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    Die Wunden historischer Fakten

    In einer „Zeit des Wahnsinns und der Teufelei“ hielt Alojzije Stepinac dem Evangelium und dem Papst die Treue. Von Stephan Baier

    Alojzije Stepinac
    Stepinac wird 1946 zum Schauprozess in den Gerichtssaal geführt. Foto: KNA

    Den Auftrag des Herrn an Petrus, „stärke deine Brüder“, nahm Papst Johannes Paul II. wahr, als er am 3. Oktober 1998 – drei Jahre nach der Wiedererlangung des Friedens und der Einheit Kroatiens – jenen Mann zur Ehre der Altäre erhob, der wie kein zweiter für den Kreuzweg Kroatiens im 20. Jahrhundert steht. Im Wallfahrtsort Marija Bistrica sprach er Kardinal Alojzije Stepinac selig. „Er hatte in einzigartiger Weise Anteil am Paschamysterium: wie ein Weizenkorn fiel er in die Erde dieses Landes Kroatien, und sterbend brachte er Frucht, reiche Frucht.“

    Papst Johannes Paul II. pries die „lichtvolle Persönlichkeit Stepinac'“ und erinnerte daran, dass sein Tod „verursacht war durch die langen Leiden, die er zu erdulden hatte“, in denen er ein „Zeuge für das Evangelium und die Einheit der Kirche“ gewesen sei. Der Papst bezeichnete Stepinac als Märtyrer, in dessen Person sich „die gesamte Tragödie“ spiegle, „die über das kroatische Volk und über Europa in Laufe dieses Jahrhunderts hereingebrochen ist“.

    Doch in den zurückliegenden 20 Jahren haben sich die Prioritäten im Vatikan verschoben: War es Johannes Paul II. wichtig, der leidgeprüften Märtyrerkirche für ihre Treue zu danken – den unierten Ukrainern wie den katholischen Kroaten – so legt Papst Franziskus größten Wert darauf, den ökumenischen Brückenschlag – nach Moskau wie nach Belgrad – nicht durch historische Tatsachen trüben zu lassen.

    Der serbisch-orthodoxe Patriarch Irinej hatte am 30. April 2014 in einem Brief an Franziskus die serbischen Ressentiments gegen Stepinac zusammengefasst: Dieser habe die Gründung des unabhängigen Kroatien im Zweiten Weltkrieg unterstützt, habe sich an der „Atmosphäre der Intoleranz“ beteiligt, sei Zwangskonversionen nicht entgegengetreten und habe angesichts der Ermordung von Serben, Juden und Roma geschwiegen. Obgleich das Leben des Kardinals historisch erforscht ist, berief der Papst daraufhin im Juli 2016 eine Expertenkommission ein, die Stepinac' Wirken vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Lupe nehmen sollte.

    Seitens der katholischen Bischöfe nahmen an der Kommission Zagrebs Kardinal sowie die Bischöfe von Mostar und Požega teil. Serbiens Orthodoxie entsandte die Metropoliten von Zagreb und Montenegro sowie die Bischöfe von Baèka und Slawonien. Kommissionsmitglieder waren zwei Historiker vom Kroatischen Institut für Geschichte und Serbiens Unesco-Botschafter. Das Ergebnis ist wenig überraschend: Die Differenzen blieben bestehen, „die vorherrschenden Interpretationen der katholischen Kroaten und der orthodoxen Serben sind nach wie vor unterschiedlich“, heißt es in dem im Juli 2017 publizierten Kommuniqué. Zuvor hatte der Leiter des serbischen Studienzentrums für Religion, Politik und Gesellschaft, Nikola Kneževic, die Einsetzung der Kommission als „weise Entscheidung“ des Papstes gelobt, die den Respekt vor der orthodoxen Kirche und dem serbischen Volk zum Ausdruck bringe.

    Diente die Kommission nicht der Erforschung der historischen Wahrheit, sondern nur der Diplomatie? Ist dem Heiligen Stuhl der „Respekt“ vor der serbischen Orthodoxie und ihrer Sicht wichtiger als eine Heiligsprechung von Stepinac, der unter Kroatiens Katholiken breiteste Verehrung genießt? Ein Besuch von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in Zagreb im November 2017 lässt dies vermuten. „Glas Koncila“, die Kirchenzeitung der kroatischen Bischöfe, zitierte Parolin mit den Worten, eine Heiligsprechung von Stepinac dürfe nicht zu weiteren Spannungen zwischen Kroaten und Serben führen. Es sei der Wunsch von Papst Franziskus, dass die Causa nicht zu neuen Streitigkeiten führe: „Historische Fakten hinterlassen Wunden, die nicht über Nacht geheilt werden können. Es ist wichtig, sich an die Richtung zu halten, in die wir gehen, und uns für Gemeinschaft und Frieden einzusetzen. Der ökumenische und interreligiöse Dialog ist ein wichtiges Instrument zu Erreichung dieses Ziels.“ Parolin bestätigte, dass die Kommission keine „eindeutige Interpretation“ erreichte.

    In der Deutung der Zeitgeschichte sind sich Serben und Kroaten durch die Kommission also nicht näher gekommen, doch kann die serbische Seite zufrieden sein, weil der Papst sogar mit Blick auf den innerkirchlichen Vorgang einer Heiligsprechung Rücksicht auf ihre Befindlichkeiten nimmt. Kroatische Wissenschaftler äußern gegenüber dieser Zeitung Verständnis dafür, dass der Papst der serbisch-orthodoxen Kirche die Möglichkeit geben wollte, sich zu äußern, sich besser zu informieren und Vorurteile zu überwinden. Letzteres ist nicht gelungen. Noch weniger wurde erreicht, die Erkenntnis zu festigen, „dass Kardinal Stepinac eine große Figur ist, die Kroaten und Serben nicht trennt, sondern sie verbinden sollte, weil er sich mit der Rettung vieler Serben und Juden während des Krieges die größten Verdienste erworben hat“, wie der Philosoph Mislav Ježic, Mitglied der kroatischen Akademie der Wissenschaften, gegenüber der „Tagespost“ formuliert.

    Tatsächlich jedoch leben, wie die Rechtswissenschaftlerin und Philosophin Claudia Stahl in ihrer 2017 erschienenen Stepinac-Biografie schreibt, die „gezielten Verzerrungen und Falschinformationen gröbster Art“, die die Kommunisten zur Vernichtung des Kardinals und der Kirche nutzten, in Serbien fort. Für viele Kroaten dagegen ist Stepinac nicht nur ein Heiliger, sondern ein Held des Widerstands gegen den Totalitarismus, der die katholische Identität Kroatiens bedrohte. Stahl weist nach, dass sich Stepinac „sein ganzes Leben hindurch für Hilfsbedürftige egal welcher Nationalität, Religion oder politischen Überzeugung eingesetzt“ hat. Der britische Historiker Robin Harris kommt in seiner 2016 erschienenen Stepinac-Biografie zum selben Schluss.

    Geboren 1898 im zentralkroatischen Brezaric diente Alojzije Stepinac als österreichisch-ungarischer Offizier im Ersten Weltkrieg. Seine priesterliche Formung erfuhr er als Alumne des Germanicum in Rom – gemeinsam mit seinem späteren Nachfolger Franjo Šeper, der 1968 Präfekt der römischen Glaubenskongregation wurde. Stepinac' Wunsch, als Priester auf dem Land arbeiten zu dürfen, ging nicht in Erfüllung. Stattdessen holte Zagrebs Erzbischof Antun Bauer ihn als Zeremoniar an seine Seite, betraute ihn mit den heikelsten Missionen und baute ihn als Nachfolger auf.

    1934 wurde der erst 36-Jährige der weltweit jüngste Bischof, als Koadjutor mit Nachfolgerecht. Jugoslawien war zu jener Zeit eine serbische Königsdiktatur, die Oppositionelle hart verfolgte und die katholische Kirche diskriminierte. Stepinac schrieb damals: „Das Jugoslawien, das von Freimaurern geführt wird, ist nicht das Jugoslawien, das unsere Vorfahren sich gewünscht haben oder das ich mir gewünscht hatte, weil jetzt Gewalt und Ungerechtigkeit herrschen.“ Gleichzeitig stellte er sich konsequent gegen jedes politische Engagement von Priestern. Zu König Aleksandar sagte er 1934 in Belgrad: „Ich bin kein Politiker und werde meiner Priesterschaft auch nicht erlauben, sich mit Parteipolitik zu befassen, aber ich werde die vollkommene Achtung der katholischen Rechte verlangen.“

    Angesichts des diktatorischen Belgrader Zentralismus und des erfolglosen Versuchs, die Rechte der katholischen Kirche mittels Konkordat zu sichern, ist es kaum erstaunlich, dass Stepinac die Bildung eines unabhängigen Kroatien grundsätzlich befürwortete. Gegen den Nationalismus der „Ustaša“ (Aufständischer) grenzte er sich klar ab. Bereits 1935 schrieb er an den Nuntius: „Die Leiden und Ängste meines Volkes sind notwendigerweise auch meine eigenen (…) Immer habe ich überzogenen Nationalismus, wo immer in der Welt er auch herrscht, sehr schmerzlich empfunden. (…) Das nächste Konzil der heiligen Kirche müsste unter den ersten heutigen Irrtümern den überzogenen Nationalismus als größte Pest des Menschengeschlechts verurteilen.“

    1940 stellte Stepinac in einer Ansprache klar: „Das Leben der heutigen Zeit wogt zwischen zwei Extremen hin und her: zwischen dem internationalen Kommunismus und dem heidnischen Nationalismus.“ Im Nationalismus nehme die Nation jene Stelle ein, die allein Gott zustehe. 1938 gründete Erzbischof Stepinac eine „Hilfsaktion für Emigranten aus Deutschland“. 1940 notierte er in sein Tagebuch, eine Annäherung an Hitlers Deutschland „würde den definitiven Untergang für die europäische Zivilisation und speziell für das kroatische Volk bedeuten“. Als die mit Mussolini und Hitler kollaborierende Ustaša-Bewegung 1941 den „Unabhängigen Staat Kroatien“ proklamierte, machte sich Stepinac zum Fürsprecher von Minderheiten und Verfolgten. Den „Poglavnik“ (Führer) Ante Pavelic mahnte er, Geiseln zu töten sei „unter gar keinen Umständen erlaubt“ und „Heidentum“. Obwohl sich Pavelic demonstrativ als praktizierender Katholik präsentierte, hielt der Erzbischof Distanz. Alle seine Besuche beim Regierungschef hatten „den Charakter von Interventionen für Verurteilte und Lagerinsassen“, so Stepinac. Auf seine Intervention hin empfing Papst Pius XII. Pavelic nicht als Regierungschef, sondern als Privatperson, und entsandte statt eines Nuntius nur einen Legaten nach Zagreb.

    Stepinac' zweiter Nachfolger, Kardinal Franjo Kuharic, meinte später: „Er hat dem Regime starken Widerstand geleistet, die Regierung offen kritisiert und alle verteidigt, die verfolgt wurden, ob sie nun Serben, Juden, Roma oder Kroaten waren.“ Massiv stemmte sich Stepinac gegen die anti-serbischen Maßnahmen der Ustaša-Regierung, gegen Deportationen und Massaker. Claudia Stahl schreibt: „Stepinac wurde Pavelic und seinen Ministern wegen seiner Eingabenpolitik und seiner Interventionen und Proteste zugunsten Verfolgter und Inhaftierter auf diplomatischem Weg sehr bald äußerst lästig, und die Ustaša begann den Erzbischof von Zagreb immer mehr als Gegner anzusehen.“ Stepinac wandte sich gegen Zwangskonversionen, instruierte seine Priester aber zugleich, jenen Rettung zu gewähren, die sie suchten. Tatsächlich versuchten viele Juden und orthodoxe Serben, den Verfolgungen unter dem Dach der katholischen Kirche zu entgehen. Stepinac wies also seinen Klerus an, von konversionswilligen Juden oder Orthodoxen keine besonderen Kenntnisse zu fordern, denn „die Orthodoxen sind Christen wie wir, und der jüdische Glaube ist derjenige, aus dem das Christentum entstanden ist“. Dies gelte für „diese Zeit des Wahnsinns und der Teufelei“. Stepinac protestierte gegen die Deportation von Juden und gewährte Juden im Erzbischöflichen Palais Schutz. Seine Predigten waren so scharf, dass der Deutsche Bevollmächtigte General in Kroatien, Edmund Glaise von Horstenau, notierte: „Wenn ein Bischof in Deutschland so gesprochen hätte, wäre er nicht lebend von der Kanzel heruntergekommen.“

    Dennoch wurden die Kirche und Zagrebs Erzbischof am Ende des Krieges von den Kommunisten als Kollaborateure des Ustaša-Regimes verleumdet. Hunderte Priester wurden von Titos Kommunisten hingerichtet. Dem Zagreber Erzbischof bot Tito 1945 volle Freiheit für eine kroatische, vom Papst losgelöste Nationalkirche an. Stepinac stellte nicht nur im Gespräch mit Tito, sondern auch öffentlich klar: „Über die Kirche Christi ohne den heiligen Petrus zu sprechen, heißt Gott einen Lügner zu nennen.“ Er sei entschlossen, seine Treue zu Gott und zum Papst „bis zum letzten Blutstropfen zu bezeugen“. Milovan Djilas, ein enger Mitarbeiter Titos, sagte 1949: „Seine Ergebenheit gegenüber dem Papst können wir nicht tolerieren. Wir wären bereit gewesen, ihn in den Himmel zu erheben, wenn er sich vom Vatikan losgesagt hätte.“

    Ohnmächtig musste der Erzbischof der Ermordung vieler Priester, der Enteignung seiner Kirche und der Zerschlagung der katholischen Presse zusehen. Weil Tito nicht erreichte, dass Stepinac die kroatische Kirche vom Papst trennte, appellierte er an Rom, den Erzbischof aus Jugoslawien zu entfernen. Am 18. September 1946 wurde Stepinac wegen Ustaša-freundlichen Verhaltens, Unterstützung der faschistischen Gesinnung und feindlicher Propaganda angeklagt. Der Schauprozess war ein Spektakel mit vielen gefälschten Dokumenten, in dem die Verteidigung kaum zu Wort kam, falsche Zeugen auftraten und hunderte Zuseher vorab genau instruiert wurden. Papst Pius XII. sprach vom „traurigsten Prozess in der Kirchengeschichte“. Im Interview der New York Times berief sich Tito auf die Opportunität einer Verurteilung: „Die orthodoxe Bevölkerung wäre unzufrieden gewesen, wenn Stepinac freigelassen worden und ins Ausland gereist wäre.“ Der Erzbischof von Zagreb wurde zu 16 Jahren Gefängnis mit Zwangsarbeit verurteilt.

    Nun war Stepinac im Gefängnis isoliert, während er draußen verleumdet wurde und seine Kirche willkürlichen Gräuel, Schikanen und Enteignungen ausgesetzt blieb. Kurz vor seiner Entlassung in den Hausarrest stellte Stepinac gegenüber der New York Times noch einmal klar, er sei nicht bereit, seine Mission einer kommunistischen Begnadigung zu opfern: „Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob die Möglichkeit meiner Freilassung besteht. Es ist nicht Sache dieser Regierung, über meine Freiheit oder meine spätere Arbeit zu entscheiden. Wenn mich Marschall Tito freilassen möchte, soll er darüber mit dem Heiligen Stuhl verhandeln. Die katholische Kirche kann nicht der Sklave von irgendjemandem oder irgendeines Landes sein.“

    Es waren außenpolitische Gründe, die Tito 1951 bewogen, Stepinac aus dem Gefängnis zu entlassen. Nicht in die Freiheit, sondern in einen Hausarrest im Pfarrhaus von Krašic. 1952 zum Kardinal erhoben, versicherte Stepinac Papst Johannes XIII. brieflich, dass das kroatische Volk „jetzt wegen der Treue zum Heiligen Stuhl unterdrückt wird“, aber es „würde lieber in den Tod gehen und vom Erdboden getilgt werden, als das dem heiligen Petrus gegebene Versprechen nicht zu halten“. Nach Jahren der Isolation und vieler Leiden starb Kardinal Stepinac am 10. Februar 1960.

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