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    Diplomatie im Dienste der Menschlichkeit

    Zu 107 Staaten unterhält der Souveräne Malteser-Ritterorden offizielle Beziehungen: nunmehr auch zur Bundesrepublik Deutschland. Von Ulrich Nersinger

    Sigmar Gabriel in Italien
    Der Wille, Krisen zu bewältigen, verbindet: Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD, l.) traf am 15. November in Rom den... Foto: dpa

    1760 geriet der Malteserorden und das ihm unterstehende Inselarchipel im Mittelmeer in schwere Bedrängnis. Erstmals seit langer Zeit drohte dem Ordensstaat eine militärische Auseinandersetzung, deren Tragweite dramatische Ausmaße hätte annehmen können. Am 6. Oktober des genannten Jahres war im maltesischen Hafen Marsa Muscetto eine von christlichen Sklaven eroberte türkische Sultana, die „Corona Ottomana“ eingelaufen. Der Orden erwarb das Schiff und schickte seine Priester auf die Sultana, um sie mit Gebeten und Weihwasser zu exorzieren. Unter dem neuen Namen „San Salvatore“ wurde es als 70-Kanonen-Schiff in den Dienst der Ordensflotte gestellt. Als der türkische Sultan davon erfuhr, versetzte er Heer und Flotte des Osmanischen Reiches in den Kriegszustand und drohte Malta die schwersten Repressalien an. Der Orden musste nun für Malta seinerseits den Verteidigungszustand ausrufen.

    Bei den europäischen Seemächten setzte eine hektische Diplomatie ein, um eine Eskalation zu verhindern. Aufgrund einer Initiative Frankreichs wurde das Schiff um 240 000 Scudi von der Hohen Pforte zurückgekauft. Damals konnten ausländische Mächte mit ihrer Diplomatie dem katholischen Ritterorden Hilfestellung leisten. Heute hat sich die Situation geändert. Jetzt ist es oft der Malteserorden, der auf der ganzen Welt durch diplomatische Aktivitäten präsent ist und agiert – und das, obwohl er ein Staatswesen ohne Land ist. International gilt der Ritterorden als ein eigenständiges Völkerrechtssubjekt. 1798 hatte er durch Napoleon Bonaparte das Inselarchipel von Malta verloren. Der Korse konnte den Ordensstaat auf dem Weg zu seinem Ägyptenfeldzug kampflos einnehmen. Hochmeister Fra' Ferdinand von Hompesch zu Bohlheim und seine Ritter hatten kapitulieren müssen, da ihnen die Ordensregel verbot, gegen eine christliche Nation die Waffen zu erheben.

    Zwar blieb der Malteser-Ritterorden auch nach dem Wiener Kongress (1814/15) seines Territoriums beraubt, doch stand man ihm vielerorts den Status eines souveränen Völkerrechtssubjekts zu – eine Sicht, der sich im 20. und 21. Jahrhundert immer mehr Staaten anschlossen. Der Orden – mit seinem Regierungssitz in Rom – gilt in humanitären Krisensituationen als eine unverzichtbare Institution, die sich vor allem durch einen fehlenden Eigennutz auszeichnet und durch seine besondere völkerrechtliche Stellung bei Katastrophen, Hungersnöten und kriegerischen Auseinandersetzungen effizient Hilfe zu leisten vermag.

    Nach seinem Selbstverständnis hat er fern sozialer, religiöser und politischer Einengungen zu agieren. Seine diplomatischen Aktivitäten sieht der Orden eng und unverzichtbar mit seiner humanitären Mission verknüpft. Die offiziellen Beziehungen, die er zu 107 Staaten und zur Europäischen Union unterhält, sein dauerhafter Beobachterstatus bei den Vereinten Nationen und internationale Kooperationsabkommen mit weit mehr als 50 Ländern tragen entscheidend dazu bei, humanitäre Unternehmungen zu erleichtern und einen möglichst uneingeschränkten Zugang in Krisengebieten zu erhalten.

    „Auf internationalem, politischen Parkett ist der Malteserorden neutral, unparteiisch und apolitisch. Aufgrund dieser drei Merkmale kann der Orden als Mediator (Vermittler) intervenieren, wann immer ein Staat um seine Hilfe bei Konfliktlösung bittet“, heißt es in einer offiziellen Verlautbarung der Ordensregierung in Rom. In der Ausprägung ihrer Neutralität besitzen die Malteserritter gegenüber dem „Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK)“ einen nicht zu überschätzenden Vorteil, wie es eine wissenschaftliche Untersuchung zur Entwicklung des Souveränen Malteser-Ritterordens von der Hospitalbruderschaft zum Völkerrechtssubjekt darlegt: „Im Gegensatz zum Malteser Ritter Orden handelt es sich beim IKRK um einen Verein schweizerischen Rechts, der sich aus Schweizer Bürgern konstituiert. Aus diesem Grund ist seine Neutralität an jene der Schweiz gekoppelt – das IKRK wird demnach seine Neutralität solange bewahren als auch die Schweiz diese Eigenschaft nicht aufgibt. Die nationalen Einheiten des IKRK, die sogenannten Sanitätskolonnen, werden bei ihren Einsätzen in Krisengebieten oft nicht als neutral betrachtet, weil es sich dabei um nationale Einheiten handelt, Hilfseinsätze des Ordens vom unparteiischen Großmagisterium aber ausgehen und unter internationaler Zusammensetzung durchgeführt werden“ (Susanne Frodl).

    Die Bundesrepublik Deutschland und der Souveräne Malteser-Ritterorden haben nun bei einem Besuch des deutschen Außenministers Sigmar Gabriel in Rom offizielle diplomatische Beziehungen aufgenommen. Bei dem Treffen in der Magistralvilla auf dem Aventin hob der Großkanzler des Ordens, Albrecht von Boeselager, hervor, dass die Entscheidung der deutschen Bundesregierung ein Zeichen großer Wertschätzung für die Werke des Souveränen Malteserordens darstelle und eine Würdigung seines Einsatzes bei der Rettung und der Integration von Migranten und Flüchtlingen sowie die Anerkennung seiner diplomatischen Sonderrolle im Einsatz für die schwächsten Menschen dieses Planeten sei.

    „Der Malteserorden ist mit seinen Krankenhäusern, Sozial- und Rettungsdiensten eine der verlässlichsten Einrichtungen in der deutschen Zivilgesellschaft“, betonte Gabriel; und auch an Orten im Ausland, an denen größte Verzweiflung herrschte, habe er Freiwillige und Mitarbeiter des Malteserordens getroffen. Die ausgezeichneten Beziehungen, welche bereits zwischen Malteserorden und Deutschland existierten, so Großkanzler Boeselager, würden durch die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und den Austausch von Botschaftern weiter gestärkt. Dies sei auch für die zahlreichen gemeinsam entwickelten Projekte von Bedeutung, mit denen es gelte, Krisen zu bewältigen und Hilfe in Entwicklungsländern zu leisten.

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