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    Die Sonntagslesung: Das Drama zwischen Gott und Mensch

    Jes 40, 1–5.9–11; Tit 2,11–14; Lk 3,15–16.21-22) Tief drinnen im Heidelberger Stadtwald, auf den Höhenzügen des Königsstuhles, gibt es einen heiligen Ort, der mich stets tief berührt, wenn ich dort bei Wandern oder Spaziergang vorbeikomme, eine uralte steinerne

    Jes 40, 1–5.9–11; Tit 2,11–14; Lk 3,15–16.21-22)

    Tief drinnen im Heidelberger Stadtwald, auf den Höhenzügen des Königsstuhles, gibt es einen heiligen Ort, der mich stets tief berührt, wenn ich dort bei Wandern oder Spaziergang vorbeikomme, eine uralte steinerne Wegekapelle mit einem Standbild des heiligen Nikolaus. Sommers und winters, besonders eindrücklich an Winterabenden, stets brennen Kerzen dort. Am meisten wundert mich immer wieder: Eine so vernünftige Stadt mit Zehntausenden kluger Studenten und Tausenden angeblich kluger Professoren. Und dann mitten im Wald ein Ort, der auf ganz vorsintflutliche, ja eigentlich zeitlose Weise fromm und heilig ist. Man sieht es an den beschriebenen Brettern dort, wie viele Menschen in äußerster Not zu diesem Platz gepilgert sind und hoffend, verzweifelt gebetet haben. Heiliger Nikolaus, bitte für uns.

    Als die Religion noch griechisch sprach, nannte man das, was an solchen Stätten geschah oder geschehen war und immer wieder erwartet wurde: Epiphanie – unvorhersehbares, plötzliches Erscheinen, hilfreiches Sichtbarwerden Gottes für einen Moment. Man sollte Theologiestudenten zu Beginn des Studiums, in dem sie oftmals und leider langsam desillusioniert werden, in einer dunklen Winternacht zu dieser Figur führen und ihnen daran erklären, was Religion ist.

    Gleich zu Anfang bietet der Text aus dem Titusbriefe Signale, die solches meinen: „Erscheinen“ (Epiphanie), „Gnade“ und „Rettung“. Vom Kaiser oder von hilfreichen Gottheiten sagte man, dass sie „erscheinen“, besonders wenn sie Gesundheit brachten. Wenig später (3,4) wird Paulus sagen, die „Menschenfreundlichkeit unseres Retters“ sei erschienen. Wer „erscheint“, der greift unerwartet hilfreich ein. So ist eine Erscheinung guter Mächte bis heute ein faszinierendes, lichtvolles Ereignis, eine sanfte, beglückende Zuwendung. In jedem Fall ist es mehr als man erwarten kann. Oft baute man dann Heiligtümer an dieser Stelle. Im späteren Christentum sind es Heilige, die erscheinen, vorab die Muttergottes. Ich denke dabei an das stets ungewöhnliche, geradezu überirdisch helle Licht, das oft im Heiligtum von Ronchamp in Burgund strahlt, die Wallfahrtskirche wie ein Schiff des Lichts. Und eine derartige Epiphanie geschieht bei Jesu Taufe mit Jesus. – „Gnade“ ist in der Welt des Neuen Testaments etwas Besonderes, eine herrscherliche Tugend. Denn der Herrscher neigt sich – günstigenfalls – herab zu den Menschen. Er hört sie an und hilft ihnen spontan und unbürokratisch, eben aus Gnade. Und der Gott der Bibel ist denen gnädig, die Gnade „vor ihm gefunden“ haben.

    Das betrifft besonders Abraham und die anderen Erzväter. Gott ist der wahre König Israels. In 3,4 wird diese Gnade als Gottes Menschenfreundlichkeit gedeutet. Ein „Retter“ schließlich ist jeder Wohltäter der Menschen, besonders der öffentliche, und das passt zur „Gnade“. Sie gelten jetzt, sichtbar geworden in der Gestalt Jesu, dem neuen Gottesvolk aus allen Völkern. Deshalb spricht 2,11 auch von „allen Menschen“. Von dieser Gnade wird nun in 2,12 gesagt, sie sei eine, die „erzieherisch“ wirke. Wir haben das so übersetzt: „Durch seine Gnade befähigt er uns, dem Leben ohne Gott eine Absage zu erteilen…“. Denn es geht nicht primär um eine erzieherische Strenge, um Disziplinarmaßnahmen, sondern um Pädagogik als Anleitung zu einem sinnvollen und erfüllten Leben. Gnade ist daher nicht irgendeine Gunst oder Vergünstigung, sondern sie vermittelt einen Lebensstil, eine Lebensart, eine Prägung und Bildung, die der Würde des Menschen gemäß ist.

    Auch an dieser Stelle wird erkennbar: Die Feinde des Glaubens sind am wenigsten andere Religionen, sondern orientierungslos gewordene Vernunft von Christen. Doch „erzieherische Gnade“ bedeutet eine „Schule“ geben, lernen, Menschenprägung und Menschenbildung. So hießen die Zisterzienserklöster des Mittelalters oft „Schule“, woran noch der Name Schulpforta, ein altes Kloster, erinnert. So ist es das Ziel dieser Gnade, dass wir steuern lernen, die „Süchte und Maßlosigkeiten“ aufgeben können. Wie soll das geschehen? Nicht gewaltsam, sondern durch die Faszination der gnadenvollen Zuwendung Gottes. Denn durch Emotionen, durch geteilte, gemeinsame Erlebnisse wirkt Gnade am leichtesten formend. Wie durch ein einsames, flackerndes Licht im winterlichen Wald, an dem wir uns gemeinsam orientieren.

    Weil wir nicht Privatleute sind, sondern eigentlich immer wie eine Schulklasse (das ist die Wahrheit über den Menschen), gilt die Gnade Gottes, die faszinierende herrscherliche Huld nicht zuerst dem einzelnen Menschen, sondern dem Volk Gottes aus der ganzen Menschheit. Wir werden gemeinsam Zeugen der gnädigen Zuwendung, das bringt uns zusammen und das lässt Kirche entstehen.

    Die menschenfreundliche Gnade Gottes will im Miteinander praktiziert werden. Denn Wahrheit unseres Glaubens bedeutet nicht zuerst Rechthaben oder Zur-Kenntnis-Nehmen, sondern ist zuerst Ergriffensein, Heilung und Weitergeben der Gnade zwischen Menschen. Damit ist Kirche etwas anderes als ein esoterischer Club, sondern eine missionarische Gemeinschaft, die in erster Linie durch die Art wirkt, in der sie selbst im Miteinander die Menschenfreundlichkeit praktiziert. Kirche kommt aus Beeindruckt-sein und weiter Beeindrucken, also Prägen. Nur dann hat Christentum die Kraft, alle möglichen Fesseln aller möglichen Süchte zu sprengen.

    Indem Gott den Retter sendet, seinen Sohn, macht er sich verletzbar in ihm. Auch im Alten Bund war Gott nie der ferne Mond, den der Hund anbellen mag, wie er will. Aber insbesondere im Neuen Bund ist Gott in seinem Sohn verletzbar, denn den Sohn hat er ohne Netz und doppelten Boden zu uns gesandt. Im Sohn hat er auch seine reale Gegenwart unter uns gestiftet, im Sohn wird er hörbar, und durch seine väterliche Nähe zum Sohn garantiert er dessen Würde. Das aber gilt fortan nicht nur für Jesus Christus, sondern für jeden Menschen, der sich diesem dramatischen Annäherungsversuch Gottes stellt. Denn fortan wird Gott in jedem der geringsten Brüder Jesu verletzbar (Mt 25,31–46), in jedem Flüchtling.

    Das Thema von Weihnachten ist das Verhältnis von Gott und Mensch. Schon das Judentum macht über die Vorliebe Gottes zum Menschen ganz erstaunliche Aussagen. Um die Eigenwilligkeit, Unverhältnismäßigkeit und Unerwartbarkeit dieser großen, ja größten aller Liebesgeschichten zu illustrieren, wird immer wieder gesagt: Gott hat nicht die Engel lieb, die viel herrlicher sind als die Menschen. Nein, er hat an den Menschen einen Narren gefressen. Gott hat um des Menschen willen, genauer gesagt: um Israels willen, die ganze Welt erschaffen. Und man kann sagen: Um Jakobs willen, der für Israel steht, hat er alle Dinge gewollt. Im frühen Christentum setzt man diesen Gedanken fort und treibt ihn auf die Spitze: Wegen des Herrenbruders Jakobus, des Gerechten, willen hat Gott nach Thomas-Ev 12 die Welt erschaffen.

    Alle Epiphanie Gottes aber geschieht um Jesu willen. Und die Gemeinde, das Gottesvolk, ist gekrönt mit zwölf Sternen, bekleidet mit der Sonne und hat den Mond als Schmuckstück zu Füßen. Alle Schöpfung, all ihre kaum messbaren riesigen Dimensionen, all das ist nur eine Art Dekoration, wenn man so will Bühnendekoration für das eigentliche Drama zwischen Gott und Mensch. Und dieses Drama ist eines der überwältigenden, durch nichts beirrbaren Liebe Gottes zu den Menschen. Und die Sendung des Sohnes hat nur diesen einzigen Sinn, das entscheidende Kapitel in dieser Liebesgeschichte zu sein. Weihnachten ist ein Anlass, dem alten Traum des heiligen Bernhard nachzugehen: Wie kann es gelingen, die Menschen zu bekehren? Antwort: Indem wir uns nach Kräften erinnern, dass Christentum sehr viel und sehr direkt zu tun hat mit dem Thema numero eins: mit einer wirklichen Liebesgeschichte.