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    Die Sehnsucht nach Gott ist angeboren

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Johann Schraudolph: Moses vor dem brennenden Dornbusch, Wandbild im Mittelschiff des Speyerer Doms. Foto: KNA

    Liebe Brüder und Schwestern!

    Das Zweite Vatikanische Konzil erläutert in der Konstitution über die göttliche Offenbarung „Dei Verbum“, dass die tiefe Wahrheit der ganzen Offenbarung Gottes für uns „in Christus (aufleuchtet), der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist“ (Nr. 2). Das Alte Testament erzählt uns, dass Gott nach der Schöpfung trotz des Sündenfalls, trotz der Arroganz des Menschen, sich an die Stelle seines Schöpfers setzen zu wollen, erneut die Möglichkeit Seiner Freundschaft anbietet, vor allem durch den Bund, den Er mit Abraham schließt, und den Weg eines kleinen Volkes, Israel, das Er nicht nach Kriterien irdischer Macht, sondern einfach aus Liebe auswählt. Es handelt sich um eine Entscheidung, die ein Geheimnis bleibt und den Stil Gottes offenbart, der einige ruft – nicht um andere auszuschließen, sondern damit sie als Brücke dienen, die zu Ihm führt: Erwählung heißt immer Erwählung für den Anderen. In der Geschichte des Volkes Israel können wir die Etappen eines langen Weges verfolgen, auf dem Gott sich zu erkennen gibt, sich offenbart, durch Worte und Handlungen in die Geschichte eintritt. Für dieses Handeln bedient Er sich verschiedener Mittler, wie Moses, der Propheten, der Richter, die dem Volk Seinen Willen mitteilen, ihm die Erfordernis der Bundestreue in Erinnerung rufen sowie die Erwartung der vollen und endgültigen Erfüllung der göttlichen Verheißungen wachhalten.

    Und gerade die Erfüllung dieser Verheißungen haben wir an Weihnachten betrachtet: die Offenbarung Gottes erreicht ihren Höhepunkt, ihre Fülle. In Jesus von Nazareth besucht Gott wirklich sein Volk, besucht er die Menschheit auf eine Weise, die jede Erwartung übersteigt: Er sendet seinen eingeborenen Sohn; Gott selbst wird Mensch. Jesus sagt uns nicht etwas über Gott, er spricht nicht einfach vom Vater, sondern er ist Offenbarung Gottes, weil er Gott ist und uns so das Antlitz Gottes offenbart. Im Prolog seines Evangeliums schreibt der heilige Johannes: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht“ (Joh 1, 18).

    Ich möchte mich mit diesem „Kunde bringen vom Antlitz Gottes, das Antlitz Gottes offenbaren“ befassen. Dazu überliefert uns der heilige Johannes in seinem Evangelium etwas Wichtiges, das wir gerade gehört haben. Als die Zeit des Leidens näher kommt, beruhigt Jesus seine Jünger und fordert sie auf, sich nicht zu fürchten, sondern zu glauben; dann führt er ein Gespräch mit ihnen, in dem er über Gott, den Vater, redet (vgl. Joh 14, 2–9). An einem gewissen Punkt bittet der Apostel Philippus Jesus: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns“ (Joh 14, 8). Philippus ist ganz praktisch und konkret, er sagt das, was auch wir sagen wollen: „wir möchten sehen, zeig uns den Vater“, er bittet, den Vater zu „sehen“, sein Antlitz zu sehen. Die Antwort Jesu richtet sich nicht nur an Philippus, sondern auch an uns, und sie führt uns zum Zentrum des christologischen Glaubens; der Herr erklärt: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9). In diesen Worten ist zusammenfassend die Neuheit des Neuen Testaments enthalten, jene Neuheit, die im Stall von Bethlehem erschienen ist: Man kann Gott sehen, Gott hat sein Antlitz gezeigt, er ist sichtbar in Jesus Christus. Im gesamten Alten Testament findet sich das Thema der „Suche nach dem Antlitz Gottes“, das Verlangen, dieses Antlitz zu kennen, das Verlangen, Gott zu sehen, wie Er ist, so dass der hebräische Begriff „panîm“, der „Antlitz“ bedeutet, ganze vierhundert Mal vorkommt, von denen sich hundert auf Gott beziehen: hundertmal bezieht man sich auf Gott, will man das Antlitz Gottes sehen. Und doch verbietet die jüdische Religion Bilder, weil man Gott nicht darstellen kann, wie es hingegen die benachbarten Völker mit der Anbetung der Götzenbilder taten; durch dieses Bilderverbot scheint das Alte Testament also das „Sehen“ ganz aus dem Gottesdienst und aus der Frömmigkeit auszuschließen.

    Was bedeutet es also für einen frommen Israeliten, das Antlitz Gottes dennoch zu suchen, in dem Bewusstsein, dass es keinerlei Bild geben kann? Die Frage ist wichtig: Einerseits will man sagen, dass Gott nicht auf ein Objekt reduziert werden kann, wie ein Bild, das man in die Hand nimmt, so kann man auch nichts an Gottes Stelle setzen; andererseits jedoch heißt es, dass Gott ein Antlitz hat, dass er also ein „Du“ ist, das in Beziehung treten kann, das nicht in seinem Himmel eingeschlossen ist, um die Menschheit von oben zu betrachten. Gott ist gewiss über allen Dingen, doch er wendet sich an uns, er hört uns zu, sieht uns, spricht zu uns, schließt ein Bündnis, vermag zu lieben. Die Heilsgeschichte ist die Geschichte Gottes mit der Menschheit, sie ist die Geschichte dieser Beziehung zu Gott, der sich allmählich dem Menschen offenbart, der Sich selbst, Sein Antlitz, zu erkennen gibt.

    Gerade zu Beginn des Jahres, am 1. Januar, haben wir in der Liturgie das wunderschöne Segensgebet für das Volk gehört: „Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil“ (Num 6, 24–26). Der Glanz des göttlichen Antlitzes ist die Quelle des Lebens, ist das, was es erlaubt, die Realität zu sehen; das Licht Seines Antlitzes ist der Leitstern des Lebens. Im Alten Testament gibt es eine Gestalt, mit der das Thema des „Antlitzes Gottes“ auf ganz besondere Weise verbunden ist; es handelt sich um Moses, denjenigen, den Gott erwählt, um das Volk aus der Knechtschaft in Ägypten zu befreien, ihm das Gesetz des Bundes zu geben und es zum Verheißenen Land zu führen. Nun in Kapitel 33 des Buches Exodus heißt es, dass Moses eine enge und vertraute Beziehung zu Gott hatte: „Der Herr und Mose redeten miteinander Auge in Auge, wie Menschen miteinander reden“ (V. 11). Kraft dieser Vertrautheit bittet Moses Gott: „Lass mich doch deine Herrlichkeit sehen“, und die Antwort Gottes ist klar: „Ich will meine ganze Schönheit vor dir vorüberziehen lassen und den Namen des Herrn vor dir ausrufen ... Du kannst mein Angesicht nicht sehen; denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. ... Du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht aber kann niemand sehen“ (V. 18–23). Einerseits gibt es also das Gespräch „Auge in Auge“ wie unter Freunden, doch auf der anderen Seite steht die Unmöglichkeit, in diesem Leben das Antlitz Gottes zu sehen, das verborgen bleibt; die Anschauung ist begrenzt. Die Kirchenväter sagen, dass die Worte „Du wirst meinen Rücken sehen“ bedeuten: Du kannst nur Christus folgen, und indem du ihm folgst, siehst du den „Rücken“ des Geheimnisses Gottes; man kann Gott folgen und so seinen Rücken sehen.

    Mit der Menschwerdung geschieht jedoch etwas vollkommen Neues. Die Suche nach dem Antlitz Gottes erhält eine unvorstellbare Wendung, weil man dieses Antlitz jetzt sehen kann: es ist das Antlitz Jesu, des Sohnes Gottes, der Mensch wird. In Ihm findet der Weg der Offenbarung Gottes, der mit der Berufung Abrahams begonnen hatte, seine Erfüllung; Er ist die Fülle dieser Offenbarung, weil er der Sohn Gottes ist und gleichzeitig „Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung“ (Dei Verbum, 2), in Ihm fallen der Inhalt der Offenbarung und der Offenbarer zusammen. Jesus zeigt uns das Antlitz Gottes, und er lässt uns den Namen Gottes erkennen. In dem priesterlichen Gebet beim Letzten Abendmahl sagt Er zum Vater: „Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart ... Ich habe ihnen deinen Namen bekannt gemacht“ (Joh 17, 6.26). Der Ausdruck „Name Gottes“ bedeutet Gott als Der, der unter den Menschen ist. Dem Moses hatte Gott beim brennenden Dornbusch Seinen Namen offenbart, das heißt er hatte dadurch die Möglichkeit gegeben, Sich anrufen zu lassen, er hatte ein konkretes Zeichen Seines „Daseins“ unter den Menschen gegeben. Alles das findet in Jesus Erfüllung und Fülle: Er beginnt auf neue Weise die Gegenwart Gottes in der Geschichte, denn wer Ihn sieht, sieht – wie er zu Philippus sagt – den Vater (vgl. Joh 14, 9). Das Christentum – so sagt der heilige Bernhard – ist „die Religion des Wortes Gottes“; nicht jedoch „eines schriftlichen, stummen Wortes, sondern des menschgewordenen, lebendigen Wortes“ (Hom. super missus est, IV, 11: PL 183, 86B). In der patristischen und mittelalterlichen Tradition wird eine besondere Formel verwendet, um dies auszudrücken: es heißt, Jesus sei das „Verbum abbreviatum“ (vgl. Röm 9, 28, bezogen auf Jes 10, 23), das abgekürzte Wort, das kurze, abgekürzte und wesentliche Wort des Vaters, der uns alles über sich gesagt hat. In Jesus ist das ganze Wort gegenwärtig.

    In Jesus findet auch die Mittlerschaft zwischen Gott und dem Menschen ihre Fülle. Im Alten Testament gibt es eine Reihe von Gestalten, die diese Funktion ausgeübt haben, besonders Moses, der Befreier, der Anführer, der „Mittler“ des Bundes, wie ihn auch das Neue Testament bezeichnet (vgl. Gal 3, 19; Apg 7, 35; Joh 1, 17). Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch, ist nicht einfach einer der Mittler zwischen Gott und dem Menschen, sondern er ist „der Mittler“ des neuen und ewigen Bundes (vgl. Heb 8, 6; 9, 15; 12, 24); „denn: Einer ist Gott – sagt Paulus –, Einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus“ (1 Tim 2, 5; vgl. Gal 3, 19–20). In Ihm sehen und begegnen wir dem Vater; in Ihm können wir Gott mit dem Namen „Abba, Vater“ anrufen; in Ihm wird uns das Heil geschenkt.

    Der Wunsch, Gott wirklich zu erkennen, das heißt, das Antlitz Gottes zu sehen, ist jedem Menschen angeboren, auch den Atheisten. Und wir haben vielleicht unbewusst diesen Wunsch, einfach zu sehen, wer Er ist, was Er ist, wer Er für uns ist. Doch dieser Wunsch erfüllt sich, indem wir Christus folgen: So sehen wir den „Rücken“, und schließlich sehen wir auch Gott als Freund, Sein Antlitz im Antlitz Christi. Das Wichtige ist, dass wir Christus nicht nur in dem Moment folgen, in dem wir Seiner bedürfen und einen Platz in unseren täglichen Beschäftigungen finden, sondern mit unserem Leben als solchem. Unser ganzes Dasein muss auf die Begegnung mit Jesus Christus, auf die Liebe zu Ihm ausgerichtet sein; und in ihr muss die Nächstenliebe einen zentralen Platz einnehmen, jene Liebe, die uns angesichts des Gekreuzigten das Antlitz Jesu in den Armen, den Schwachen, den Leidenden erkennen lässt. Das ist nur möglich, wenn uns das wahre Antlitz Jesu durch das Hören auf sein Wort vertraut geworden ist, durch das innere Gespräch, durch das Eingehen in dieses Wort, sodass wir Ihm wirklich begegnen, und natürlich im Geheimnis der Eucharistie. Im Evangelium des heiligen Lukas ist der Abschnitt der beiden Jünger von Emmaus bezeichnend, die Jesus am Brotbrechen erkennen, vorbereitet jedoch durch den Weg mit Ihm, vorbereitet durch die Einladung an Ihn, bei ihnen zu bleiben, vorbereitet durch das Gespräch, bei dem ihr Herz gebrannt hat; so sehen sie schließlich Jesus. Auch für uns ist die Eucharistie die große Schule, in der wir lernen, das Antlitz Gottes zu sehen, in enge Beziehung zu Ihm zu treten; und gleichzeitig lernen wir, den Blick auf den letzten Moment der Geschichte zu richten, wenn Er uns mit dem Licht seines Antlitzes sättigen wird. Auf Erden sind wir zu dieser Fülle unterwegs, in der freudigen Erwartung, dass das Reich Gottes komme. Vielen Dank.

    Die Pilger aus dem deutschen Sprachraum begrüßte der Papst mit den Worten:

    Ganz herzlich grüße ich alle Brüder und Schwestern deutscher Sprache. Ich sagte schon: Wenn wir Gottes Antlitz sehen wollen, müssen wir Christus nachfolgen. Als Zeugen seiner Liebe wollen wir es tun. Der Heilige Geist schenke euch allen Frieden und wahre Freude.

    Übersetzung aus dem Italienischen

    von Claudia Reimüller