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    „Ein Pfarrer für die Welt“

    München (DT) „Papst Franziskus hat eine neue Phase der Papstgeschichte eingeleitet“, sagte Kardinal Walter Kasper am Freitagabend in der Katholischen Akademie Bayern in einem Vortrag über ,,Ein Jahr Pontifikat Papst Franziskus“. Zuvor war dem Kurien-Kardinal, der bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen gewesen war, auf einem Festakt in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchener Residenz für sein Engagement zur Förderung der Einheit der Christen der Kulturpreis der deutschen Stiftung Kulturförderung verliehen worden.

    Stimmung ist in der Kirche die halbe Miete, unterstrich der fröhliche Kardinal Walter Kasper mit Blick auf den heiteren ... Foto: R. Walser

    München (DT) „Papst Franziskus hat eine neue Phase der Papstgeschichte eingeleitet“, sagte Kardinal Walter Kasper am Freitagabend in der Katholischen Akademie Bayern in einem Vortrag über ,,Ein Jahr Pontifikat Papst Franziskus“. Zuvor war dem Kurien-Kardinal, der bis 2010 Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen gewesen war, auf einem Festakt in der Allerheiligen-Hofkirche der Münchener Residenz für sein Engagement zur Förderung der Einheit der Christen der Kulturpreis der deutschen Stiftung Kulturförderung verliehen worden.

    Über 470 Zuhörer wollten hören, wie der deutsche Kardinal das erste Jahr von Papst Franziskus bewertet. Dass sich jetzt noch keine Bilanz ziehen lässt, und ebenso wenig Prognosen für die Zukunft treffen lassen, gestand Kardinal Kasper zu, doch soviel lasse sich über den neuen Mann auf dem Stuhl Petri schon sagen: „Papst Franziskus ist eine Überraschung und er wird eine Überraschung bleiben. Er passt weder in die liberale noch in die traditionalistische Ecke. Er ist weder konservativ noch progressiv liberal. Er ist im ursprünglichen Sinn des Wortes radikal. Er geht an die Wurzel, das Evangelium“, sagte der achtzig Jahre alte Kardinal, der sieben Päpste bewusst erlebt hat. Die letzten drei charakterisierte er folgendermaßen: „Papst Johannes Paul II. war ein Missionar, der rastlos um die Welt reiste, Papst Benedikt war Lehrer und Katechet, Papst Franziskus ist Pastor. Er ist gewissermaßen ein Pfarrer für die Welt.“ Doch wer ihn deshalb als Dorfpfarrer oder „Copacabana-Theologen“ abtue, unterschätze ihn erheblich. Der aus Argentinien stammende Papst, der von den Erfahrungen in den Slums und Elendsvierteln geprägt sei, wolle eine missionarische Kirche, „heraus aus dem Mief einer auf sich selbst bezogenen, um sich selbst kreisenden, an sich selbst leidenden und sich selbst bejammernden Kirche“.

    Auch für Nichtchristen ein Hoffnungsträger

    „Er ist kein Mann von Ideologien, ihm geht es um die Freude des Evangeliums“, sagte Kardinal Kasper. Als solcher sei Papst Franziskus für Katholiken wie für alle anderen Christen und Nichtchristen ein Hoffnungsträger.

    Man müsse weit in den Annalen der Geschichte zurückblicken, um einen Papstrücktritt zu finden: Und diese Rücktritte – der Cölestins V. im Jahr 1294 wie der Rücktritt Gregors XII., um 1415 auf dem Konzil von Konstanz einen Ausweg aus dem abendländischen Schisma zu ermöglichen –, fanden unter Umständen statt, die mit der gegenwärtigen Situation kaum vergleichbar seien. Die Ankündigung Benedikts XVI. auf dem Kardinalskonsistorium in Rom vor einem Jahr, von seinem Amt zurückzutreten, habe wie ein Blitz aus heiterem Himmel gewirkt: ,,Wir waren wie vom Blitz getroffen und standen nachher verdutzt zusammen!“

    Aber die Krise der Kirche war in aller Munde, sagte der Kardinal. Sie betraf einzelne Ortskirchen, auch Deutschland. „Der Skandal der Pädophilie hatte tiefe Wunden geschlagen, die Glaubenskraft und Glaubensfreude erheblich nachgelassen.“ Außerdem hatte die Krise die römische Kurie selbst erreicht und das Ansehen der ältesten internationalen Institution Europas, des Heiligen Stuhls, durch die Vatileaks und den Verdacht dubioser Geldgeschäfte schwer angeschlagen: „Die Vatileaks-Dokumente vom Schreibtisch des Papstes gestohlen, kopiert und veröffentlicht, waren ja nur das äußere Zeichen dafür, dass in der Kure vieles nicht gut funktionierte.“ Inmitten dieser Situation habe Benedikt XVI., der vom Vertrauensbruch in seiner unmittelbaren Umgebung am meisten betroffen war, erklären müssen, dass seine physischen Kräfte nicht mehr ausreichten, das Schiff der Kirche zu steuern: „Diese mutige, großmütige und demütige Entscheidung wird mit dem Pontifikat Benedikts XVI. bleibend verbunden sein und in die Geschichte eingehen“, sagte Kardinal Kasper unter Beifall.

    Weil man nicht so weitermachen konnte wie bisher und herauskommen musste aus den innerkurialen Seilschaften, sei es naheliegend gewesen, jemanden von außen, aus der südlichen Hemisphäre zu wählen, wohin sich im zwanzigsten Jahrhundert das Schwergewicht der Kirche verlagert habe: Die Situation der Kirche habe sich im 20. Jahrhundert buchstäblich auf den Kopf gestellt, sagte der Kardinal: „Im Süden ist die Kirche, bei allen Problemen, die es dort gibt, jung und lebendig, während sie in den europäischen Kernlanden in einer inneren Krise steckt, die Zahlen zurückgehen und die geistlichen Berufungen spärlich geworden sind.“

    Es wäre falsch zu glauben, die Krise der Kirche lasse sich durch eine Reform der Kurie und der Strukturen in der Kirche lösen. „Die eigentliche Krise ist der Mangel an Glaubenskraft und an Glaubensfreude wie der Mangel an missionarischem Elan“, sagte Kardinal Kasper. „Der Aufbruch und der Rezeptionsprozess des Zweiten Vatikanischen Konzils war steckengeblieben; irgendwie war die Luft raus.“

    Diese tiefere Krise habe Kardinal Jorge Bergoglio in einer eindrucksvollen Intervention während des Konklaves angesprochen: „Er hat eine autoreferentielle Kirche kritisiert, die dauernd nur mit sich selbst beschäftigt ist, an ihrem Strukturen herumbastelt und dabei an sich selbst leidet.“ Stattdessen habe er eine Kirche im Aufbruch gefordert, die hinausgeht, „an die Peripherien menschlicher Existenz, eine missionarische Kirche, die dort hingeht, wo die Menschen sind, eine Kirche, die den Menschen nahe ist, eine arme Kirche für die Armen.“ Als Papst Franziskus habe Jorge Bergoglio seinem neuen Amt vom ersten Augenblick an seinen Stil und seinen Stempel aufgedrückt: in Kleidung, Sprache und Gestik. Doch am meisten bewegend war, dass der neue Papst vor dem Segen um das Gebet des Volkes Gottes bat, damit Gott ihn segne: „Das war ein neuer Stil. Das war Theologie des Volkes Gottes. Das ,camminare insieme‘, das miteinander einen Weg gehen, hatte sinnfälligen Ausdruck gefunden.“

    „Papst Franziskus ist im ursprünglichen (nicht im konfessionellen) Sinn des Wortes ein evangelischer Papst“, hob Kardinal Kasper hervor. Nicht umsonst trage das Apostolische Schreiben, in dem er sein Programm vorlegt, den Titel ,,Evangelii gaudium“ – die Freude des Evangeliums. „Er will zurück zur apostolischen Einfachheit und Schlichtheit.“ Schon Benedikt XVI. habe auf seinem Deutschlandbesuch mit dem Stichwort „Entweltlichung“ in diese Richtung gewiesen. „Das wurde weder in Deutschland und noch weniger im Vatikan aufgegriffen. Jetzt macht Franziskus deutlich, worum es geht.“

    Und dieses evangelische Programm sei ein ökumenischer Impuls. In „Evangelii gaudium“ beziehe sich Franziskus ausdrücklich auf Thomas von Aquin und sein Verständnis des Evangeliums. „Wie für Thomas, so ist auch für ihn das Evangelium, an dem sich die Kirche ausrichten muss, keine lex scripta, kein Kodex von Lehren und Geboten, sondern Gabe des Heiligen Geistes, der durch den Glauben wirkt. Das ist nicht sehr weit von Martin Luther weg.“

    Die Spaltung der Kirche, sagte Kardinal Kasper in der Diskussion nach dem Vortrag, sei ein Export der alten in die Neue Welt. Die Verletzungen, die sich in Europa mit der Kirchenspaltung verbinden, seien dort nicht gegeben. So habe Jorge Mario Bergoglio den Begriff der „versöhnten Verschiedenheit“, der in Europa im Dialog zwischen katholischen und evangelischen Christen üblich geworden sei, in einem Dialog-Buch mit einem befreundeten Rabbiner verwendet.

    Kurienreform beansprucht mindestens drei Jahre

    Auch mit seiner Option für die Armen stehe Papst Franziskus in einer großen Tradition – selbst wenn ihm seine Worte Kritik eingebracht hätten, etwa der Satz „Diese Wirtschaft tötet!“ Dabei verfolge der Papst gar keine wirtschaftswissenschaftliche Analyse. sagte Kardinal Kasper. Aber ,,wenn 1, 4 Milliarden Menschen in extremer Armut leben und jährlich 5, 6 Millionen Kinder an Unterernährung sterben, dann kann mit dem globalen Weltwirtschaftssystem etwas nicht in Ordnung sein. Gegen diese Globalisierung der Gleichgültigkeit will Franziskus seine Stimme erheben.“

    Auch institutionell habe Papst Franziskus schon viele Änderungen in die Wege geleitet. Manche meinten, dem Papst werde bald die Puste ausgehen und der kuriale Apparat werde ihn schon ausbremsen. Doch „wer so denkt, unterschätzt Franziskus und überschätzt die restaurativen Kräfte in der Kurie“, sagte Kasper. „Im Übrigen darf man sich von der Kurie keine abenteuerlichen Vorstellungen machen, als ob es da nur sex and crime gebe.“ Die große Zahl der Mitarbeiter wolle der Kirche und dem Papst aufrichtig dienen – manche warteten erst einmal ab, andere passten sich schnell an.

    Kardinal Kasper warnte davor, schnelle Ergebnisse zu erwarten. Die Kurienreform nannte er eine Großbaustelle, die mindestens drei Jahre benötige. Wichtig sei der Kardinalsrat, bestehend aus acht Kardinälen aus allen Kontinenten – darunter auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Für wichtiger als alle internen Vorgänge sah Kardinal Kasper aber den Stimmungsumschwung an. Wegen der Mittwochsaudienzen könne er seine Wohnung kaum mehr verlassen, da sich die Menschen schon früh morgens auf der Via della Conciliazione zum Petersplatz hin stauten. Sicherlich seien durch die Begeisterung die Probleme nicht einfach weggeblasen. „Doch wie in der Wirtschaft so ist auch und noch mehr in der Kirche die Stimmung die halbe Miete“, sagte Kardinal Kasper.