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    Ein Autor springt auf den Mythenzug

    Es führen nicht nur viele Wege nach Rom, sondern auch nach Santiago de Compostela oder Jerusalem. Schaut man sich alte Karten der Pilgerwege zu den berühmtesten Wallfahrtsorten an, gleichen sie allesamt dem Bild eines Baumes. Die vielfältigen feinen Verzweigungen kleiner Wege vereinen sich mehr und mehr zu tragenden Ästen, gleich größeren Straßen, und münden schließlich in die wie der Stamm eines Baumes schnurstracks auf den Pilgerweg hinführende Zielgerade ein. Die ersten zuverlässigen Wegbeschreibungen finden wir in den Itineraren berühmter und vor allem des Schreibens mächtiger Pilger wieder, die den Nachkommenden ihre Aufzeichnungen über den Weg hinterlassen haben, der sie schließlich an ihr fernes Ziel geführt hat.

    In der Kathedrale von Santiago de Compostela wird der Jakobus als Matamoros oder Maurentöter dargestellt. Foto: KNA

    Es führen nicht nur viele Wege nach Rom, sondern auch nach Santiago de Compostela oder Jerusalem. Schaut man sich alte Karten der Pilgerwege zu den berühmtesten Wallfahrtsorten an, gleichen sie allesamt dem Bild eines Baumes. Die vielfältigen feinen Verzweigungen kleiner Wege vereinen sich mehr und mehr zu tragenden Ästen, gleich größeren Straßen, und münden schließlich in die wie der Stamm eines Baumes schnurstracks auf den Pilgerweg hinführende Zielgerade ein. Die ersten zuverlässigen Wegbeschreibungen finden wir in den Itineraren berühmter und vor allem des Schreibens mächtiger Pilger wieder, die den Nachkommenden ihre Aufzeichnungen über den Weg hinterlassen haben, der sie schließlich an ihr fernes Ziel geführt hat.

    Mit dem Revival des Pilgerns auf dem Jakobsweg haben sich die Bücher über den Weg selbst, seine Geschichte, die Kunst- und Kulturstätten, die es zu besichtigen gilt und die Erfahrungen, die man während des Wanderns machen kann ebenso vermehrt wie die Straßen und Pfade, auf denen der Hinweis „Jakobsweg“ zu lesen ist. Wolfgang Metternich konzentriert sich angesichts seiner Studien in Kunstgeschichte, Klassischer Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte vor allem auf die historischen und kunstgeschichtlichen Gegebenheiten. Der optisch schön aufgemachte Band informiert über den Beginn der Jakobusverehrung in Spanien sowie deren Rolle in der Reconquista und während der Franco-Herrschaft. Er widmet sich dem Jakobsweg selbst in seinen vielen Gestalten, den Pilgern und ihren Motiven, beschreibt die Kirchen an den Knotenpunkten der Pilgerpfade und die Heiligen, die in ihnen verehrt werden, widmet sich den Orden, die den Pilgern in ihren körperlichen und geistlichen Nöten beistanden, der Spiritualität der Pilger und den beiden anderen großen Wallfahrtszielen Rom und Jerusalem.

    Sachkenntnis zeigt Metternich, der Santiago de Compostela vor vierzig Jahren erstmals kennenlernte und sich seit zwanzig Jahren wissenschaftlich mit dem Thema beschäftigt, wie zu erwarten in den Bereichen Kunst- und Baugeschichte. Hier verweist er immer wieder auf interessante Verbindungslinien zwischen Bauwerken, die das kommunikative Netzwerk des Mittelalters, sei es in Form mobiler Facharbeiter oder geistliche Beziehungen knüpfender Priester, sichtbar machen. Metternich versteht sein Buch als Diskussionsbeitrag. Der Autor hat eine ausgesprochen fragende Grundhaltung. Kaum eine Einschätzung wird dargelegt, ohne mögliche Gegenargumente ins Spiel zu bringen. Der Leser erhält so unweigerlich den Eindruck, bei der Lektüre auf schwankendem Boden zu stehen. Letztlich wirkt dieser Stil jedoch weder diskussionsfördernd noch unentschieden, es entsteht vielmehr der Eindruck, dass der Autor sich immer wieder bewusst von der katholischen Kirche abgrenzt. Seine Haltung zeigt sich im Verlauf des Buches zunehmend in gehässigen und abwertenden Bemerkungen über Kirchenvertreter wie Erzbischof Diego Gelmirez, der als zwielichtig bezeichnet und dem unterstellt wird, gemeinsam mit seinen „priesterlichen Kumpanen“ aus Geldgier und um die eigene Karriere zu fördern, mithilfe von gezielt eingesetzten Bestechungssummen die Jakobuswallfahrt vorangebracht zu haben.

    Der Besitz von Reliquien wird mit der Lizenz zum Gelddrucken gleichgesetzt, der Codex Calixtinus als Propagandaschrift bezeichnet und eine der Überschriften des Buches lautet „Jakobus – ein Helfer des faschistischen Francoregimes. Das ist nicht nur respektlos, sondern auch sprachlich unlogisch und sachlich falsch.

    Hier hätte das Lektorat des Zabern-Verlages eingreifen müssen, ebenso wie bei den zahllosen weiteren sprachlichen Ungereimtheiten – so wird etwa der Begriff dogmatisch im Sinne von starrköpfig verwendet –, die den Eindruck entstehen lassen, dass eine kundige Durchsicht von Seiten des Verlages gar nicht stattgefunden hat. Zu guter Letzt springt auch Metternich auf den dieser Tage durch die Bücherlandschaft geisternden Mythenzug auf und findet Verbindungen zwischen der Darstellung des Jakobus als Matamoros und der syrischen Göttin Astarte. Die Begründung: Beide werden auf einem Pferd sitzend dargestellt. Da fragt sich der geneigte Leser doch als nächstes nach den Beziehungen des Apostels zu Otto von Bismarck. Oder er greift, was dringend zu empfehlen wäre, nach einem anderen, besseren Buch über den Jakobsweg.

    Wolfgang Metternich: Begegnungen am Jakobsweg. Kunst – Kultur – Geschichte. Philipp von Zabern Verlag, Mainz 2015, Hardcover, 192 Seiten, ISBN 978-3-8306-7710-9, EUR 24,95