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    Dokumentation eines tiefen gesellschaftlichen Wandels

    „Die Priesterbücher werden immer mehr, die Priesterzahlen immer weniger.“ An diesen Stoßseufzer könnte man denken, wenn man die Ankündigung des neuen Werkes von Erwin Gatz liest. Aber es sei gleich vorweg gesagt: Das Buch vermehrt nicht einfach die – sicher wichtigen – theologischen oder spirituellen Reflexionen über den Priesterberuf, sondern füllt eine echte Lücke. Ich habe es in meiner Verantwortung für die Priesterausbildung beziehungsweise als Generalvikar leider allzu oft erlebt, dass über „frühere Zeiten“ allzu pauschal und ohne detaillierte Kenntnisse entweder glorifizierend oder abwertend geredet wird.

    „Wie Priester leben und arbeiten“ heißt das neue Werk von Erwin Gatz. Unser Bild zeigt die Weihe von Priesteramtskandida... Foto: KNA

    „Die Priesterbücher werden immer mehr, die Priesterzahlen immer weniger.“ An diesen Stoßseufzer könnte man denken, wenn man die Ankündigung des neuen Werkes von Erwin Gatz liest. Aber es sei gleich vorweg gesagt: Das Buch vermehrt nicht einfach die – sicher wichtigen – theologischen oder spirituellen Reflexionen über den Priesterberuf, sondern füllt eine echte Lücke. Ich habe es in meiner Verantwortung für die Priesterausbildung beziehungsweise als Generalvikar leider allzu oft erlebt, dass über „frühere Zeiten“ allzu pauschal und ohne detaillierte Kenntnisse entweder glorifizierend oder abwertend geredet wird.

    Wer sich mit der Quellenedition des langjährigen Rektors des Collegio Teutonico in Rom befasst, stößt auf eine differenzierte Vielfalt von Lebenszeugnissen aus den verschiedensten Bereichen des priesterlichen Lebens und Wirkens. Das Buch stützt sich dabei auf Tagebücher, Autobiografien beziehungsweise Lebensbeschreibungen. Dabei liegt der Schwerpunkt der Quellen im Rheinland, in Westfalen, in Schlesien und im süddeutschen Bereich. Auf diese Weise wird eine vielschichtige und zugleich konkrete Annäherung an die alltägliche Lebens- und Arbeitswelt des Seelsorgeklerus in Deutschland möglich, und zwar von der Zeit der Aufklärung bis zur Gegenwart.

    Insgesamt werden (in unterschiedlicher Häufigkeit) 186 Priester zitiert. Die Auswahl beschränkt sich dabei bewusst auf die allgemeinen Rahmenbedingungen des priesterlichen Wirkens; Priesterschicksale aus Verfolgungszeiten (Kulturkampf und Naziregime) werden deshalb nicht behandelt, weil sie anderweitig relativ gut erforscht und dokumentiert sind. In 20 Kapiteln, die biografisch angeordnet sind und vom Herkunftsmilieu über Studienzeit, Priesterweihe, verschiedene Formen der Seelsorgstätigkeit bis hin zu Jubiläen, Alter und Tod reichen, wird ein breites Spektrum an Zeugnissen dargeboten. Besonders interessant sind aus heutiger Sicht die Abschnitte über das Zusammenleben mit nichtkatholischen Christen sowie über Berufs- und Lebenskrisen. Die Einleitung zu den jeweiligen Kapiteln und die Kommentierung der einzelnen Dokumente sind bewusst knapp gehalten, bieten aber eine präzise und hilfreiche Hinführung zu den jeweiligen Kontexten.

    Insgesamt enthält der Band eine eindrucksvolle Dokumentation des tiefen gesellschaftlichen Wandels, der auch die Rahmenbedingungen für das Leben und Arbeiten der Priester grundlegend verändert hat. Der Herausgeber, der bereits 1995 eine Geschichte des Diözesanklerus in den deutschsprachigen Ländern vorgelegt hat, versteht die nun vorliegende Quellensammlung als bewusste Ergänzung zu dieser Monografie.

    Aber sein neues Buch hat durchaus seinen Eigenwert und ist als Diskussionsgrundlage für Priesterkonferenzen sowie zur persönlichen Lektüre nachdrücklich zu empfehlen, weil es sehr gut dabei helfen kann, das eigene Leben als Priester in größere Zusammenhänge von Kontinuität und Veränderung einzuordnen. Bei einer Neuauflage wäre es wünschenswert, bei den Biogrammen nach den Namen gleich das jeweilige (Herkunfts- beziehungsweise Inkardinations-) Bistum anzugeben. Einige wenige Angaben bedürfen auch einer Korrektur. Dies schmälert jedoch nicht das Verdienst des Autors, der mit seinem Werk einen ungemein wichtigen Beitrag zur Vertiefung und Versachlichung der derzeit wieder intensiv geführten „Priesterdebatte“ geleistet hat.

    Erwin Gatz (Hg.), Wie Priester leben und arbeiten. Quellen zur Lebenskultur und Arbeitswelt des deutschen Seelsorgeklerus seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Verlag Schnell und Steiner, Regensburg 2011, 396 Seiten. 39,- Euro