• aktualisiert:

    Diplomat und Musiker

    Die Männer des Papstes: Kardinal Lorenzo Baldisseri, der Synodensekretär – Teil 1 einer kleinen Serie über die römische Kurie. Von Guido Horst

    Lorenzo Baldisseri
    Er gehörte zu den einflussreichen und zugleich umstrittenen Köpfen der Familiensynode des gegenwärtigen Pontifikats: Kur... Foto: Foto:

    Dass er den lang gedienten Vatikandiplomaten in den Kreis der engeren Vertrauten aufnehmen würde, hat Papst Franziskus bereits in den ersten Augenblicken seines Pontifikats deutlich und für alle sichtbar gemacht. Lorenzo Baldisseri – von Johannes Paul II. bereits 1992 zum Nuntius in Haiti ernannt und zum Erzbischof befördert – gehörte am Wahlabend des 13. März 2013 zu den Teilnehmern des Konklaves, die einzeln vor den neuen Papst traten und ihm kniend Treue und Gehorsam versprachen. Benedikt XVI. hatte Baldisseri im Jahr zuvor zum zweiten Mann der Bischofskongregation und dann zum Sekretär des Kardinalskollegiums gemacht. Damit war der gebürtige Toskaner automatisch auch Sekretär der Papstwahl, aus der Franziskus hervorgehen sollte. Und dieser nahm, als Baldisseri vor ihm kniete, seinen – nun überflüssig gewordenen – purpurroten Pileolus in die Hand und setzte ihm das Scheitelkäppchen auf den Kopf mit den Worten, er sei jetzt „zur Hälfte Kardinal“. So stand dieser dann auch hinter dem Papst auf der Loggia des Petersdoms und mancher der Anwesenden dachte, der neue Papst habe Baldisseri tatsächlich in den Kardinalsstand erhoben. Vatikansprecher Federico Lombardi musste dementieren. Aber im ersten Konsistorium von Franziskus im Februar 2014 war es dann so weit. Bereits im September zuvor hatte der Papst dem „Kardinal zur Hälfte“ die Leitung des Generalsekretariats der römischen Bischofssynode übertragen. Das ist der mittlerweile 77-jährige Kardinal bis heute.

    In der für Franziskus typischen Vorgehensweise, Prozesse anzustoßen und Entwicklungen einzuleiten, spielt der Generalsekretär der Bischofssynode eine besondere Rolle. Vorgeführt hat das Baldisseri im synodalen Prozess zu Ehe und Familie, der schließlich das Apostolische Schreiben „Amoris laetitia“ ermöglichen sollte. Allerdings liefen die Dinge nicht so glatt, wie sich das Baldisseri und sein Sekretariat gewünscht hatten. Entschlossen lenkte der Generalsekretär die erste Hälfte der außerordentlichen Bischofsversammlung vom Oktober 2014 bis zur Vorstellung des Zwischenberichts nach der Aussprache im Plenum. Baldisseri sorgte dafür, dass kaum Informationen nach außen drangen, so dass sich Beobachter kein Bild davon machen konnten, wie denn die Mehrverhältnisse in der Synodenaula zu den beiden strittigen Themen der Versammlung tatsächlich waren: der Liberalisierung der kirchlichen Haltung gegenüber homosexuellen Paaren und der „Öffnung“ bei Personen in „irregulären Situationen“, sprich der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen im Einzelfall zu den Sakramenten.

    Als dann der ungarische Kardinal Peter Erdö als General-Relator der Synode vor Journalisten einen Zwischenbericht vortragen musste, der den Anschein erweckte, die Synode nehme eine Kehrtwende beim Umgang der Kirche mit den Homosexuellen und den zivil Wiederverheirateten in den Blick, kam es in der Synodenaula zum Aufstand.

    Die Kardinäle George Pell, Gerhard Müller, Robert Sarah, Raymond Burke, Wilfrid Fox Napier und andere protestierten und erzwangen die Veröffentlichung der zusammenfassenden Berichte der einzelnen Sprachzirkel, was Papst Franziskus gegen den Willen von Kardinal Baldisseri zugestehen musste.

    Und jetzt erst wurde klar, dass keiner dieser Sprachzirkel sich den von Kardinal Erdö vorgetragenen Synodenzwischenbericht zu eigen gemacht hatte, insbesondere nicht die dort angedeutete und wie auch immer geartete „Öffnung“ gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften und wiederverheirateten Geschiedenen. Trotz der straffen Leitung auch der zweiten Familiensynode vom Oktober 2015 durch das Synodensekretariat Baldisseris hat der synodale Prozess insgesamt nicht die große Wende gebracht. Erst Franziskus selber ging mit Kapitel acht von „Amoris laetita“ durch die Tür, die sich in den Synodendebatten einen Spalt breit geöffnet hatte.

    Wer sich Kardinal Baldisseri als einen Macher vorstellt, der mit eisernem Willen die Maßgaben seines Papstes umzusetzen versucht, muss aber auch einen Zug wahrnehmen, der für einen Vatikandiplomaten ungewöhnlich ist.

    Vierzig Jahre war er für den diplomatischen Dienst des Heiligen Stuhls in der Welt unterwegs: In den Nuntiaturen von El Salvador, Guatemala, Paraguay oder Frankreich, dann als Nuntius in Haiti, Indien, Nepal oder Brasilien, wo ihn Kardinal Jorge Mario Bergoglio auf dem lateinamerikanischen Bischofstreffen von Aparecida von 2007 besser kennenlernte.

    Aber in all den Jahren ist Baldisseri seiner Liebe zur Musik und vor allem zum Klavierspielen treu geblieben. Er musizierte mit Abtprimas Notker Wolf in Sant'Anselmo auf dem römischen Aventin, spielte vor Benedikt XVI. in Castel Gandolfo und tat Gleiches für Papst Franziskus – zur Beruhigung. Nach der außerordentlichen Familiensynode, so erzählte Baldisseri, hätte der Papst den Sitz des Synodensekretariats aufgesucht. Aber der Aufzug sei an jenem Tag kaputt gewesen und Franziskus habe – nach vier anstrengenden Treppen – völlig erschöpft in seinem Büro Platz genommen. Da er habe er ihm zum Ausruhen drei Stücke vorgespielt, darunter einen Tango von Adios Nonino. Das von ihm beherrschte Repertoire – mit Stücken von Puccini, Mozart über Debussy und List bis zu Schumann und Chopin – hat Baldisseri unter dem Titel „Florilego musicale“ im Vatikanverlag herausgebracht. Überall auf der Welt habe er bis zu drei Stunden am Tag Klavier gespielt, das helfe ihm, „mich abzuregen und alle Probleme zu vergessen“.

    Für Baldisseri steht im Oktober die Jugendsynode ins Haus, von der man nicht weiß, wie sie ihr eigentliches Thema, die „Findung der jeweils eigenen Berufung“, denn nun angehen wird. Dass die ein Jahr darauf folgende Sondersynode für das Amazonasgebiet auch die „viri probati“ behandeln wird, steht jetzt schon fest. Baldisseri wird – dann im Alter von 79 Jahren – die Arbeiten ganz im Sinne seines Papstes leiten.

    Bearbeitet von Guido Horst

    Weitere Artikel