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    Die Sonntagslesung

    Die Zwischenüberschriften, die sich in vielen Bibelausgaben und auch in der Einheitsübersetzung finden, sind nicht historisch und stehen nicht in den griechischen oder hebräischen Handschriften und auch nicht in der auf den heiligen Hieronymus zurückgehenden lateinischen Vulgata. Es handelt sich um moderne Hinzufügungen, von denen man sich für den Bibelleser ein besseres Verständnis des Bibeltextes erhofft. Die Perikope aus dem Evangelium nach Markus für den vierten Sonntag im Jahreskreis trägt in der Einheitsübersetzung die Überschrift „Jesus in der Synagoge von Kafarnaum“. Jüngere Ausgaben der Übersetzung Martin Luthers haben für diesen und den folgenden Abschnitt Überschriften wie „Ein Tag in Kapernaum“ oder „Jesus in Kapernaum“, während die unrevidierte Fassung der Lutherbibel von 1912 noch ohne solche Zwischenüberschriften auskam. Die vor der 1978 approbierten Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Katholizismus verbreitete Bibel mit der Übersetzung aus Herders Bibelkommentar hatte die Zwischenüberschrift „Jesus lehrt in Kapharnaum und heilt einen Besessenen“; man findet auch die Überschrift: „Die Heilung eines Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum“. Alle diese Überschriften sind viel zu blass, um die ganze Fülle dessen wiederzugeben, wovon hier die Rede ist. Besessenheit nennen wir den wahnhaften Erregungszustand einer labilen Person, eines psychisch Kranken, der in sich eine fremde Kraft zu spüren meint, die ihn gegen seinen Willen zu Handlungen oder Äußerungen zwingt. Die Heilung eines solchen Besessenen kann ein Psychiater vornehmen. Aber es geht in der Geschichte gar nicht um diesen Kranken. Es geht um Jesus, von dem in einem Teil dieser Zwischenüberschriften gar nicht die Rede ist.

    Die Zwischenüberschriften, die sich in vielen Bibelausgaben und auch in der Einheitsübersetzung finden, sind nicht historisch und stehen nicht in den griechischen oder hebräischen Handschriften und auch nicht in der auf den heiligen Hieronymus zurückgehenden lateinischen Vulgata. Es handelt sich um moderne Hinzufügungen, von denen man sich für den Bibelleser ein besseres Verständnis des Bibeltextes erhofft. Die Perikope aus dem Evangelium nach Markus für den vierten Sonntag im Jahreskreis trägt in der Einheitsübersetzung die Überschrift „Jesus in der Synagoge von Kafarnaum“. Jüngere Ausgaben der Übersetzung Martin Luthers haben für diesen und den folgenden Abschnitt Überschriften wie „Ein Tag in Kapernaum“ oder „Jesus in Kapernaum“, während die unrevidierte Fassung der Lutherbibel von 1912 noch ohne solche Zwischenüberschriften auskam. Die vor der 1978 approbierten Einheitsübersetzung im deutschsprachigen Katholizismus verbreitete Bibel mit der Übersetzung aus Herders Bibelkommentar hatte die Zwischenüberschrift „Jesus lehrt in Kapharnaum und heilt einen Besessenen“; man findet auch die Überschrift: „Die Heilung eines Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum“. Alle diese Überschriften sind viel zu blass, um die ganze Fülle dessen wiederzugeben, wovon hier die Rede ist. Besessenheit nennen wir den wahnhaften Erregungszustand einer labilen Person, eines psychisch Kranken, der in sich eine fremde Kraft zu spüren meint, die ihn gegen seinen Willen zu Handlungen oder Äußerungen zwingt. Die Heilung eines solchen Besessenen kann ein Psychiater vornehmen. Aber es geht in der Geschichte gar nicht um diesen Kranken. Es geht um Jesus, von dem in einem Teil dieser Zwischenüberschriften gar nicht die Rede ist.

    Markus berichtet über den ersten Tag des öffentlichen Wirkens Jesu in Kafarnaum, einer Stadt am Ufer des Sees Genezareth, etwa sechs Kilometer westlich der Stelle, an der der Jordan in den See fließt, an einer wichtigen Straße, die von Damaskus an das Mittelmeer führte. Später kam Jesus häufig nach Kafarnaum, das in der ersten Zeit seines Auftretens als Wanderprediger Zentrum seines Wirkens wurde. Kafarnaum war die Heimatstadt der Jünger Petrus und Andreas, zweier Brüder. In Kafarnaum lebte die Schwiegermutter des Petrus. In der unmittelbar an unseren Evangelientext anschließenden Geschichte erfahren wir, wie Jesus die Schwiegermutter des Petrus, die im Fieber lag, heilte. Wir können sicher sein, dass das Haus der Schwiegermutter des Petrus in Kafarnaum Jesus häufig als Herberge diente. Dieselbe Geschichte von Jesu erstem Tag in Kafarnaum findet sich auch bei Lukas (Lk 4, 31–37). Doch geht ihr bei Lukas die Geschichte voraus, wie Jesus zuvor in seiner eigenen Heimatstadt, in Nazareth, auftrat (Lk 4, 16–30), die Geschichte von der ersten Predigt Jesu in der Synagoge von Nazareth, die nur aus einem Satz besteht – dem Satz: „Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt“ (Lk 4, 21). Es war jedem erwachsenen jüdischen Mann erlaubt, sich in der Synagoge eine Schriftrolle mit einem Text der Propheten des Alten Testament reichen zu lassen und diesen Text vorzulesen und dann auszulegen, also darüber zu predigen. So machte Jesus das – nach Lukas – in der Synagoge von Nazareth. Das führte dort zu empörten Reaktionen der Zuhörer: „Ist das nicht der Sohn Josephs?“, so fragten sie. Sie wollten ihn sogar steinigen. Jesus kommentiert das mit dem Wort: „Kein Prophet wird in seiner Heimat anerkannt“ (Lk 4, 24). Und dann geht er fort von Nazareth nach Kafarnaum.

    Auch in Kafarnaum geht er in die Synagoge und lehrt. Die ganze Geschichte, die uns dann berichtet wird – die Geschichte von dem Besessenen und seiner Heilung –, wird eingerahmt von zwei Sätzen, die das Wichtigste in diesem Evangelientext sind, wichtiger als die Heilung des Kranken. Der erste Satz: „Und die Menschen waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.“ Und dann am Ende der zweite wichtige Satz, mit dem sich der Rahmen schließt: „Da erschraken alle, und einer fragte den andern: Was hat das zu bedeuten? Hier wird mit Vollmacht eine ganz neue Lehre verkündet. Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.“ Das ist es: Jesus lehrt mit Vollmacht! – lateinisch: „quasi potestatem habens“: Wie einer, der Macht hat. Er lehrt nicht wie die Schriftgelehrten. Er legt die Botschaft nicht aus, wie heute Professoren und Prediger die Bibel auslegen. Seine Lehre ist Handeln. Und er selbst ist die Botschaft. Das zeigt sich nun an dem Kranken. Aber auch hier steht dieser Besessene nicht im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt steht die Vollmacht Jesu, dem „sogar die unreinen Geister gehorchen“. Die unreinen Geister – im griechischen Markusevangelium „pneumata akatharta“ und im lateinischen „spiritus inmundi“, was wörtlich als „unsaubere Geister“ zu übersetzen und im Sinne von Dämonen oder griechisch „daimonia“ (Mt 12, 28) zu verstehen ist – sind die ersten, die Jesus als den erkennen, der er ist: „Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazareth? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes“ – griechisch: „ho hagios tou theou“. Die Dämonen oder unsauberen Geister wissen, dass er gekommen ist, um ihre Macht zu brechen und sie zu vernichten. Die Dämonen sind die Personifizierung des Bösen, von dem erlöst zu werden wir in der letzten Bitte des Vaterunser (Mt 6, 13) bitten. Jesus gebietet dem Bösen: „Schweig und verlass ihn! Der unreine Geist verließ ihn.“

    Besessenheit – und überhaupt Krankheit – ist nicht von Gott gewollt. Besessenheit trennt von Gott. Indem Jesu Lehre Handeln ist – und indem ihm „sogar die unreinen Geister gehorchen“ – überwindet Jesus die Trennung des Menschen von Gott. Deshalb tritt Jesus in den Evangelien so oft als Arzt und als Heiler hervor. Deshalb sind „heilen“ und „Heiland“ und das „Heil“ – das Heil Gottes – ein und dasselbe Wort. Und deshalb ist nach katholischer Lehre Besessenheit Folge des Einwirkens des Teufels, der einen Menschen gesundheitlich beschädigen oder ihn zum Bösen – zum Beispiel zum Zweifel an Gott – zwingen will. Deshalb auch kennt die katholische Kirche, die solche Dinge eben doch nicht ganz den Psychiatern überlassen will, unter bestimmten Bedingungen auch heute noch den Exorzismus.

    Scheinbar gar nicht dazu passt die erste Lesung aus dem Buch Deuteronomium, wo Mose zu dem Volk spricht: „Einen Propheten wie mich wird der Herr, dein Gott, aus deiner Mitte erstehen lassen“. Soll man darin eine Ankündigung des Kommens des Christus sehen? Wie sie der christliche Glaube in den Gottesknechtsliedern bei Jesaja (Jes 42, 1–4; 49, 1–6; 50, 4–9; 52, 13–15.53, 1–12) sieht? Etwas anderes ist in unserem Zusammenhang wichtig: Auch hier geht es um Vollmacht. Denn Gott droht jedem, der in seinem Namen prophetische Worte redet, ohne von ihm dazu beauftragt – bevollmächtigt – zu sein: „Einen Propheten wie dich will ich ihnen mitten unter ihren Brüdern erstehen lassen. Ich will ihm meine Worte in den Mund legen, und er wird ihnen alles sagen, was ich ihm auftrage. Doch ein Prophet, der sich anmaßt, in meinem Namen ein Wort zu verkünden, dessen Verkündigung ich ihm nicht aufgetragen habe, ein solcher Prophet soll sterben.“

    Scheinbar ohne Beziehung zu dem Evangelientext ist auch die zweite Lesung. Paulus plädiert hier im Sinne der evangelischen Räte – des Keuschheitsrates (Mt 19,12) – für Ehelosigkeit: „Der Unverheiratete sorgt sich für die Sache des Herrn; er will dem Herrn gefallen. Der Verheiratete sorgt sich um die Dinge der Welt; er will seiner Frau gefallen. So ist er geteilt.“ Man kann das als Plädoyer für die zölibatäre Lebensform der Priester, der Diener Gottes, lesen. Aber was hat das mit Vollmacht zu tun? Voll-Macht heißt wörtlich volle Macht. Und Macht hängt mit Kraft, Stärke oder Vermögen – Potenzial sagt man heute – zusammen. Wer Vermögen hat, der vermag etwas zu tun oder zu machen; wer volle Macht hat, vermag mehr als der, der das nicht hat. Wer geteilt ist, hat keine Vollmacht. Ein evangelischer Kommentator fasst Paulus zusammen und schreibt: „Ein Mensch, der als Ehegatte oder Ehefrau um das Dasein des Ehepartners besorgt ist, kann gar nicht um die ,Dinge des Herrn‘ gleichermaßen ,besorgt sein‘ – das kann nur zu einer Aufteilung oder Spaltung führen“, auch wenn dieser Bibelausleger selbst ein harmonisches Miteinander von „der Frau gefallen“ und „dem Herrn gefallen“ für möglich hält.

    Im ersten Johannesbrief steht: „Der Sohn Gottes ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören“ (1 Joh 3, 8b). Das macht er mit Vollmacht, mit der Vollmacht des Sohnes Gottes, einer Vollmacht, über die Menschen, die nicht zugleich Gott sind wie er, nicht verfügen. Eine bessere Zwischenüberschrift als „Jesus in der Synagoge von Kafarnaum“ oder „Die Heilung eines Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum“ wäre für diesen Evangelientext: „Jesus gebietet mit Vollmacht über das Böse.“