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    „Die verfolgten Christen stehen bei uns an der ersten Stelle“

    Es gibt viele kirchliche Hilfsorganisationen. Was ist das Alleinstellungsmerkmal, das besondere Charisma von „Kirche in Not“? Es ist ein Werk, das nicht geplant wurde! Es ist Pater Werenfried einfach passiert.

    Antonia Willemsen, Vorsitzende von „Kirche in Not Deutschland“. Foto: sb

    Es gibt viele kirchliche Hilfsorganisationen. Was ist das Alleinstellungsmerkmal, das besondere Charisma von „Kirche in Not“?

    Es ist ein Werk, das nicht geplant wurde! Es ist Pater Werenfried einfach passiert. Er wollte nicht Gründer eines Werkes werden, sondern hat die Not der Deutschen gesehen und darüber gepredigt. Die Leute fingen an, Geld und Güter zu geben. Und so musste er etwas organisieren, um das überhaupt kanalisieren zu können. Das ist ein wesentliches Merkmal, denn andere Organisationen werden ja geplant. Dazu kommt, dass wir eine der wenigen Organisationen sind, die Hilfe im pastoralen Bereich geben. Die meisten leisten Entwicklungshilfe oder soziale Hilfe. Wir sind konzentriert auf den pastoralen Bereich. Wir unterstützen die Kirche in ihrer ersten Aufgabe: die Menschen zu Gott zu führen. Dazu bedarf es der Mittel, die uns Menschen zur Verfügung stellen, denn Priester und Ordensleute brauchen Gebäude, Nahrung und Verkehrsmittel. Es gibt einige Bereiche, etwa in der Hilfe für Flüchtlinge, wo wir nicht auf die Religion schauen. Einem armen Menschen muss sofort geholfen werden. Aber wir benutzen immer die Kanäle der katholischen Kirche.

    Es gab in den Herausforderungen, mit denen sich „Kirche in Not“ konfrontiert sah, viel Wandel. Gab es jemals Identitätskrisen?

    Nein, das gab es nicht, denn Richtungsänderungen wurden immer vom Papst vorgegeben. Wenn man von einer Gründung der damaligen „Ostpriesterhilfe“ sprechen möchte, so war es Papst Pius XII., der den Abt von Pater Werenfried fragte, ob der Orden nicht etwas für die Heimatvertriebenen tun könne. Pius XII. kannte und liebte das deutsche Volk, deshalb fragte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg, wie er helfen könnte. Der Generalabt der Prämonstratenser, der aus der belgischen Abtei Tongerlo war, kannte Pater Werenfried gut und bat ihn – nun der Bitte des Papstes folgend –, etwas für die heimatvertriebenen Deutschen zu tun. Das brachte eine Rückkopplung zu den Ländern im Osten, und damit die Hinwendung zur verfolgten Kirche. Eine große Änderung kam Anfang der sechziger Jahre, als Papst Johannes XIII. die ganze westliche Welt aufrief, sich um Lateinamerika zu kümmern. Diesem Aufruf ist Pater Werenfried auch gefolgt, was niemand im Werk zuvor geahnt hatte. Pater Werenfried war entschlossen, dem Aufruf des Papstes zu folgen. Und damit kam schließlich auch der Zugang zur Dritten Welt. In Lateinamerika beauftragte „Kirche in Not“ zunächst einmal wissenschaftliche Institute, eine Inventaraufstellung der Kirche zu machen. Das alles wurde von den Wohltätern und den Mitarbeitern sehr gut aufgenommen. Aber wirklich sehr unerwartet kam Anfang der neunziger Jahre, dass Papst Johannes Paul II. „Kirche in Not“ bat, die Russisch-Orthodoxe Kirche mit ins Programm zu nehmen.

    Für den Papst kam der Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion ja nicht überraschend. Er schien geradezu darauf hingearbeitet zu haben. Ging nicht auch für „Kirche in Not“ ein Traum in Erfüllung, denn die bisher verfolgte Kirche konnte nun endlich offen unterstützt werden?

    Ja, das betrifft die katholische Kirche. Es gab damals Organisationen, die meinten, nun sei ihre Aufgabe vorbei und erledigt, weil die Verfolgung der Christen vorbei war. Wir dagegen haben sofort einen Kongress organisiert und Vertreter der Kirche aus Mittel- und Osteuropa eingeladen, um zu besprechen, wie es jetzt weitergehen sollte. Uns war klar: Jetzt ist der Beginn des Neuaufbaus! Pater Werenfried hat im Gegensatz zu vielen anderen nie an eine Koexistenz mit dem Kommunismus geglaubt, sondern war immer überzeugt, dass dieses System zusammenfallen wird. Deshalb gab es bereits in den sechziger Jahren Konflikte, weil andere – die Anhänger des Koexistenz-Prinzips – meinten, der Kommunismus könne hundert Jahre herrschen, und die Kirche müsse doch in der Zwischenzeit überleben. Werenfried aber war überzeugt, dass so ein System sich nicht halten kann. Der Papst war natürlich maßgeblich an der ganzen Entwicklung beteiligt. Nach dem Fall des Kommunismus konnten wir endlich auch offen in der Tschechoslowakei, in Bulgarien, in Russland und in Albanien wirken.

    Warum hat Papst Johannes Paul II. das katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ gebeten, der Russisch-Orthodoxen Kirche zu helfen?

    Dem Papst war klar, dass eine Erneuerung des Glaubens in Osteuropa nicht ohne die Orthodoxie, die ja eine Schwesterkirche ist, erfolgen kann. Und es gab außer uns kaum andere Werke, die damals im Osten tätig waren. Der Papst kannte Pater Werenfried gut und wusste, wie viel wir etwa für Polen gemacht haben. Als er ihn bat, die russische Orthodoxie mit ins Programm aufzunehmen, war das für uns etwas ganz Neues. Wir sind ein sehr katholisches Werk, das versucht, zu tun, was der Papst will. Viele Leute haben diesen Schritt damals nicht verstanden. Es gab auch Wohltäter, die nicht mehr mitmachen wollten. Gleichzeitig sind andere hinzugekommen. Für uns war das Wichtigste, dass wir der Linie folgten, die vom Papst gewollt war. Heute gehört die Hilfe für die Russisch-Orthodoxe Kirche in Russland zu den Aufgaben von „Kirche in Not“.

    Sind schon Früchte dieser Arbeit sichtbar?

    In den 20 Jahren, die ich heute überblicken kann, muss ich sagen, dass sich vor allem atmosphärisch sehr viel geändert hat. Auf was sind wir denn gestoßen, als wir nach Russland kamen? Da war eine äußerst geschwächte orthodoxe Kirche, die nach 70 Jahren Kommunismus plötzlich frei war, aber nur über einen Bruchteil ihrer Kirchen und über wenige Priester verfügte. Gleichzeitig hatte diese Kirche sehr viele Märtyrer. Diese geschwächte Kirche sah, dass die mächtige und weltweite katholische Kirche helfen wollte, aber es gab kein Gleichgewicht in den Beziehungen. Die orthodoxe Kirche hatte Angst vor Proselytismus. Im ersten Gespräch, das Pater Werenfried mit Patriarch Aleksij hatte, und an dem ich teilnehmen durfte, war Proselytismus der erste Punkt. Diese Angst wuchs zunächst, weil viele amerikanische Sekten nach Russland einströmten und dort versuchten, die Leute zu überzeugen. Ein Jahr nach dem ersten Gespräch, bei dem der Patriarch geradezu ein eisernes Gesicht gehabt hatte, war die Atmosphäre völlig verändert. Patriarch Aleksij sagte: „Ich weiß, dass Sie keinen Proselytismus betreiben, sondern uns wirklich helfen wollen. Meine Bischöfe haben es mir berichtet. Sie haben meinen Segen!“ Wir haben immer im Kontakt mit dem Patriarchen und mit den Bischöfen gefragt, welche Hilfe gerade am besten sei. Einer der wichtigsten Punkte ist bis heute die Unterstützung bei der Ausbildung der orthodoxen Priester. Übrigens: Die Kenntnisse voneinander fehlten wechselseitig, bei Katholiken wie bei Orthodoxen. Aus dieser Unkenntnis heraus gab es eine Menge Vorurteile. Die werden jetzt abgebaut, und man sieht, dass wir denselben Glauben haben und uns gegenseitig helfen sollen. Die Hilfe für die katholische Kirche in Russland wurde dabei nicht vergessen. Von der Aufbauphase Anfang der neunziger Jahre bis heute konnten wir einen wesentlichen Beitrag leisten.

    Schon der Name „Kirche in Not“ ist ein Programm, das nie zu Ende geht: Kirche ist irgendwo auf der Welt immer „in Not“. Heute etwa im Nahen Osten. Wie helfen Sie den Christen dort?

    Ich war selbst nicht viel im Orient, aber zweimal in der Türkei. Dort wurde mir der dramatische Umfang des Problems klar. Weil die Christen das Land beinahe ganz verlassen haben, entwickelten wir mit italienischen Missionaren Projekte, damit die Menschen bleiben können. Die Christen wollen für ihre Kinder eine bessere Zukunft. Wenn sie sich als Bürger zweiter Klasse empfinden, und auch so behandelt werden, dann werden sie gehen, sofern sie die Möglichkeit haben, das Land zu verlassen. Das betrifft viele Länder des Nahen Ostens. Wir schauen gemeinsam mit der Hierarchie, wie wir den Christen in diesen Ländern helfen können, damit sie etwas Sauerstoff bekommen. Wir arbeiten immer über die Kanäle der Kirche, über Bischöfe und Priester. Das können dann auch außergewöhnliche Sachen sein. Ich erinnere mich etwa, dass wir in Jerusalem ein Hausbau-Projekt für Christen unterstützten.

    Wie hilft „Kirche in Not“ den Christen, die heute noch immer unter Diktaturen leben: von Kuba bis Saudi-Arabien?

    Die verfolgten Christen stehen bei uns an der ersten Stelle. Gleichzeitig sind das die schwierigsten Länder. In Kuba ist es bestimmt leichter geworden, da hat sich etwas geändert. Aber wenn wir von Nord-Korea oder Saudi-Arabien sprechen, so ist das etwas ganz anderes. Nord-Korea ist so hermetisch abgeschlossen, dass wir nicht einmal wissen, ob es dort noch Priester gibt.

    Nach welchen Prinzipien entscheidet „Kirche in Not“, wem man hilft, wo und wie?

    Für ein gutes Projekt braucht man drei Komponenten: eine gute Idee, einen fähigen Menschen, der in der Lage ist, diese Idee umzusetzen – und dann braucht man nach einer Weile Geld. Für größere Projekte habe ich mir die Personen immer genau angesehen: was einer macht und kann, wie er mit seinen Mitarbeitern umgeht. Wenn die Idee gut ist und die Person fähig, dann können wir Geld geben.

    Viele Organisationen geraten in die Krise, wenn die charismatische Gründerfigur stirbt. Pater Werenfried van Straaten war eine charismatische Gründerfigur, aber sein Werk funktioniert auch nach seinem Tod ungebrochen. Warum?

    Im „Echo der Liebe“ wird er am Leben gehalten und immer wieder zitiert. Viele Menschen lesen seine Bücher. Aber die Welt geht weiter und wir müssen immer neu sehen, wo und wie wir der Kirche am besten dienen können. Auch bei „Kirche in Not“ gab es Probleme, aber das hat keinen Einfluss auf unsere Linie, auf die Botschaft, die wir der Welt und den Wohltätern bringen.

    Wie erklären Sie sich die Faszination, die Pater Werenfried über seinen Tod hinaus auf viele Menschen ausübt?

    Er hat den Menschen nicht nach dem Mund geredet, hatte einen sehr eigenen Kopf und konnte – bei allem Charme – mit dem Kopf durch die Wand gehen, wenn er von etwas überzeugt war. Er war ein sehr guter Prediger und die Menschen, die ihn hörten, waren tief beeindruckt. Ein junger Mann, der von seinen Eltern ein Auto geschenkt bekam, hat Pater Werenfried den Schlüssel überreicht und gesagt: „Das ist für einen Rucksackpriester!“ Er konnte von den Menschen heroische Taten verlangen. Er sagte immer: „Wenn man um wenig bittet, bekommt man wenig. Und wenn man um viel bittet, bekommt man auch viel!“ Ich halte es auch so und bettle wahnsinnig gern!

    Welche Erwartungen setzen Sie in den Kongress, der am Freitag in Würzburg beginnt?

    Wir machen diesen Kongress, um ein Podium zu sein für wichtige Vertreter der Kirche, die hier in einer ihnen wohlgesonnenen Umgebung ihre Standpunkte in aller Freiheit darlegen können. Wir tun es auch, damit wir unseren Wohltätern die Möglichkeit geben, an einer solchen Veranstaltung auf Weltniveau teilzunehmen, die Vertreter der Kirche hautnah zu erleben und miteinander in Verbindung zu kommen.

    Info

    Das internationale katholische Hilfswerk „Kirche in Not“ hält am kommenden Wochenende seinen 4. internationalen Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ in Würzburg ab. Die Veranstalter rechnen mit 2 500 Besuchern, ähnlich wie beim jüngsten „Treffpunkt Weltkirche“ 2008 in Augsburg. 1 300 Eintrittskarten wurden bereits im Vorfeld bestellt. Unter dem Leitwort „Lasst Euch vom Geist entflammen (Römer 12,11) – Ein neues Pfingsten für die Kirche“ werden in Würzburg 18 Bischöfe aus vier Kontinenten erwartet, ebenso Künstler, Wissenschaftler, Schriftsteller und Missionare aus aller Welt. Den Eröffnungsgottesdienst feiert der Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, am Freitag um 13 Uhr im Dom St. Kilian, das Eröffnungsreferat hält der Erzbischof von Bamberg, Ludwig Schick. Einige weitere Highlights: Am Freitagabend berichten Bischöfe, Missionare und Experten über die Lage der Christen in China, Indien, Afrika und Lateinamerika. Am Samstag kommt es zu einer hochkarätigen ökumenischen Begegnung: Der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, und der Vorsitzende des Außenamtes des Moskauer Patriarchats, Metropolit Hilarion Alfejew, berichten über die katholisch-orthodoxe Annäherung in Russland.