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    Ein Los für jeden Tag

    Im Jahr 1731 wurden erstmals im sächsischen Herrnhut Bibelverse für jeden Tag des Jahres aus einem Topf gezogen. Von Fabian Brand

    Marias Milch (II)
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    Im Jahr 1731 wurden erstmals im sächsischen Herrnhut Bibelverse für jeden Tag des Jahres aus einem Topf gezogen. Dieser von der dortigen Brüdergemeine ausgeübte Brauch geht bereits auf das Jahr 1728 zurück, als der pietistische Theologe Nikolaus Ludwig von Zinzendorf begann, ausgewählte Bibelverse für bestimmte Tage des Jahres vorzutragen. Da die Auswahl des jeweiligen Verses durch Losen erzielt wurde, erhielten die Bibelsprüche schon bald den Namen Losungen.

    Bis in die heutige Zeit hat sich dieser Brauch erhalten: Alljährlich werden aus 1 824 alttestamentlichen Versen die jeweiligen Losungen für das kommende Jahr gezogen. Diese werden durch einen neutestamentlichen „Lehrtext“ und ein Lied oder einen Gebetstext ergänzt. So erhält man für jeden Tag des Jahres einen kleinen, kompakten Gebetsschatz.

    Ich habe mir im Dezember, auf Anregung eines Freundes, die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine für dieses Jahr 2018 besorgt. Zwar ist mir die Tradition der Losung eher fremd, ist sie doch vor allem im evangelischen Bereich verbreitet, aber es scheint mir eine gute Möglichkeit zu sein, den Tag unter ein bestimmtes biblisches Leitwort zu stellen. Oder zumindest ein bisschen mehr aus der Bibel in meinen Alltag mit hineinzunehmen.

    Schon in der ersten Woche des neuen Jahres bringen mich die täglichen Losungen zum Schmunzeln und Nachdenken: Denn irgendwie scheint der zufällig ausgeloste Vers auch auf mein Leben zuzutreffen. Für den 03. Januar beispielsweise ist Psalm 116,7 angegeben: „Sei nun wieder zufrieden, meine Seele; denn der Herr tut dir Gutes“. Ein Aufruf an mich, nicht mehr länger alten Problemen nachzuhängen, die mich so lange schon verfolgen. Einfach mal wieder zufrieden zu sein, Sorgen fahren zu lassen und mein Leben in Gottes Hand geborgen zu wissen. „Der Herr tut dir Gutes“: Es liegt nicht in meiner Hand, was da alles auf mich zukommt, und ein bisschen mehr Vertrauen auf Gottes fürsorgende Liebe macht doch das Leben gleich leichter und schöner.

    Es ist doch schön, unerwartet ein solches Wort zugesagt zu bekommen. Ein Wort, das ganz zufällig an diese Stelle gelost wurde, aber plötzlich sinnvoll für mein Leben ist. Das Wort, das ich mir selbst nicht sagen kann und das mir auch keiner meiner Mitmenschen in diesem Moment sagt. Das mir aber die Bibel zuspricht, das mir Gott selber sagt, weil er mein Leben in seiner Hand hält und mir immer neu Gutes erweist.

    Vielleicht sind die Losungen eine gute Tradition, die es auch bei uns, in der katholischen Kirche, geben sollte. Denn immerhin sind sie eine abwechslungsreiche Anregung, jeden Tag neu auf Gottes Wort zu hören und unser Leben auf seine Gegenwart hin zu öffnen. Und manchmal reicht ein zufällig ausgewählter Vers, um aus dem Glauben an den lebendigen Gott neue Kraft zu schöpfen, neuen Lebensmut zu erlangen, hoffnungsvoll und zuversichtlich die Tage dieses neuen Jahres zu meistern.

    Der Autor, 26, promoviert in Katholischer Theologie

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