• aktualisiert:

    Die Sonntagslesung: Bereitet dem Herrn den Weg

    Bar 5, 1–9; Phil 1, 4–6.8–11; Lk 3, 1–6 Zweimal macht Lukas, der Historiker unter den Evangelisten, den Einbruch Gottes in die Weltgeschichte mit Worten deutlich, die im griechischen Neuen Testament, in der lateinischen Vulgata und in Martin Luthers deutscher

    Bar 5, 1–9; Phil 1, 4–6.8–11; Lk 3, 1–6

    Zweimal macht Lukas, der Historiker unter den Evangelisten, den Einbruch Gottes in die Weltgeschichte mit Worten deutlich, die im griechischen Neuen Testament, in der lateinischen Vulgata und in Martin Luthers deutscher Bibelübersetzung noch feierlicher klingen als in der hier zitierten Einheitsübersetzung: In der Weihnachtsgeschichte mit den Sätzen: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.“ Und hier, in der Geschichte vom Beginn der Bußpredigt und der Taufe Johannes des Täufers: „Es war im fünfzehnten Jahr der Regierung des Kaisers Tiberius; Pontius Pilatus war Statthalter von Judäa, Herodes Tetrarch von Galiläa, sein Bruder Philippus Tetrarch von Ituräa und Trachonitis, Lysanias Tetrarch von Abilene; Hohepriester waren Hannas und Kajaphas.“

    Markus, Matthäus und Johannes der Evangelist kennen diese Verbindung von Heilsgeschichte und profaner Weltgeschichte nicht. Aber Jesus Christus, in dem Gott Mensch wird, tritt nicht irgendwann in einem mystischen Irgendwo in die Welt ein. So wie das Wort, das nach dem Zeugnis des Johannes im Prolog des vierten Evangeliums im Anfang war und Gott war, Fleisch wurde und unter uns wohnte, so wurde die profane Weltgeschichte zum Schauplatz der Heilsgeschichte.

    Der römische Kaiser Tiberius, Nachfolger des Augustus, regierte seit dem 19. August des Jahres 14 n. Chr. Das fünfzehnte Jahr seiner Regierung war – je nachdem welchen Kalender, den römischen oder den orientalischen, oder welchen Jahreswechsel, etwa den am 30. September, man zugrunde legt und ob man die Zeit seiner Mitregentschaft vor dem Tod seines Stiefvaters Augustus seit 13 n. Chr. mitzählt – entweder das Jahr 27 oder eines der beiden Jahre 28 oder 29 n. Chr. Im Jahr 63 v. Chr. hatte der römische Feldherr Pompejus Jerusalem erobert und den im 10. Jahrhundert v. Chr. unter König Salomo errichteten Tempel vernichtet und seit jener Zeit ganz Syrien-Palästina unter römische Herrschaft gebracht. Doch genossen die Juden bis 70 n. Chr., als der Tempel in Jerusalem im Zuge des Jüdischen Krieges von dem späteren Kaiser Titus erneut zerstört wurde, eine gewisse Selbstverwaltung.

    So hatte Herodes der Große, der seit 20 v. Chr. den neuen Tempel in Jerusalem erbauen ließ, bis zu seinem Tod im Jahre 4 v. Chr. als „rex socius“ oder Bundeskönig der Römer das ganze jüdische Land beherrscht. Er regierte noch zur Zeit der Geburt Jesu – unsere erst im achten Jahrhundert durch den angelsächsischen Benediktiner Beda Venerabilis eingeführte und erst seit etwa 1060 in Rom übliche Zeitrechnung „nach Christi Geburt“ geht auf den Mönch Dionysius Exiguus zurück, der die Geburt Jesu 525 nicht ganz fehlerfrei auf das Jahr 754 „ab urbe condita“ (seit der Gründung der Stadt Rom) festlegte. Nach dessen Tod teilte Kaiser Augustus das Land unter die Söhne Herodes des Großen, Herodes Antipas, der Galiläa erhielt, und Herodes Philippos, der die östlich des Jordan gelegenen, heute zu den modernen Staaten Libanon und vor allem Syrien gehörenden Landschaften Ituräa – der Libanon und der Antilibanon und die zwischen diesen Gebirgszügen liegende Ebene mit der Stadt Chalkis – und Trachonitis bekam. Bei Lukas nicht genannt wird der Herodessohn Archelaos, dafür aber ein Lysanias, der die Landschaft Abilene am Ostabhang des Antilibanon mit der Stadt Abila im heutigen Jordanien erhielt. Diese Machthaber trugen den Titel „Tetrarch“ oder „Vierfürst“ – nach dem griechischen Zahlwort „tetras“ für „vier“ –, weil jeder von ihnen einen der vier Teile der „Tetrarchie“ beherrschte. Der vierte – oder besser erste – Teil war die Landschaft Judäa mit der Stadt Jerusalem, an deren Spitze der römische Statthalter Pontius Pilatus stand, der bis 36 n. Chr. im Amt blieb. Lukas nennt auch die geistliche Obrigkeit der Juden, den Hohenpriester Kajaphas und seinen 14/15 n. Chr. abgesetzten, aber weiterhin einflussreichen Vorgänger Hannas. Es gab immer nur einen Hohenpriester, auch wenn manche sprachlich ungenauen Bibelüberset-zungen auf eine Doppelbesetzung dieses Amtes schließen lassen.

    In diesem Augenblick der Weltgeschichte ergeht das Wort Gottes an Johannes, den Sohn des Zacharias. Und Johannes wird herausgerufen und in Dienst genommen und zieht an das Ufer des Flusses Jordan und ruft dort als Prediger auf zu Buße und Umkehr und zur Taufe zur Vergebung der Sünden. Aber nicht nur das. Er kündet – wie Lukas in den auf unseren Evangelientext folgenden Versen schreibt – auch den an, der nach ihm kommt: Jesus Christus. Und mit der Predigt des Täufers Johannes erfüllt sich das, was im Alten Testament beim Pro-pheten Jesaja steht: „Eine Stimme“ – und das ist hier die Stimme des Johannes – „ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg.“

    Das ist beim Propheten Jesaja die Stelle, wo es heißt: „Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben“ – eine Stelle, bei der die Ausleger sich nicht einig sind, ob diese Stimme die Stimme himmlischer Mächte wie der Engel oder die Stimme des Propheten ist, der zum Straßenbau aufruft. Wie dem auch sei: Während es in dem Lesungstext aus dem Buch des Propheten Baruch – für Katholiken und Orthodoxe Teil des Alten Testaments, für Juden und Protestanten aber eine außerkanonische oder apokryphe Schrift – Gott ist, der befiehlt: „Senken sollen sich alle hohen Berge und die ewigen Hügel, und heben sollen sich die Täler zu ebenem Land“, damit das Volk Israel „sicher dahinziehen kann“, ist es bei Jesaja Gott, der auf geebneten Wegen mit seinem Volk einhergehen soll. Das erinnert an die Rede beim ersten Jesaja von dem „Tag des Herrn“, an dem alles Hohe erniedrigt wird und die stolzen Menschen sich ducken müssen (Jesaja 2). So können die Gedemütigten neuen Mut finden, während die Hochmütigen zur Demut aufgefordert werden.

    Und dann, wenn alle Unebenheiten eingeebnet, alles Hohe erniedrigt und alles Erniedrigte erhöht ist, „werden alle Menschen das Heil sehen, das von Gott kommt“. Martin Luther übersetzt an dieser Stelle: „Alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen“. Hier sind es die Menschen im Palästina der Zeit des Kaisers Tiberius – und hier sind wir es in unserer Zeit –, die von Johannes dem Täufer aufgerufen werden, dem Heiland Gottes, Jesus Christus, den Weg zu bereiten, in unseren Herzen und in unserem Sinn. Und an dem „Tag Christi“ werden wir erfüllt sein von „der Frucht der Gerechtigkeit, die Jesus Christus gibt“, wie Paulus in dem neutestamentlichen Lesungstext aus seinem Brief an die Philipper schreibt. Hier gibt es scheinbar ein „Prae“ – ein „Vorher“ – und ein „Post“ – ein „Nachher“, den „Tag Christi“. „Bereitet dem Herrn den Weg“ ist ja ein adventlicher Aufruf, der an das im 17. Jahrhundert auf protestantischem Boden von Georg Weissel, einem lutherischen Pfarrer in Ostpreußen, gedichtete Adventslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“ erinnert, das heute auch im katholischen „Gotteslob“ steht.

    Advent – von lateinisch ,advenire‘, ankommen – heißt Ankunft. Wir warten im Advent auf den ersten Blick auf eine Ankunft im „Post“, auf etwas, das kommen wird. Und wir warten in doppelter Hinsicht. Wir gehen auf Weihnachten zu, auf das Fest der Geburt Jesu, das Fest der Incarnatio, der Fleischwerdung oder der Menschwerdung Gottes. Aber wir warten auch auf die Wiederkunft des Auferstandenen. Deshalb ist der Satz ganz am Ende der Bibel, am Ende der Offenbarung des Johannes, auch ein adventlicher Satz, der Satz: „Komm, Herr Jesus!“ – oder aramäisch im ersten Brief des Paulus an die Korinther: Maranatha. (1 Korinther 16, 22).

    Aber Er ist ja schon gekommen – schon Mensch geworden. Sein Reich, das – wie Jesus im Verhör vor Pilatus sagt – nicht von dieser Welt ist, ist schon mitten in der Welt. Im Lukasevangelium lesen wir: „Als Jesus von den Pharisäern gefragt wurde, wann das Reich Gottes komme, antwortete er: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! Oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist (schon) mitten unter euch“ (Lk 17, 20f.). Benedikt XVI. hat als Regensburger Professor 1977 in seinem Buch „Eschatologie“ geschrieben und darin dem Gedanken Ausdruck gegeben, dass „die ganze Botschaft Jesu“ endzeitlich ist, dass sie ihre Stoßkraft davon empfängt, dass sie „den Einbruch von Gottes Reich verkündet“. Und in diesem Buch findet sich der Satz: „Endzeit ist immer“. Man kann aber auch sagen: Adventszeit ist immer und deshalb gilt immer: Bereitet dem Herrn den Weg.