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    „Ein Geschenk für die ganze Kirche“

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Heute möchte ich über die Apostolische Reise sprechen, die ich vom 8. bis zum 15. Mai in das Heilige Land unternommen habe und für die ich dem Herrn immer noch danke, weil sie sich als ein großes Geschenk für den Nachfolger Petri und für die ganze Kirche erwiesen hat. Ich möchte nochmals seiner Seligkeit, dem Patriarchen Fouad Twal, den Bischöfen der verschiedenen Riten, den Priestern sowie den Franziskanern der Kustodie des Heiligen Landes meinen aufrichtigen Dank zum Ausdruck bringen. Ich danke dem König und der Königin von Jordanien, dem Präsidenten Israels und dem Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, ihren jeweiligen Regierungen, allen Verantwortlichen sowie allen, die auf verschiedene Weise an der Vorbereitung und am guten Gelingen dieser Reise mitgewirkt haben. Es war vor allem eine Pilgerreise, ja, die Pilgerreise schlechthin zu den Ursprüngen des Glaubens; und gleichzeitig ein Pastoralbesuch der Kirche, die im Heiligen Land lebt: eine Gemeinschaft von besonderer Bedeutung, da sie an dem Ort, an dem sie entstanden ist, eine lebendige Präsenz darstellt.

    Auf das Hochzeitsfest gibt es hier nur einen Vorgeschmack

    Die erste Etappe – vom 8. Mai bis zum Morgen des 11. Mai – war Jordanien, auf dessen Boden sich zwei wichtige heilige Orte befinden: der Berg Nebo, von dem aus Moses das Gelobte Land betrachtet hat und wo er starb, ohne es jemals betreten zu haben; und dann Bethanien „jenseits des Jordans“, wo der heilige Johannes dem vierten Evangelium nach anfangs getauft hat. Die Moses-Gedächtniskirche auf dem Berg Nebo ist eine Stätte von starker symbolischer Bedeutung: sie spricht von unserem Zustand als Pilger zwischen einem „schon“ und einem „noch nicht“, zwischen einer so großen und schönen Verheißung, die uns auf unserem Weg aufrecht erhält und einer Erfüllung, die uns und auch diese Welt übersteigt. Die Kirche selbst lebt diese „eschatologische und pilgernde Natur“: sie ist bereits mit Christus, ihrem Gemahl vereint, doch auf das Hochzeitsfest gibt es zurzeit nur einen Vorgeschmack, in der Erwartung seiner glorreichen Wiederkunft am Ende der Zeiten (vgl. Lumen gentium, 48–50). In Bethanien durfte ich die Grundsteine von zwei Kirchen segnen, die an der Stätte erbaut werden sollen, wo der heilige Johannes getauft hat. Dies ist ein Zeichen der Öffnung und des Respekts, die im Haschemitischen Königreich gegenüber der Religionsfreiheit und der christlichen Tradition herrschen, und das verdient große Anerkennung. Ich hatte die Möglichkeit den Religionsführern, dem Diplomatischen Korps sowie den Rektoren der Universitäten, die sich bei der „Al-Hussein bin-Talal“ Moschee versammelt hatten – die König Abdallah II. zur Erinnerung an seinen Vater, den berühmten König Hussein hat errichten lassen, der Papst Paul VI. bei seiner historischen Pilgerreise im Jahr 1964 empfangen hat –, meine Wertschätzung sowie den tiefen Respekt für die muslimische Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen. Wie wichtig ist es doch, dass Christen und Muslime friedlich und in gegenseitigem Respekt zusammenleben! Dank Gottes Hilfe und dank der Bemühungen der Regierungen ist dies in Jordanien der Fall. Ich habe daher darum gebetet, dass dies auch andernorts so sein möge und vor allem an die Christen gedacht, die sich im nahen Irak hingegen in einer schwierigen Situation befinden.

    In Jordanien lebt eine wichtige christliche Gemeinde, die durch palästinensische und irakische Flüchtlinge Zuwachs erfährt. Auch aufgrund der erzieherischen und sozialen Werke, die sich um die menschliche Person – unabhängig von ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit – sorgen, handelt es sich um eine wichtige und in der Gesellschaft geschätzte Präsenz. Ein schönes Beispiel ist das „Regina Pacis“-Rehabilitationszentrum in Amman, das zahlreiche Menschen mit Behinderungen aufnimmt. Bei meinem Besuch konnte ich ein Wort der Hoffnung bringen, doch – durch das reiche Zeugnis menschlichen Leidens und menschlicher Anteilnahme – meinerseits auch empfangen. Als Zeichen für das Engagement der Kirche im Bereich der Kultur habe ich außerdem den Grundstein der Universität von Madaba des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem gesegnet. Ich habe große Freude empfunden, diese neue wissenschaftliche und kulturelle Einrichtung auf den Weg zu bringen, da sie auf spürbare Weise zum Ausdruck bringt, dass die Kirche die Suche nach der Wahrheit und nach dem Allgemeinwohl fördert und allen, die sich um diese Suche – der unerlässlichen Voraussetzung für einen wahren und fruchtbaren Dialog zwischen den Kulturen – bemühen wollen, einen offenen und geeigneten Raum zu bieten. Ebenfalls in Amman haben zwei feierliche Liturgiefeiern stattgefunden: die Vesper in der griechisch-melkitischen Kathedrale des Heiligen Georg und die heilige Messe im International Stadium, die uns die Möglichkeit gegeben haben, gemeinsam die Schönheit zu spüren, als pilgerndes Gottesvolk zusammenzukommen, das reich an verschiedenen Traditionen und in dem einen Glauben vereint ist.

    Dem Teufelskreis der Gewalt entkommen? Fast unmöglich!

    Nachdem ich Jordanien am Montag, den 11. Mai, am späten Vormittag verlassen habe, bin ich in Israel eingetroffen, wo ich mich von Anfang an in dem Land, in dem Jesus geboren wurde, in dem er gelebt hat, gestorben und auferstanden ist, als Pilger des Glaubens gezeigt habe sowie gleichzeitig als Pilger des Friedens, um Gott darum zu bitten, dass dort, wo Er hat Mensch werden wollen, alle Menschen als seine Kinder, das heißt als Brüder leben können mögen. Dieser zweite Aspekt meiner Reise ist natürlich bei meinen Begegnungen mit den zivilen Obrigkeiten deutlich geworden: beim Besuch des israelischen Präsidenten und des Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde. In diesem von Gott gesegneten Land scheint es manchmal unmöglich, dem Teufelskreis der Gewalt zu entkommen. Doch für Gott und für diejenigen, die auf Ihn vertrauen, ist nichts unmöglich! Daher muss der Glaube an den einen, gerechten und barmherzigen Gott, der das kostbarste Gut dieser Völker ist, seine ganze Kraft für Respekt, Versöhnung und Zusammenarbeit verströmen können. Diesen Wunsch habe ich sowohl beim Besuch des Großmuftis und der Führer der islamischen Gemeinschaft von Jerusalem, als auch beim Besuch des Großrabbinats von Israel sowie bei der Begegnung mit den Organisationen, die sich für den interreligiösen Dialog einsetzen, und dann bei der Begegnung mit den Religionsführern von Galiläa zum Ausdruck bringen wollen.

    In Jerusalem begegnen sich die drei großen monotheistischen Religionen und der Name selbst – „Stadt des Friedens“ – bringt den Plan Gottes mit der Menschheit zum Ausdruck: sie zu einer großen Familie zu machen. Dieser Plan, der von Abraham angekündigt worden ist, hat sich in Jesus Christus vollkommen verwirklicht, den der heilige Paulus „unseren Frieden“ nennt, weil er kraft Seines Opfers die trennende Wand der Feindschaft niedergerissen hat (vgl. Eph 2, 14). Alle Gläubigen müssen daher Vorurteile und den Willen zur Herrschaft hinter sich lassen und einträchtig das grundlegende Gebot erfüllen: nämlich Gott zu lieben mit dem ganzem Dasein und den Nächsten wie sich selbst. Das zu bezeugen sind Juden, Christen und Muslime aufgerufen, um mit Fakten jenen Gott zu ehren, zu dem sie mit ihren Lippen beten. Und genau das lag mir im Gebet am Herzen, als ich die Westmauer – oder Klagemauer – in Jerusalem und den Felsendom besucht habe, die beiden Orte, die jeweils für das Judentum und für den Islam symbolhaft sind. Ein Moment intensiver Sammlung war außerdem der Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem, die in Jerusalem zu Ehren der Opfer der Shoah errichtet wurde. Dort haben wir schweigend verharrt, gebetet und über das Geheimnis des „Namens“ nachgedacht: jeder Mensch ist heilig und sein Name ist in das Herz des ewigen Gottes eingeschrieben. Die entsetzliche Tragödie der Shoah darf niemals vergessen werden! Es ist vielmehr erforderlich, dass wir uns stets an sie erinnern, als universale Mahnung für die heilige Achtung vor dem menschlichen Leben, das immer einen unermesslichen Wert darstellt.

    Wie ich bereits angedeutet habe, war das Hauptziel meiner Reise der Besuch der katholischen Gemeinschaften des Heiligen Landes, und das ist in verschiedenen Momenten auch in Jerusalem, in Bethlehem und in Nazaret erfolgt. Im Abendmahlssaal, mit den Gedanken sowohl bei Christus, der den Aposteln die Füße wäscht und die Eucharistie einsetzt, als auch beim Geschenk des Heiligen Geistes für die Kirche am Pfingsttag, habe ich unter anderem den Kustos des Heiligen Landes treffen und gemeinsam mit ihm über unsere Berufung nachdenken können, eins zu sein, einen einzigen Leib und einen einzigen Geist zu bilden und die Welt mit der sanften Kraft der Liebe zu verwandeln. Gewiss, diese Berufung stößt im Heiligen Land auf besondere Schwierigkeiten, daher habe ich mit dem Herzen Christi meinen Mitbrüdern im Bischofsamt seine eigenen Worte wiederholt: „Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12, 32). Ich habe dann kurz die Ordensmänner und Ordensfrauen des kontemplativen Lebens begrüßt und ihnen für den Dienst gedankt, den sie mit ihrem Gebet der Kirche und der Sache des Friedens leisten.

    Höhepunkte der Gemeinschaft mit den katholischen Gläubigen waren vor allem die Eucharistiefeiern. Im Josafat Valley in Jerusalem haben wir über die Auferstehung Christi als Kraft der Hoffnung und des Friedens für diese Stadt und für die ganze Welt nachgedacht. In Bethlehem, in den Palästinensergebieten, ist die Heilige Messe – an der auch viele Gläubige aus Gaza teilgenommen haben, die ich persönlich bestärken und sie meiner besonderen Nähe versichern durfte – vor der Geburtskirche gefeiert worden. Bethlehem, der Ort, an dem der himmlische Gesang des Friedens für alle Menschen erklungen ist, ist ein Symbol für den langen Weg, der uns noch von der Erfüllung dieser Verkündigung trennt: Unsicherheit, Isolation, Ungewissheit, Armut. All das hat viele Christen dazu geführt, fortzugehen.

    Konkrete Beispiele der Nächstenliebe vor Ort

    Doch die Kirche setzt ihren Weg fort, getragen von der Kraft des Glaubens und indem sie durch konkrete Werke des Dienstes für die Brüder – wie etwa das Caritas Baby Hospital von Bethlehem, das von den Diözesen in Deutschland und in der Schweiz unterstützt wird, sowie durch humanitäre Hilfe in den Flüchtlingslagern – Zeugnis für die Liebe ablegt. In dem Flüchtlingslager, das ich besucht habe, wollte ich alle Familien, die dort Unterkunft gefunden haben, der Nähe und der Ermutigung der ganzen Kirche versichern und alle dazu einladen, den Frieden – dem Vorbild des heiligen Franziskus folgend – mit gewaltfreien Methoden zu suchen. Die dritte und letzte Messe mit der Bevölkerung habe ich am vergangenen Donnerstag in Nazaret, der Stadt der heiligen Familie gefeiert. Wir haben für alle Familien gebetet, dass die Schönheit der Ehe und des Familienlebens wieder entdeckt werden mögen, der Wert der häuslichen Spiritualität und der Erziehung, der Sorge für die Kinder, die ein Recht darauf haben, in Frieden und Unbeschwertheit heranzuwachsen. Außerdem habe ich in der Verkündigungsbasilika gemeinsam mit allen Hirten, Ordensleuten, kirchlichen Bewegungen und engagierten Laien in Galiläa unseren Glauben an die schöpferische und verwandelnde Macht Gottes bekannt. Dort, wo das Wort im Leib der Jungfrau Maria Fleisch geworden ist, sprudelt eine unerschöpfliche Quelle der Hoffnung und der Freude, die unaufhörlich das Herz der Kirche, Pilgerin durch die Geschichte, beseelt.

    Meine Pilgerreise ist am vergangenen Freitag mit dem Aufenthalt beim Heiligen Grab und mit zwei wichtigen ökumenischen Begegnungen in Jerusalem zu Ende gegangen: im Griechisch-Orthodoxen Patriarchat, wo alle kirchlichen Vertretungen des Heiligen Landes vertreten waren, und schließlich in der Armenisch-Apostolischen Patriarchalkirche. Ich möchte gerne den ganzen Weg, den ich zurücklegen durfte, im Zeichen der Auferstehung Christi rekapitulieren: trotz der Wechselfälle, die im Laufe der Jahrhunderte die heiligen Stätten gezeichnet haben, trotz der Kriege, der Zerstörungen, und leider auch der Auseinandersetzungen unter Christen, hat die Kirche, angetrieben vom Geist des auferstandenen Herrn, ihren Auftrag verfolgt. Sie ist auf dem Weg zur vollen Einheit, damit die Welt an die Liebe Gottes glaube und die Freude seines Friedens erfahre. Auf Golgatha und im Grab Jesu habe ich gekniet und um die Kraft der Liebe gebetet, die dem österlichen Geheimnis entspringt, die einzige Kraft, die die Menschen erneuern und die Geschichte und den Kosmos auf ihr Ziel hin orientieren kann. Ich bitte auch Euch, für dieses Anliegen zu beten, während wir uns auf das Fest der Himmelfahrt vorbereiten, das wir im Vatikan morgen feiern werden. Danke für Eure Aufmerksamkeit.

    Die Pilger deutscher Sprache grüßte der Papst mit den Worten:

    Mit diesen Gedanken grüße ich die Pilger und Besucher aus dem deutschen Sprachraum wie auch aus Belgien und den Niederlanden. Vielen Dank sage ich für die musikalischen Darbietungen. Der Besuch der Stätten des irdischen Lebens Jesu war für mich ein großes Geschenk. Der auferstandene Christus ist unsere Hoffnung: Nicht das Böse hat das letzte Wort, sondern Gottes rettende Liebe. Beten wir inständig um Gottes Heil und Frieden für das Heilige Land. Von Herzen segne ich euch alle.