• aktualisiert:

    Die Wiedergeburt des Ichs

    Rimini (DT) Das diesjährige Meeting von „Comunione e Liberazione“ hat ein merkwürdiges Thema: den Mangel. Es durchzieht nicht alle Podien und prägt nicht jede Ausstellung. Aber wie ein immer wieder auftauchender roter Faden verbindet es jedoch zahlreiche Programmpunkte – ausgehend vom Titel des katholischen Kulturfestes, der diesmal aus einer Gedichtzeile des italienischen Lyrikers Mario Luzi besteht: „Was ist das für ein Mangel, o Herz, von dem du ganz und gar erfüllt bist?“ Und als wollte der Himmel eine Kostprobe des Mangels geben, entzog er dem Meeting am gestrigen Montag die Sonne und den blauen Himmel. Stattdessen hingen dunkle Gewitterwolken über der Adriastadt und regneten sich aus – ein ziemlich ungewöhnlicher Hintergrund für dieses Katholikentreffen, das zwar in klimatisierten Messehallen stattfindet, aber für gewöhnlich auf den Plätzen und Wandelgängen außerhalb nicht von der Hitze und Augustsonne verschont bleibt.

    Den Papst beim Angelus live zugeschaltet: Teilnehmer beim Meeting in Rimini. Foto: Meeting

    Rimini (DT) Das diesjährige Meeting von „Comunione e Liberazione“ hat ein merkwürdiges Thema: den Mangel. Es durchzieht nicht alle Podien und prägt nicht jede Ausstellung. Aber wie ein immer wieder auftauchender roter Faden verbindet es jedoch zahlreiche Programmpunkte – ausgehend vom Titel des katholischen Kulturfestes, der diesmal aus einer Gedichtzeile des italienischen Lyrikers Mario Luzi besteht: „Was ist das für ein Mangel, o Herz, von dem du ganz und gar erfüllt bist?“ Und als wollte der Himmel eine Kostprobe des Mangels geben, entzog er dem Meeting am gestrigen Montag die Sonne und den blauen Himmel. Stattdessen hingen dunkle Gewitterwolken über der Adriastadt und regneten sich aus – ein ziemlich ungewöhnlicher Hintergrund für dieses Katholikentreffen, das zwar in klimatisierten Messehallen stattfindet, aber für gewöhnlich auf den Plätzen und Wandelgängen außerhalb nicht von der Hitze und Augustsonne verschont bleibt.

    Einer der Ideengeber der diesjährigen Ausgabe des Meetings, wie das Begleitbuch zum Programm des Treffens enthüllt, war und ist – ohne dass er das vielleicht weiß – Kardinal Joseph Ratzinger, der schon vor zwanzig Jahren die heutige Epoche als eine Zeit des „Zusammenbruchs alter Gewissheiten“ bezeichnete. Die Dinge haben sich seither nicht verbessert. Traditionelle Werte, ein über Jahrhunderte gefestigtes Menschenbild, theologisch wie naturrechtlich gestützte Institutionen wie Ehe und Familie, wirtschaftliche Stabilität und eine stabile geopolitische Ordnung lösen sich auf und hinterlassen Ratlosigkeit. Das schwächste Glied in der Kette ist der Einzelne, das Ich. Es soll auf dem diesjährigen Meeting der Ausgangspunkt sein, um in einer bedrohlichen Zeit Gewissheiten zurückzuerlangen. Die vielleicht am meisten beachtete Ausstellung auf dem Meeting trägt nicht umsonst den Titel: „Abraham. Die Geburt des Ichs“. Ausgehend von einem Zitat des italienischen Schriftstellers Cesare Pavese – „Das, was ein Mensch bei seinen Vergnügungen sucht, ist ein Unendliches, und niemand würde jemals auf die Hoffnung verzichten, dieses Unendliche zu erreichen“ – heißt es in dem Begleitbuch zu dieser Wiederentdeckung des Ichs: „Aber wie kann man das Ich wiederbeleben, so dass es auf der Höhe dieses Unendlichen ist, und das in einer Zeit, in der alles zusammenzubrechen scheint und keinen Bestand mehr hat – abgesehen von den Moden, die aber auch nur einen Sommer lang überleben? Der Mensch schafft es nicht mit seinen Analysen und Strategien und all seinen Bemühungen, es wäre ein Herumirren in der Wüste. Es muss etwas geschehen, etwas Unvorhergesehenes – so wie bei Abraham, der zu einem Ich, zu einem Subjekt und Stammvater wurde, als Gott ihn mit „Du“ ansprach. Viele Zeugnisse und Podien des Meetings sollen Personen zu Wort kommen lassen, denen genau das geschehen ist.

    Völlig überlaufen war eine Veranstaltung am Sonntagnachmittag, bei der die siebentausend Menschen fassende Messehalle nicht ausreichte und viele das Podium auf Videowänden in den beiden daneben liegenden Hallen verfolgten. Es sprachen zwei Priester, die das Zusammenbrechen ihrer alten Welt Tag für Tag erleben: Douglas Al-Bazi, Pfarrer der katholischen Gemeinde im irakischen Erbil, und der Franziskaner Ibrahim Alsabagh, dessen Konvent die lateinischen Gläubigen im syrischen Aleppo begleitet. Die beiden Zeugnisse zeigten auch die Zerrissenheit und Dramatik einer Situation, die einer Apokalypse gleicht: Der Priester Al-Bazi hat zwei Sprengstoffanschläge überlebt, wurde von einem Schuss ins Bein getroffen, war neun Tage lang Gefangener der Dschihadisten, die ihm die Nase zertrümmerten und das Wasser verweigerten. Sein Urteil war hart. Der IS, das sei der hundertprozentige Islam, rief er in das Mikrofon, und fügte an, den Islam anzuschauen heiße, dem Bösen ins Gesicht zu sehen.

    Am Ende seines Vortrags musste dann doch der Veranstalter eingreifen, in der Person des in Eichstätt promovierten Theologen Stefano Alberto, der an der katholischen Universität Mailand den Lehrstuhl für die Einführung in das Christentum innehat. Man müsse immer unterscheiden, meinte er, die Guten von den Bösen, und „unter unseren muslimischen Freunden“ seien viele Menschen guten Willens. Immerhin hatte das Meeting mit einem interreligiösen Podium begonnen, auf dem auch der Rektor einer Moschee in Frankreich saß.

    So klang dann auch das Zeugnis des Franziskaners Alsabagh aus Aleppo anders. Die Umstände, in denen sein Konvent überleben und arbeiten müsse, seien fürchterlich. Die Frontlinie zwischen syrischen Regierungstruppen und Dschihadisten verlaufe sechzig Meter von Kirche und Kloster entfernt, täglich werde geschossen, es fehle an allem, die Lebensmittelpreise seien in die Höhe geschossen, Fleisch sei unbezahlbar – und vor allem: In Aleppo fehle das Wasser. Streng rationiert könnten die Franziskaner aus ihrem eigenen Brunnen Wasser an die Familien abgeben, die sich mit Bitte um Hilfe an sie wendeten. Der Konvent mache dann keinen Unterschied zwischen Christen und Muslimen. Und Pater Alsabagh erzählte von einigen Gesprächen mit muslimischen Bewohnern seines Viertels. Keine Spur von Hass, Groll oder Vorwürfen – weder im Umgang mit dem Muslimen, noch in den Worten des Franziskaners. Am Ende weinte er und bat das Publikum mit seinen letzten Worten darum, auch für die Erlösung derer zu beten, die ihnen so viel Leid und Unrecht antun. Tausende spendeten ergriffen Beifall, in der großen Messeaula und den beiden Hallen daneben. Zwei Priester hatten gesprochen, die in schlimmsten Verhältnissen nicht von der Seite ihrer Gläubigen weichen, auch wenn ihr Urteil über den Islam unterschiedlich ist.

    Nicht alle Referenten des Meetings berichteten von apokalyptischen Umständen. Fast amüsant ging es zu, als Kardinal George Pell, Präfekt des Wirtschaftssekretariats der römischen Kurie, über die Bemühungen sprach, die Verwaltung der Finanzen und Immobilien des Vatikans transparent und nach einheitlichen Maßstäben zu verwalten. Geld stinkt nicht, aber auch der rechte Umgang mit dem Geld müsse ein Zeugnis des Glaubens sein, so könnte man die Worte des Kardinals zusammenfassen. Hätte der Samariter nicht gut gewirtschaftet und einen gewissen Reichtum erworben, hätte er nicht dem Verletzten helfen können, der unter die Räuber gefallen war.

    Um einen wirklichen Mangel ging es dagegen bei einem Forum, das ein wirtschaftliches Thema hatte. Der Geschäftsführer einer norditalienischen Bank und der Geschäftsführer der „Finmeccanica“, einer der großen Industriekonzerne Italiens, gingen der Frage nach, wie ihr Land für die Globalisierung der Märkte gerüstet sei. Der Banker gab sich dabei optimistischer als der Industrielle. Tatsächlich hat das italienische Bankensystem die Wirtschaftskrise überstanden und ist weiter gewachsen. Eher besorgt äußerte sich der Repräsentant der „Finmeccanica“. Wenn er etwa sehe, wie sich im Iran – jetzt, nach dem Ende der Isolation des Landes – Tausende von jungen Persern mit einer wissenschaftlich-technischen Ausbildung auf höchstem Niveau darauf vorbereitet hätten, auf die internationalen Arbeitsmärkte zu gehen, stehe Italien im Vergleich dazu wesentlich schlechter da. Es fehle quantitativ und von der Qualität der Ausbildung her eine vergleichbare Zahl von Nachwuchswissenschaftlern und -technikern, ein Manko, das unbedingt beseitigt werden müsse. Ein Thema, zu dem heute auch Ministerpräsident Matteo Renzi sprechen wird.

    Das Meeting steuerte gestern Nachmittag auf einen Höhepunkt zu, auf dem Programm stand ein Vortrag von Julián Carrón, dem Nachfolger von Luigi Giussani an der Spitze von „Comunione e Liberazione“. Wie die „Wiedergeburt“ des Ichs in einer wankenden Welt auf dem diesjährigen Meeting in Rimini seinen thematischen Abschluss finden wird, bleibt noch abzuwarten.