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    Vatikanstadt

    Ein Alarmruf

    Papst Benedikt hat eine Analyse zur Missbrauchskrise vorgelegt. Anders als die meisten deutschen Hirten empfiehlt er Rückbesinnung auf Gottes Willen und das erste Gebot als Ausweg.

    Jesusstatue unter Kreuz
    "Gott lieben zu lernen ist also der Weg der Erlösung der Menschen." Foto: dpa

    Von Beginn der Schöpfung an rebellieren die Menschen gegen Gott. Er lässt sie Not erfahren; im Elend sollen sie zu Ihm zurückfinden. Das jüngste Unheil, das über die Kirche hereinbrach, ist der Pädophilie-Skandal. Zunehmend erkannten die Gemeinden und ihre geweihten Hirten das Ausmaß der Sünde und Verworfenheit. Die Öffentlichkeit reagierte mit Abscheu und Hass. Dann machten sich für Deutschland die Bischöfe daran, eine umfassende, wissenschaftliche Untersuchung anzufordern. Bei der Publikation der MHG-Studie kamen die ersten Impulse für die Bewältigung des erschütternden Skandals.

    Einer der beauftragten Forscher fasste zusammen: „Sexueller Missbrauch von Priestern wurde von klerikal agierenden Kirchenoberen primär als Gefährdung der Institution und des klerikalen Systems wahrgenommen.“ Erwartbar, dass ihm die Medien sekundierten.

    Hirten reduzieren die Kirche auf einen Sozialkörper

    Unruhe muss allerdings in unserer Glaubensgemeinschaft über die öffentlichen Äußerungen einiger verantwortlichen Hirten aufkommen. Sie reduzieren die Kirche auf einen gesellschaftlichen Sozialkörper und machen den Grund für das Drama lediglich in Strukturproblemen aus. Darum stellt der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf den Pflichtzölibat infrage. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck ruft die katholische Kirche zu einer „Entpathologisierung“ der Homosexualität auf. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode plädiert dafür, homosexuelle Paare zu segnen. Der Magdeburger Bischof Gerhard Feige wendet sich dagegen, die Priesterweihe von Frauen „rigoros abzulehnen und lediglich mit der Tradition zu argumentieren“ (Anm. Hier zitiert nach: Katholisch.de, vom 18.02.2019).

    Andere prominente deutsche Katholiken – unter anderen die umtriebigen Jesuitenpatres Ansgar Wucherpfennig und Klaus Mertes – bedrängen im gleichen Sinn medial die deutschen Bischöfe: „Binden Sie sich selbst durch echte Gewaltenteilung – das passt besser zur Demut Christi und in den Rahmen der für alle geltenden Gesetze“, so eine der Forderungen an die Bischöfe. Und weiter: „Bauen Sie die Überhöhungen des Weiheamtes ab und öffnen Sie es für Frauen. Stellen Sie den Diözesanpriestern die Wahl ihrer Lebensform frei, damit der Zölibat wieder glaubwürdig auf das Himmelreich verweisen kann“ (Anm. Die Tagespost vom 28.3.2019).

    Die Vorschläge zur Problembewältigung versammeln die üblichen Stereotypen: systemische Gründe, klerikale Macht, vormoderne Ordnung der Kirche, sexuelle Tabus. Man solle endlich vorgehen gegen den Klerikalismus, den Zölibat und die Männerbünde, um einzutreten für die Herabstufung des Weiheamtes, und für die „Ehe“ – nicht nur für Priester, sondern „für alle“. Den Grund für die gegenwärtige Krise in systemischen Missstände festzumachen, ist leider so geschichtsblind wie naiv. Doch wirklich unverzeihlich ist, dass bei den veröffentlichten Therapie-Vorschlägen Gottes Heilswort nicht einmal erwähnt wird. Obwohl doch die kirchlichen Hirten in dem feierlichen Augenblick ihrer sakramentalen Weihe versprochen hatten, „das Glaubensgut rein und unverkürzt zu bewahren, wie es von den Aposteln überliefert und in der Kirche immer und überall bewahrt wurde“.

    Papst Benedikts Botschaft

    Ein halbes Jahr nahmen sich die Amtsträger Zeit für operative Schritte. Dann beschlossen sie einen „synodalen Prozess“. Bei der Pressekonferenz im März 2019 nennt ihr Vorsitzender die zentralen Stichworte für dessen Vollzug: „Offene Debatten, klerikaler Missbrauch, Machtabbau“. Anleitung sollen die Beratungen finden durch das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken, Männer und Frauen aus unseren Bistümern, Menschen außerhalb der Kirche“. Wieder bleibt die Perspektive aseptisch glaubenslos.

    Gut ist, dass angesichts eines so unbedarften Problembewusstseins Benedikt XVI. im April sein selbstgewähltes kontemplatives Stillschweigen brach. Die großen Zeitungen der Welt vermerkten seine Botschaft und stellten sie teilweise ins Internet. Hier kann sie nur sehr lückenhaft aufgenommen werden. Der Papst deckt mit überzeugender Akribie die wahren Gründe des weltweiten Skandals auf, die auch für Deutschland gelten. Er verweist auf den „Wegbruch der Sexualnormen in den zwanzig Jahren von 1960–1980“. Und er steht mit solcher Ursachenforschung keineswegs allein. So legt etwa der Soziologe Niklas Luhmann (+1998) in seinem Buch „Liebe als Passion“ (Frankfurt 1982) dar: In der modernen Gesellschaft sei etwas Neues eingetreten, die „Freigabe der sexuellen Beziehungen“. Und eine Umkehrung zwischenmenschlicher Partnerschaft habe sich ergeben: Habe bislang die Liebe zu sexuellen Beziehungen geführt, so müssten heute sexuelle Beziehungen Liebe erzeugen. Sexualität aufzuschieben und so weit wie möglich zu negieren, würde als „kaum noch zu begreifender Irrweg angesehen“ (S. 197ff.).

    Ein zweiter Gewährsmann ist der wohl wichtigste lebende Philosoph und Soziologe Charles Taylor. Er nennt in seinem epochalen Werk „Ein säkulares Zeitalter“ (Frankfurt 2009) die Postmoderne das „Zeitalter der Authentizität“. Ihren Beginn setzt er für die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an. Ihr Angelpunkt sei ein neues Verständnis von Sexualität. „Den Kern dieser Revolution bildet die Sexualmoral.“ In den intellektuellen Eliten hätte sich die Entwicklung schon früher gezeigt. „In den 1960er Jahren aber griff sie dann auf alle Schichten über. Das war offensichtlich ein tiefgreifender Wandel.“ Er vollzog sich durch „die Relativierung von Keuschheit und die Erklärung, Homosexualität sei eine legitime Option“ (S. 788 und 809).

    Sogar von dem fundamentalen John-Jay Report 2011 „The Causes and Context of Sexual Abuse of Minors by Catholic Priests in the United States, 1950–2010“ ist Benedikts Analyse gedeckt. Dort heißt es: „Während der hier beobachteten Periode wuchs die jährliche Angabe von Fällen sexuellen Vergehens durch Priester fortwährend bis zur Kulmination in den späten 1970ern bis zu den frühen 1980ern“ (S. 8).

    Die Ursache der großen Misere

    Auf dem Fundament dieser Fakten sieht Papst Benedikt für die große Misere eine völlig andere Ursache als die deutschen Hirten. Rückbesinnung auf Gottes Willen und das erste Gebot der Offenbarung stände an. „Unser Nichterlöstsein beruht auf der Unfähigkeit, Gott zu lieben. Gott lieben zu lernen, ist also der Weg der Erlösung der Menschen.“ Keine dringlichere Aufgabe hätte die Kirche heute als zu verkündigen: Gott existiert – als Wahrheit, als Maßstab aller Dinge, als Sinn des Lebens, als Erfüllung unseres Urverlangens. So würde endgültig der Satz „Gott ist“ zu einer wirklich frohen Botschaft, eben weil er mehr als Erkenntnis ist, „weil er Liebe schafft und ist“. Wir lebten in einer Welt, „in der Gott in der Öffentlichkeit abwesend ist und für die er nichts mehr zu sagen hat“. Und genau darum sei in ihr das Menschliche verloren gegangen. Die Verwässerung der Offenbarung ist nach ihm das Klima, das den Eklat ermöglichte. Wir ständen in der Gefahr, „dass wir uns zum Herrn der Kirche machen, anstatt uns vom Glauben erneuern und beherrschen zu lassen“.

    Darum folgert der Papst mit großer Eindeutigkeit: "Eine erste Aufgabe, die aus den moralischen Erschütterungen unserer Zeit folgen muss, besteht darin, dass wir selbst wieder anfangen, von Gott und auf ihn hin zu leben. Wir müssen vor allen Dingen selbst wieder lernen, Gott als Grundlage unseres Lebens zu erkennen und nicht als eine irgendwie unwirkliche Floskel beiseite zu lassen. Unvergessen bleibt mir die Mahnung, die mir der große Theologe Hans Urs von Balthasar auf einem seiner Kartenbriefe einmal schrieb: 'Den dreifaltigen Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist, nicht voraussetzen, sondern vorsetzen!'"

    Die Botschaft Papst Benedikts sollte zur Pflichtlektüre aller gehören, die sich am „synodalen Prozess“ beteiligen. Es wäre unerträglich, würden verantwortliche Männer und Frauen im Augenblick der Heimsuchung – das ist heute – bei der „Weisheit dieser Welt“ (1 Kor 2,6) den Ausweg aus der Katastrophe suchen. Sie wählten leider nicht Gottes Offenbarung für die dringende Therapie, sondern den gegenwärtigen Äon und orientieren sich an weltlichem Denken und Zeitströmungen. Die „Zeit der Heimsuchung“ (Lk 19,44) darf auf keinen Fall ungenutzt verrinnen. Würde der „synodale Prozess“ nicht zu Gott zurückführen, verlören die deutsche Diözesen auch völlig ihre Einfügung in die „Catholica“; ihre Katholizität würde geopfert. Sollen denn unsere besorgten Nachbarn Recht bekommen? Wenn sie etwa in Frankreich fragen: „L'Église d'Allemagne: Los von Rom?“ „Mit dem soeben eingeschlagenen ,synodalen Weg‘ ist die Absicht der Kirchen in Deutschland, sich vom Lehramt der Weltkirche zu trennen, nun offenkundig geworden.“ Schon einmal sei von diesem Land eine schmerzhafte Spaltung der Christenheit ausgegangen (In: La Nef vom Mai 2019).

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