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    Ein Fest der Superlative

    Bühne frei für eine der buntesten, ausgelassensten Fiestas in Spanien: das Fest der „Mauren und Christen“, Moros y Cristianos, in Alcoy. Vor wenigen Tagen ging die neue Auflage zu Ende.

    Goldener Mittelpunkt des Festes: Das Reliquiar des heiligen Georg. Foto: Drouve

    Bühne frei für eine der buntesten, ausgelassensten Fiestas in Spanien: das Fest der „Mauren und Christen“, Moros y Cristianos, in Alcoy. Vor wenigen Tagen ging die neue Auflage zu Ende.

    „Ich bin das ganze Jahr über gläubiger Christ, aber drei Tage im Jahr auch ein Maure“, sagt Emilio Serra Payá und hüllt sich in orientalische Tracht. Mit seinen 81 Jahren zählt er zu den Veteranen des vibrierenden Volksfestes der „Mauren und Christen“. Der dreitägige Mix aus Straßenshow und Geschichtsspektakel beruht auf Hintergründen, bei denen Historie, Legende und Religion ineinanderfließen. Zum besseren Rahmenverständnis gilt es, die Uhr ins Mittelalter zurückzudrehen, als vielerorts in Spanien die Kämpfe zwischen Christen und Mauren tobten. So auch im Jahre 1276 in Alcoy in der heutigen Provinz Alicante. Dort behielten die Christentruppen die Oberhand über die von Al-Azraq angeführten Muselmanen. Und zwar dank des heiligen Georg, auf Spanisch bekannt als San Jorge, der in einem entscheidenden Moment des Gefechts hoch zu Pferde erschien und laut Überlieferung den Christen zum Sieg verhalf. Doch beim Mauren- und-Christen-Fest in Alcoy geht es nicht um die Nacherzählung eines blutigen Schlachtenerfolgs, bei dem Maurenführer Al-Azraq und viele andere ihr Leben ließen. Oder um den exemplarisch nachgestellten Triumph des Kreuzes über den Halbmond, der realgeschichtlich in Spanien sein Ende mit dem Fall des letzten Maurenreiches 1492 in Granada fand und somit den Abschluss der Reconquista bedeutete, der Rückeroberung der Territorien aus Muslimenhand.

    Um es vorwegzunehmen: Die Fiesta der Moros y Cristianos gibt den Alcoyanern Raum, einmal im Jahr zu feiern und es um den 23. April, den Sankt-Georgs-Tag, so richtig krachen zu lassen. Mit Böllern und Feuerwerk. Mit Pauken, Trompeten und stundenlangen Umzügen. Dann steht die ganze Stadt Kopf und steckt im Ausnahmezustand. Dann steigt sie als „Fest von internationalem touristischem Interesse“ zum vielbeachteten Besucherziel auf.

    „Ich verkleide mich nicht als Maure“, stellt Emilio Serra Payá klar, „ich kleide mich an, weil ich es so fühle.“ Jeder Teilnehmer „lebe“ von innen heraus die Fiesta, so Emilio, der seit Jahrzehnten der Festgemeinschaft „Fila Verds“ angehört. Es gibt 28 dieser Festvereine, „Filaes“, die auch außerhalb der rauschenden Tage eine wichtige Rolle spielen. Sie sind der soziale Kitt, der die 62 000-Einwohner-Stadt zusammenhält. „Wer in Alcoy keiner Fila angehört, zählt nicht zur Gesellschaft“, hat der Autor Rolf Neuhaus geschrieben. Und weiter: „Einen Alcoyano kennt man unter seinem Namen und dem seiner Fila.“ Die Zahl der Festvereine entfällt jeweils hälftig auf Mauren und Christen. Die Vorläufer der ältesten „Filaes“ datieren aus dem 18. Jahrhundert, als das Fest – nach rein religiösen Ansätzen im Spätmittelalter und einem 1552 eingeführten Büchsenschießwettstreit – seine eigentliche Entwicklung begann.

    Ihre großen Auftritte haben die Mitglieder der Festvereine am „Tag der Einmärsche“, Día de las Entradas, der den Auftakt zur Festtagstrilogie markiert. Tag zwei ist der religiös bestimmte Tag des heiligen Georg, Tag drei der Tag der simulierten Schlacht.

    Das Mauren-und-Christen-Fest in Alcoy verlangt bei Außenstehenden nach anderen Denkansätzen und Dimensionen. Unter den donnernden Klängen der Festkapellen, den Detonationen von Knallkörpern und den Rhythmen von Freiluftdiscos bekommt allein die Definition einer Dauerdröhnung eine neue Note. Epizentrum der festlichen Beben ist die Altstadt um den Rathausvorplatz, die Plaça Espanya. Dort steht ein eigens errichtetes Kastell, über dessen Mauern am Abschlusstag der heilige Georg aus der Dunkelheit auftaucht, dargestellt von einem Kind.

    Überall geht es laut und bunt zu. Und dennoch friedlich. Ganz Alcoy verschmilzt mit seinen Besuchern zu einer feierfreudigen Solidargemeinschaft. Zäsuren ruhigerer Stimmung setzen am Sankt-Georgs-Tag die Messe und die Vormittags- und Abendprozessionen mit einer Fingerreliquie und einer Skulptur des Heiligen. Dann wieder sieht man den Rahmen der Normalität gesprengt. Ob bei krachenden Büchsen und Pulverdampf am Tag der simulierten Schlacht. Oder am „Tag der Einmärsche“, bei dem über 11 000 Teilnehmer auf den Beinen waren.

    Der „Tag der Einmärsche“, der beliebteste Tag für Besucher, gleicht einer Straßenshow in zwei Mega-Akten. Der vormittags startende Einzug der vierzehn Festvereine der Christen dauerte drei, der Aufmarsch der Mauren ab dem Spätnachmittag über vier Stunden. Klar, dass man das als Zaungast nicht im Stehen durchhalten kann. Deshalb lassen sich über die Festvereinigung Klappstühle und Tribünenplätze zu annehmbaren Preisen reservieren. Laut offiziellen Angaben verteilten sich in diesem Jahr mehr als 19 000 Sitze entlang der Strecke. Zusätzlich kann man über Privatpersonen Balkonplätze mieten.

    Wer nah dran am Geschehen war, erlebte einen Rausch der Kostüme und Farben, hörte die Klangwelten Dutzender Blaskapellen auf sich einstürzen, nahm Reitern die Parade ab, Dromedaren, sogar einer Gänseherde, orientalischem Fußvolk unter Umhängen und Turbanen, in Pluderhosen und Schnabelschuhen.

    Fragt man Festveteran Emilio, was sich an der Fiesta am meisten verändert hat, ist für ihn klar: „Der steigende Anteil der Frauen.“ Bis vor zwei Jahrzehnten war die Damenwelt bei der Umzugsbeteiligung ausgeschlossen. Heute sind sie als Burgfräuleins und Haremsdamen zugegen, als Ballettgruppen mit fantasievollen Choreografien. Oder als Kriegerinnen, die wildes Geheul anstimmen. Angst flößte das niemandem ein. Auch maurische Männertrupps, die Krummsäbel und Holzspeere trugen, verbreiteten keine Furcht. Da wurde in die Menge gewinkt und gestrahlt. Da glitzerten Piercings, Haargel und Lipgloss um die Wette. Kämpferinnen und Kämpfer von heute legen halt Wert auf gutes Styling ...

    Historische Authentizität spielt bei den im Mittelmeerraum verbreiteten Mauren-und-Christen-Festen, unter denen das von Alcoy als bekanntestes gilt, keine Rolle. Und an die eigentlich befremdliche Konstellation, dass die spanischen Nachfahren derer, die im Mittelalter die Glaubensfeinde gewaltsam vertrieben, in orientalischen Prachtornaten daherstolzieren, verschwendet niemand Gedanken. Interpretationen zum religiösen Konfliktpotenzial der Gegenwart – radikale Islamisten versus Christentum – sind ebenso fehl am Platz. Nein, Moros y Cristianos ist ein Großevent, das den eigenen Regeln einer Fiesta in Spanien folgt. Ohne Stierkampf, aber mit Sturzfluten an Impressionen, akustischen Kulturschocks und opulenter Bewirtung in Form des Festeintopfs, der Olleta. Wie man den dreitägigen Festmarathon als Teilnehmer durchhält, weiß einer wie Emilio nur allzu gut: „Mit viel, viel Kaffeelikör.“