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    Die doppelte Bloßstellung

    Wien (DT) Themen wie „Internetsucht“, Auswirkungen der Pornographie auf Kinder, die Sexualisierung der Gesellschaft durch die Medien oder die Bevormundung der Eltern durch staatliche Einmischung in die Erziehung haben zumindest dreierlei gemeinsam:

    Wien (DT) Themen wie „Internetsucht“, Auswirkungen der Pornographie auf Kinder, die Sexualisierung der Gesellschaft durch die Medien oder die Bevormundung der Eltern durch staatliche Einmischung in die Erziehung haben zumindest dreierlei gemeinsam:

    Sie sind von brisanter Bedeutung für die gegenwärtige kulturelle Entwicklung in den westlichen Industrienationen. Es sind zweitens Themen, die bisher relativ selten Gegenstand gediegener wissenschaftlicher Untersuchungen und Tagungen waren. Und es sind Themen, die von der überwiegenden Mehrheit der Menschen als „unangenehm“ angesehen und jedenfalls in konservativ-bürgerlichen Kreisen mit erschreckender Naivität behandelt werden. Drei Gründe also, diesen Themen eine Konferenz zu widmen, die vergangenen Donnerstag in der Nähe von Wien mit über fünfzig Moraltheologen und Seelsorgern aus neun Ländern zu Ende ging.

    Um gleich zu Beginn allen Versuchungen eines unchristlichen Dualismus einen Riegel vorzuschieben, bekannte der Salzburger Weihbischof und Initiator der Tagung, Andreas Laun: „Sexualität ist etwas Wunderbares, aber sie kann zum Raubtier werden.“ Und er fasste die Übersexualisierung unserer Gesellschaft so zusammen: „Alles ist erlaubt, solange keine unangenehmen Konsequenzen (zum Beispiel Krankheiten oder Kinder) oder kriminelle Handlungen (Pädophilie) folgen.“ In seiner leibfreundlichen Kritik an den Folgen der sexuellen Revolution wurde Laun unter anderem vom Wiener Ehepaar Bruno und Martina Mucha unterstützt, die den Zusammenhang von Selbstannahme und Schamgefühl von Pubertierenden unterstrichen. Gerade die Ehrfurcht vor dem eigenen Körper (als Teil der Gotteskindschaft) führe dazu, sich und den anderen nicht „bloßzustellen“, wobei die doppelte Bedeutung dieser deutschen Ausdrucksweise für das Thema „Sex und Menschenwürde“ sehr hilfreich ist.

    Die Bloßstellung menschlicher Körper und Seelen hat besonders durch die rasante Zunahme und Verbreitung der Nutzung des Internets epidemische Ausnahme erlangt. Trotz der Schwierigkeit, hier präzise Daten zu bekommen, ist bei fünf bis zwölf Prozent der Internetnutzer von einer realen Gefährdung mit Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten ausgehen, wobei bei Männern in weit über fünfzig Prozent der Fälle diese „Internet-Addiction“ von pornographischen Bildern und Texten (Chats) ausgeht.

    Verstärkte Suchtanfälligkeit

    Wie kann man sich überhaupt erklären, dass unsere Kultur dieser Epidemie von Internet-Pornographie so wenig entgegenzusetzen hat? Der Wiener Suchtexperte Dominik Batthyány warnt vor einem oft durch Medien und Erziehung geförderten gesellschaftlichen Klima, das neue „stoffungebundene“ Süchte begünstige. Studien belegen, dass Sex-, Kauf- oder Spielsucht gerade durch die Kombination aus Konsumismus und Kommunikation stark im Wachsen begriffen sind. Die in westlichen Staaten ausgeprägte Konsumhaltung und die vorherrschende Tendenz, jede Unannehmlichkeit abzuwenden, führe bei vielen Menschen zu einer Unfähigkeit, sich selbst einen an sich erfüllbaren Wunsch zu versagen. „Sinnvoller Verzicht ist der Schlüssel zum Glück“, wurde die Frankl-Schülerin Elisabeth Lukas zitiert, aber gerade an dieser Überzeugung fehle es heute weitgehend auch bei Eltern und Lehrern. Die aus dieser Haltung resultierende Frustrationsintoleranz begünstige suchtähnliches Verhalten und einen schrittweisen Freiheitsverlust. Die Dosis des Sofortgenusses müsse ständig erhöht werden, was virtuellen natürlich viel leichter möglich ist.

    Einen weiteren Aspekt zu diesem Befund steuerte der Litauer Familienexperte Gintautas Vaitoska bei. Der am Internationalen Theologischen Institut (ITI) in Trumau bei Wien lehrende Psychiater griff den Begriff der kulturellen Neurose („Soziose“) bei Gabriel Marcel auf. Der französische Philosoph hatte schon vor drei Generationen vor existenzieller Leere und Selbstentfremdung als „metaphysischer Krankheit“ gewarnt: „Die Kultur wird gelangweilt, wenn die Zahl der Kinder abnimmt.“ Zu den unmittelbar politischen Ursachen der Sexualisierung der Gesellschaft als Kernstück der Tagung, nahm die Soziologin und Buchautorin Gabriele Kuby ausführlich Stellung. Die gerade von Teilnehmern aus Mittelosteuropa als wesentlicher Kritikpunkt an den Institutionen der UNO und Europäischen Union aufgeworfene Frage „Warum soll eigentlich die Politik die Moral regeln oder verändern?“ formulierte Frau Kuby weiter. Warum soll sexuelle „Vielfalt“ gegen eine „Hegemonie der Zwangsheterosexualität“ durchgesetzt werden? Vielfalt führe als Kampfbegriff zu ihrem Gegenteil, so Gabriele Kuby. Und sie analysiert den von Bundestagsabgeordneten der Grünen im Juni eingebrachten „Nationalen Aktionsplan gegen Homophobie“, der etwa in Berlin in mancher Hinsicht schon verwirklicht sei. Warum sollen eigentlich – so die Frage einer jungen Juristin – Verstöße gegen Homosexuelle privilegiert geahndet werden? Jede Form der Verhetzung oder Diskriminierung sei abzulehnen. Die Motive für Hass oder Gewalt sind genauso zu bekämpfen, wenn sie gegen Ehepaare, Kinder, Christen, Juden oder Moslems gerichtet seien.

    Bei diesem Thema sehen viele der anwesenden Experten eine Gefahr: Das Ziel der „Auflösung und Veruneindeutigung“ der menschlichen Sexualität werde mit aller Härte und auf Kosten der Meinungs- und Gewissensfreiheit verfolgt. „Heterosexuelle sollen sich zu Schwulen wandeln, aber niemals umgekehrt – und diese durchaus unlogische Position einer Lobby soll von oben verordnet werden!“, so eine Slowenin.

    „Seit wann entscheidet die Politik darüber, welches menschliche Verhalten therapier- oder veränderbar und was hier wünschenswert ist?“ So relativistisch die staatliche Autorität bei Erziehungszielen ist, die für das Gemeinwohl wesentlich sind, so strikt und antiliberal ist sie bei diesem Thema, ja in ihrer Anmaßung in manchen Ländern zunehmend totalitär. Das nächste Forum Moraltheologie Mitteleuropa soll deshalb 2010 die Freiheit auf die Tagesordnung setzen.

    Von Martin Kugler