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    Echten Frieden erbeten

    „Liebe Brüder und Schwestern!

    Bildnis der Madonna vom Heiligen Berg von Viggiano. Foto: dpa

    „Liebe Brüder und Schwestern!

    Noch umfangen von der geistlichen Atmosphäre von Weihnachten, in der wir das Geheimnis der Geburt Christi betrachtet haben, feiern wir heute mit denselben Empfindungen die Jungfrau Maria, die die Kirche als Mutter Gottes verehrt, da sie dem Sohn des ewigen Vaters einen menschlichen Leib geschenkt hat. Die biblischen Lesungen dieses Hochfests legen den Akzent hauptsächlich auf den Mensch gewordenen Sohn Gottes und auf den „Namen“ des Herrn. Die erste Lesung stellt uns den feierlichen Segen vor, den die Priester an den großen religiösen Festen über die Israeliten aussprachen: Er wird gerade vom Namen des Herrn her ausgesprochen, der dreimal wiederholt wird, wie um der Fülle und der Kraft Ausdruck zu verleihen, die aus einer solchen Anrufung erwächst. Dieser Text des liturgischen Segens beschwört in der Tat den Reichtum der Gnade und des Friedens herauf, den Gott dem Menschen in seiner Güte und Menschenfreundlichkeit ihm gegenüber schenkt und der sich im „Leuchten“ des göttlichen Angesichts und in seiner „Zuwendung“ zu uns zeigt.

    Die Kirche hört diese Worte heute wieder, während sie den Herrn bittet, das gerade begonnene neue Jahr zu segnen – im Bewusstsein, dass angesichts der tragischen Ereignisse, die die Geschichte kennzeichnen, dass angesichts der Kriegsstrategien, die leider noch nicht ganz überwunden sind, nur Gott das menschliche Herz im Innersten, im Tiefsten berühren und der Menschheit Hoffnung und Frieden zusichern kann. Denn es ist schon eine feste Tradition, dass die Kirche in aller Welt am ersten Tag des Jahres ein einstimmiges Gebet erhebt, um den Frieden zu erflehen. Es ist gut, einen neuen Wegabschnitt zu beginnen, indem man sich mit Entschlossenheit auf den Weg des Friedens begibt. Heute wollen wir den Aufschrei so vieler Männer, Frauen, Kinder und alter Menschen aufnehmen, die Opfer von Krieg sind, der das entsetzlichste und gewaltsamste Angesicht der Geschichte ist. Wir beten heute darum, dass der Friede, den die Engel den Hirten in der Heiligen Nacht verkündet haben, überall hingelangen kann: „Auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade.“ (Lk 2, 14). Deshalb wollen wir besonders durch unser Gebet jedem Menschen und jedem Volk – insbesondere denen, die Regierungsverantwortung haben – helfen, immer entschlossener auf dem Weg des Friedens zu gehen.

    In der zweiten Lesung fasst der heilige Paulus in der Sohnschaft das von Christus vollendete Heilswerk zusammen, in das die Gestalt Mariens gleichsam eingesetzt ist. Dank ihr hat der Sohn Gottes, „geboren von einer Frau“ (Gal 4, 4), in der Fülle der Zeit als wahrer Mensch zur Welt kommen können. Solch eine Erfüllung, solch eine Fülle betrifft die Vergangenheit und die messianischen Erwartungen, die Wirklichkeit werden, aber sie nimmt zugleich auch Bezug auf die Fülle im absoluten Sinn: Im Fleisch gewordenen Wort hat Gott sein letztes und endgültiges Wort gesprochen. An der Schwelle eines neuen Jahres erklingt so die Einladung, voll Freude dem „aufstrahlenden Licht aus der Höhe“ (Lk 1, 78) entgegenzugehen, weil aus der christlichen Perspektive Gott in aller Zeit wohnt, es gibt keine Zukunft, die nicht auf Christus gerichtet ist, und es gibt keine Fülle außer jener, die von Christus kommt. Der Abschnitt des heutigen Evangeliums endet mit der Namensgebung Jesu, während Maria still Anteil nimmt und im Herzen über das Geheimnis dieses ihres Sohnes nachdenkt, der in ganz einzigartiger Weise ein Geschenk Gottes ist. Aber die Perikope des Evangeliums, die wir gehört haben, hebt besonders die Hirten hervor, die zurückkehrten und „Gott rühmten und priesen für das, was sie gehört und gesehen hatten“ (Lk 2, 20). Der Engel hatte ihnen verkündet, dass in der Stadt Davids, also in Bethlehem, der Retter geboren wurde und dass sie das Zeichen finden würden: ein Kind, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt (vgl. Lk 2, 11–12). Sie waren eilends aufgebrochen und hatten Maria und Josef und das Kind gefunden. Wir bemerken, wie der Evangelist über die Mutterschaft Mariens spricht – ausgehend von dem Sohn, von jenem „in Windeln gewickelten Kind“, weil Er – das Wort Gottes (Joh 1, 14) – der Bezugspunkt, der Mittelpunkt des Ereignisses ist, das sich gerade erfüllt, und (weil) Er es ist, der gewährleistet, dass die Mutterschaft Mariens als „göttlich“ bezeichnet wird.

    Diese vorwiegende Aufmerksamkeit, die die heutigen Lesungen dem „Sohn“, Jesus, widmen, mindert nicht die Rolle der Mutter, sondern rückt sie in die richtige Perspektive: Denn Maria ist in der Tat die wahre Mutter Gottes, gerade kraft ihrer vollkommenen Beziehung zu Christus. Deshalb ehrt man die Mutter, wenn man den Sohn preist, und wenn man die Mutter ehrt, preist man den Sohn. Der Titel „Mutter Gottes“, den die Liturgie heute hervorhebt, unterstreicht die einzigartige Sendung der heiligen Jungfrau in der Heilsgeschichte: eine Sendung, die dem Kult und der Verehrung zugrunde liegt, die das Christenvolk ihr vorbehält. Denn Maria hat das Geschenk Gottes nicht allein für sich selbst empfangen, sondern um es in die Welt, um es zur Welt zu bringen: In ihrer fruchtbaren Jungfräulichkeit hat Gott den Menschen die Güter des ewigen Heils geschenkt (vgl. Tagesgebet). Und Maria bietet dem Gottesvolk auf seinem Weg durch die Zeit zur Ewigkeit immerfort ihre Mittlerschaft und Fürsprache an, so wie sie sie einst den Hirten von Betlehem anbot. Sie, die dem Sohn Gottes das irdische Leben geschenkt hat, schenkt den Menschen weiterhin das göttliche Leben, das Jesus selbst und sein Heiliger Geist ist. Deshalb wird sie als Mutter eines jeden Menschen angesehen, der zur Gnade geboren wird, und zugleich wird sie als Mutter der Kirche angerufen.

    Im Namen Marias, der Mutter Gottes und der Menschen, feiert man vom 1. Januar 1968 an in aller Welt den Weltfriedenstag. Der Friede ist Geschenk Gottes, wie wir in der ersten Lesung gehört haben: „Der Herr ... schenke dir Frieden.“ (Num 6, 26) Er ist das messianische Geschenk schlechthin, die erste Frucht der Liebe, die Jesus uns geschenkt hat, er ist unsere Versöhnung und Aussöhnung mit Gott. Der Friede ist auch ein menschlicher Wert, der auf der sozialen und politischen Ebene verwirklicht werden muss, aber er senkt seine Wurzeln in das Geheimnis Christi ein (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Konstitution Gaudium et spes, 77–90).

    Bei diesem festlichen Gottesdienst anlässlich des 44. Weltfriedenstages habe ich die Freude, meinen ehrerbietigen Gruß an die geehrten Herren Botschafter am Heiligen Stuhl zu richten – mit den besten Wünschen für ihre Mission. Ein herzlicher und brüderlicher Gruß gilt außerdem meinem Staatssekretär und den anderen Verantwortlichen der Dikasterien der Römischen Kurie unter besonderem Hinweis auf den Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden und seine Mitarbeiter. Ich möchte ihnen meinen aufrichtigen Dank aussprechen für den täglichen Dienst, den sie zugunsten eines friedlichen Zusammenlebens zwischen den Völkern und der immer beständigeren Ausbildung eines Friedensbewusstseins in der Kirche und in der Welt leisten. In dieser Hinsicht ist die kirchliche Gemeinschaft immer mehr verpflichtet, gemäß den Weisungen des Lehramtes tätig zu sein, um bei der beständigen Suche nach dem Frieden ein zuverlässiges geistliches Erbe an Werten und Prinzipien zu bieten.

    Daran wollte ich in meiner Botschaft zum heutigen Tag erinnern, die den Titel „Religionsfreiheit, ein Weg für den Frieden“ trägt: „Die Welt braucht Gott. Sie braucht ethische und geistliche Werte, die allgemein geteilt werden. Und die Religion kann bei dieser Suche einen wertvollen Beitrag für den Aufbau einer gerechten und friedlichen sozialen Ordnung auf nationaler und internationaler Ebene leisten.“ (Nr. 15) Ich habe daher betont, dass die Religionsfreiheit „ein unabdingbares Element eines Rechtsstaates“ ist; „man kann sie nicht verweigern, ohne zugleich alle Grundrechte und -freiheiten zu verletzen, da sie deren Zusammenfassung und Gipfel ist“ (Nr. 5).

    Die Menschheit kann sich nicht resigniert zeigen gegenüber der negativen Macht von Egoismus und Gewalt; sie darf sich nicht an Konflikte gewöhnen, die Opfer fordern und die Zukunft der Völker riskieren. Angesichts der bedrohlichen Spannungen des Augenblicks, insbesondere angesichts der Diskriminierungen, der Übergriffe und religiösen Intoleranz, die heute in besonderer Weise die Christen treffen (vgl. ebd., 1), fordere ich noch einmal dringlich auf, nicht der Mutlosigkeit und der Resignation nachzugeben. Ich fordere alle auf, dafür zu beten, dass die Anstrengungen, die von mehreren Seiten unternommen worden sind, um den Frieden in der Welt zu fördern und aufzurichten, zu einem glücklichen Abschluss gelangen. Für diese schwierige Aufgabe genügen keine Worte, es ist das konkrete und beständige Engagement der Verantwortlichen der Nationen erforderlich, aber es ist vor allem notwendig, dass jeder Mensch vom echten Geist des Friedens beseelt wird, der immer wieder im Gebet erfleht und in den täglichen Beziehungen in jedem Bereich gelebt werden muss.

    Bei dieser Eucharistiefeier haben wir für unsere Verehrung das Bildnis der Madonna vom Sacro Monte, vom Heiligen Berg von Viggiano vor Augen, das den Menschen der Basilicata so lieb ist. Die Jungfrau Maria schenkt uns ihren Sohn, sie zeigt uns das Angesicht ihres Sohnes, des Friedensfürsten: Sie helfe uns, im Licht dieses Angesichtes zu bleiben, das über uns leuchtet (vgl. Num 6, 25), um die ganze zärtliche Liebe Gottvaters wieder zu entdecken; sie unterstütze uns, wenn wir den Heiligen Geist anrufen, damit er das Antlitz der Erde erneuere und die Herzen verwandle, indem er ihre Härte angesichts der entwaffnenden Güte des Kindes löse, das für uns geboren ist. Die Mutter Gottes begleite uns in diesem neuen Jahr; sie erwirke für uns und für die ganze Welt das begehrte Geschenk des Friedens. Amen.“

    Dokumentation der Predigt im Wortlaut nach einer Arbeitsübersetzung aus dem Italienischen von „Radio Vatican“, die Monsignore E. Albrecht dem Sender zur Verfügung stellte