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    Die eigene Entwicklung in die Hand nehmen

    Herr Präsident,

    Herr Präsident,

    verehrte Vertreter der zivilen und politischen Behörden,

    Exzellenzen,

    liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst,

    verehrte Damen und Herren,

    mit einer zuvorkommenden Geste der Gastfreundschaft wollte uns Präsident José Eduardo dos Santos hier an seinem Wohnsitz willkommen heißen. Dadurch ermöglichte er mir die Freude einer Begegnung mit euch allen, um euch zu begrüßen und euch den besten Erfolg zu wünschen bei den wichtigen Verantwortlichkeiten, die jeder von euch im staatlichen, bürgerlichen und diplomatischen Bereich ausübt, wodurch er seinem Volk zum Wohle der gesamten Menschheitsfamilie dient. Herr Präsident, ich danke Ihnen für Ihren Empfang und für Ihre an mich gerichteten Worte voller Wertschätzung für den Nachfolger Petri und voller Vertrauen in die Arbeit der Katholischen Kirche im Dienste an dieser so geliebten Nation.

    Wenig verdienen, viel arbeiten: das gibt es in Angola

    Meine Freunde, Ihr seid Urheber und Zeugen eines Angola, das begonnen hat, sich zu erheben. Nach 27 Jahren Bürgerkrieg, der dieses Land verwüstete, hat der Friede begonnen, Wurzeln zu schlagen und Stabilität und Freiheit hervorzubringen. Der spürbare Einsatz der Regierung, die Infrastrukturen aufzubauen und die grundlegenden Institutionen im Dienste an der Entwicklung und dem Wohlergehen der Gesellschaft wiederherzustellen, hat bei den Bürgern des Landes wieder Hoffnung geweckt. Viele Initiativen multilateraler Organisationen haben diese Hoffnung gestärkt, indem sie entschlossen die Interessen Einzelner überwunden und in der Perspektive des Gemeinwohls tätig geworden sind. In den einzelnen Teilen des Landes fehlt es nicht an Beispielen von Lehrkräften, Pflegepersonal und staatlichen Angestellten, die trotz kärglichen Gehalts rechtschaffen und mit Hingabe ihren Gemeinschaften dienen. Auch wächst die Zahl jener, die sich im freiwilligen Dienst zum Wohle der am meisten bedürftigen Menschen engagieren. Alle diese guten Anliegen und Initiativen im Dienst am Gemeinwohl möge Gott segnen und vervielfachen.

    Angola weiß, dass für Afrika die Zeit der Hoffnung gekommen ist. Jedes redliche Verhalten ist Hoffnung in Aktion. Gott ist gegenüber unserem Handeln niemals gleichgültig. Auch für den Fortgang der Geschichte ist unser Handeln nicht bedeutungslos. Meine Freunde, ihr könnt diesen Kontinent umgestalten durch ein aufrechtes, großmütiges und mitfühlendes Herz. Ihr könnt euer Volk von der Geißel der Habgier, der Gewalt und des Durcheinanders befreien. Und ihr könnt euer Volk auf dem Weg voranbringen, den euch die unverzichtbaren Prinzipien jeder modernen bürgerlichen Demokratie weisen: Respekt vor den Menschenrechten und ihre Förderung, eine transparente Regierung, eine unabhängige Rechtsprechung, eine freie Presse, eine rechtschaffene öffentliche Verwaltung, ein angemessen funktionierendes Netzwerk von Schulen und Krankenhäusern und der feste Entschluss, fest verwurzelt in der Bekehrung des Herzens, ein für alle mal mit der Korruption zu brechen.

    In meiner diesjährigen Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages wollte ich besonders auf die Notwendigkeit einer ethischen Sicht der Entwicklung aufmerksam machen. In der Tat fordern die Menschen dieses Kontinents nicht bloß simple Programme und Protokolle, sondern eine entschiedene und dauerhafte Bekehrung des Herzens zur Brüderlichkeit (vgl. Nr. 13). Ihre Bitte an jene, die in der Politik, der öffentlichen Verwaltung, den internationalen Organisationen und multinationalen Gesellschaften tätig sind, ist vor allem diese: Unterstützt uns auf wirklich menschliche Weise, begleitet uns, unsere Familien und unsere Gemeinschaften.

    Der wirtschaftliche und soziale Fortschritt Afrikas braucht das koordinierende Zusammenwirken der Staatsregierung mit den regionalen Initiativen und internationalen Beschlüssen. Eine solche Koordinierung setzt voraus, dass die afrikanischen Nationen nicht bloß als Empfänger von Plänen und Lösungen betrachtet werden, die andere ausgearbeitet haben. Vor allem die Afrikaner selbst müssen für ihre eigene Entwicklung zuständig sein, indem sie für das Wohl ihrer Gemeinschaften zusammenarbeiten. In diesem Sinne gibt es eine wachsende Zahl wirksamer Initiativen, die eine Erwähnung verdienen. Hierzu zählen die „Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung“ (NEPAD), der Pakt über Sicherheit, Stabilität und Entwicklung in der Region der Großen Seen Afrikas, der „Kimberley-Prozess“, die „Publish What You Pay“-Koalition und die „Extractive Industries Transparency Initiative“ (EITI). Ihre gemeinsamen Ziele sind die Förderung von Transparenz, rechtschaffener Handelspraxis und guter Regierungspolitik. Was die internationale Gemeinschaft in ihrer Gesamtheit betrifft, ist von dringendster Wichtigkeit die Koordinierung der Kräfte bei der Bewältigung der Frage des Klimawechsels, der vollen und gerechten Erfüllung der Verpflichtungen zur Förderung der Entwicklung, auf die die „Doha-Runde“ (Doha-Entwicklungsagenda) hingewiesen hat, und gleichermaßen die Umsetzung der von Industrieländern gemachten – und so oft wiederholten– Zusage, 0, 7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) für die öffentliche Entwicklungshilfe aufzuwenden. Im Blick auf den weltweit entfesselten Sturm der Finanzkrise ist diese Hilfe heute um so notwendiger. Es bleibt zu hoffen, dass die besagte Hilfe nicht ein weiteres Opfer der Finanzkrise sein wird. Meine Freunde, ich möchte meine Überlegungen beenden, indem ich gestehe, dass mein Besuch in Kamerun und Angola jene tiefe menschliche Freude geweckt hat, die man im Beisammensein mit Familien empfindet. Ich denke, dass diese Erfahrung eine gemeinsame Gabe ist, die Afrika jenen Menschen anzubieten hat, die aus anderen Kontinenten hierher kommen, wo „die Familie einen Stützpfeiler darstellt, auf dem das Gebäude der Gesellschaft errichtet ist“ (Ecclesia in Afrika, Nr. 80). Und dennoch, wie wir alle wissen, ist die Familie selbst hier vielfachem Druck ausgesetzt: Angst und Demütigungen, verursacht durch Armut, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Exil, um nur einige Faktoren zu nennen.

    Wie Abtreibung schöngeredet wird

    Besonders beunruhigend ist das bedrückende Joch der Diskriminierung von Frauen und Mädchen, nicht zu reden von der unerhörten Praxis sexueller Gewalt und Ausbeutung, die so viel an Demütigung und seelischer Verwundung zur Folge hat. Auch einen weiteren sehr besorgniserregenden Aspekt muss ich erwähnen, nämlich die Politik jener, die durch das Trugbild eines angeblichen Fortschritts im „sozialen Aufbau“ ihre eigenen Fundamente untergraben. Wie bitter klingt die Ironie jener, die die Abtreibung als „mütterlichen“ Gesundheitsschutz fördern. Wie verderblich wirkt sich die Behauptung jener aus, die die Beseitigung des Lebens für eine Sache der Fortpflanzungsmedizin halten (vgl. „Maputo-Protokoll“ der Afrikanischen Union, Nr. 14).

    Meine Damen und Herren, die Kirche wird sich gemäß dem Willen ihres göttlichen Gründers den Ärmsten dieses Kontinents stets nahe wissen. Ich kann Ihnen versichern, dass die Kirche und zwar durch Initiativen der Diözesen und durch unzählige Maßnahmen im Bereich der Erziehung, des Gesundheitswesens und der Sozialarbeit verschiedener Ordensgemeinschaften – auch weiterhin alles Mögliche tun wird, um den Familien zu helfen, jene Familien eingeschlossen, die von den tragischen Auswirkungen der AIDS-Erkrankung betroffen sind – und um die Gleichheit an Würde von Frauen und Männern auf Grundlage ihrer harmonischen gegenseitigen Ergänzung zu fördern. Der geistliche Weg des Christen ist die tägliche Bekehrung. Hierzu lädt die Kirche alle mit Leitungsaufgaben betrauten Personen ein, damit die Menschheit den Weg der Wahrheit, der Rechtschaffenheit, des Respekts und der Solidarität gehen kann.

    Herr Präsident, ich möchte Ihnen nochmals meinen herzlichen Dank aussprechen für den Empfang, den Sie uns in Ihrem Hause erwiesen haben. Ich danke euch allen für die Freundlichkeit eurer Anwesenheit und für die mir gewidmete Aufmerksamkeit. Ihr könnt mit meinem Bittgebet für euch, für eure Familien und für alle Bewohner dieses großartigen Kontinents Afrika rechnen. Gott im Himmel behüte euch und segne euch alle.