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    „Ein Hauch von Hoffnung“

    Das Oberhaupt der griechisch-katholischen Ukrainer, Großerzbischof Svjatoslav Shevchuk, hofft auf einen neuen Konsens. Von Yaroslav Kotsuba

    Major Archbishop of the Ukrainian Greek Catholic Church Sviatosla
    Großerzbischof Svjatoslav Shevchuk ist das Oberhaupt der mit Rom unierten griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine. Foto: dpa

    Eure Seligkeit, was ist Ihre Prognose angesichts der Ereignisse in der Ukraine?

    Heute ist die Kirche faktisch die einzige Institution, die echte Demokratie auf saubere, unparteiische Art verteidigt. Der Prozess, eine echte ukrainische Souveränität aufzubauen, begann erst 2014. All dies ist das Verdienst unserer Zivilgesellschaft. Eine weitere Herausforderung ist die Reifeprüfung unseres kirchlichen Lebens: Wie fähig die orthodoxe Hierarchie sein wird, Verantwortung zu übernehmen für das Schicksal nicht nur ihrer Kirche, sondern auch des ukrainischen Volkes – davon hängt die Zukunft ab. Viele befürchten heute, dass die orthodoxe Kirche zu einem Instrument in politischen Kämpfen werden kann.

    Was ist zu tun, damit die orthodoxe Kirche das nicht wird?

    Die Kirche muss Kirche bleiben. Und staatliche Institutionen sowie Politiker müssen ihr das erlauben. Die Politiker müssen sich von der Versuchung frei machen, die Kirche für ihre eigenen Interessen zu instrumentalisieren. Wir haben einige Einmischungen der Autoritäten beobachtet, besonders des Präsidenten, hinsichtlich der Anerkennung der Autokephalie. Wie viel von dieser Intervention ist legitim? Die orthodoxe Kirche muss diese Frage selbst beantworten. Im Text des „Tomos“ der Autokephalie erinnert Patriarch Bartholomaios, dass Präsidenten als Vertreter des ukrainischen Staates jahrzehntelang um die Autokephalie der ukrainischen Orthodoxie baten, seit die Ukraine politisch unabhängig wurde. Der aktuelle Präsident hat nur an dieser Linie festgehalten.

    Worüber haben Sie jüngst mit Präsident Poroschenko gesprochen?

    In Übereinstimmung mit der katholischen Soziallehre pflegt die Kirche eine Partnerschaft mit dem Staat. Wir versuchen, konstruktiv für das Wohl des ukrainischen Staates und des Volkes zu wirken. Gleichzeitig streben wir danach, eine angemessene Freiheit von Instrumentalisierung zu bewahren. Daher habe ich gesagt, dass ich die Autokephalie befürworte, denn sie ist wichtig für die staatliche Souveränität und für unsere orthodoxen Brüder. Trotz der Tatsache, dass die orthodoxen Kirchen in der Ukraine die Mehrheit bilden, hoffen wir auf gleiche und faire Behandlung aller Bekenntnisse durch die Autoritäten. Keine der Kirchen sollte den Status einer Quasi-Staatskirche bekommen. Der Präsident gab seine öffentliche Zusicherung.

    Könnten Sie den Brief erläutern, in dem die griechisch-katholische Kirche der orthodoxen Kirche in der Ukraine vorschlug, in Zukunft ein einziges Kiewer Patriarchat zu schaffen? Es gab kontroverse Kommentare, vor allem in pro-russischen Medien, welche behaupteten, dies sei eine Abkehr der griechischen Katholiken vom Katholizismus.

    Es ist nötig, zwischen zwei Konzepten zu unterscheiden: Einheit (Koinonia) und Vereinigung. Vereinigung fand im Schoß der ukrainischen Orthodoxie statt, als eine neue Struktur geschaffen wurde. Im Gegensatz dazu reden wir von Einheit, wenn es um die ausgestreckte Hand geht. Das heißt, wir bleiben wir selbst, können und müssen aber zusammenarbeiten – im Namen des Wohles des Volkes, im Namen der Wahrheit, im Namen der Suche nach universaler Einheit der Christen, was wir als ökumenische Bewegung bezeichnen. Wir suchen nach Wegen, die Einheit wiederherzustellen innerhalb der heute gespaltenen Kiewer Kirche, die einst im Taufwasser des Dnjepr geboren wurde. Dies ist im Kontext der modernen ökumenischen Bewegung, die auf die Wiederherstellung der Einheit der ganzen Kirche Christi abzielt, das Zusammenlaufen von Orthodoxie und katholischer Kirche.

    Wie real ist die Möglichkeit, die Christenheit zu einen?

    Heute ist die ökumenische Bewegung auf universaler Ebene eine Tatsache. Sie kann nicht mehr gestoppt werden. Darum ist es wichtig für unsere Schwesterkirche, die neugeborene autokephale orthodoxe Kirche in der Ukraine, ihr beizutreten, sodass sie nicht in sich selbst eingeschlossen ist. Die Suche nach universaler Einheit zwischen katholischen und orthodoxen Kirchen ist sehr dynamisch in der Ukraine. Kein Wunder, dass der heilige Papst Johannes Paul II. die Ukraine einst ein „Labor der Ökumene“ genannt hat.

    Was bedeutet es, ein einziges Kiewer Patriarchat zu schaffen?

    Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gab es Ideen, die von den Führern beider Kirchen geschätzt wurden. Der Punkt war, dass wir nicht zwei Patriarchate aufgebaut haben, sondern danach streben, ein vereinigtes Kiewer Patriarchat zu schaffen, das sowohl von Rom als auch von Konstantinopel anerkannt würde. Wir sind uns bewusst, dass diese Art von Einheit nur möglich sein wird, wenn der ökumenische Prozess auf universaler Ebene gekrönt wird von der Wiederherstellung der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Rom und Konstantinopel. Das ist kein utopisches Denken, sondern das Ziel der ökumenischen Bewegung.

    Könnte es passieren, dass die ukrainische griechisch-katholische Kirche und die orthodoxe Kirche der Ukraine die eucharistische Gemeinschaft allein wiederherstellen, auf örtlicher Ebene?

    Heute sehen wir diese Möglichkeit nicht. Natürlich ist es das lokale Streben nach Gemeinschaft, das als Katalysator für das Streben nach universaler Einheit dient. Gleichzeitig muss das, was an universalem Verständnis erreicht wurde, auf örtlicher Ebene angewendet werden. So gab es im Kontext des ökumenischen Dialogs eine gegenseitige Anerkennung der Sakramente zwischen orthodoxer und katholischer Kirche. Also ist es heute ein Anachronismus, Katholiken als Orthodoxe wiederzutaufen. Gewisse Resultate wurden erreicht auf dem Weg zueinander, aber diese werden nicht immer auf örtlicher Ebene wahrgenommen. Die Schaffung der orthodoxen Kirche der Ukraine ist ein Hauch von Hoffnung, dass wir uns in neue Umstände hineinbewegen und dass neue Möglichkeiten für den Dialog geschaffen werden.

    Konstantinopel erklärte, dass das Moskauer Patriarchat seine Kanonizität über das Territorium der Ukraine verloren habe. Was ist nun die Position Ihrer Kirche hinsichtlich der Bischöfe der russischen Kirche in der Ukraine?

    Als katholische Kirche halten wir uns nicht für kompetent, zu sagen, wer kanonisch und wer nicht-kanonisch ist in der orthodoxen Welt. Wir hoffen, dass die orthodoxen Brüder in der Lage sein werden, das herauszufinden. Wir streben danach, symmetrische Beziehungen mit allen zu bewahren. Wir wollen keinen der dünnen Fäden menschlicher Kommunikation zerreißen, die zwischen uns in verschiedenen Richtungen existieren. Wir hoffen, dass der Bruch der eucharistischen Gemeinschaft zwischen Moskau und Konstantinopel überwunden werden kann, und dass er der weltweiten Orthodoxie nicht schadet.

    Allerdings sagen einige orthodoxe Kirchen, dass sie die ukrainische Autokephalie nicht anerkennen.

    Wir hoffen, dass auch das temporär ist. Es ist die Sünde des Menschen, die Kirchenspaltungen verursacht und den Leib der Kirche beschädigt. Wir haben unsere orthodoxen Brüder gern, ganz unabhängig von der Jurisdiktion.

    Warum waren die vatikanischen Stellungnahmen zur Situation der Orthodoxie in der Ukraine so zurückhaltend?

    Der Heilige Stuhl kann nicht die internen Vorgänge in der orthodoxen Welt kommentieren. Ich kann versichern, dass der Heilige Vater die ökumenische Bewegung der Kirche fortschreiten lassen will. Sein Wunsch ist, wirklich jedem die Hand zu reichen und jeden zu umarmen. Wir hoffen, dass die Orthodoxen selbst einen Konsens erreichen. Das wird dann die Basis sein, worauf die Haltung der katholischen Kirche zur orthodoxen Situation zu gründen ist.

    Befürchten Sie einen neuen Krieg um Kirchen in der Ukraine, wie in den 1990er Jahren?

    Abgesehen von den Feinden der Ukraine ist niemand daran interessiert. Jeder versteht, dass Religionsfrieden ein großer Schatz ist, den die Kirchen und religiösen Organisationen der Ukraine während all der Kriegsjahre zu bewahren verstanden. Dies ist eine Frage der nationalen Sicherheit, der Stabilität unseres Staates. Aber es gab viele Versuche, diesen Religionsfrieden zu rauben.

    Es scheint, dass die griechischen Katholiken mehr Konflikte bezüglich Eigentum mit römischen Katholiken haben.

    Wir haben keine Konflikte mit der römisch-katholischen Kirche. Es gibt Grundbesitzdispute bezüglich der Wiedererstattung von Kircheneigentum, das historisch das Eigentum der römisch-katholischen Kirche ist, aber später verstaatlicht wurde. Als in den 1990er Jahren im Westen der Ukraine ein Kampf zwischen griechischen Katholiken und der orthodoxen Kirche ausbrach, übergaben die lokalen Obrigkeiten ehemalige römisch-katholische Gotteshäuser an die griechischen Katholiken, an Orthodoxe und Protestanten, um diese Konflikte zu beruhigen. Versuchen wir, solche Dispute ruhig und konstruktiv zu lösen.

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