänswein am Samstag vor der Papst-Benedikt-Statue am Kongregationssaal der Marianischen Männerkon... Foto: dpa

    Altötting (DT) Noch ganz ruhig liegt er da, der Kapellplatz in Altötting, der schon so viele Gebete und Marienlieder gehört hat, so manch himmlische Fügung und zahlreiche Pilger gesehen hat, Dank- wie Bittgänger täglich aufs Neue strahlend willkommen heißt. Ein heißer Samstag ist es, die überhitzte Mittagsstunde mutet hochsommerlich an, der Himmel ist wolkenlos.

    An der Westwand des Saals der Marianischen Männerkongregation fällt eine verhüllte Fassadenfigur auf, neben ihr hält ein bronzener Papst Johannes Paul II. segnend seine Hand über den Platz und die nur wenige Meter gegenüber liegende Gnadenkapelle. Da geht großen Schrittes eine kleine Gruppe aus drei Männern die Kirche der Marianischen Männerkongretation entlang, die Gnadenkapelle fest im Visier. Es ist der Wallfahrtsrektor Prälat Günther Mandl, neben ihm Kurienerzbischof Georg Gänswein, frohen Mutes und frischen Schwungs. Flott umrunden sie die Gnadenkapelle, ehe der hohe Gast aus Rom zu Gebet und kurzer Führung durch den Wallfahrtsrektor zur Muttergottes von Altötting geführt wird.

    Dankbar, dass Benedikt im Hintergrund viel betet

    Die in der Gnadenkapelle versammelten Beter hat der kurze Besuch sehr gefreut. „Wir haben ja gar nicht gewusst, dass er kommt. Jetzt haben wir auch noch einen erzbischöflichen Segen bekommen. Das war schön!“, so eine ältere Pilgerin aus Niederbayern, die sichtlich ergriffen ist von der Tatsache, dass sie heute, ohne es vorher geahnt zu haben, mit dem Präfekten des Päpstlichen Hauses und dem Privatsekretär von Papst emeritus Benedikt XVI. den kleinen Raum der Gnadenkapelle teilen durfte.

    Hoher Besuch aus Rom, das wird auch spürbar, wenn man sich später dem Veranstaltungsort nähert, an dem Georg Gänswein am Nachmittag einen Vortrag halten wird. Wer keine der 850 Platzkarten ergattert hat, die vorab von der Bischöflichen Administration ausgegeben wurden, versucht, „irgendwie so noch hineinzukommen“, wie ein Futtermittelvertreter es ausdrückt, der ein großer Verehrer des bayerischen Papstes ist und alle Veranstaltungen in Erinnerung an den Papstbesuch vor zehn Jahren an diesem Wochenende miterleben möchte.

    „Bei uns ist die ganze Familie dankbar, dass es Papst Benedikt gut geht und dass er im Hintergrund viel betet, auch für seinen Nachfolger und für die Kirche in Deutschland“, so eine junge Mutter, der es gar nicht recht aufzufallen scheint, dass sie in der Nomenklatur der Zeit des Papstbesuchs spricht, an den nun in Dankbarkeit und Freude erinnert werden soll: Damals war ja der Name des Nachfolgers, des heutigen Papstes Franziskus, noch unbekannt und damals war ja der heutige „Papa emeritus“ noch Papst Benedikt XVI. Doch heute herrschen Zeitlosigkeit und historische Kontinuität, und wie dieser jungen Frau geht es dieser Tage den meisten der anwesenden Gläubigen, die sich freuen, dass in der Diözese Passau an den Bayern-Besuch des Papstes vor zehn Jahren gedacht wird. Der Einfachheit halber, aber auch, weil sich alle so gern an den hohen und zugleich vertrauten Besuch vor zehn Jahren zurückerinnern, sprechen in Altötting und Marktl an diesem Wochenende alle von „Papst Benedikt“ – gerade so, als wäre der Vorgänger des aktuellen Papstes noch im Amt und nur leider heute eben in Rom anstatt in Bayern.

    Nach Bayern hat der Vorgänger von Papst Franziskus jedoch an diesem Wochenende seinen glaubens- und wortstarken engen Mitarbeiter und Vertrauten Georg Gänswein geschickt, der ihn gerne vertritt und in seinem Namen den Gläubigen an seinen Kindheitsorten freudig die Grüße und Segenswünsche des emeritierten Papstes übermittelt. Und auch zahlreiche Grüße aus Bayern für Benedikt XVI. entgegennimmt. So etwa von Martin Ott, dem „Papst-Pilot“ und siebenfachen Vater, der Papst Benedikt XVI. zum Weltjugendtag in Köln und vor seinem Rückflug nach Rom vor zehn Jahren als Überraschung und besonderes Geschenk die Stätten seiner Kindheit und Jugend aus der Luft zeigte. Aber auch von zahlreichen Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Kirche wie dem Delegaten des Souveränen Malteser-Ordens und zahlreichen Männern und Frauen aus Marktl und Altötting, die Papst Benedikt XVI. zum Teil seit vielen Jahren kennen und ihm vor zehn Jahren einen festlichen und herzlichen Empfang bereitet haben. Benedikt XVI. sei heute geistig und im Gebet in Altötting präsent, so Georg Gänswein später vor Beginn seines Vortrags. Wie es sich für einen Privatsekretär gehört, und diese Funktion hat Georg Gänswein seit zwanzig Jahren an der Seite des nun emeritierten Papstes inne, tritt der Festredner ganz hinter der Person seines Vorgesetzten zurück, erinnert an jeder seiner zahlreichen Stationen an diesem Festwochenende in Südostbayern daran, dass nicht er es sei, auf den es ankomme, sondern er nur eine Boten- und Vermittlerrolle einnehme.

    Die Kunst des Vermittelns steht dann auch im Zentrum seines Vortrags, der die Neuevangelisierung als „Weg und Herzmitte der Kirche in unserer Zeit“ beschreibt: Gekonnt und feinsinnig wie der emeritierte Papst legt Gänswein mit Rückgriff auf Papst Benedikts nachsynodales Schreiben „Verbum Domini“ dar, wie zu jeder Stunde der Kirchengeschichte das Wort Gottes und Jesus Christus als das fleischgewordene Wort Gottes im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Priester wie der Gläubigen stand, wie allein seine Vermittlung die Ausbreitung und Wiederbelebung des Glaubens beflügelt und ermöglicht hat. Ein mahnendes Wort richtet er an den anwesenden Klerus: Leben und Lebensführung von Priestern und Bischöfen sei entscheidend für die gelingende (Neu-)Evangelisierung, die Versuchung, sich auf das menschliche Wort anstatt auf das Wort Gottes zu verlassen, stets groß. Gott, sich selbst und die Gläubigen nicht aus dem Blick zu verlieren, wäre die hohe Kunst der Schaffung der Grundlagen für eine Wiederbelebung des Glaubens in Europa. Denn, so Gänswein, Offenbarung benötige auch empfangende Subjekte, denn sie zielt stets auf den Einzelnen.

    Dass dieser Einzelne, also jeder Einzelne von uns, Gott unendlich kostbar ist, erwähnt der Präfekt des Päpstlichen Hauses an diesem Wochenende immer und immer wieder: „Jeder ist Besitz Gottes“, erinnert er auch die Besucher der Vorabendmesse in Marktl anlässlich des Evangeliums, das zu Introspektion, Reue und Umkehr zu Gott aufruft. Sich dieser von Georg Gänswein so prägnant auf den Punkt gebrachten Besitzverhältnisse klar zu werden und sich darüber zu freuen, ist das Privileg aller Gläubigen. Und eine innige Freundschaftsbeziehung mit Christus und der Muttergottes seien zugleich Voraussetzung für ein freies Leben und die Belohnung, die man erhält, wenn man sich auf sie einlasse, so der Kurienerzbischof ganz im Sinne seiner beiden Vorgesetzten in Rom.

    Ein Freudenfest an einem geschichtsträchtigen Tag

    Nach dem Besuch der heiligen Messe in der in neuer Pracht erstrahlenden Basilika Sankt Anna fühlen sich alle reich beschenkt. „Ein Vorgeschmack auf den Himmel!“, strahlt eine gehbehinderte hochbeglückte Pilgerin. Und so geht das hochherzige Festwochenende nach Vortrag in Altötting, Vorabendmesse in Marktl, Segnung einer neu angebrachten Benedikt-Plakette und Empfang im Rathaus von Marktl sowie der heiligen Messe mit anschließender Segnung der Benedikt-Statue seinem Ende entgegen.

    Der 11. September ist ein geschichtsträchtiger Tag – manchen ruft das Datum die Schrecken des 11. September 2001 in Erinnerung, doch den Gläubigen von Altötting und Marktl und vielen Benedikt-Anhängern weit über die Grenzen der Diözese Passau hinaus ist es nun noch mehr als bereits seit 2006 vor allem mit großer Freude verbunden. „Das Fest auf Erden hat bereits begonnen. Aber es wird noch viel größer sein im Himmel und dort fortgesetzt bis in alle Ewigkeit“, so Gänswein in seiner Predigt in der Basilika Sankt Anna. Den zahlreichen Novizen des Regnum Christi, den Vertretern der marianischen Verbände der umliegenden Ortschaften, den Schützen, Feuerwehrleuten, Bürgermeister Herbert Hofauer, den Organisatoren vor Ort und den Pilgern von Nah und Fern wird jedenfalls der 11. September 2016 mit seiner eindrücklichen Festmesse in der Wallfahrtsbasilika und der Enthüllung der von Künstler Joseph Michael Neustifter gestalteten, von Altbischof Wilhelm Schraml, der Diözese Passau und einer regional engagierten Bank finanzierten Benedikt-Statue ganz sicher noch lange als ein großer Tag in Erinnerung bleiben. Und auch dem emeritierten Papst, der nach Aussage seines Privatsekretärs tief bewegt ist von der Tatsache, dass in dem von ihm so sehr geliebten Altötting nun eine Statue seiner Person auf die Gnadenkapelle und die zahlreichen Pilgerinnen und Pilger zur Muttergottes blickt.