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    Ein Forum für die innere Stimme

    Ethik war eines der Kernthemen des 12. Jahrhunderts. Die Gesellschaft war im Umbruch. In der Folge der Kreuzzüge, bei denen christliche Ritter im Namen des Glaubens Juden und Muslime getötet hatten, wurde die Frage von Gut und Böse neu diskutiert. Viele derjenigen, die aus dem Orient zurückkamen, waren traumatisiert und orientierungslos. Sekten wie die Katharer hatten einen vergleichbar großen Zulauf wie beispielsweise neopagane Gruppierungen in den USA oder in Großbritannien. Es war also im wahrsten Sinne des Wortes notwendig, dass Vertreterinnen und Vertreter der Kirche Maßstäbe setzten und zukunftsfähige Orientierungsmodelle vorlegten. In Paris hatte Petrus Abaelard mit der intentionalen Ethik einen Anfang gesetzt. Er hatte klargemacht, dass bei der Bewertung einer Tat die zugrundeliegende Absicht mitberücksichtigt werden musste. Man konnte beispielsweise eine Mutter, die versehentlich im Schlaf ihr Kind erdrückt hatte, nicht ohne weiteres als Mörderin verurteilen.

    Hildegard, dargestellt in der Basilika St. Martin in Bingen. Foto: dpa

    Ethik war eines der Kernthemen des 12. Jahrhunderts. Die Gesellschaft war im Umbruch. In der Folge der Kreuzzüge, bei denen christliche Ritter im Namen des Glaubens Juden und Muslime getötet hatten, wurde die Frage von Gut und Böse neu diskutiert. Viele derjenigen, die aus dem Orient zurückkamen, waren traumatisiert und orientierungslos. Sekten wie die Katharer hatten einen vergleichbar großen Zulauf wie beispielsweise neopagane Gruppierungen in den USA oder in Großbritannien. Es war also im wahrsten Sinne des Wortes notwendig, dass Vertreterinnen und Vertreter der Kirche Maßstäbe setzten und zukunftsfähige Orientierungsmodelle vorlegten. In Paris hatte Petrus Abaelard mit der intentionalen Ethik einen Anfang gesetzt. Er hatte klargemacht, dass bei der Bewertung einer Tat die zugrundeliegende Absicht mitberücksichtigt werden musste. Man konnte beispielsweise eine Mutter, die versehentlich im Schlaf ihr Kind erdrückt hatte, nicht ohne weiteres als Mörderin verurteilen.

    Hildegard legt mit ihrem ethischen Werk, dem zweite ihrer Visionstrilogie, ein dialogisches Modell vor, das insofern auch für unsere Zeit wirkmächtige Akzente setzen kann, als die Gespräche zwischen geistlichen Grundhaltungen und geistlichen Fehlhaltungen oder – um zwei ältere Begriffe zu verwenden – zwischen Tugenden und Lastern eine ähnliche Wirkung entfalten wie ein Bibliodrama. Die Leser sind eingeladen, in die farbenprächtige Welt einzutauchen, sich von der Rahmenvision inspirieren zu lassen und dann den überraschend, mitunter geradezu erschreckend modernen Argumentationen zu folgen, mit denen die positiven und negativen Kräfte ihre Positionen beschreiben. Manch einer wird sich bei der Lektüre dabei erwischen, sich selbst oder andere schon mit ähnlichen Ausreden getäuscht zu haben, wie sie von den geistlichen Fehlhaltungen zur Sprache gebracht werden.

    Übersetzung und Einleitung dieser Neuausgabe im Rahmen der Edition des Gesamtwerkes, die der Beuroner Kunstverlag seit einigen Jahren sukzessive vorlegt, stammen von Schwester Maura Zátonyi OSB aus der Abtei St. Hildegard, die von dort aus seit einigen Jahren mit ihren Forschungsbeiträgen die Hildegardforschung bereichert und so das Erbe der Pionierinnen der Erforschung von Leben und Werk der Kirchenlehrerin, Maura Böckeler, Adelgundis Führkötter und Angela Carlevaris, weiterführt. Letzterer ist die Übersetzung, die durch ihre unmittelbare, schnörkellose Sprache überzeugt und begeistert, gewidmet.

    Welche Rolle spielt Hildegards Werk im theologischen Diskurs des 12. Jahrhunderts? Abaelard war ja beileibe nicht der einzige, der seine Position in die Diskussion eingebracht hatte. Bernhard von Clairvaux, sein Antipode, legte den Schwerpunkt der Betrachtung auf das Gewissen, dessen Hauptaufgabe es sei, die sündige Seele nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Anselm von Canterbury wiederum ging davon aus, dass eine Wahlfreiheit zwischen Gut und Böse im Grunde gar nicht gegeben sei und nur der Fähigkeit, dem Willen Gottes nicht zuwiderzuhandeln, gesprochen werden könne. Hildegards Stimme innerhalb dieses Diskurses überzeugt vor allem deshalb, weil sie so praxisbezogen argumentiert. Ihr geht es wirklich darum, lebendigen Menschen in konkreten Situationen Orientierung zu geben. Die inneren Kräfte, ob positiv oder negativ, die sie dabei zu Wort kommen lässt, kennt jeder von uns genau. Die Ausgelassenheit oder die Disziplin, die Herzenshärte oder die Barmherzigkeit, der Zorn oder die Geduld wohnen nicht auf einem anderen Planeten, sondern sind mitten in unserem Herzen zuhause. Wir können ihnen, Hildegards Buch der Lebensverdienste lesend, eine Stimme geben und sie so genauer kennenlernen. Ihnen aufmerksam zuhörend gewinnen wir Abstand und die Fähigkeit, zu erkennen, dass wir nicht gezwungen sind, uns von Neid, dem Verlangen nach Konsumgütern oder der Engherzigkeit beherrschen zu lassen. Wir können uns bewusst dafür entscheiden, den positiven Kräften zuzuhören und sie um Hilfe bitten, um die von ihnen repräsentierten geistlichen Grundhaltungen zu erlernen. Tugend hat etwas mit taugen zu tun. Es ist, vor allem in der lateinischen Sprache ein Wort, das man nicht abstauben muss. Das Wort virtus steht in Verbindung mit vir (Mann), virgo (Jungfrau), und viriditas (grünende Lebenskraft). Vor allem letztere, die manche heutzutage unter den Namen Chi, Reiki oder Nwyfre in anderen Traditionen suchen, ist für Hildegards Theologie entscheiden. Die grünende Lebenskraft steht bei ihr in enger Verbindung zum Heiligen Geist und zur Liebe, die alles durchwaltet.

    Dank Schwester Maura und dem Beuroner Kunstverlag steht Hildegards Ethik in ansprechender Optik, gut lesbarer Sprache und zu einem günstigen Preis wieder allen zur Verfügung.

    Hildegard von Bingen. Werke Band VII

    Das Buch der Lebensverdienste. Liber vitae meritorum. Herausgegeben von der Abtei St. Hildegard Eibingen. Beuroner Kunstverlag, Beuron 2014, 350 Seiten Seiten, ISBN 978-3-87071-314-0, EUR 19,90