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    Ein Kardinal auf Facebook

    Rom (DT) Während der letzten Bischofssynode im Oktober dürften einige Bischöfe etwas verwundert in die Synodenaula geblickt haben, als Agnes Kam Leng Lam, Präsidentin des Katholischen Bibelverbandes von Hong Kong, in ihrer Wortmeldung den Papst dazu einlud, eine mehrsprachige Internetseite einzurichten, „um als Hirt die heutige Welt leiten zu können“. In diesem „Weblog“ oder kurz „Blog“, einer Art öffentlichem Tagebuch oder Journal, sollte der Heilige Vater jeden Tag dem Gottesvolk Bibelstellen verbunden mit einfachen Kommentaren, kurzen Texten und vielen Bildern zur Verfügung stellen.

    Rom (DT) Während der letzten Bischofssynode im Oktober dürften einige Bischöfe etwas verwundert in die Synodenaula geblickt haben, als Agnes Kam Leng Lam, Präsidentin des Katholischen Bibelverbandes von Hong Kong, in ihrer Wortmeldung den Papst dazu einlud, eine mehrsprachige Internetseite einzurichten, „um als Hirt die heutige Welt leiten zu können“. In diesem „Weblog“ oder kurz „Blog“, einer Art öffentlichem Tagebuch oder Journal, sollte der Heilige Vater jeden Tag dem Gottesvolk Bibelstellen verbunden mit einfachen Kommentaren, kurzen Texten und vielen Bildern zur Verfügung stellen.

    Der Erzbischof von Neapel, Kardinal Crescenzio Sepe, schien weder verwundert zu sein noch lächelte er abwinkend. Weltweit war Neapel in den letzten Jahren vor allem wegen seinem Müllproblem und dem organisierten Verbrechen bekannt. Still und leise jedoch hatte der ehemalige Präfekt der mächtigen römischen Kongregation „Propaganda fide“ (Kongregation für die Evangelisierung der Völker), der auch der „rote Papst“ genannt wird, den Internetauftritt seiner Diözese so überarbeiten lassen, dass dieser nun als eine der besten katholischen Homepages überhaupt angesehen werden kann. Ende Oktober schrieb sich Sepe, der nicht nur von Katholiken als eine tragende Säule Neapels und Hoffnungsträger für eine geistliche Erneuerung der Stadt angesehen wird, in das „Facebook“ ein. Das ist das soziale Netzwerk all jener, die entweder miteinander trotz aller zeitlichen und räumlichen Distanzen in Kontakt bleiben oder über die bereits vorhandenen Knotenpunkte des Freundesnetzes mit neuen Bekannten oder „Freunden“ Bekanntschaft schließen wollen.

    „Web 2.0“: So lautet der von den Medien in den letzten drei Jahren gern geführte Begriff, mit dem schlagwortartig verschiedene interaktive und kollaborative Elemente der Nutzung des Internets zusammengefasst werden. Der „User“ ist nun nicht mehr nur ein passiver Zuschauer oder Konsument, sondern produziert selbst. Die Verbreitung von Inhalten erfolgt nicht mehr nur durch zentralisierte Medienstellen, sondern durch die Teilnahme einer Vielzahl von Nutzern. Hauptbeispiel hierfür sind die bereits erwähnten Online-Tagebücher, Foto, und Videoportale wie „Youtube“ und soziale Netzwerke wie eben „Facebook“.

    Insbesondere „Facebook“ wird in den letzten Monaten (und vor allem in Italien) immer beliebter. 2004 entwickelte der Harvard-Student Mark Zuckerberg dieses nunmehr gewaltige (und viel Geld abwerfende) „social network“ mit der Absicht, die Studenten der Universität miteinander in Verbindung zu halten. Bald wurden die Seiten für Studenten aller amerikanischen Universitäten freigegeben. Der Erfolg war programmiert: Nicht nur Studenten, sondern alle konnten sich in „Facebook“ wieder treffen, sich austauschen, ihr Leben über Einträge und Fotos erzählen. Im Frühjahr 2008 folgten Auftritte in deutscher, italienischer und spanischer Sprache. Seither kennt die Expansion von „Facebook“ keine Grenzen: Das Kontakt- und Kommunikationsbedürfnis scheint gerade in einer Zeit fortschreitender Individualisierung unersättlich zu sein.

    Der Kardinal von Neapel ist einer der Protagonisten: Tag um Tag wächst die Zahl seiner „Freunde“, das heißt derer, die mit ihm kommunizieren wollen. In „Facebook“ kann ein einzelner Nutzer „nur“ fünftausend persönliche „Freunde“ haben. Diese Zahl hat Kardinal Sepe seit langem erreicht, sodass er gezwungen war, Untergruppen zu schaffen, um den großen Zulauf zu bewältigen. Hinzu kommt, dass der Großteil der Eingeschriebenen aus Neapel und Umgebung stammt.

    Was aber wollen die Leute von ihrem Bischof? Was schreiben sie dem Kardinal? Was beabsichtigt der Erzbischof mit seiner Präsenz? Wie er seinen Freunden in „Facebook“ mitteilte, sieht er in seiner Gegenwart ein „sympathisches Abenteuer“, in das alle direkt hineingenommen sind. „Direkt“: das ist das Schlüsselwort. Denn die Kommunikation online zeichnet sich durch einen Grad der Direktheit aus, der in der Wirklichkeit oft schwer zu erreichen ist. „Direkt“ schreiben die Menschen an „ihren“ Kardinal. „Direkt“ sagen sie „du, Bischof“ zu ihm, finden es selbstverständlich, dass der Hirte auch nur einfach „Crescenzio“ ist; „direkt“ bitten sie „Seine Eminenz“ um geistlichen und materiellen Beistand. „Direkt“ schreibt ein auf Bewährung freigelassener Exhäftling dem Herrn Kardinal Sepe und bittet ihn um Hilfe und Gebet für einen neuen bevorstehenden Prozess; „direkt“ teilt man dem Kirchenfürsten seine Dankbarkeit und Freude wegen dessen Reise nach Moskau zum Patriarchen von ganz Russland mit, dem eine Reliquie des heiligen Januarius überbracht worden war.

    Der Erzbischof liest und antwortet persönlich

    „Das Internet ist ein mächtiges Instrument, ein mehr als geeignetes Mittel, um Freundschaften zu schließen, Ideen auszutauschen und vor allem das Wort Gottes und die Hoffnung zu verbreiten“, stellt der Kardinal fest und zeigt sich bewegt über die Zuneigung und das Engagement, die in den aberhunderten Beiträgen zum Ausdruck kommen. Für Sepe ist das Netz und vor allem „Facebook“ ein Weg, auf dem „man zu allen kommen“ und vor allem denen beigestanden werden kann, die sich in Schwierigkeiten befinden.

    „Großartiger Crescenzio... der Junge unter den jungen Leuten“ heißt es in einem Eintrag. Es ist, als scharten sich alle um ihren Bischof, dies immer respektvoll, jedoch in der Art, wie man einem Vater begegnet, der den Weg weisen kann, weil er ihn selbst mitgeht. Der Erzbischof liest alle Botschaften, antwortet, zeigt sich als der, dem man vertrauen kann. Einige erinnern sich daran, dass er damals als „papabile“, das heißt als möglicher Papst, ins Konklave ging, was jedoch keine Distanz schafft, im Gegenteil: Ein „papabile“ ist es, der die kleinen und großen Nöte, Freuden und Geschichten aus dem Leben hört, der antwortet und sich neben die Menschen stellt. Viele wollen oder suchen keine Antworten: für sie ist es einfach wichtig, dass der Bischof weiß, was sie bewegt, dass er dieses „im Herzen trägt“ und dem Herrn empfiehlt.

    Die Studentin Giovanna R. will nur sagen: „Kardinal, Sie sind ein großartiger Mensch... Mit ihren Worten gelingt es Ihnen, die gute Laune in einen Tag zurückkehren zu lassen, der zerstört schien... Ich danke Ihnen für alles, was Sie tagtäglich für unsere Gemeinschaft tun, und für Ihren Einsatz mit den Gläubigen. Auf bald!“ Sara L. dankt einfach für „Ihre schönen Worte der Kraft und der Hoffnung“, Michele M. dafür, dass „Seine Eminenz mit seinen Worten des Glaubens und der Hoffnung das Herz aufschließt“.

    Für den 19. Dezember um 21 Uhr hat Kardinal Sepe per Email ein Treffen all seiner Facebook-Freunde einberufen. Am Hafen von Neapel wird die virtuelle Gemeinschaft zu einer real sichtbaren werden. Die „Facebook-Friends“ sind schon dabei, sich zu organisieren. Und natürlich die Freunde der Freunde der Freunde. Das uralte Netzwerk Kirche und das so moderne Netz der digitalen Kommunikation haben einander gefunden. Es bleibt nur abzuwarten, wie sie sich ineinander verschlingen werden.

    Von Armin Schwibach