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    Die Welt vor 50 Jahren

    Das Zweite Vatikanische Konzil wollte eine „Kirche in der Welt von heute“, wie es im Titel der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ vom 7. Dezember 1965 heißt. Das legt die Frage nahe, wie die Welt beschaffen war, in der das Konzil am 11. Oktober 1962 eröffnet wurde.

    Durch Unruhen und Gewalt kündigten sich gesellschaftliche Umwälzungen in den sechziger Jahren an – wie der ausgebrannte ... Foto: dpa

    Das Zweite Vatikanische Konzil wollte eine „Kirche in der Welt von heute“, wie es im Titel der Pastoralkonstitution „Gaudium et spes“ vom 7. Dezember 1965 heißt. Das legt die Frage nahe, wie die Welt beschaffen war, in der das Konzil am 11. Oktober 1962 eröffnet wurde.

    1962 lag der Zweite Weltkrieg erst 17 Jahre zurück. Die Anti-Hitler-Koalition war 1947 über die kommunistische Infiltration in Griechenland und der Türkei sowie in anderen Ländern zerbrochen. 1947 verkündete US-Präsident Harry S. Truman die „Truman-Doctrine“ der militärischen und wirtschaftlichen Unterstützung aller freien Länder gegen kommunistische Unterwanderung und sowjetische Expansionsversuche. Seit 1948 war die Tschechoslowakei ein sowjetischer Satellitenstaat. Korea war seit 1948, Deutschland seit 1949 geteilt. Von 1950 bis 1953 wurde der Korea-Krieg geführt, der mit dem Angriff von Truppen aus Nord-Korea auf Süd-Korea begonnen hatte. 1949 wurde mit sowjetischer Unterstützung die kommunistische „Volksrepublik China“ unter Mao Tsetung gegründet, der am 4. Mai 1966 die „Große Proletarische Kulturrevolution“ einleitete. In Frankreich und Italien gab es starke kommunistische Parteien – die französische erhielt bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1962 21,8 Prozent; die italienische war unter Palmiro Togliatti, Generalsekretär von 1947 bis 1964, mit rund 1, 8 Millionen Mitgliedern die stärkste kommunistische Partei Westeuropas. Am 17. Juni 1953 wurde der Arbeiteraufstand in der DDR niedergeschlagen, nachdem der sowjetische Diktator Stalin am 5. März 1953 gestorben war. 1956 wurde – trotz der mit der Rede Nikita S. Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU am 25. Februar einsetzenden „Entstalinisierung“ – im Juni in Posen ein Arbeiteraufstand blutig unterdrückt und am 4. November mit mehr als tausend sowjetischen Panzern der ungarische Volksaufstand niedergeschlagen. 1958 löste die Sowjetunion durch das Ultimatum Chruschtschows vom 27. November mit dem Ziel der Verdrängung der drei Westmächte aus West-Berlin die zweite Berlin-Krise – nach der ersten von 1948 – aus. Am 13. August 1961 errichtete die DDR die Mauer durch Berlin.

    Als die Angst vor einem Dritten Weltkrieg akut wurde

    Von 1945 bis 1949 besaßen die USA das Nuklearwaffenmonopol. Seit dem ersten erfolgreichen Atombombentest der Sowjetunion 1949 setzte ein in diesem Ausmaß nie dagewesenes Wettrüsten ein. 1952 testeten die USA die erste thermonukleare oder Wasserstoffbombe von 1945, die etwa die 700fache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe besaß und auf Vernichtung allen Lebens durch energiereiche Strahlung, gewaltigen Druck und große Hitze angelegt war. Das Ende der Menschheit in einem nuklearen Inferno wurde denkbar. Der NATO-Rat des 1949 gegründeten westlichen Verteidigungsbündnisses beschloss 1950 die „Vorwärtsstrategie“ und 1957 die „Strategie der Massiven Vergeltung“. Robert McNamara, US-Verteidigungsminister von 1961 bis 1968, sprach von „gegenseitig gesicherter völliger Vernichtung“. Erst 1967 trat die „Strategie der Flexiblen Antwort“ mit der Planung begrenzter Nuklearkriege an die Stelle der Strategie des globalen Atomkriegs. Auf sowjetischer Seite gab es seit 1951 entsprechende Konzepte, die Chruschtschow 1960 als strategische Option der Sowjetunion bezeichnete. 1962 löste die Stationierung sowjetischer Raketen auf der seit 1961 kommunistisch beherrschten Insel Kuba die Kubakrise aus, die am 24. Oktober – anderthalb Wochen nach der Eröffnung des Konzils – mit der amerikanischen Seeblockade ihren Höhepunkt erreichte. Nie war der massiv mit Nuklearwaffen geführte Dritte Weltkrieg so nah wie an diesem Mittwoch im Herbst 1962. Zum Ringen der Supermächte gehörte der Beginn der Weltraumfahrt vom 4. Oktober 1957, dem Tag des „Sputnik-Schocks“, an dem die Sowjetunion den ersten Satelliten in eine Umlaufbahn um die Erde schoss, und vom ersten bemannten Raumflug des Russen Juri Gagarin am 12. April 1961 bis zum 21. Juni 1969, an dem der amerikanische Astronat Neil A. Armstrong den Mond betrat.

    Das Ende der Kolonialreiche der europäischen Mächte hatte sich seit dem Ersten Weltkrieg angekündigt. Entscheidend wurde die Unabhängigkeit Britisch-Indiens – Indien, Pakistan, Bangladesh – 1947, Britisch-Ceylons (Sri Lanka) 1948 und Niederländisch-Indiens – Indonesien – 1949. In Afrika wurden in den zwei Jahrzehnten danach 50 Kolonien in die Unabhängigkeit entlassen. Frankreich verlor Französisch-Indochina – Vietnam, Laos, Kambodscha – nach dem Fall von Dien Bien Phu 1954. In Algerien, das als Teil Frankreichs galt, begann 1954 der Algerienkrieg, der nach dem Friedensabkommen von Evian vom 18. März 1962 mit der Unabhängigkeit Algeriens am 3. Juli 1962 – gut drei Monate vor der Eröffnung des Konzils – endete. Mit der Dekolonisation begann die „Dritte Welt“ – ursprünglich Begriff für die weder dem Westen noch dem Ostblock zuzurechnenden Länder, seit 1961 Bezeichnung der „Bewegung der Blockfreien Staaten“ und später Benennung der postkolonialen Entwicklungsländer. Die Dekolonisation öffnete den Weg zur „Globalisierung“.

    Auch wenn die kommunistische Herrschaft in großen Teilen der Welt – in Ost- und Südosteuropa bis 1990/92 – fortbestand, so gab es nach dem Ende der nationalsozialistischen oder faschistischen Herrschaftssysteme in Deutschland und Italien – in Portugal bestand der autoritäre Staat bis 1974 ebenso fort wie in Spanien bis 1975 die franquistische Diktatur – unter dem Schatten der nuklearen Bedrohung doch viel Optimismus. Große Faszination ging vom amerikanischen Demokratiemodell und von der Idee der Menschenrechte aus, wie sie in der 1948 von der Generalversammlung der 1945 gegründeten Vereinten Nationen (UNO) verabschiedeten Menschenrechtserklärung und von der „Europäischen Konvention zum Schutz der Menschenrechte und Grundfreiheiten“ von 1950 verbrieft waren. Das Wort von der „angeborenen Würde“ aller Menschen aus der Präambel der „Declaration of Human Rights“ wird im ersten Satz der Konzilserklärung über die Religionsfreiheit, „Dignitatis humanae“, vom 7. Dezember 1965 zitiert: „Die Würde der menschlichen Person kommt den Menschen unserer Zeit immer mehr zum Bewusstsein.“

    Ähnliche Faszination lösten die ersten Schritte zur europäischen Einigung seit Winston Churchills Zürcher Rede von 1946 aus. 1951 entstand die als „Montanunion“ bezeichnete Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, deren sechs Mitgliedsstaaten – Belgien, die Bundesrepublik, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande – mit den Römischen Verträgen von 1957 die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gründeten. Mit dem Elysée-Vertrag vom 22. Januar 1963 besiegelten Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Jahrhunderten der „Erbfeindschaft“ die deutsch-französische Versöhnung.

    Das amerikanische Demokratiemodell, für viele personifiziert in dem am 22. November 1963 ermordeten Präsidenten John F. Kennedy, erfuhr seine Entzauberung durch die Rassendiskriminierung in den USA, die in die Bürgerrechtsbewegung um den 1968 ermordeten Baptistenprediger Martin Luther King mit dem Protestmarsch der 250 000 am 27. August 1963 in Washington als weltweit beachtetem Höhepunkt führte, und durch den für die USA ähnlich wie der Algerienkrieg für Frankreich traumatischen Vietnamkrieg mit seinem in der Weltöffentlichkeit scharf kritisierten massiven Einsatz von Napalmbomben. Auch wenn die USA erst 1965 voll in Vietnam eingriffen, so erscheint der erst 1975 beendete Krieg doch als Fortsetzung des französischen Indochinakrieges, an dessen Ende die Teilung Vietnams in Nord- und Süd-Vietnam durch die Genfer Indochina-Konferenz von 1954 stand. Seit 1954 unterstützten die USA unter Präsident Dwight D. Eisenhower und verstärkt seit 1961 unter seinem Nachfolger Kennedy im Rahmen der Politik gegen das Vordringen des Kommunismus die Regierung von Süd-Vietnam durch „Berater“ gegen das kommunistische Nord-Vietnam und die in Süd-Vietnam operierenden Partisanen des Vietcong.

    Die Entzauberung des amerikanischen Demokratiemodells stand der weltweiten – trotz Sowjetisierung der Lebensformen auch Länder wie die DDR erfassenden – Amerikanisierung der Kultur nicht entgegen. Das zeigte sich vor allem in der Jugendkultur. Seit 1956 wurde der amerikanische Sänger Elvis Presley als „The King of Rock'n-Roll“ zur Kultfigur, bevor die Beatles aus dem englischen Liverpool auftraten, deren Weltkarriere am 13. September 1962 im „Star Club“ auf St. Pauli in Hamburg begann. Auch die antiamerikanischen Proteste der mit „Ho Ho Ho Chi Minh“-Rufen – auf den kommunistischen nord-vietnamesischen Machthaber der Jahre 1955 bis 1969, Ho Chi Minh – durch westdeutsche Städte stürmenden Studenten von 1968 waren aus Amerika importiert, wie die im Mai 1968 in Paris eskalierende weltweite Studentenrevolte und ihre Protestformen bis auf ein „Sit-in“ in Berkeley am 2. Dezember 1964 zurückzuführen waren.

    In den entwickelten Ländern des Westens bildete sich – in Lebensweise, Lebensrhythmus, Familienstruktur – eine nicht mehr naturbestimmte Industriegesellschaft aus. Bis in die fünfziger oder sechziger Jahre gab es Überhänge vormoderner Lebensformen, die zwischen etwa 1955 und etwa 1970 in den Strudel einer alles rapide verändernden Modernisierung gerieten. Dazu gehörte die gesellschaftliche Nivellierung, die zwar ein Oben und ein Unten bestehen ließ, aber Massenwohlstand, wachsenden Wohnkomfort, Freizeit und Massentourismus ermöglichte. Dazu gehörten der in den späten fünfziger Jahren einsetzende rasante Anstieg des privaten PKW-Besitzes und die Verbreitung des Fernsehens, das im Laufe der sechziger Jahre zum Massenmedium wurde. Die außerhäusliche Berufstätigkeit der Frauen – in Arbeiterfamilien auch vorher verbreitet – wurde zur Selbstverständlichkeit, in den kommunistischen Ländern noch weit mehr als in den Industriegesellschaften des Westens. Hinzu kam die beginnende Expansion der höheren Schul- und Hochschulbildung, die seit den fünfziger und in den sechziger Jahren – unterschiedlich und nicht überall gleichzeitig – fast alle Industriegesellschaften des Westens und – unter anderen gesellschaftlichen Vorzeichen – Staaten wie die DDR erfasste.

    Das Konzil, auf das 1968 die Enzyklika „Humanae vitae“ Pauls VI. folgte, fand in der Zeit der sogenannten „sexuellen Revolution“ statt, die ihren Namen dem 1930 erschienenen Buch des kommunistischen österreichischen, 1967 in den USA gestorbenen Psychiaters Wilhelm Reich verdankte, das seit 1966 häufig nachgedruckt, neu aufgelegt und übersetzt wurde. Reich war mit seiner „Orgasmustheorie“, mit der er an Sigmund Freud anknüpfte, einer der Väter dieser Bewegung, der sich gegen „Triebunterdrückung“ und gegen die als paternalistische Zwangsinstitution verunglimpfte Familie richtete. 1948 erschien in den USA der 1955 auch auf Deutsch veröffentlichte „Kinsey Report“ über das sexuelle Verhalten des Mannes, dem 1953 ein Report über das sexuelle Verhalten der Frau folgte. Am 18. August 1960 kam in den USA mit der sogenannten „Antibabypille“ und ein Jahr später in Deutschland das wichtigste Instrument der sexuellen Revolution auf den Markt. Die „Pille“ wurde lange – in den USA bis 1972 – nur an verheiratete Frauen ausgeben, von denen sie aber 1965 in den USA bereits 41 Prozent der unter 30-Jährigen regelmäßig verwendete.

    Das Konzil fand eine Welt vor, von der vieles heute Vergangenheit ist. Aber nichts zeigt besser als die – weit in katholische Familien hinein wirksame – sexuelle Revolution, dass vor dem Konzil Dinge im Fluss waren, die später größte Wirkungen entfalteten und zu den schweren Verwüstungen führten, die heute zu besichtigen sind.