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    Doktor Rahners Rezepte

    Ein originelles Buch will die Innsbrucker Jahre Karl Rahners beleuchten, der in Tirol drei Perioden seines Leben verbrachte und am Ende dort auch starb. Tatsächlich traut sich der Autor aber, auf hundert Seiten ein komplettes Lebensbild des Theologen zu bieten. Er nennt sein Buch eine Biografie – also nicht auf die Innsbrucker Zeit beschränkt – und unterstreicht zugleich, dass er weder Theologe noch Historiker sei. Tatsächlich ist Martin Kolozs studierter Philosoph und arbeitet als Verleger und Journalist in Wien. Bereits in den ersten Sätzen seines Vorwortes bekennt er seine Bewunderung für den „vielleicht größten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts“ und entfernt sich damit von Anfang an von einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Objektivität. Und dennoch kann man den schmalen Band mit Gewinn lesen, ja, er macht Lust, sich mit dem doch etwas entrückten Rahner zu beschäftigen.

    Karl Rahner. Foto: KNA

    Ein originelles Buch will die Innsbrucker Jahre Karl Rahners beleuchten, der in Tirol drei Perioden seines Leben verbrachte und am Ende dort auch starb. Tatsächlich traut sich der Autor aber, auf hundert Seiten ein komplettes Lebensbild des Theologen zu bieten. Er nennt sein Buch eine Biografie – also nicht auf die Innsbrucker Zeit beschränkt – und unterstreicht zugleich, dass er weder Theologe noch Historiker sei. Tatsächlich ist Martin Kolozs studierter Philosoph und arbeitet als Verleger und Journalist in Wien. Bereits in den ersten Sätzen seines Vorwortes bekennt er seine Bewunderung für den „vielleicht größten Theologen des zwanzigsten Jahrhunderts“ und entfernt sich damit von Anfang an von einer wissenschaftlichen Ansprüchen genügenden Objektivität. Und dennoch kann man den schmalen Band mit Gewinn lesen, ja, er macht Lust, sich mit dem doch etwas entrückten Rahner zu beschäftigen.

    Freilich scheiden sich bei diesem, mehr noch als bei anderen großen Theologen, die Geister: Es gibt viele bedingungslose Bewunderer – so einen Mitbruder von ihm aus dem Jesuitenorden, der sich selber stolz als „rahnersüchtig“ nach Art von morphinsüchtig bezeichnet – und profunde Kritiker. Drei Einflüsse auf den jungen Rahner hält Kolozs für bedeutsam: Die Mitgliedschaft des Jugendlichen im „Quickborn“, den Rahner eine freie, von der Basis herkommende, nicht ausdrücklich kirchlich gesteuerte Jugendbewegung nannte. Sodann den Eintritt des älteren Bruders Hugo in die Gesellschaft Jesu, der es dem Jüngeren leichter gemacht habe, ihm darin nachzufolgen. Schließlich die Bekanntschaft mit dem später seliggesprochenen Pier Giorgio Frassati, der Hausfreund der Familie war und mit dem der junge Karl im Wald Ringkämpfe veranstaltete. Aber auch Alfred Delp kannte und schätzte der bereits in der Ausbildung befindliche Ordensmann. Rahner selber hat Heidegger als einen Einfluss benannt – was die Formalität des Denkprozesses anging –, daneben noch Joseph Maréchal und Erich Przywara. Kolozs arbeitet die stark philosophisch geprägte Interessens- und Denkstruktur Rahners heraus. Ihr verdankt sich wohl auch die hermetische Sprache, die vielen bis heute den Zugang zu Rahner versperrt oder jedenfalls erschwert. Rahner selber hat sich einmal als Denker des Übergangs bezeichnet und meinte damit die ihn prägenden Jahre zwischen 1925 und dem Konzil. Die Entwicklung sei, so seine Einschätzung, von einem sich abgrenzenden Kirchentum neuscholastischer Prägung zum offenen Dialog, zum Voneinander-Lernen, wie es dem Konzil entsprach, gegangen. Der Autor sekundiert: „Seine (Rahners) Theologie unterwarf sich zuerst dem Kanon der Lebensfragen, nicht den vorsichtig ausgewählten, sondern den unbequem aufgedrängten, oft schrecklich profanen Fragen, von denen er sich bis zur Erschöpfung beanspruchen ließ. Unstrittig angesichts der Fülle und Vielfalt Rahner'scher Beiträge lässt sich sagen, dass Rahner zeit seines Lebens immer den Menschen und dessen Gemeinschaft in und mit der Mutter Kirche im Blickfeld hatte.“

    Die Fülle der kleinen, anlassbezogenen Schriften legt dafür Zeugnis ab. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Rahner spätestens in den 1960er Jahren bekannt, als er – zunächst für den Wiener Kardinal König arbeitend – zu einem der einflussreichsten Theologen des Zweiten Vatikanums wurde. Das begann schon mit seiner klar ablehnenden Stellungnahme zu den vorbereitenden Schemata, die ihm dürftig und stellenweise reaktionär vorkamen. In einer damals erscheinenden Schrift formulierte Rahner das Mantra dessen, was ihm geboten schien und das seitdem von so vielen wiederholt wird: „Die Kirche muss ihr konkretes Leben immer wieder den gegebenen äußeren Verhältnissen anpassen“, die sie nicht beeinflussen könne und einfach zur Kenntnis zu nehmen habe. Bei ihm und auch seinem Mentor König fällt der Optimismus auf, mit dem auf die „Welt“ geschaut wurde, von der die Kirche sich Inspiration erhoffen dürfe. So sprach König, im Umfeld der Kubakrise, die die klare Teilung in zwei Machtblöcke vor Augen führte, von einer „einswerdenden Welt“ – das genaue Gegenteil war der Fall.

    Doch war diese naive Einschätzung damals in der Kirche weit verbreitet. Rahner jedenfalls war einflussreich und sprach als offizieller Konzilstheologe vor diversen regionalen Episkopaten und in den römischen Kollegien zu einer Vielzahl von Themen. Als Schwerpunkte seiner beratenden Tätigkeit nennt Kolozs Ekklesiologie und Offenbarung, mit nachhaltigem Einsatz für den Diakonat, die Integration der Mariologie in die Ekklesiologie und die Lehre zu Bischofskollegialität und Ortskirche. Mit für ihn typischer Bescheidenheit, wie sie anderen bekannten Theologen nicht geschenkt war, spielte Pater Rahner später seinen Einfluss hinter den Kulissen herunter – von den meisten Dekreten habe er erst gehört, als sie schon längst approbiert waren. Persönlich erlebte der Jesuit 1964 einen Wechsel, als er aus Innsbruck weg nach München ging, wo er Romano Guardini nachfolgen sollte. Zwar blieb die Münchner Zeit Episode, doch entstand dort 1976 der „Grundkurs des Glaubens“, das Buch, das „ihn mitunter als einen der Größten unter den großen Theologen des 20. Jahrhunderts bis heute ausweist“, wie es sein Biograf etwas gewunden ausdrückt.

    Da hatte er eine Auseinandersetzung mit Hans Küng schon hinter sich, die sich an der scharf ablehnenden Haltung des Schweizers zur päpstlichen Unfehlbarkeit entzündete und die dazu führte, dass diese beiden „reformorientierten“ Theologen nicht mehr zueinanderfanden. Rahner ging es wohl gar nicht darum, „Humanae vitae“, den Anlass der Kontroverse, in toto zu verteidigen, doch wies er darauf hin, dass Paul VI. mit dieser Enzyklika keinen Akt der Unfehlbarkeit gesetzt habe. Und er beharrte darauf, dass es „irrtumsfreie Lehren der Päpste und Konzilien“ gäbe.

    In der Zölibats-Diskussion, die seitdem ein Dauerbrenner geblieben ist, formulierte Rahner 1967 eine zurückhaltende Position: „Die Gefahrenbereiche sind nicht schon dadurch überwunden (...), dass der Priester heiratet. Und mancher Priester, der in die Ehe flüchtet, merkt nun auf einmal, dass er jetzt die Tugenden üben muss, soll seine Ehe nicht scheitern, mit denen er auch seinen Zölibat zu einem menschlich sinnvollen Leben hätte machen können“. Das war nicht das, was die Neuerer hören wollten, doch tat der Jesuit andererseits auch der Kirchenleitung nicht den Gefallen, alles unbesehen abzunicken.

    Wiederholt warnte er vor einem Gang ins Getto des deutschen Katholizismus, der zu akzeptieren habe, dass die alte kleinbürgerlich-bäuerliche Kirche mit ihren Werten und Strukturen zum Ende gekommen sei. Rahner beteiligte sich engagiert an den Beratungen der Würzburger Synode und nahm dort durchaus progressive Positionen ein, ohne es je zu einem Bruch mit den Bischöfen kommen zu lassen. Damit erwarb er sich zum Beispiel die Anerkennung eines Heinrich Böll, der notierte: „Bei Karl Rahner, wenn er auftritt, (...) sehe ich etwas, das ich „entblößtes Herz“, nennen möchte (...).“ Ausführlich zitiert Kolozs aus dem Geistlichen Testament, das Zeugnis der Gratwanderung des Theologen ist – kritische Distanz ohne Distanzierung. Der Autor beendet sein Buch mit dem Versuch, einen Einfluss Rahners auf Papst Franziskus nachzuweisen. Dieser hat von seinem professoralen Mitbruder ein wichtiges Zitat entliehen, nämlich das Bild von der Kirche „wie ein Feldlazarett nach der Schlacht“. Die Arznei von Doktor Rahner wird von Martin Kolozs auch der Christengemeinde von heute ausdrücklich empfohlen, „wenn katholische Theologie nicht gegen die Moderne, sondern in, für und nur deshalb auch gegen sie entfaltet werden soll“. Sein Buch erfüllt nicht die Anforderungen einer Biografie, bringt auch keinen Aufschluss über das Verhältnis von Rahner zu Innsbruck, ist aber auf erstaunlich wenig Platz geladen mit wichtigen Zitaten, Querverweisen, Gesprächen mit ausgewiesenen Wegbegleitern und einem brauchbaren Literaturanhang – fürwahr „a labour of love“.

    Martin Kolozs: Karl Rahner – Innsbrucker Jahre. Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 2014, 126 Seiten,

    ISBN 978-3-7030-0837-5, EUR 21,90